Der Marsch der Priester. Ehrwürdig ging es zu, als sich die honorige Gelehrtengesellschaft am 17. Mai zu ihrer jährlichen feierlichen Sitzung traf. Für die musikalische Umrahmung des festlichen Einzugs in den ehemaligen Theatersaal der Jesuiten im Gebäude der Alten Wiener Universität wurde dieses Jahr Der Marsch der Priester aus Mozarts Zauberflöte gewählt. Die Begrüßung der Ehrengäste schien kein Ende nehmen zu wollen.
Zahlreiche hohe Würdenträger aus Politik, Wissenschaft und Kirche hatten sich eingefunden, vom Bundespräsidenten abwärts. Nur einzelne Frauengesichter stachen in den ersten Reihen aus der Altherrenriege hervor.
Der unerschütterliche Geist der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, wie sie im Mai 1847 gegründet wurde, scheint auch im 21. Jahrhundert noch spürbar. Dabei hat die altehrwürdige Gelehrtengesellschaft gerade einige gründliche Erschütterungen hinter sich. Ende April war
Herbert Mang, 64, Professor für Elastizitäts- und Festigkeitslehre an der Technischen Universität Wien, als Präsident der Akademie nach einer dreijährigen Amtsperiode von den Mitgliedern der Akademie abgewählt worden.
Nachdem Mang keine Zweidrittelmehrheit schaffte, die für seine Wiederwahl notwendig gewesen wäre, wurde bis in die späte Nacht weiter abgestimmt. Nach fünf Wahlgängen stand schließlich der Chemiker
Peter Schuster, 65, als neuer Präsident fest (
siehe Interview: Keine Frauenfeindlichkeit). Im Oktober wird er sein Amt antreten. Dass Mang nicht wiedergewählt wurde, lag einerseits an seinen umstrittenen personalpolitischen Entscheidungen, andererseits aber wohl auch daran, dass die Akademie in den letzten Jahren immer mehr ins Kreuzfeuer der Kritik von außen geriet.
Farce des Jahrzehnts. So beanstandete der Rechnungshof 2004 die Kostenexplosion beim sich damals noch im Bau befindlichen ÖAW-Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA)
European Science Foundation (ESF). Die Kosten hatten sich gegenüber der ursprünglich veranschlagten Summe verdoppelt. Auch die jährlichen Betriebskosten seien von der ÖAW viel zu niedrig angesetzt gewesen, mahnte der Rechnungshof. Als die Akademieleitung auf den dramatischen Budgetengpass an der ÖAW und die Gefährdung internationaler Forschungseinrichtungen hinwies, bezeichnete Günter Bonn, der stellvertretende Vorsitzende des
Rats für Forschung und Technologieentwicklung (FTE-Rat), dies als Farce des Jahrzehnts.
Im Dezember des letzten Jahres schließlich kam es zum Eklat: Der FTE-Rat, auf dessen Empfehlung ein Teil der Forschungsgelder der Regierung vergeben wird, hatte der ÖAW angedroht, achtzig Prozent der Extramittel für die ÖAW einzubehalten, falls man nicht zu weitreichenden Reformen bereit wäre. Das hätte den Ausfall von 18,6 Millionen Euro oder fast eines Viertels des für 2006 erwarteten Akademie-Gesamtbudgets bedeutet.
Kritisiert hatte der Rat vor allem die nicht zeitgemäße Führungsstruktur, die nicht mehr den neuen Erfordernissen entspricht. Tatsächlich hat sich die ÖAW in den letzten Jahrzehnten von der bloßen Gelehrtengesellschaft zur größten außeruniversitären Trägerorganisation für Grundlagenforschung in Österreich entwickelt. Allein in den letzten drei Jahren kamen mit dem
Institut für Quantenoptik und Quanteninformation mit Standorten in Innsbruck und Wien und dem Life Science Zentrum, in dem das
IMBA und das
Gregor Mendel Institut (GMI) untergebracht sind, drei hochmoderne und entsprechend teure Spitzenforschungseinrichtungen dazu.
Strukturen wie im Ostblock. Kritik am Management kommt mittlerweile auch aus den eigenen Reihen. So hält es die Molekularbiologin
Renée Schroeder, bis vor kurzem einzige Frau als wirkliches Mitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der ÖAW, für wirklich rückständig, dass es keine Trennung zwischen der Gelehrtengesellschaft und der Verwaltung der Forschungsinstitute gibt. Die Institute müssten unbedingt professionell geführt werden und nicht als Nebenjob von den Präsidiumsmitgliedern. Die jetzigen Strukturen der ÖAW erinnern an den Ostblock, fasst Schröder die Situation pointiert zusammen.
Tatsächlich ist das Management der ÖAW von einer modernen Unternehmensführung weit entfernt. Über die Verwaltungsgeschäfte der Akademie – von der Zuweisung der Gelder bis zur Gründung neuer Institute – stimmt das Gelehrtenplenum ab, also alle wirklichen Akademiemitglieder. Das Management obliegt einem vierköpfigen Präsidium, das aus den Reihen der Mitglieder gewählt wird. Die vier Wissenschaftler, allesamt keine Forschungsmanager, sind neben ihrer Akademietätigkeit in Forschung und Lehre aktiv. Wäre die ÖAW wie die meisten Wissenschaftsakademien im Ausland eine reine Gelehrtengesellschaft, wäre das nicht weiter problematisch.
Als moderne Forschungsträgerorganisation aber ist die Verwaltung, die sich seit Gründung der Akademie in ihren Strukturen nicht wesentlich geändert hat, den neuen Aufgaben nicht immer gewachsen. Erfahren mussten das in den vergangenen Jahren nicht nur einige ÖAW-Institute, wenn zum Beispiel das Geld für ein Quartal eingefroren wurde, sondern auch die Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft (LBG). Nachdem ÖAW-Generalsekretär Herwig Friesinger der LBG für ein aus der Akademie ausgegründetes Institut schriftlich einen Beitrag von 250.000 Euro zugesagt hatte, musste er die Zusage widerrufen, weil die Akademie das Geld nicht hatte.
Raum ohne Konzept. Eine ihrer größten Blamagen leistete sich die ÖAW in den letzten Jahren aber mit der Galerie der Forschung, die auf eine Idee ihres ehemaligen Präsidenten Werner Welzig zurückgeht. In der Alten Aula in unmittelbarer Nachbarschaft des Akademie-Hauptgebäudes in der Wiener Innenstadt sollte ein Ort der Begegnung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit entstehen (siehe heureka 5/00:
Ein Konzept mehr oder weniger). Obwohl bereits rund sechzehn Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln des Bundeskanzleramtes, des Wirtschafts- und des Wissenschaftsministeriums in die Renovierung der Alten Aula und die Projektentwicklung geflossen sind, wurde das dazugehörige Konzept Ende 2005 von der Gelehrtenversammlung abgelehnt (siehe auch:
science.orf.at/science/news/142527). Zu teuer, lautete die offizielle Begründung.
Die Frage, warum das erst so spät bemerkt wurde, muss sich die Akademieleitung wohl gefallen lassen. Ebenso aber auch die nach dem Personalmanagement: Während man die sieben angestellten und mehreren freien Mitarbeiter einfach loswurde, indem man die Verträge auslaufen ließ, wartet die Direktorin
Albena Yaneva auf eine Entscheidung des Präsidiums über mögliche neue Aufgaben. Gekündigt werden kann sie aufgrund eines Fünfjahresvertrages nicht. Was mit der Alten Aula passieren soll, ist wieder völlig offen.
Ein deutliches Signal. Schuster wird sich ohnedies ganz schön ins Zeug legen müssen, um den angeschlagenen Ruf der Akademie nach außen wiederherstellen zu können.
Innerhalb der Akademie zeigt man sich allerdings zuversichtlich: Ich stelle gegenüber den bisherigen schwerfälligen Formen der Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses und der wissenschaftlichen Innovation eine Aufbruchstimmung in der Akademie fest – nicht nur geistig, sondern auch mit praktischen Konsequenzen, sagt der Kultur- und Sozialanthropologe Andre Gingrich (siehe heureka 3/02:
Koloniale Verstrickungen), wirkliches Mitglied der historisch-philosophischen Klasse und Wittgensteinpreisträger. Und bei der letzten Wahl wurden alle Frauen, die vorgeschlagen waren, auch gewählt. Das ist ein deutliches Signal.
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