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LIBERTÉ, EGALITÉ, UNIVERSITÉ

FRANKREICH Das französische Hochschulsystem ist grundlegend anders organisiert als das österreichische: Universitäten sind dort im Vergleich mit den Grandes Ecoles zweite Wahl - und ein Fall für dringende Reformen. ROBERT TRIENDL

Toiletten, es fehlt selbst an Toiletten." So wurde mir vor ein paar Jahren die Situation an den französischen Universitäten beschrieben. Seither haben diese eine Reihe von Reformpaketen verordnet bekommen - die meisten davon unter dem Eindruck massiver Proteste von Studenten und Professorenschaft. Aber an der grundlegenden Situation der französischen Universitäten hat das nur wenig geändert.
In Frankreich studieren all jene an der Universität, die es nicht geschafft haben, sich einen Platz in einer der elitären Grandes Ecoles zu erkämpfen, jenen kleinen Eliteschulen, deren Abgänger nahezu alle wichtigen Positionen in Industrie und Verwaltung besetzen. Aber auch in der Forschung meint Universität oft nur zweite Wahl. Forschung wird in Frankreich nach wie vor von den nationalen "Forschungsorganismen" beherrscht, vor allem vom staatlichen Forschungszentrum CNRS, das nahezu alle Bereiche abdeckt, über das kleinere, für medizinische Forschung zuständige INSERM bis hin zur mächtigen Atomenergiekommission CEA.
Eine Position als hauptberuflicher Forscher erleichtert den Zugriff auf die wichtigsten Ressourcen wissenschaftlicher Produktion: Zeit und Geld. Eine universitäre Position erschwert allenfalls den Zugang zu Forschungsgeldern und bringt beträchtliche Lehrverpflichtungen mit sich; letztere schwanken zwischen 70 und 100 Stunden pro Semester für angesehene Pariser Universitäten und können bis zu 300 Stunden für Provinz- oder Vorstadtuniversitäten umfassen. Für Forschung bleibt da nur mehr wenig Zeit. Hauptberufliche Wissenschaftler unterrichten hingegen selten.
Diese Dualität im französischen Hochschulbereich hat Tradition. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts werden die französischen Eliten nicht an Universitäten, sondern an spezialisierten Ingenieurschulen ausgebildet. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Die Grandes Ecoles haben in den letzten Jahrzehnten allenfalls noch an Bedeutung gewonnen. Claude Allègre, ein bekannter Geophysiker und seit Mitte letzten Jahres Minister für Erziehung, Forschung und Technologie, hat sich vorgenommen, diese Situation von Grund auf zu ändern. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hat er den ehemaligen Mitterrand-Berater Jacques Attali mit einer Studie zur Reform der Grandes Ecoles beauftragt.
Insbesondere will Allègre die Aufnahmekriterien der Grandes Ecoles neu regeln und so die Konkurrenz zwischen Universitäten und Grandes Ecoles anregen. In den Universitäten wird nach wie vor radikale Gleichheit propagiert. Gegen jede Art von Auswahl protestieren Studenten wie Professoren heftig.
Die zunehmende Akademikerarbeitslosigkeit spielt hingegen den Grandes Ecoles in die Hände. Denn seit gut zehn Jahren dürfen ausgewählte Grandes Ecoles - so etwa die Ecole des Mines und die Ecole Politechnique - nämlich ohne Beihilfe einer Universität den Doktortitel vergeben. Wer etwa nach einem naturwissenschaftlichen oder technischen Doktorat in die Industrie will, ist gut beraten, seine Dissertation nicht an einer Universität einzureichen.
Verfügen doch die Grandes Ecoles über viel bessere Kontakte zum industriellen Milieu - und auch über die Möglichkeit, ihren Studenten eine CIFRE zu vermitteln, eine Art industriefinanziertes Stipendium mit ausgedehnten Forschungspraktika in einem Unternehmen. Letzteres gilt praktisch als Garantie für eine spätere Anstellung in der Industrie.

Auch die Zusammenarbeit zwischen den Universitäten und den nationalen Forschungsorganismen will Allègre neu definieren. Sieht man von einigen wenigen research universities ab, etwa Grenoble oder Compiègne im Norden von Paris, so ist die Rolle der Universitäten in der naturwissenschaftlichen Forschung in Frankreich eine eher bescheidene. Allerdings sind die Grenzen zwischen Universitäten und nationalen Forschungsorganismen fließend. Viele Universitätslabors verfügen über eine Art Affiliation zu einem oder mehreren dieser Organismen. Das bringt wichtiges Forschungspersonal und erleichtert den Zugang zu Forschungsgeldern, aber auch zu technischen Ressourcen und diversen Serviceleistungen.
Seit ein paar Jahren müssen solche Affiliationen in einem Vertrag zwischen dem Ministerium, den Universitäten und dem involvierten Forschungsorganismus geregelt werden. Glaubt man einem Report, den Claude Allègre in Auftrag gegeben hat, so ist das Verhältnis ein äußerst gespanntes. Komplexe vertragliche Regelungen haben in vielen Fällen zum bürokratischen Chaos geführt.

Robert Triendl war Mitarbeiter an der Ecole des Mines in Paris und ist zur Zeit am Mitsubishi Kasei Institute of Life Sciences in Tokio beschäftigt. Er hat u.a. für die Zeitschriften "Nature" und "La Recherche" über Wissenschaftspolitik in Japan und Südostasien berichtet.

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