Professoraler Protest. Das Spektrum der Reaktionen reichte von punktueller Kritik bis zur kategorischen Ablehnung. Anlass war ein höfliches Mail des FWF an Projektleiter aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Im Auftrag der
European Science Foundation (ESF), der Dachorganisation der Nationalen Forschungsförderungsorganisationen, bat man darum, die wichtigen Fachzeitschriften und Verlage aus ihrer Disziplin zu nennen und diese gemäß ihrer Bedeutung in die Kategorien A, B und C einzuordnen.
Vor allem an der Universität Wien regte sich gelehrter Unmut. Forschungsleistungen in Orientalistik, Anglistik oder Soziologie könne man nicht quantitativ messen oder numerisch ranken.
Das Schema sei gar nicht so streng wie in den Naturwissenschaften gemeint, beteuert Falk Reckling vom FWF. Der angestrebte
European Citation Index solle vor allem der Orientierung dienen, zudem handle es sich lediglich um einen Test.
heureka hat einen Philosophen, einen Historiker und einen Politologen gefragt, warum es so schwierig ist, Exzellenz in den Soft Sciences zu erfassen – und wie es vielleicht doch geht.
- Konrad Paul Liessmann
- Ich halte es für verhängnisvoll, in den Geisteswissenschaften dieselben Exzellenzkriterien anzulegen wie in den Naturwissenschaften. Denn die Qualität von philosophischen Texten zeigt sich erst in der lebendigen Auseinandersetzung mit ihnen. Die Quantifizierung durch das Zählen von Zitaten ist in den Geisteswissenschaften noch weniger verlässlich. Das liegt zum einen daran, dass es in den Geisteswissenschaften anders als in den Naturwissenschaften nach wie vor auch keine interkulturelle Fachsprache gibt: Neben Englisch wird weiterhin auch in Deutsch und anderen wichtigen Nationalsprachen geschrieben.
Auch die Publikationsstrategien unterscheiden sich: In den Geisteswissenschaften ist die wissenschaftliche Monografie in Buchform nach wie vor zentral. Das Veröffentlichen in ausgewählten Zeitschriften zählt weniger als in den Naturwissenschaften und der Medizin. Und bei den kursierenden Listen mit vermeintlich besonders guten Zeitschriften und Verlagen, die Exzellenz gewährleisten, ist Skepsis angebracht.
Viele der innovativsten Ideen kamen in der Philosophie von außen. Kant wäre angesichts der im Moment diskutierten Exzellenzkriterien durchgefallen: Er hat seine Hauptwerke bei einem unbedeutenden Verlag in Riga publiziert. In den Kulturwissenschaften ist es selbst fast schon zu einem eigenen Topos geworden, dass die Außenseiter, die zunächst außerhalb des akademischen Mainstreams veröffentlichen, später zu den wichtigsten Ideengebern innerhalb der Universität wurden. Man denke nur an die Cultural Studies ( siehe heureka 3/98: Kultur meets Culture).
Eine größere Durchschlagskraft ist natürlich erst dann gegeben, wenn die Arbeiten größere Kreise erreichen als das jeweilige Fachpublikum. Im Idealfall sind exzellente Geisteswissenschaftler solche, die in ihren Spezialgebieten anerkannt sind und zugleich auch als öffentlichkeitswirksame Intellektuelle auftreten. Listen wie die der hundert wichtigsten Intellektuellen sind für mich aber medialer Ausfluss des Ranking-Wahnsinns. Genauso wie die Anzahl der Google-Nennungen auch nur ein Zerrbild der Wirklichkeit ergibt. Ich habe natürlich auch schon nach meinem Namen gegoogelt und rangiere bei über 200.000 Nennungen. Das schmeichelt zwar meinem Ego. Zugleich weiß ich natürlich, wie absurd diese Zahlen sind.
Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie an der Universität Wien. Im Herbst erscheint sein neues Buch, Theorie der Unbildung. Zur Kritik der Wissensgesellschaft, bei Zsolnay. - Herbert Gottweis
- Wie erkennt man hervorragende Forschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften (GSW)? Hat es etwas mit kritischer Masse zu tun, sprich: Entsteht Exzellenz nur aus einer größeren, gut dotierten Forschergruppe? Als der Soziologe Niklas Luhmann nach Bielefeld berufen wurde, fragte man ihn, welche Kosten durch seine geplante Forschung entstehen würden: Keine, war die Antwort. Brillante Einzelwissenschaftler wie Luhmann gibt es in den GSW nach wie vor, sie sind schulbildend, und ihr Impact ist immens. Gleichwohl gibt es aber auch eine Tendenz zur Forschung in Clustern. Um Umweltgeschichte oder vergleichende Meinungs- und Einstellungsforschung zu betreiben, bedarf es größerer Gruppen. Man sollte daher in den GSW eine mehrstrahlige Strategie fahren und nicht sklavisch dem Exzellenzmodell der Naturwissenschaften folgen. Man denke etwa an das 6. Rahmenprogramm der EU. In der Physik oder der Chemie mag es eine gute Idee sein, große Netzwerke mit 15, zwanzig oder dreißig Partnern aufzubauen, bei den GSW erwies sich dieser Ansatz als wenig fruchtbar.
Wenn Großforschungsprojekte beurteilt werden, wird primär mit Peer-Review gearbeitet. Da werden nicht einfach Impact-Factors addiert, es zählt der Gesamteindruck. Oft sieht man auf den ersten Blick, wenn Forscher nur in zweitklassigen Journalen publiziert haben, da muss man gar nicht Punkte oder Ähnliches zusammenzählen.
Man muss aber bei der Bewertung von Projekten in den GSW deren multiparadigmatischen Charakter bedenken. Es gibt verschiedene Schulen, die wenig voneinander halten und einander nie zitieren. Wie soll in solchen Situationen entschieden werden, was exzellent ist?
Manchmal wird den Geisteswissenschaftlern vorgeworfen, die Möglichkeit der Qualitätskontrolle grundsätzlich zu bestreiten und sich dadurch gegen jegliche Kritik zu immunisieren. Solche Tendenzen mag es geben, sie sind aber die Ausnahme. Evaluierung ist kein Allheilmittel, kann aber durchaus positive Effekte haben. Dass sich die Geistes- und Sozialwissenschaftler früh in ihrer Karriere der Peer-Review stellen, ist wichtig. Im Wettbewerb um Forschungsmittel ist eine offensive Strategie unumgänglich und wird der Qualität nützen.
Herbert Gottweis ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Wien. Er ist Vizepräsident des FWF und dort für die GSW zuständig. - Mitchell Ash
- Exzellenz gibt es in den Geisteswissenschaften, aber sie ist schwer evaluierbar. Dafür braucht es fachspezifische Kriterien, und die kann man nicht in Stein meißeln, daran kranken die derzeitigen Versuche. Es geht stattdessen um Verrechtlichung, Standardisierung und Geldumverteilung. Der Gedanke, dass dies von zentraler Stelle aus geschehen sollte oder kann, ist grundfalsch – dass es deshalb keine Qualitätskontrolle geben soll, ist aber ein Trugschluss.
Die Antworten auf die Anfrage der European Science Foundation bzw. des FWF bestanden zum Teil aus geharnischten Protesten. Man wolle kein Peer-Review wie bei den Naturwissenschaften haben. Wir befinden uns also in einem Dialog der Tauben, denn viele Geisteswissenschaftler begreifen nicht, dass es nicht ganz ohne Qualitätskontrolle weitergehen kann. Die Zeiten, in denen nur wenige Einflussreiche bestimmen, was Exzellenz ist, sind jedenfalls vorbei.
Manche Kollegen schauen einen verständnislos an, wenn man sie nach den wichtigsten Zeitschriften in ihrer Disziplin fragt. Die gibt es aber auch in den Geisteswissenschaften. Jeder Historiker weiß: In der Historischen Zeitschrift oder in Geschichte und Gesellschaft werde ich gelesen. Ich habe meine Antrittsvorlesung in der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft veröffentlicht. Das war als Zeichensetzung gut gemeint, erwies sich aber als ein Fehler, denn sie ist damit in der Versenkung verschwunden. Ich überlege mir manchmal, wenn es emotional zugeht, überhaupt nicht mehr in Österreich zu publizieren. Denn nur eine Minderheit der österreichischen Kollegen scheint auch außerhalb der Landesgrenzen wahrgenommen werden zu wollen. Doch will man im Lande wissenschaftlich etwas bewegen, muss man wohl auch dort publizieren.
Zu behaupten, wir seien doch alle gleich und es gäbe keine Qualitätsunterschiede, ist verlogen. Es wird ja bereits dauernd evaluiert. Nur geschieht das eben informell, wobei es diese informellen Kriterien auch in der Naturwissenschaft gibt, die mit beeinflussen, wer Karriereschritte macht und wer zu Tagungen eingeladen wird. An der Universität Wien wurden letztes Jahr 22 Anträge für Initiativkollegs, also strukturierte Doktoratsprogramme eingereicht, aber nur fünf sind nach internationaler Begutachtung in der ersten Runde bewilligt worden. Das ist auch eine Form der Exzellenzbewertung, die unterhalb der staatlichen Ebene durchaus funktioniert. So oder so soll es Gewinner und Verlierer geben – das ist die (eigentlich nicht ganz so) neue Welt, in der wir alle leben.
Mitchell Ash ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Wien.
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