Das geografische Zentrum der Wissenschaft, bemerkte der japanische Wissenschaftshistoriker Shigeru Nakayama in einem vor dreißig Jahren publizierten Essay, verlagere sich seit Ende des 19. Jahrhunderts stetig – zunächst innerhalb Europas von England nach Frankreich und Deutschland, dann nach Nordamerika, und in Zukunft werde es in Japan, Korea und China liegen. Vor gut drei Jahrzehnten war das allemal eine verwegene Prognose. China war Mitte der 1970er-Jahre akademisch wie wirtschaftlich extrem unterentwickelt, Korea allenfalls auf dem Sprung zum Schwellenland. Selbst in Japan hatte sich die Wissenschaft seit Kriegsende nicht gerade glorreich entwickelt.
Während japanische Halbleiterunternehmen die Weltmärkte eroberten (siehe heureka 4/04:
Big in Japan), waren die Universitäten Trainingsstätten für die Unternehmen. Innovative Forschung fand dort nicht statt, in den internationalen Zitationsstatistiken waren japanische Wissenschaftler kaum präsent. Leo Esaki, der bis dahin einzige Nobelpreisträger Nachkriegsjapans, hatte beim Elektronikkonzern Sony geforscht. Allenfalls die strategische Ausrichtung des Forschungssystems auf industriell anwendbare Forschung unter Verzicht auf Grundlagenforschung wurde von einigen Beobachtern im Westen als modellhaft gelobt.
Dennoch war Nakayamas Prognose wohlfundiert. Er stützte sich auf die seit den 1950er-Jahren enorm gestiegenen Zahlen asiatischer Nachwuchswissenschaftler an prominenten amerikanischen Universitäten. Heute findet man kaum noch eine natur- oder ingenieurwissenschaftliche Forschungsgruppe an einer großen US-Universität, an der nicht Doktoranden oder Postdocs aus China, Korea, Taiwan oder Indien beschäftigt sind. Längst rekrutieren Harvard, Stanford und Co gezielt die vielversprechendsten Nachwuchsforscher aus Asien. Der Grund ist einfach: Sie sind oft besser ausgebildet, fleißiger und motivierter. Nicht zuletzt aber akzeptieren sie eher schwierige Bedingungen als verwöhnte Studenten aus den USA oder Europa.
In Japan, Taiwan und Korea profitiert die Forschung mittlerweile seit Jahrzehnten von den Rückkehrern. Nur in China war ihr Anteil wegen der miserablen Bedingungen, die an den Universitäten herrschten, bis Anfang der 1990er-Jahre ausgesprochen gering. Dann begann die chinesische Regierung gezielt, Forscher von amerikanischen Universitäten heimzuholen. Prominenten chinesischen Wissenschaftlern wurden nicht nur ähnliche Gehälter wie in den USA angeboten, sondern sie erhielten auch die Möglichkeit, in kurzer Zeit große Forschungsgruppen oder ganze Institute aufzubauen. Die Heimkehrer brachten nicht nur die neuesten Techniken und Forschungsansätze mit, sondern auch eine bis dahin fehlende, an Output orientierte Wissenschaftskultur.
Zahlen belegen den derzeitigen Wissenschaftsboom in China: Die Forschungsaufwendungen steigen seit Jahren um zwanzig Prozent jährlich. Acht Millionen melden sich jährlich zu den Aufnahmetests für die Universitäten an. Die können sich die Besten aussuchen, zugelassen wird nämlich nur jeder achte Bewerber. Mehr als 250.000 Ingenieure kriegen jährlich ihr Diplom, Tendenz weiter steigend. In einem weltweiten Forschungsranking des Times Higher Education Supplement vom vorigen Jahr schafften es immerhin bereits sieben chinesische Universitäten, drei davon in Hongkong, unter die Top hundert. Die auf Rang 15 bestplatzierte Universität Peking lag deutlich vor den besten deutschsprachigen Hochschulen.
Die Zitationsstatistiken werden inzwischen immer häufiger von Wissenschaftlern aus Japan, Korea oder China angeführt. Immer mehr Publikationen aus asiatischen Ländern finden ihren Weg in führende Journale (siehe heureka 2/98:
Die grossen zwei Zeitschriften) wie Science oder Nature. Die Nature-Publishing-Gruppe hat Asien als wichtigsten Expansionsmarkt identifiziert und gibt einzelne Journale bereits in Tokio heraus.
Wenn Wissenschaftspolitiker in den USA und Europa die Gefahr beschreiben, gegenüber Ostasien ins Hintertreffen zu geraten, steckt dahinter freilich auch Eigeninteresse. Als beste Antwort auf die Bedrohung aus dem Osten drängen sich höhere staatliche Investitionen in Forschung und Entwicklung auf. Zumal die künftigen Konkurrenten China und Indien ihre Forschungsausgaben erheblich steigern. Einzelne Forschungsstätten sind bereits in die globale Elite aufgerückt.
Doch die Spitzenforschung in Asien konzentriert sich auf eine sehr kleine Zahl von Eliteinstituten. In der breiten Masse der Hochschulen sind die Qualitätskontrollen schwach entwickelt. Die Förderinstitutionen orientieren sich oft eher an politischen Spielregeln als am einzigen Kriterium das in der Grundlagenforschung wirklich zählt, nämlich an der Qualität. Bis eine kritische Masse von Hochschulen und Instituten in China oder Indien tatsächlich Weltrang erreicht hat, die es den Ländern ermöglicht, auch als Wissenschaftsnationen vorne mitzuspielen, werden eher Jahrzehnte als nur Jahre vergehen. Was nicht heißen soll, dass Nakayama vor dreißig Jahren ganz falsch lag.
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