Gaia, Chaos, Eros. Wie die Erde entstand, das bedurfte für die Menschen im antiken Griechenland keiner Erklärung. Gaia war in ihren Vorstellungen immer da, denn die Materie galt als ewig, erklärt die Altphilologin
Christine Harrauer. Dagegen sei die Kosmogonie, also die Entstehung des Weltalls, ein zentraler Mythos: Neben Gaia habe es am Anfang nur Chaos und Eros, das Liebesverlangen, gegeben. Während Gaia den Himmel und die Berge schuf, brachte Chaos Finsternis und Nacht hervor, die sich dank Eros vereinten und so den Tag und die Helligkeit zeugten. Dagegen habe die Menschwerdung in den Erzählungen der Griechen keine große Rolle gespielt. Menschen entstanden einfach aus Bäumen oder aus Steinen, die nach der Sintflut von der Arche aufs Land geworfen wurden.
Auch die Weisheit ist mythischen Ursprungs: Ihre Verkörperung war zunächst Methis, die erste Frau des Zeus. Als ihm prophezeit wurde, dass sein Sohn stärker werden würde als er, verschlang der Göttervater seine Frau. Seitdem war die Weisheit in ihm. Und so war Athene, die später Zeus’ Kopf entsprang, folgerichtig die Göttin der Weisheit.
Christine Harrauer ist Professorin am
Institut für Klassische Philologie der Universität Wien und Herausgeberin des Lexikons der griechischen und römischen Mythologie. In diesen Wochen korrigiert sie Druckfahnen, denn im Herbst erscheint die neunte Auflage des 1953 erstmals aufgelegten Standardwerks. Aber sind die Erzählungen und Vorstellungen der Griechen und Römer über ihre Götter und Ursprünge nicht längst bis ins kleinste Detail erforscht? Nein, sagt Harrauer. Es gebe noch viele Fragen, die umstritten seien, und archäologische Funde, die nach neuen Deutungen verlangten. Dass die Erforschung der klassischen Mythen in Bewegung bleibe, liege aber vor allem an der Neuinterpretation der zentralen Quellen im Kontext vieler Nebenquellen.
Nix is fix. Viele halten Mythen für seit langem festgefügte Erzählungen. Harrauer hingegen betrachtet sie als etwas Lebendiges, weil sie bei ihrer Verbreitung immer wieder Abwandlungen erfahren haben. Diese Varianten seien so vielschichtig wie die Kleinstaaterei des antiken Griechenland, in dem quasi jede Polis ihre eigenen Spielarten gekannt habe.
Auf eine von uns als klassisch aufgefasste Lesart verengt wurden sie oft durch die antiken Dichter, vor allem in ihren Tragödien. Zum Beispiel Medea: Bildungsbürger kennen sie als Mörderin ihrer beiden Kinder. Doch ursprünglich, so Harrauer, war Medea eine Göttin und Heilkundige. Zur Kindesmörderin machte sie erst die Dichtung. Dabei sei die noch heute gespielte Tragödie bei ihrer Uraufführung beim Publikum durchgefallen, weil vermutet wurde, dass Euripides seine Medea von einem Dichterkollegen abgekupfert hatte.
Mythos kommt von mythein, sprechen, erzählen, ursprünglich also ein neutraler Begriff. Die abwertende Verwendung im Sinne von Lügenerzählung findet sich aber bereits bei Hesiod im siebten vorchristlichen Jahrhundert, der den Wahrheitsgehalt bei Homer anzweifelt. Später wird daraus bei Platon der Gegensatz zwischen Mythos und Logos, also der sinnvollen Rede. Die Römer übernahmen viele griechische Mythen und passten sie ihrer Kultur und Sprache an, übten sich dabei aber zugleich in Entmythisierung in dem Sinn, dass die Gottheiten auf ihre Symbole und Zuständigkeiten beschränkt wurden.
Urmythos ein Mythos. Lange kursierte die Vorstellung, dass sich die wichtigsten Mythen auf der ganzen Welt auf gemeinsame Wurzeln zurückführen ließen. So machten sich die Forscher daran, die Überlieferungen polynesischer oder afrikanischer Urvölker mit denen von Hochkulturen im Mittelmeerraum oder in Lateinamerika zu vergleichen. Seit zehn Jahren hat Harrauer nichts mehr von der Suche nach dem Urmythos gehört, sie hält sie denn auch für gescheitert.
Ergiebig seien indes Vergleiche zwischen regional benachbarten Kulturen. So konnte in jüngerer Zeit gezeigt werden, dass Homer, von dem die ältesten griechischen Überlieferungen stammen, auf Figuren und Motive zurückgegriffen haben muss, die älter sind oder aus Kleinasien stammen. Wenn ein Mythos von ihm selbst ausgestaltet sei, erzähle Homer ihn nämlich ausführlich. Wo er auf Bekanntes zurückgriff, erklärt Harrauer, habe er sich auf Andeutungen beschränkt. Schließlich wollte er seine Zuhörer nicht langweilen.
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