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Das Wissenschaftsmagazin im Falter

heureka: Sie haben in Ihrem Vortrag von mentalen Viren gesprochen, denen Kinder ausgesetzt sind. Was meinen Sie damit?

Richard Dawkins: Ein Kind kommt hilflos auf die Welt und muss seinen Eltern gehorchen. Das Gehirn eines Kindes kann aber nicht zwischen sinnvollen Befehlen wie „Spring nicht in den Fluss, weil es dort Krokodile geben könnte“ und einem parasitären Code wie „Du musst fünfmal täglich niederknien“ oder „Du musst tanzen, um den Regengott zu besänftigen“ unterscheiden. Wenn sich einmal ein Stück Unsinn dieser Art im Gehirn festsetzt, wird das Kind dies der nächsten Generation weitergeben und so weiter.

Und worin besteht nun die Analogie zu einem Computervirus?

Der mentale Virus verbreitet sich von Gehirn zu Gehirn, wie sich ein Computervirus verbreitet. Ein Computer ist eine Maschine, die dazu gebaut ist, Anweisungen zu folgen. Das heißt aber auch, dass man ihn nicht stoppen kann, wenn er schlechte Anweisungen erhält, etwa von Computerviren, die dem Computer befehlen, Kopien von sich herzustellen und diese weiterzuverbreiten.

Wieso haben sich dann bestimmte Religionen durchgesetzt?

Es beginnt zufällig und verändert sich im Laufe der Zeit in einer Art evolutionärem Prozess, in dem sich genau jene Viren durchgesetzt haben, die im Sichverbreiten besonders gut waren. Ein Abschnitt des Virus überzeugt die Menschen zum Beispiel, etwas Tröstliches zu glauben: Du kommst in den Himmel, wenn du stirbst. Es ist wahrscheinlicher, dass sich das verbreitet, als etwas Neutrales. Man muss sich anschauen, was Religionen gemeinsam haben. Eine Gemeinsamkeit ist jene, Menschen, die die Religion aufgeben wollen, zu vertreiben oder gar umzubringen, wie das etwa im Islam der Fall ist. Ein solcher Virus ist ein starker Anreiz, die Religion nicht aufzugeben.

Der Mensch ist also enorm anfällig für solche – wie Sie es nennen – Viren?

Das Gehirn ist äußerst leichtgläubig. Menschen scheinen über sehr wenig angeborene Skepsis zu verfügen und fragen nicht nach Belegen. Insbesondere Gerüchte, die Menschen glauben wollen, verbreiten sich ohne kritisches Nachfragen. Wir haben alle diese Schwäche. Ein Gerücht, das George Bush schlecht dastehen lässt, werde ich wahrscheinlich weitererzählen, weil ich ihn hasse. Geschichten werden mit dem Weitererzählen in der Regel lustiger. Nur im Falle der Religion nicht, die spielt mit den Ängsten und Hoffnungen der Menschen.

Aber gibt es nicht ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach Spiritualität?

Wenn es das gibt, dann ist es wahrscheinlich, dass sich ein Virus, der dieses Bedürfnis erfüllt, verbreitet. Auf der höchsten Ebene hat dieses Bedürfnis nach Spiritualität keinerlei Verbindung mit der Frage nach einem übernatürlichen Schöpfer. Es ist jene tiefe Verehrung, die Einstein (siehe auch heureka 1/05) für die Natur und das Universum verspürte. In seiner bildhaften Ausdrucksweise hat er, als er sagte, Gott würfle nicht, unglücklicherweise das Wort Gott dafür verwendet, an den er sicherlich nicht geglaubt hat. Es gibt viele Wissenschaftler, die nicht an einen übernatürlichen Gott glauben, die aber Einsteins Gefühl der Spiritualität für das Universum teilen. Ich zum Beispiel auch.

Interview: Birgit Dalheimer


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