Gedächtnismärchen. An unsere ersten Lebensjahre erinnern
(heureka 6/03: Was wir uns merken werden) wir uns meist indirekt, indem wir übernehmen, was Verwandte über uns erzählen. Oft sind das immer wieder vorgetragene Anekdoten, die den Erzählern lieber sind als uns selbst und deren Wahrheitsgehalt bis auf Namen, Orte oder Daten kaum mehr überprüft werden kann.
Anstatt sie als prägende Erlebnisse zu sehen, die jemanden zu dem führten, was er später geworden ist, sollte man Erinnerungen an die Kindheit eher als Geschichten begreifen, aus denen man wie aus Märchen lernen kann. In diesem Sinn sind die Kindheitsgeschichten in vielen Forscherbiografien oder in Eric Temple Bells berühmtem Buch über mathematische Genies zu lesen.
Keine Ausnahme stellt When We Were Kids dar, ein kürzlich von dem New Yorker Sachbuchagenten John Brockman
(heureka 5/98: Science Goes Pop) herausgegebener Band, in dem 27 prominente Forscher und Forscherinnen aus ihrer Kindheit und Jugend erzählen. Aus der Rolle fällt nur der US-amerikanische Evolutionspsychologe Steven Pinker
(heureka 4/03: Von Natur aus kontrovers), der gleich im ersten Satz seines Beitrags warnt: Glauben Sie kein Wort von dem, was Sie in diesem Essay über die Kindheitseinflüsse lesen, die mich zum Wissenschaftler gemacht haben. Eine indirekte Auskunft über die Rolle der ersten Lebensjahre in ihrem intellektuellen Werdegang geben viele der anderen Autoren in Brockmans Sammelband, indem sie ihre Kindheit nur mit wenigen Sätzen würdigen oder gleich ganz überspringen und stattdessen ausführlich von ihrer Collegezeit berichten.
Die im Untertitel gestellte Frage – how a child becomes a scientist – beantwortet Brockmans Buch nicht. Wie könnte es auch. Die Materie ist zu komplex. Die Neurowissenschaften haben gerade erst begonnen, Modelle des menschlichen Gehirns und seiner Entwicklung zu entwerfen. Die Gedächtnisforschung lehrt, dass wir nicht einmal unseren eigenen Erinnerungen trauen dürfen: Unsere grauen Zellen funktionieren nun mal nicht wie ein Computerspeicher. Autobiografische Aussagen sind generell mit Vorsicht zu genießen. Dennoch bleibt die Frage interessant: Wie wird aus einem Kind ein Wissenschaftler? Oder allgemeiner: Was braucht es, um auf einem Gebiet Hervorragendes zu leisten?
Der erste Markstein ist eine Art Initiation. Ein Ereignis, eine Begegnung oder ein Buch, etwas, was einem zeigt, dass die Welt anders ist, als man dachte, falls man denn schon darüber nachgedacht hat. Kurz: eine emotionale Erschütterung, die an Außenstehenden völlig vorbeigehen kann. Robert Musil beschreibt in seinem Törleß-Roman dessen Begegnung mit den imaginären Zahlen, als der Mathematiklehrer dem Zögling aufzeigt, dass es jenseits der rationalen Zahlen mathematische Konstruktionen von unglaublicher Schönheit gibt.
Überhaupt heben Forscher aus den sogenannten exakten Wissenschaften häufig hervor, dass sie schon als Kinder der Mathematik verfallen sind. Zuerst kamen das Rechnen und die euklidische Geometrie, und sie hatten Spaß daran. Die Wissenschaft war aufregend, schreibt Freeman Dyson, weil sie voller Dinge war, die ich berechnen konnte. Schon bevor er zur Schule kam, vertrieb sich der spätere Physiknobelpreisträger die Zeit mit dem Aufsummieren unendlicher Reihen.
Wir Menschen verfügen über innere Welten, derer wir bereits als Kinder gewahr werden können. Ist der Zugang einmal gefunden, öffnen sich Kontinente, deren Erforschung süchtig machen kann. Sie dienen aber auch als Rückzugsgebiete, wie der Mathematiker Roger Penrose erzählt. Immer wenn sich in der Familie ein Streit anbahnte, habe er sich in sein Zimmer verzogen, um im Kopf mathematische Rätsel zu lösen. Die Innenwelten werden aber nicht nur entdeckt, sondern auch neurologisch auf- oder ausgebaut. Wie die Hirnforschung zeigt, trainieren und prägen ausdauernde Beschäftigungen wie etwa Musizieren Teile unseres Gehirns.
Mathematik und Musik sind die Paradebeispiele für innere Welten, weil sie logische Ordnungsstrukturen aufweisen, die der Mensch seit Jahrtausenden erforscht. Man kann in Gedanken nicht nur eine Formel festhalten, im Kopf eine Tonleiter spielen oder ein Gedicht aufsagen, sondern die Elemente dabei auf andere Weise zusammensetzen und so Neues finden. Die hochgradige Formalisierung der Mathematik ist eine Voraussetzung, dass junge Menschen sie nicht nur verblüffend reproduzieren, sondern auch bereits substanzielle Beiträge hervorbringen können. Ein reflexiver Zugang zu anderen Innenwelten wie etwa zu Bildern, Erfahrungen oder Emotionen setzt andere Qualitäten voraus als in der Mathematik und den stark formalisierten Wissenschaften, weshalb es etwa in der Philosophie oder in der bildenden Kunst kaum zu herausragenden Leistungen von Adoleszenten kommt.
Dennoch unterscheiden sich Künstler und Wissenschaftler in ihrem Forschungsansatz weniger, als es den Anschein haben kann. Sie müssen beide einen Zugang zu den Innenwelten gefunden haben, und beide müssen die Hemmung ablegen, Entscheidungen zu treffen. Dem noch nie so Gedachten und Gesehenen steht man alleine gegenüber und riskiert ein Wechselbad der Gefühle. Tatsächlich verschwinden die Grenzen zwischen den Disziplinen, wenn man nur von der Lust auf Denken im weitesten Sinne ausgeht. Dann wird jede Expedition ins Innere zu einem Abenteuer. Ein Genre, das alle Kinder lieben. Man muss sich dieses Erlebnis nur erhalten und ins Erwachsenenleben hinüberretten.
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