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Das Wissenschaftsmagazin im Falter

Sie stören, quengeln, zappeln öfter. Sie haben mehr Schulprobleme, schaffen es seltener zur Matura. Das Versagen unseres Bildungssystems am männlichen Geschlecht zeichnet sich seit Jahren ab. Wenn Buben Mädchen wären, hätte es längst einen Aufschrei gegeben.

Von Stefan Löffler

Sind Buben dümmer? Wer der Bildungsstatistik folgt, kommt jedenfalls leicht zu diesem Schluss. 64 Prozent der österreichischen Sonderschüler sind männlich, aber nur 43 Prozent der Maturanten und nur noch 40 Prozent der Studienanfänger. Buben müssen öfter eine Klasse wiederholen. Sie kriegen auch die schlechteren Noten. Im internationalen Bildungsvergleich Pisa haben die 15-jährigen Burschen beim Leseverständnis erheblich schwächer abgeschnitten, während von ihrem früheren Vorsprung in Mathematik und Naturwissenschaften wenig übrig ist. Unterm Strich bleibt ein deutliches Defizit. Gäbe es nur Mädchen, wäre Österreich in der Pisa-Rangliste jedenfalls weit nach vorne gerückt. Sind die Buben von heute wirklich dümmer? Mit Intelligenztests lässt sich das nicht belegen. Es gibt indes einen anderen Befund: Die Ergebnisse der Buben sind breiter gestreut. Am Anfang wie am Ende der Kurve dominieren die männlichen Vertreter. Platt gesagt: Unter Männern gibt es mehr Genies, aber auch mehr Idioten. Bemerkenswert sind einige deutsche Schulstudien, denen zufolge Buben bei gleicher Leistung mit schlechteren Noten rechnen müssen als Mädchen. Und am Ende der Pflichtschule werden Buben bei gleichem Leistungsniveau seltener für einen höherwertigen Schultyp empfohlen.
Dahinter stecken zwei Motive: zum einen das in der Pädagogenzunft immer noch tief sitzende Dogma, dass Mädchen benachteiligt sind. Zum anderen sind weitaus mehr Buben verhaltensauffällig – etwa achtmal so viele Buben wie Mädchen werden wegen des Zappelsyndroms ADHS behandelt. Das wiederum nährt den Verdacht, dass sie den disziplinären Anforderungen der höheren Schule nicht gewachsen sein könnten. Dass es in Wahrheit umgekehrt ist, dass nämlich die Schule den Anforderungen der Buben nicht gewachsen ist, wird kaum gesehen.

Unser Bildungssystem war im letzten Vierteljahrhundert schließlich vor allem damit beschäftigt, den Mädchen gerecht zu werden. Gleichstellungsbeauftragte sorgen vornehmlich für die Erfüllung der weiblichen Anliegen. Dazu gibt es jede Menge an Förderungen und Projekte wie den Girls Day, an dem Mädchen in sogenannte Männerberufe hineinschnuppern. Dass bereits 57 Prozent der Maturanten und 60 Prozent der Studienanfänger weiblich sind, reicht den Vorkämpferinnen noch nicht. Schließlich gibt es immer noch Männerbastionen, die zu stürmen sind: die Professorenstühle und die naturwissenschaftlich-technischen Fächer.
Die Erhöhung des Frauenanteils ist nicht irgendein Ziel, sondern wesentliche Benchmark einer Bildungspolitik, die unter Gleichberechtigung vor allem jene der Frauen versteht. Den Status eines frommen Wunsches hat dagegen die eigentlich dringendere Erhöhung des Männeranteils in der Pädagogenschaft: Fast siebzig Prozent aller österreichischen Lehrer sind heute Frauen, an den Volksschulen sind es fast neunzig Prozent, in den Kindergärten 99 Prozent. Viele Kinder werden zu Hause, im Kindergarten und in der Schule ausschließlich von Frauen erzogen.
Mancher Schüler kommt erst nach dem Wechsel auf eine höhere Schule erstmals unter die Fittiche von männlichen Pädagogen. Dass es gerade Buben an Rollenvorbildern mangelt, wird verdrängt. Dabei neigen vor allem diejenigen, die ohne männliche Vorbilder aufwachsen, zu Aggression. Opfer sind meist männliche Mitschüler, aber mitunter auch die Lehrer und Lehrerinnen. Die Prävention von Mobbing und Gewalt ist denn auch das einzige Feld, auf dem in Österreich schon systematisch Bubenpädagogik praktiziert wird.

Weil sich Buben im Unterricht öfter melden oder auch einfach in die Klasse hineinrufen, weil sie auch als Störenfriede mehr Aufmerksamkeit ihrer Lehrer erheischen, werden sie als Profiteure der Koedukation angesehen. Diese These wurde durch Befunde gefestigt, wonach Mädchen in Naturwissenschaften mehr lernen, wenn sie in Mädchenklassen unterrichtet werden. Tatsächlich sind aber auch Buben mit dem getrennten Unterricht besser bedient, wie die Erfahrungen am Gymnasium in der Wiener Rahlgasse zeigen.
Dort gibt es im naturwissenschaftlichen Unterricht für Dritt- und Viertklässler, also 12- bis 14-Jährige, eine nach Geschlechtern getrennte Lernwerkstatt: „Da wagen sich die Buben an Themen, die sie, wären Mädchen dabei, nie anrühren würden“, hat Karin Lobner festgestellt. Zum Beispiel rühren sie Hautcremes zusammen. Die Trennung unter den Heranwachsenden habe zu Beginn zwar meist heftige Diskussionen ausgelöst, berichtet die Physik- und Mathematiklehrerin. Haben sich die Schüler aber erst einmal an den getrennten Projektunterricht gewöhnt, seien alle glücklich damit.

Gerade in der Pubertät spricht viel für getrennten Unterricht. Die Burschen merken rasch, welche Last von ihnen fällt, wenn sie ihre Männlichkeit nicht vor den Mädchen beweisen müssen. Einige Schulen experimentieren mit Stunden, in denen Buben und Mädchen getrennt unter Anleitung eines Lehrers ihres eigenen Geschlechts über Konflikte, Freundschaft und Gefühle sprechen oder in Berührungsspielen ihre Homophobie ablegen lernen. Die meisten Schüler waren davon so begeistert, dass sie auch Freistunden dafür opfern würden.
In den ersten Schuljahren ist getrennter Unterricht bislang kaum erprobt, zudem ist wohl auch eher eine Umorientierung der Lehrerinnen nötig. Im Diktat schneiden Buben schon deshalb schlechter ab, weil eher die süßliche Sprache der Mädchen eingeübt werde, beklagt die Oldenburger Didaktikerin Astrid Kaiser. Bei Wörtern wie „Gespenst“ oder „Computer“ seien es die Burschen, die weniger Fehler machen. In einem Punkt aber sind Buben im Vorteil, wie Karin Lobner beobachtet hat: Buben ließen sich kaum beeinflussen von der Aversion gegen Zahlen und Rechnen, die viele Mütter und ein großer Teil der Pflichtschullehrerinnen hegen.

Jedes Schulkind lernt heute, dass Frauen in der Gesellschaft benachteiligt sind, dass Frauen weniger verdienen und Männer sich vor der Hausarbeit drücken. So erscheint es den Mädchen nur normal, wenn ihnen besondere Förderung zuteil wird. Viele Erziehungswissenschaftler haben sich seit den Siebzigerjahren berufen gefühlt, die Benachteiligung der Mädchen in den Schulen nachzuweisen. „Man hat viel für die Mädchen getan, aber verlernt, auf die Buben zu schauen“, stellt Karin Lobner fest. In den zahlreichen Veröffentlichungen unter dem Stichwort „geschlechtssensible Pädagogik“ ist nur am Rande Platz für die Bedürfnisse von Buben. Manche Autorin verfällt gar darauf, sie als kleine Sexisten und unerreichbare Rabauken zu karikieren.
Dass die Buben gegenüber den Mädchen zurückfallen, ist ein internationales Phänomen. In Deutschland hat die Debatte über die schulische Benachteiligung der Buben entsprechend dem schlechten Abschneiden bei der ersten Pisa-Studie vor drei Jahren eingesetzt, in den USA Ende der Neunzigerjahre, in Großbritannien bereits vor 15 Jahren. Mit Veröffentlichung der zweiten Pisa-Studie hat die Suche nach den Ursachen für Österreichs Rückfall auch das Nachhinken der Buben und Burschen ins Blickfeld gerückt.
Zeichen eines Umdenkens kommen aus dem Bildungsministerium. In den Publikationen des Ministeriums findet sich zwar bereits 1998 ein Band mit dem Titel „Buben sind so – sind sie so?“, aber nun sind auch Taten gefragt. Bei der Leseförderung liegt künftig ein starkes Augenmerk auf den Buben. Ein Hearing über Bubenpädagogik steht bevor. Auch die männerpolitische Grundsatzabteilung des Sozialministeriums ist am Thema dran. Damit die Debatte losgehen kann, fehlt es eigentlich nur noch an deutlichen Ansagen. Doch die heimische Männerbewegung übt sich in Zurückhaltung.
Der Wiener Männerforscher Erich Lehner, der als Lehrerfortbildner die unterschiedlichen Bedürfnisse von Buben vermittelt, will kein systematisches Versäumnis der Schulen anprangern. Von Benachteiligung spricht der Klagenfurter Erziehungswissenschaftler Hannes Krall, der gerade einen Sammelband über „Jungen- und Männerarbeit“ veröffentlicht hat, nur unter Vorbehalt. Er begrüßt das langsam entstehende Bewusstsein und dass die spezifischen Probleme der Buben neuerdings Erwähnung finden. Man müsse jedoch erst einmal Erfahrungen sammeln, wie Bubenpädagogik überhaupt richtig funktioniert, findet Krall.

Sind die bewegten Männer zu sensibel? Befangen in ihrem Befreiungskampf aus den Klauen der hegemonialen Männlichkeit? Die schärfste Polemik gegen die neue Geschlechterverteilung der Bildungschancen kam bislang übrigens von einer Frau. Die US-Autorin Christina Hoff Sommers sieht einen „War against Boys“ im Gange: einen Krieg gegen die Buben, geführt durch verwirrte Mütter, nachlässige Pädagogen und skrupellose Feministinnen.


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