Startseitefaltershop - Buch Musik FilmAbo ServiceTop-Storiesheureka WissenschaftsmagazinTier der WocheNewsletterMediadatenImpressum
Event ProgrammKino ProgrammLokalführer WienFeste feiernBest of Viennacreation/productionReparaturführer WienBio-Guide

Das Wissenschaftsmagazin im Falter

Peter Schuster, 65, ist Professor für Theoretische Chemie an der Universität Wien und seit 1992 wirkliches Mitglied der ÖAW. Schuster war 2000 bis 2003 ÖAW-Vizepräsident und wurde Ende April zum neuen Präsidenten der ÖAW gewählt. Er wird im Oktober sein Amt antreten.

Interview: Sabina Auckenthaler

< Vom 19. ins 21. Jahrhundert

heureka: Im Frühjahr hat der Rat für Forschung und Technologieentwicklung achtzig Prozent des von ihm finanzierten Budgets der Akademie zunächst gesperrt. Warum?

Peter Schuster: Der Rat war der Meinung, dass die Akademie von sich aus nicht rasch genug Reformen durchführt. Der Reformprozess ist wirklich ein wenig zu langsam angelaufen. Dieser Anstoß wurde aber sehr wohl verstanden. Jetzt muss man die Reform gründlich und bedacht durchführen und darf sich nicht von außen treiben lassen.

Wo stecken die Probleme?

Die Verwaltung der Akademie kommt im Wesentlichen aus dem 19. Jahrhundert. Es ist also kein Wunder, dass so etwas der heutigen Situation nicht mehr entspricht. Es ist ein Unterschied, ob man das kleine Budget einer Gelehrtengesellschaft verwaltet oder das ungleich höhere einer Forschungsträgerorganisation.

Warum haben die Reformen an diesen überkommenen Strukturen erst jetzt begonnen?

Das dürfen Sie nicht mich fragen. Ich übernehme das Amt erst ab 1. Oktober.

Ist Präsident Mang wegen der Verschleppung der Reformen nicht wiedergewählt worden?

Darüber gebe ich keine Auskunft. Es wählt die Gesamtsitzung, Sie müssten also die Mitglieder dazu befragen. Mang und ich sind zwei unterschiedliche Personen und packen Dinge verschieden an. Ich werde ihn nicht kritisieren, er hat seine Dreijahresperiode absolviert und ist halt nicht wiedergewählt worden.

Wie wollen Sie den Reformstau auflösen?

Ich plane eine größere, gründliche Reform. Ein wesentlicher Punkt wird die Einführung eines Forschungsbeirates sein, der Entscheidungshilfen bereitstellt, die das Präsidium als Exekutivorgan bei den tagtäglichen Geschäften rasch umsetzen kann. Dieser Beirat von zwölf bis 15 Personen soll etwa wie ein Aufsichtsrat bei einer Aktiengesellschaft funktionieren, aber auch in Planungsaufgaben der Akademie voll eingebunden sein.

Sind die Konzepte Gelehrtengesellschaft und Spitzenforschungsträger nicht grundsätzlich unvereinbar?

Die Gelehrtengesellschaft ist ein sehr wertvolles Beratungsorgan und wird als solches erhalten bleiben. Sie hat unter anderem die Aufgabe die Spitzenforscher im Lande auszuwählen und in der Akademie zu vereinigen.

Wittgenstein und Freud waren nicht Mitglieder der Akademie. Warum findet die Gelehrtengesellschaft nicht immer die Besten?

Es ist in der Vergangenheit jeder Akademie passiert, dass einzelne Spitzenleute nicht als Mitglieder aufgenommen wurden. Bei uns gibt es einen Wahlmodus, den man vielleicht etwas adaptieren muss. Die Mitglieder oder einige Ausgewählte müssen sich eingehend über die Exzellenz der Person informieren, die als neues Mitglied vorgeschlagen wurde. Das muss in manchen Bereichen gründlicher werden als bisher. Ein noch gewichtigeres Hindernis ist aber die gewollte Beschränkung der Zahl der Mitglieder. Wir haben heute sehr viel mehr Wissenschaftler als vor fünfzig oder hundert Jahren.

Wird die Akademie weiterhin eine Versammlung älterer Herren bleiben?

Ganz wichtig ist mir, junge Leute an die Akademie heranzuführen. Ich möchte ein Forum schaffen, wo talentierte junge Forscher ihre Ideen einbringen können. Sie sollen nicht nur zu Vorträgen kommen, sondern auch mitgestalten. Dies gilt sowohl für die korrespondierenden Mitglieder unserer Akademie als auch für eine noch einzubauende ‚Junge Akademie‘.

Wieso hat die Akademie unter ihren 178 ordentlichen Mitgliedern nur acht Frauen?

Es gibt keine Frauenfeindlichkeit unter den Akademiemitgliedern. Ganz im Gegenteil: Wir freuen uns immer sehr, wenn eine Dame zur Wahl steht. Aber die Akademie wählt ihre Mitglieder aus den bereits etablierten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. In diesem Alter von etwa fünfzig Jahren gibt es nicht viel mehr Damen. Ich kann mich noch erinnern, dass vor einigen Jahren die mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse überhaupt kein weibliches Mitglied hatte, und jetzt sind es immerhin schon drei.

Schuld an dem beschämend niedrigen Anteil von Frauen ist also nicht die Akademie, sondern der Wissenschaftsbetrieb als solcher?

In anderen Spitzenforschungseinrichtungen ist der Frauenanteil leider auch nicht höher. Die Förderung von Frauen muss dort anzusetzen, wo für sie das große Problem liegt, also nach Ende des Studiums oder der Postdoc-Zeit. Denn Frauen sind in der Familie anders gefordert als Männer. Sie müssen aktiv in der Wissenschaft sein und gleichzeitig eine Familie haben können. Sobald es mehr Frauen im Bereich der arrivierten Wissenschaftler gibt, werden sie selbstredend in die Akademie aufgenommen werden.

Zur Galerie der Forschung: Das Gebäude ist renoviert, das Konzept begraben.

Das alte Konzept wiederzubeleben, halte ich nicht für sinnvoll. Ich könnte mir vorstellen, die Galerie als Bindeglied zwischen Gesellschaft und Wissenschaft zu gestalten. Konventionelle Wissenschaftsausstellungen, die häufig nur die Vergangenheit behandeln, finden viele Leute langweilig. Besser ist es, wenn der Besucher aktiv an der Wissenschaft teilnehmen kann, indem er etwa Experimente selbst durchführt. Man liest zum Beispiel in der Zeitung über eine neue Entdeckung in der Wissenschaft und kann es dann gleich anschauen und ausprobieren.

Wie glücklich sind Sie damit, was die Politik aus der von Ihnen und Anton Zeilinger lancierten Idee einer Exzellenz-Universität gemacht hat?

Man kann in Klosterneuburg (siehe auch: „Das erklärte Vorbild“) Hervorragendes machen. Wenn man allerdings mitten in der Kernzone des Wienerwalds ein Technologiespitzeninstitut ansiedelt und sich dann Spinoffs erwartet, wird das wahrscheinlich nicht funktionieren. In jedem Fall gilt: in Europa formiert sich die Wissenschaftslandschaft gerade neu. Gerade jetzt hätten wir noch den Vorteil mit einer neuen Spitzeneinrichtung wesentlich mitgestalten zu können. Deshalb gilt es rasch zu handeln, sonst schließt sich dieses „window of opportunity“.


2012 © Falter Verlagsgesellschaft mbH
E-Mail: CP-Redaktion, Marketing
Impressum Kontakt