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Das Wissenschaftsmagazin im Falter

Von Daniel Kehlmann

Im Physikunterricht demonstrierte man uns die Gültigkeit der Gauß'schen Wahr-scheinlichkeitsgesetze an einem Spielzeugmodell: ein senkrechtes Nagelbrett hinter Glas, im hölzernen Rahmen mehrere Öffnungen, durch die man winzige Metallkugeln einfüllte. Der Lauf jeder einzelnen Kugel war nicht zu berechnen, trotzdem bildete die Gesamtheit der Kugeln schließlich jedes Mal, durch welches Loch man sie auch eingefüllt hatte, dieselbe wohlbekannte Rundung der Gauß'schen Glockenkurve.
Immer wieder, bis lange in die Pause hinein, ließen wir die Kugeln über das Brett laufen, in der Hoffnung, dass einmal eine U-Form, ein Gesicht, irgendetwas Unerwartetes entstehen würde. Vergeblich. Das irritierte uns, und, ehrlich gesagt, es irritiert mich noch immer.
Ein Schriftsteller, der nebenbei studierter Mathematiker ist, erzählte mir einmal, dass er lange schon vergeblich darauf warte, dass einmal weit über tausend Menschen zu einer seiner Lesungen kämen, - nicht seines Ruhmes wegen, sondern durch reinen Zufall. Statistisch wäre es durchaus möglich. Es ist bloß unwahr-scheinlich.
Unser ganzes Leben ruht auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten, und zwar überraschend sicher und fest. Die Atomphysik sagt uns, dass ein kühles Glas Wasser plötzlich zu sieden beginnen könnte. Es ist wohl nie geschehen, seit die Welt existiert, aber es könnte gerade jetzt mit jenem Glas passieren, das so harmlos vor Ihnen steht. Zwei zusammenstoßende Autos, erklärt die Quantentheorie, könnten einander wohl auch einmal durch einen makroskopisch wirkenden Tunneleffekt durchdringen und den Aufprall unbeschadet überstehen; alle Naturgesetze, so betrachtet, gelten auf statistischer Basis und könnten durchaus einmal kurz aussetzen.
Aber das passiert nicht. Die Kügelchen bilden hartnäckig die Gauß'sche Kurve, die Oberfläche im Wasserglas bleibt unbewegt. Die Welt ist geordnet, das Wahrscheinliche geschieht und das Unwahrscheinliche nicht; das sagt uns nicht die Statistik, sondern die Erfahrung. Hierin liegt die ganze Sicherheit, die wir haben. Und offenbar auch alle Sicherheit, die wir brauchen.


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