Startseitefaltershop - Buch Musik FilmAbo ServiceTop-Storiesheureka WissenschaftsmagazinTier der WocheNewsletterMediadatenImpressum
Event ProgrammKino ProgrammLokalführer WienFeste feiernBest of Viennacreation/productionReparaturführer WienBio-Guide

UNIV.-PROF. DR. SCHWEINEBERG

PERSONALPOLITIK Seit Oktober 1997 dürfen sich habilitierte Assistenten "außerordentliche Universitätsprofessoren" nennen. Polemisches eines Betroffenen. CHRISTIAN FLECK

Unbemerkt von der Öffentlichkeit, zementierten jüngst in seltener Gemeinsamkeit Standesvertreter und Ministerialbeamte die Personalstruktur der österreichischen Hochschulen bis weit ins nächste Jahrhundert hinein. Rund um das Jahr 2010 werden uralte, seit Jahrzehnten auf demselben Dienstposten sitzende und mit der weltweiten wissenschaftlichen Entwicklung nicht mehr vertraute Universitätsprofessoren die künftige Generation ausbilden.
Die Ursache für diese institutionelle Sklerose liegt in einem Phänomen begründet, das erstsemestrigen Studenten der Wirtschaftswissenschaften als das Problem des Schweinebergs veranschaulicht wird: Wenn mangels ausreichenden Angebots der für Schweine zu zahlende Preis in die Höhe geht, haben Produzenten einen starken Anreiz, ihre Schweinezucht auszuweiten - mit dem Resultat, daß nach kurzer Zeit ein Überangebot an Schweinen die Preise wieder fallen läßt.
Ähnliche Zyklen sind in der Akademikerproduktion der letzten beiden Jahrhunderte wohldokumentiert. Im Unterschied zu Schweinen leben Universitätsprofessoren allerdings länger.
Der Ausbau der Universitäten erfolgte in den sechziger Jahren durch Neugründungen und durch eine starke Ausweitung der Universitätsassistenten. Anfang der siebziger Jahre wurde der "außerordentliche Universitätsprofessor neuen Typs" erfunden, angeblich um die drohende Abwanderung qualifizierter Nachwuchskräfte zu verhindern. Nahezu über Nacht wurden aus habilitierten Assistenten Professoren: anfangs ohne Ausschreibungsverfahren und ohne irgendeinen Wettbewerb unter den Bewerbern.
Später schrieb man die Stellen wenigstens aus, aber da alle Beteiligten wußten, für wen die jeweilige Stelle "vorgesehen" war, gab es fast immer nur einen Bewerber. Einziger Wermutstropfen für die Aufsteiger: die ao. Prof.s bekamen weniger bezahlt und hatten keine Lehrkanzel. Das Durchschnittsalter der Ernannten lag um die 30. Die meisten der damals Beförderten sitzen noch heute auf derselben Stelle.
Die Nächstgeborenen hatten es schwerer; der Aufstieg bis zum ao. Prof. war ihnen verwehrt. Aber Assistentenposten konnten sie bis in die achtziger Jahre hinein erobern. Dort blieben sie dann stecken, weil über ihnen keine Stellen mehr frei waren. Nach zehn Jahren durften sie ihre Visitkarten mit dem längst verblichen geglaubten "tit. ao. Professor" schmücken und konnten sich damit trösten, daß Sigmund Freud einst auch nicht mehr war.
Während viele "Mittelbauer" im Laufe der Jahre wissenschaftlich resignierten, haben einige nicht aufgegeben: Sie beherrschen Fakultätskollegien, Personalkommissionen, die Hochschullehrergewerkschaft und den Dozentenverband und erfanden dort etwas - einen neuen Titel: habilitierte Assistenten dürfen sich seit Oktober 1997 "außerordentliche Universitätsprofessoren" nennen.
Der akademische Schweineberg wurde dadurch nicht kleiner. Die studentischen Konsumenten werden keineswegs durch fallende Preise kompensiert, sondern haben wegen der sinkenden Qualität ansteigende Kosten. Die Ministerialbürokratie und die zur Karikatur ihrer selbst mutierte Gewerkschaft spielen mit. Planerische Kurzsichtigkeit und eine frivole Politik des "last hired - first fired" führen dazu, daß zwar alle, die schon drinnen sind, versorgt werden, aber Forschung und Lehre vor die Hunde gehen werden.

Dabei wäre ein Ausweg auch unter den ungünstigen Bedingungen eines Sparpakets durchaus möglich gewesen: Überproduktion gewöhnlicher Sachgüter bekämpfte man bislang mit Exportstützungen und Stillegungsprämien, auf ein Überangebot an Arbeitsplatzsuchenden reagiert man mit der Beschwörung der Flexibilisierung. Nichts davon wird auch nur diskutiert, wenn es um beamtete Hochschullehrer geht. Ein paar von diesen Maßnahmen würden den Universitäten allerdings nicht schaden. Warum sollten notorische Minderleister nicht "stillgelegt" werden? Warum sollten Mobilitätsbereite nicht einen Bonus bekommen?
Statt durch Ministerialerlaß alle Betroffenen mit einem neuen Titel zu versehen, hätte man eine beschränkte Anzahl der Stellen ausschreiben und im Wege eines Wettbewerbs besetzen können (nebenbei hätte man gute Institute belohnen und schlechte durch Personalentzug bestrafen können).
Unterm Strich hätte das keinen Schilling an Mehrkosten verursacht. Die Erfolgreichen hätten den Beweis in Händen, daß sie kraft ihrer Fähigkeiten etwas wurden und nicht nur deswegen zu Universitätsprofessoren aufsteigen, weil sie durch den Zufall des Geburtsjahres einst eine Stelle erhalten haben und ihre Standesvertreter all ihre Kreativität darauf verwenden, Titel statt Erkenntnisse zu finden.

Christian Fleck ist Universitätsdozent für Soziologie in Graz und seit Oktober 1997 nolens volens außerordentlicher Universitätsprofessor.

2010 © Falter Verlagsgesellschaft mbH
E-Mail: CP-Redaktion, Marketing, Webmaster
Impressum