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Das Wissenschaftsmagazin im Falter

Sind die österreichischen Wissenschaftler besser als unsere Fußballer? Ist die Universität Wien erfolgreicher als die Wiener Austria? Und was hat Harvard mit dem FC Chelsea zu tun? „heureka“ hat die österreichische Topforschung vermessen und verrät, wie gut Anton Zeilinger wirklich ist.

Von Klaus Taschwer

Berechnete Exzellenz >

Hinter Estland und Katar. Bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland sind wir nur Zuschauer. Denn im internationalen Vergleich ist unsere Nationalmannschaft alles andere als konkurrenzfähig, was auch die aktuelle Fifa-Weltrangliste bestätigt. Das ÖFB-Team rangiert gerade einmal auf Platz 79, unmittelbar hinter Estland und Katar. Immerhin: Bei der nächsten Europameisterschaft in zwei Jahren dürfen wir erstmals dabei sein – weil Österreich (zusammen mit der Schweiz) Gastgeber sein wird. Um den österreichischen Fußball ist es zurzeit also nicht gerade rosig bestellt. Wie aber steht eigentlich die österreichische Wissenschaft im internationalen Vergleich da? Gute Frage, aber lässt sich das ganz ohne Länderspiele überhaupt seriös beurteilen? Ja, behauptet zumindest die Firma Thomson, ein international operierender Informationsmulti, der mit dem „Web of Science“ (vormals: Science Citation Index) unter anderem die größte Datenbank wissenschaftlicher Publikationen betreibt (Berechnete Exzellenz).
Mit diesen Daten lassen sich etliche Zahlenspielereien anstellen – zum Beispiel zum wissenschaftlichen Output eines Landes. Im April dieses Jahres hat man bei Thomson die Publikationen österreichischer Forscher der letzten zehn Jahre analysiert. Das Ergebnis ist, um es vorwegzunehmen, erfreulicher als das der Fifa-Berechnungen: Österreichs Wissenschaft liegt unter 145 Ländern bei der Zahl der Publikationen (fast 70.0000 mit österreichischer Beteiligung) auf Platz 25. Bei den Zitierungen sieht es noch besser aus. Da belegen wir immerhin den 20. Rang, weil diese Artikel knapp 800.000 Mal in anderen Publikationen erwähnt wurden.

Austria Wien vs. Universität Wien. Diese Zahlen sagen natürlich wenig darüber aus, wie sich die Leistungen der heimischen Forschungen innerhalb Österreichs verteilen. Im Fußball entspricht das – um ein weiteres Mal den Vergleich zu wagen – in etwa der Clubebene, auf der man zuletzt ebenfalls einige Rückschläge einstecken musste. In der aktuellen Vereinsrangliste, die von IFFHS, der International Federation of Football History and Statistics, erstellt wird, ist der beste österreichische Club gerade aus den ersten Hundert gepurzelt: Die Austria Wien liegt auf Platz 105, der SK Rapid auf Platz 163 und der SV Pasching auf Platz 315.
Mindestens ebenso umstritten wie dieses Ranking sind Ranglisten der Universitäten, denn abermals stellt sich die Frage, ob und wie man die Qualität von Forschung und Lehre überhaupt messen kann – und wie man was gewichtet. Für die akademische Welt gibt es gleich mehrere Äquivalente zur Club-Liste, eine davon stammt vom Institute for Higher Education der Universität Shanghai. Da schaffte es die Universität Wien als beste Hochschule Österreichs zuletzt auf Platz 86. Auf den ersten Rängen lagen ausschließlich Unis aus der Ivy-League der USA sowie der „englischen Premier League“ – die Universitäten Oxford und Cambridge.
Das Deutsche Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hat vor wenigen Wochen ein anderes Uni-Ranking vorgelegt, in dem nur Universitäten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich verglichen wurden – genauer: ihre naturwissenschaftlichen Studienfächer. Auch wenn die Qualität des Lehr- und Forschungsangebots gar nicht in eine strenge Reihenfolge gebracht wurden, sondern nur Zuordnungen in eine Spitzen-, eine Mittel- und eine Schlussgruppe vorgenommen wurde, so waren die Ergebnisse für Österreichs Hochschulen einigermaßen ernüchternd.
Bei den meisten erhobenen Indikatoren (Studiensituation insgesamt, Betreuung, IT-Infrastruktur, Reputation der Professoren, Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen) landeten die österreichischen Universitäten zumeist in der Mittel- und in der Schlussgruppe. Eine der positiven Ausnahmen war die Biologie an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Was außerdem auffiel: Die kleinen österreichischen Universitäten schnitten mit ihren jeweiligen Angeboten und Leistungen deutlich besser ab als die großen.

Wissenschaftler des Jahres. Bleibt noch eine andere Exzellenzebene, die individuelle nämlich: Wer sind eigentlich die besten Wissenschafter des Landes? Wie – und von wem – soll das aber bitte beurteilt werden? Bei den österreichischen Fußballern ist es vergleichsweise einfach: Darüber stimmen jährlich die Leser einer kleinformatigen Tageszeitung ab, die allerdings nicht nur nach der Leistung, sondern auch nach der Beliebtheit urteilen. Der Fußballer des Jahres 2005 war Steffen Hoffmann vom SK Rapid, der nicht einmal für das österreichische Nationalteam spielen darf. Bei den österreichischen Wissenschaftlern übernehmen die Mitglieder des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten diese Aufgabe und kürten für das Jahr 2005 – auch auf Vorschlag eines „heureka“-Redakteurs – eine Frau zur Preisträgerin: die Wiener Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, die am Institut für Meteorologie der Universität für Bodenkultur tätig ist. Gewählt wird seit zehn Jahren, und die Liste der Preisträger liest sich tatsächlich ein wenig wie das Who’s who der „öffentlichen“ Wissenschaftler des Landes: Der Molekularbiologe Josef Penninger (2003) ist ebenso darunter wie seine Kollegin Renée Schroeder (2002) oder der Quantenphysiker Anton Zeilinger (1996).
Sind diese „öffentlichen“ Wissenschaftler, die mittlerweile auch vielen Lesern der „Kronen Zeitung“ ein Begriff sein dürften, aber auch in der Scientific Community anerkannt? Oder sind sie einfach gute Öffentlichkeitsarbeiter in eigener Sache? Wie zum Beispiel ist das mit Anton Zeilinger wirklich?

Sowohl Pop als auch Top. Auch hierzu kann man unter anderem das „Web of Science“ befragen und erhält unter anderem die Auskunft, dass Mr. Beam Co-Autor jenes wissenschaftlichen Artikels ist, der in den letzten zehn Jahren öfter zitiert wurde als jedes andere Paper aus Österreich: Der Aufsatz „Experimental Quantum Teleportation“, erschienen im Dezember 1997 in der Wissenschaftszeitschrift „Nature“, brachte es bis dato auf 869 Zitierungen.

Österreichische Beteiligung an Publikationen
Aber auch noch eine andere Rangliste führt Anton Zeilinger an: Er ist jener österreichische Wissenschaftler, der seit 2000 an den meisten Publikationen in „Nature“ und „Science“ beteiligt war, den beiden Zeitschriften mit dem höchsten Impact-Factor.
Die Top Ten der einflussreichsten wissenschaftlichen Magazine
Auf Zeilinger (mit neun Artikeln) folgen übrigens weitere Kollegen von der Physik: Rainer Blatt (Universität Innsbruck) und Ferenc Krausz (bis 2002 TU Wien, seit 2003 Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching bei München) mit je sieben „Nature“- und/oder „Science“-Papers.
Insgesamt waren Österreicher oder in Österreich tätige Wissenschaftler in den vergangenen sechs Jahren an insgesamt 153 „Nature“- und „Science“-Aufsätzen beteiligt (zum Vergleich: allein die Mitarbeiter der Harvard University brachten es auf 767). Erfreulich daran ist die Entwicklung: Waren es im Jahr 2000 bloß 16, so verdoppelte sich diese Anzahl im Jahr 2005 auf 33. Interessant ist auch die Verteilung nach Forschungseinrichtungen (siehe Tabelle oben): Die relativ kleine Universität Innsbruck folgt mit vergleichsweise geringem Abstand auf die relativ große Universität Wien. (Die Innsbrucker sind es im Übrigen auch, die pro Kopf am meisten Projektgelder beim österreichischen Wissenschaftsfonds einwerben – ein anderer aussagekräftiger Indikator für Forschungsqualität, siehe Tabelle unten).
Die Besten bei den Drittmitteln
Klein aber extrafein. Nach den Universitäten Wien und Innsbruck folgt in der „Nature“/„Science“-Hitliste die Österreichische Akademie der Wissenschaften und dann bereits das Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) am Vienna Bio Center. Noch auffälliger werden die Forschungsleistungen des bloß 200 Mitarbeiter zählenden Instituts, wenn man zu Publikationen in „Nature“ und „Science“ auch noch die molekularbiologische Fachzeitschrift „Cell“ dazu nimmt, die es in der Summe der letzten zehn Jahren auf die meisten Zitierungen pro Artikel und damit zur Zeitschrift mit dem höchsten Impact-Factor brachte. Auf dieser Liste würde das IMP mit 38 Aufsätzen den zweiten Rang unmittelbar nach der Universität Wien (mit 41) belegen. Und unter den ersten zehn Forschern wären nunmehr vier (Ex-)Mitarbeiter des IMP, einer davon – der Entwicklungsbiologe Erwin Wagner – immerhin ein „echter“ Österreicher. Die beiden anderen sind der aus Deutschland stammende Thomas Jenuwein, der neue Direktor des IMP, der australische Neurobiologe Barry Dickson und sein Vorgänger, Kim Nasmyth.
Wie aussagekräftig die Publikationen in diesen Topjournalen sind, zeigt sich auch daran, dass die meisten der eben genannten Forscher den Wittgenstein-Preis gewonnen haben, der seit genau zehn Jahren verliehen wird: Der erste Gewinner von Österreichs bestdotiertem und wichtigstem Wissenschaftspreis war Erwin Wagner (1996), Kim Nasmyth gewann den Preis 1999, Ferenc Krausz 2002 und Barry Dickson im Vorjahr. Weitere der bislang insgesamt 18 Preisträger waren unter anderem Renée Schroeder, die Mathematiker Georg Gottlob, Walter Schachermayer und Peter Markowich oder die Linguistin Ruth Wodak.

Transfers in der Topliga. An den Wittgenstein-Preisträgern und ihren Karrieren zeigt sich im Übrigen auch, wie international die Topforschung organisiert ist: Zumindest drei von ihnen stammen aus dem Ausland, und drei sind in der Zwischenzeit auch ins Ausland abgewandert: Kim Nasmyth trat eine Professur in Oxford an, Ruth Wodak lehrt und forscht seit 2004 an der Lancaster University in England, und Ferenc Krausz wanderte nach Deutschland aus, wo er prompt mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet wurde, dem deutschen Pendant zum Wittgenstein-Preis.
Besteht angesichts diese Abgänge Anlass zur Sorge? Im Grunde geht es in der Spitzenforschung ähnlich zu wie im Spitzenfußball – um noch ein letztes Mal den Vergleich zu wagen: Vereinen wie dem FC Chelsea oder Real Madrid, die sich die besten Fußballer der Welt leisten können, entsprechen in der Wissenschaft internationale Spitzenuniversitäten, die über Budgets in anderen Dimensionen verfügen als die heimischen Clubs bzw. Universitäten. Das Stiftungsvermögen der Harvard University zum Beispiel beträgt satte 15 Milliarden US-Dollar. Im Fußball wird es als Qualitätsbeweis betrachten, wenn ein österreichischer Kicker von einem dieser Spitzenvereine engagiert wird. In der Wissenschaft sollte man es ähnlich sehen. Auch wenn es da weder Europa- noch Weltmeisterschaften gibt.


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