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Das Wissenschaftsmagazin im Falter

Von Daniel Kehlmann

Als Kind hatte ich das Glück, Erwin Chargaff kennen zu lernen: den Entdecker der Basenpaarungsgesetze im menschlichen Erbgut, einen der Pioniere der Erforscher des Genoms, dessen Vorarbeiten die Entschlüsselung des DNS-Moleküls möglich gemacht hatten. Außerdem war er ein Literat von Rang, der in seiner Jugend noch bei allen Vorlesungen von Karl Kraus gewesen war und sich im Alter zum Wissenschaftskritiker gewandelt hatte. Seine Autobiografie „Das Feuer des Heraklit“ beginnt damit, wie er als Kind die beiden Söhne des deutschen Kaisers in einem Urlaubsort Tennis spielen sah. Plötzlich brachte jemand eine Botschaft, sie warfen die Schläger weg und gingen vom Platz; der Weltkrieg hatte begonnen. Das Buch endet mit der Räumung seiner Büros an der Columbia University und dem Übergang in die Existenz des Privatgelehrten.
Ich habe ihn einige Jahre lang jeden Sommer gesehen, in jenem Schweizer Dorf, wo er seine Ferien verbrachte. Er ging auf die neunzig zu, aber er machte noch weite Spaziergänge mit seiner Frau und redete im singenden Tonfall der in Czernowitz aufgewachsenen Juden, der womöglich bald schon aus der Welt verschwunden sein wird. Er sprach mich mit „junger Mann“ an, erkundigte sich streng nach meiner Lektüre – weniges fand seine Gnade – und erzählte, wenn er guter Laune war, von Alexander Fleming, dem Penicillin-Entdecker, mit dem er als Assistent noch zusammengearbeitet hatte. Den letzten Erfolg der alten Wissenschaft nannte er diese Entdeckung, den letzten Fortschritt, den nicht ein Expertenteam, sondern ein Einzelner mit Strebsamkeit, Fleiß, Zeit und viel Glück erzielt hatte.
Auch Chargaff selbst stammte noch aus dieser Zeit, und dass die Epoche der individuellen Exzellenz vorbei war, dass Wissenschaft nun eine wohlorganisierte Gruppendisziplin geworden war – eine „Versportlichung“ nannte er das –, erfüllte ihn mit kühlem Zorn. Vielleicht sei es heute effizienter, sagte er, aber damals sei alles grandioser gewesen, hätte mehr Stil gehabt, mehr Eleganz. Die Klage eines alten Mannes? Sicher. Doch niemand, der ihn persönlich erlebte, hätte anderer Meinung sein können.


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