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science@fiction

Von Daniel Kehlmann

Auch Albert Einstein scheiterte einmal. Dieser Geist, der die Krümmung des Raumes, die Dehnung der Zeit und den Aufbau der kleinsten Teile vermessen hatte, versagte ausgerechnet an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Einstein setzte sich zeit seines Lebens für Menschen ein, die er schätzte und bewunderte. Er war in den USA wesentlich an der Einbürgerung des Logikers Kurt Gödel beteiligt, und auch dem Schriftsteller Hermann Broch, dessen „Tod des Vergil“ eines seiner Lieblingsbücher war, versuchte er unter die Arme zu greifen. Broch lebte nach seiner unter anderen von James Joyce ermöglichten Emigration in großer Armut an der Grenze der Slums von New Haven. Eine Rückkehr nach Österreich kam für ihn nach dem Krieg ebenso wenig infrage wie für Einstein eine Rückkehr nach Deutschland.
1951 schrieb Einstein an Alvin Johnson, den Direktor der New School for Social Research in New York, dass er zwar keinen Überblick über die moderne Literatur habe, es aber für „sehr berechtigt“ halte, Broch für den Nobelpreis vorzuschlagen. Einsteins Ruhm hatte mittlerweile solch legendäre Dimensionen erreicht, dass sein Wort auch in anderen Disziplinen Gewicht hatte. Eine Nobelpreis-Initiative für den Autor der „Schlafwandler“ war in Gang gekommen, immer mehr Persönlichkeiten aus Amerikas Kultur und öffentlichem Leben schlossen sich an, bis sich das Stockholmer Komitee mit der Bitte um Informationen an die Österreichische Akademie der Wissenschaften wandte. Deren Antwort hatte Postkartenlänge: Ein Dichter mit Namen Hermann Broch sei in Wien nicht bekannt.
Es wäre unfair, darüber zu spotten. Man hatte in Wien gerade einen Krieg hinter sich und war beschäftigt, Positionen und Pfründe neu zu verteilen. Eine alte Generation musste versorgt werden, und eine junge, bestehend aus den Kindern der Täter, wollte Avantgarde und Moderne für sich reklamieren, als hätte es die Emigranten nie gegeben. Eigentlich hätte Einstein das wissen können. Doch auch seine Einsichten, hier sehen wir es, hatten manchmal Grenzen.

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