Univ.-Prof. Dr. Ina Wagner ist Leiterin der Abteilung für Computer Supported Cooperative Work (CSCW) an der Technischen Universität Wien und Vorstand des Instituts für Gestaltungs- und Wirkungsforschung. Zu ihrem Tätigkeitsfeld zählt unter anderem die Integration sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse in das Studium und Praxis der Informatik sowie verwandter Fächer.
From: Ina Wagner <iwagner@pop.tuwien.ac.atgt;
To: Peter.Iwaniewicz@blackbox.at
Date: Fri, 06 Mar 1998 16:46:21 +0100
Subject: Re: Interview
> Frau Professorin Wagner, wie männlich ist die Alma mater?
Der Lehr- und Forschungsbetrieb einer Technischen Universität ist ziemlich ausschließlich männlich geprägt. Gleichzeitig ist es schwierig, dies im Alltagsleben dingfest zu machen. Frauen werden selten direkt "bekämpft" - es sind ja auch nur wenige, und sie "beleben" das Bild. Doch fühlen sie sich fremd. Dies liegt weniger an den Lehrinhalten (die meisten Frauen studieren ein technisches Fach, weil sie sich dafür interessieren, und nicht unbedingt, weil sie es von innen verändern wollen), obwohl ein Mehr an kritischen Perspektiven der Technik guttun würde. Ungleichbehandlung wird vor allem bei mündlichen Prüfungen spürbar, in der "klassischen" Erwartung, daß Frauen mehr können müssen.
> Wie erleben Sie den universitären Alltag?
Ein Problem ist die körperliche Überpräsenz von Personen in Anzug und Krawatte sowie die fast ausschließlich männliche Form des Redens (von künftigen Assistenten und Professoren wird ausschließlich in der "Er-Form" gesprochen). Obwohl ich daran seit der Zeit meines Physikstudiums gewöhnt sein sollte, fühle ich mich in Sitzungen immer noch vereinzelt und beengt.
Eine weitere Barriere entsteht aus der Tatsache, daß die Perspektive "von außen" es uns Frauen leicht macht, stillschweigende Vereinbarungen und "Tabus" durch einfaches Aussprechen öffentlich zu machen. Das verärgert und bedroht Männer, die an Vorverhandlungen am Biertisch gewöhnt sind.
> Wie könnte man in Zukunft die Positionen von Frauen an den Universitäten unterstützen?
Trotz ihrer Studienerfolge ist es für Frauen schwer, in das System der ohnehin knappen Planstellen einzudringen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ausschlaggebend dürfte sein, daß man/frau bereits während des Studiums an einem Institut Fuß gefaßt und sich inhaltlich in einen seiner/ihrer Themenschwerpunkte eingearbeitet haben muß, um überhaupt für eine dieser Stellen in Betracht gezogen zu werden. "Mentoring" und das Ansammeln informeller "Credentials" schließen Frauen derzeit aus, könnten aber auch umgekehrt in gezielte Maßnahmen zur Förderung von Frauen umgewandelt werden. Dies ist umso notwendiger, als die Studentinnenzahlen in technischen Studienrichtungen europaweit abnehmen.
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