Wer an der Universität den Kopf nicht nur in Bücher gesteckt hat, kennt das: den Ruf des Herrn Professors, die Sprechstunden für besonders, äh, begabte Studentinnen an außeruniversitären Örtlichkeiten durchzuführen; die Kollegin, die nach dem Einführungsproseminar zur Trabantin des Dozenten geworden ist; den Assistenten, der das Institutsfest gemeinsam mit einer Studentin verläßt, ohne besonders lautstark nachzufragen, ob vielleicht sonst noch jemand etwas trinken gehen möchte.
Dabei ist es keineswegs so, daß die Universitätslehrer, die die Objekte ihrer Begierde bevorzugt im studentischen Milieu rekrutieren, alle aussehen wie Heiner Lauterbach, der in der Verfilmung von Dietrich Schwanitz Bestseller "Der Campus" den Professor Hanno Hackmann spielt und nach einem Verhältnis mit einer Studentin der unheimlichen Allianz von Universitätspräsidenten, Studienabbrechern, Frauen- und Ausländerbeauftragten und ganz normal intriganten Kollegen zum Opfer fällt. Macht macht eben, wie wir von Frau Doktor Senger wissen, erotisch.
Untragbar wird es freilich dort, wo jemand seine Position mißbraucht. So wie jener Wiener Universitätsprofessor, dessen Machenschaften - seit jeher ein offenes Geheimnis - Anfang der neunziger Jahre öffentlich wurden, nachdem eine der Studentinnen, in die er sich zu "verlieben" pflegte, es nicht beim verschämten Schweigen oder beim inszenierten Selbstmordversuch belassen und die zuständige Dienststelle informiert hatte. Immer wieder hatte der Mann im gesetzten Alter Studentinnen animiert, doch bei ihm ihre Diplomarbeit zu schreiben. War er der Betreffenden überdrüssig, erklärte er sich für befangen, und die Diplomandinnen standen mit ihrer unvollendeten Arbeit wieder alleine da. Als der Beschuldigte im Verlauf des Disziplinarverfahrens (in dem ihm übrigens allenfalls das gesetzeswidrige außeruniversitäre Zusatzeinkommen, nicht aber die sexuelle Nötigung zum Verhängnis geworden wäre) einsah, daß auf Solidarität nicht zu hoffen war, kündigte er.
Der studentische Alltag ist freilich von anderen Problemen geprägt und die hantige Institutssekretärin gefürchteter als der grapschende Professor. Hauptsächlich sei sie mit Fragen des Studienrechts und der Studienförderung konfrontiert, erklärt Studierendenbeauftragte Susanne Buck. Lediglich ein einziger Fall des Vorwurfs sexueller Belästigung sei ihr untergekommen. Zudem, so meint sie, sei in den großen Studienrichtungen einer "Massen"-Universität der Kontakt zwischen Lehrenden und Studenten ohnehin nicht so eng.
Auch Elisabeth Holzleithner, Assistentin am Institut für Rechtsphilosophie und Rechtstheorie, befaßt sich als Vorsitzende des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen an der Universität Wien weniger mit sexueller Belästigung als damit, die Diskriminierung von Frauen in Personalangelegenheiten, z.B. bei Berufungsverfahren, zu verhindern. Seit 1993 stehen dem drei Jahre zuvor im Universitätsorganisationsgesetz verankerten Arbeitskreis auch Rechtsmittel zu Gebote, die von der inneruniversitären Einspruchsmöglichkeit bis zur Aufsichtsbeschwerde an den Wissenschaftsminister reichen. Wenn möglich versuche man aber, so Holzeithner, durch erneute Einberufung der Kommission im universitären Organ selbst zu einer Einigung zu kommen. Immerhin verzögert die Beanspruchung eines Rechtsmittels das Verfahren um ein halbes bis zu einem ganzen Jahr, und so gibt es jährlich auch nicht mehr als vier bis sechs Einsprüche und etwa zwei Aufsichtsbeschwerden.
Im Kino, wo "Der Campus" durch die buchstabengetreue Visualisierung des Schwanitzschen Rundumschlags noch um einiges drastischer wirkt, bestätigt die Polemik wider eine verknöcherte Universität und eine hysterische Political Correctness vor allem diejenigen, die immer schon gewußt haben, daß das nix sein kann mit den Studenten heute und dem Feminismus. Den Roman selbst, so erzählt Holzleithner, habe sie mit großem Amüsement und einigen Déjà-vu-Erlebnissen gelesen: "Ich habe mich durch die Darstellung der Frauenbeauftragten auch nicht durch den Kakao gezogen gefühlt."
Die Möglichkeit einer Intrige nach dem Muster von "Campus" stellt Holzleithner in Abrede: "Die einzige Möglichkeit, eine solche Arbeit zu machen, ist, sie skrupulös zu machen, das heißt, sehr genau zu recherchieren. Andernfalls würde man Gefahr laufen, sich den mühsam aufgebauten Ruf einer fairen Vorgangsweise wieder zu ruinieren." Ein Problem, das auch im Roman zur Sprache kommt, kennt Holzleithner aber sehr genau: Will die Berufungskommission einen Kandidaten unbedingt durchsetzen, sollen Kandidatinnen erst gar nicht mehr auf die Liste des Dreiervorschlags gesetzt werden - aus Angst, der Wissenschaftsminister würde auf jeden Fall die weiblichen Bewerber berufen.
Der Import der Political-Correctness-Debatte geschieht naturgemäß aus unterschiedlichen Motiven. Wobei die Gruppe derjenigen, die diese US-amerikanischen "Errungenschaften" von der strengen Kodifizierung der Sexualität ("Darf ich meine Hand auf Ihre Schulter legen?") bis zu bizarren Sprachregelungen ("verhaltensoriginell") eins zu eins übernehmen wollen, wohl marginal ist. So wird P.C. zu einem Popanz in den Händen derer, die bestimmte Machtstrukturen nicht angetastet wissen möchten. Auch wenn Schwanitz mit seinem Roman die anglo-amerikanische Tradition der Campus Novel erfolgreich aufgegriffen hat, bleibt festzuhalten, daß es die US-amerikanische Campus-Universität bei uns ebensowenig gibt wie eine breite Diskussion der Curricula (indianische Epen statt Shakespeare) oder eine ethnische Herkunft und sexuelle Präferenzen berücksichtigende Quotierung.
Um einer Hysterisierung und dem "Tugendterror", den die politische Rechte neuerdings
gerne ins Treffen führt, entgegenzuwirken, empfiehlt es sich, die Dinge möglichst genau beim Namen zu nennen. Schließlich ist etwa sexuelle Nötigung kein Privileg von Universitätsprofessoren und hat auch nicht notwendig mit deren politischen Ansichten und fachlicher Qualifikation zu tun.
Schwanitz hat in zahlreichen Interviews die 68er und Nach-68er für deren "Neigung zum Sündenbockfinden" kritisiert und sich über die muffige Freudlosigkeit ganzer Studentengenerationen verwundert gezeigt. Da ist schon was dran: The Culture of Complaint (also die Kultur des Jammerns), wie es Amerikas streitbarer Kunst- und P.C.-Kritiker Robert Hughes nennt, fördert weder die Konfliktfähigkeit noch die Lebenslust. Der berühmte Fall der amerikanischen Studentin, die sich sexuell belästigt fühlte, weil ihr ein Professor zu ihrem neuen Blazer gratuliert hatte, ist ein abschreckendes Beispiel für die Hysterisierung der Beziehung zwischen den Geschlechtern. Andererseits sollte es auch an Universitäten möglich sein, Umgangsformen zu finden, die irgendwo zwischen Autoritätsmißbrauch und Kumpelhaftigkeit liegen.
Würde Elisabeth Holzleithner das Sakko eines Studenten lobend erwähnen? "Das würde ich nicht tun - aufgrund der hierarchischen Strukturen und meines Selbstverständnisses. Für mich ist völlig klar, daß ich hier Distanz wahre." Im übrigen hält sie sich auch an den Vorschlag, in der Sprechstunde die Tür offenzulassen - "damit man sich keinem Verdacht aussetzt".
Die Studierendenbeauftragte Dr. Susanne Buck ist telefonisch unter Tel. 531 20-7784,
die Gleichbehandlungsbeauftragte Mag. Elisabeth Holzleithner unter Tel. 42 77-35804 zu erreichen.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.


