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VORBILD AMERIKA?

USA Die Diskussion um die mögliche "Amerikanisierung" der europäischen Universitäten ist von vielen falschen Vorstellungen geprägt. Realistische Vergleiche zwischen hüben und drüben lohnen sich jedoch allemal. MITCHELL G. ASH
STUDIEREN IN DEN USA: Das Fulbright-Programm

Neuerdings ist zunehmend von einer "Amerikanisierung" der Universitäten die Rede: Abwechselnd wird sie befürchtet, befürwortet, für unmöglich erklärt oder selektiv empfohlen. Dabei werden Paradies- oder Schreckensbilder aus den Vereinigten Staaten je nach politischem Gusto in die Diskussion eingebracht. "Amerika, du hast es besser", hat Goethe einmal geschrieben. Die USA haben es nicht unbedingt besser, aber allemal anders. Trotzdem könnte ein Blick auf die dortigen Universitäten nützlich sein - es kommt allerdings darauf an, wohin man schaut.
Kaum ein Artikel über amerikanische Universitäten erscheint ohne ein Bild von einem parkähnlichen Campus mit efeuumrankten Gebäuden. Das ständige Schielen auf Harvard, Stanford oder andere Eliteuniversitäten ist aber irreführend. Darin kommt vor allem das Wunschdenken derjenigen zum Ausdruck, die durch den Verweis auf diese Eliteuniversitäten auch hier "mehr Elite" wollen. Es geht aber an der Wirklichkeit des Steuer- und Stiftungsrechts in diesem Teil Europas vorbei, wenn man so tut, als könnte man jemals ein derartiges Kapital akquirieren, wie es diesen Hochschulen zur Verfügung steht. Selbst in den USA denkt allein aus Kostengründen kaum einer mehr daran, eine private Universität aus dem Stand zu gründen.
Statt wie gebannt auf die Eliteunis zu starren, wäre es allemal realistischer, sich die großen staatlich geförderten Universitäten der USA wie Wisconsin, Michigan oder Berkeley anzuschauen. Obwohl diese Hochschulen von Zehntausenden Studenten besucht werden, gehören sie zu den führenden Forschungsuniversitäten der USA. Hohe Studentenzahlen, hohe Ausbildungsqualität und hochwertige Forschungsleistungen können also durchaus kompatibel sein. Die häufig vorgenommene Gleichsetzung von Massenuniversität und Qualitätsverlust ist falsch: Das Qualitätsgefälle ist vielmehr sowohl unter den staatlich geförderten als auch unter den privaten Universitäten der USA sehr hoch.
In der gegenwärtigen Diskussion ist von "mehr Autonomie" die Rede; dabei wird auch in diesem Fall neidvoll auf das US-amerikanische Beispiel geblickt. Wesentliche Unterschiede hinsichtlich der Finanzierungsformen und der rechtlich und politisch bedingten administrativen Strukturen werden aber häufig außer acht gelassen. Die US-amerikanischen Privatuniversitäten z.B. sind finanziell und juristisch niemandem außer sich selbst verantwortlich. So viel Freiheit wünscht sich hier wohl keiner der Diskussionsbeteiligten!

Wenn allerdings etwas aus dem US-amerikanischen Beispiel für die hiesige Diskussion zu lernen wäre, dann dieses: Autonomie heißt Mischfinanzierung. An den staatlich geförderten Universitäten der USA werden gegenwärtig nicht einmal die Hälfte, in vielen Fällen sogar nur ein Viertel der laufenden Kosten unmittelbar aus den Etats der jeweiligen Bundesländer bezogen. Der Rest setzt sich aus Drittmitteleinwerbungen (vornehmlich, aber nicht ausschließlich aus den Fonds der US-Bundesregierung), dem (nur leicht subventionierten) Verkauf von Dienstleistungen wie z.B. dem Mensaessen oder der Zimmervermietung in Uni-eigenen Hotels, Spenden von den vielen ehemaligen, der "Alma mater" dankbaren Absolventen, Mäzenen oder von Firmen sowie aus Studiengebühren zusammen.
Die Nachteile einer derartigen Mischfinanzierung - vor allem die Kosten eines teuren Fundraising-Apparats und die Möglichkeit einer Einflußnahme durch reiche Geldgeber - werden dabei in Kauf genommen. Denn die Vorteile in bezug auf die Hochschulautonomie sind kaum zu leugnen. Es gibt keine bessere Abwehrmöglichkeit gegen Eingriffe von staatlicher Seite als den Hinweis darauf, daß man auch andere Finanzierungsquellen hat.
Die hohen Studiengebühren an den amerikanischen Eliteuniversitäten werden allzugerne als Totschlagargument gegen Studiengebühren jedweder Art ins Feld geführt. Auch die staatlich geförderten Universitäten der USA verlangen hohe Gebühren von Studenten, die aus anderen Bundesstaaten kommen, und als moderat angesehene Gebühren für "Studien-Inländer". Doch tut dies dem studentischen Andrang keinen Abbruch. Denn die Studierenden wissen sehr wohl, daß sie mit ihrem Geld bessere Chancen im späteren Leben erwerben und bei guten Studienerfolgen auch mit Stipendien rechnen können.
Die Sorge um einen sozial gerechten Hochschulzugang ist auch in den USA groß. Doch geht es hier im Grunde um etwas anderes, und zwar um die grundsätzliche Frage, ob höhere Bildung ein öffentliches oder ein privates Gut ist. In Österreich wird zwar gegenwärtig eine Lockerung bürokratischer Kontrolle angestrebt, Bildung aber weiterhin als öffentliches und daher vom Staat voll zu finanzierendes Gut verstanden.
Wie dieses Prinzip mit der immer häufiger vertretenen, ebenfalls aus den USA importierten Auffassung von Studierenden als zufriedenzustellende "Kunden" zu vereinbaren ist, bleibt allerdings unklar. Polemische Verweise auf die horrenden Studiengebühren an den amerikanischen Privatuniversitäten lenken nur von der Diskussion dieser Grundsatzfrage ab.

Die in Österreich zur Zeit sehr emotional geführte Auseinandersetzung über die Evaluation von Lehre und Forschung und die Vorschläge einer Leistungskontrolle von außen ruft unter US-Amerikanern nur Schmunzeln hervor, gehört dies doch seit Jahrzehnten zum dortigen Alltag. Zwar kommen diesbezüglich auch in den USA Absurditäten vor. So wird z.B. um "Rankings" derart heftig gestritten, daß man sich an athletische Wettkämpfe und die in den USA allgegenwärtigen sportlichen Leistungstabellen erinnert fühlt. Zugleich gibt es aber auch die gegenläufige Tendenz, alle Leistungen gleich wunderbar zu finden und damit die "Rankings" ad absurdum zu führen.
Früher oder später lernt jedes neue Fakultätsmitglied an einer US-amerikanischen Universität, wie die Evaluierungsbögen der Studierenden einzuschätzen sind. Dasselbe gilt für die Empfehlungsschreiben und Gutachten von Professoren, die bei allen Stellenausschreibungen und Beförderungen herangezogen werden, sowie für die Effizienzbeurteilungen der Wirtschaftsprüfer, die inzwischen auch zum Hochschulalltag gehören.
Zur Zeit wird in Deutschland eine Stärkung der autonomen Universitätsverwaltung angestrebt, damit diese eine leistungsbezogene Verteilungspolitik durchsetzen kann. Auch hier wird über den Atlantik geschaut und der Mythos des "starken Dekans" bemüht. In der Tat können amerikanische Dekane, die wie in Österreich auf mehrere Jahre gewählt sind, Prioritäten setzen, Innovationen belohnen und z.T. erhebliche Umverteilungen der Lehr- und Forschungsmittel bewerkstelligen.
Dennoch sind den Auswirkungen dieser Instrumente enge Grenzen gesetzt. Sehr selten werden beispielsweise neue Fakultätsmitglieder entgegen den Wünschen des Departments ernannt, noch seltener werden leistungsschwache Kollegen abberufen. Trotz verbreiteter Vorstellungen hierzulande sind die meisten US-amerikanischen Professoren unbefristet angestellt und damit ebenso unkündbar wie die hiesigen Beamten.
Interessanterweise werden gerade in Hinblick auf die grundlegende Frage nach dem Sinn und Zweck von Universitäten um die Jahrtausendwende die US-Universitäten nicht als mögliches Vorbild wahrgenommen. Meiner Meinung nach ist das bedauerlich. Dort werden nämlich die Studierenden in den Mittelpunkt gestellt und die im studentischen Alter ohnehin anstehende Selbstfindung als Bestandteil des Bildungskonzepts begriffen. Unter anderem deshalb gibt es an allen US-amerikanischen Universitäten teuer erbaute Sport- und Kultureinrichtungen.
Die hochschulpolitische Diskussion auf dieser Seite des Atlantiks konzentriert sich hingegen auf die berufsbezogene Ausbildung und deren effizientere Umgestaltung. Daß dies wenigstens für die Geisteswissenschaften angesichts der um sich greifenden Akademikerarbeitslosigkeit eigentlich noch wenig Sinn hat, wird zwar gelegentlich bemerkt, doch werden daraus keine tiefgreifenden Konsequenzen gezogen. In den USA werden statt dessen die Allgemeinbildung und die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen als Werte an sich betrachtet und Absolventen der "liberal arts" z.B. auch bei Banken gern eingestellt, weil sie flexibel und lernfähig sind.

Bleiben einige Schlußfolgerungen. Wer also von "den" amerikanischen Universitäten spricht, projiziert nur einen Hang zur Verbürokratisierung und zur Verrechtlichung auf andere Kulturen. Übersehen werden dabei gerade die Vielfalt, die pragmatische Flexibilität und die Multifunktionalität, die die eigentliche Stärke der amerikanischen Hochschulen ausmachen. Wenn man also ernsthaft daran interessiert ist, sich von US-amerikanischen Beispielen anregen zu lassen, sollte man Äpfel mit Äpfeln vergleichen und sich nicht die Elite-, sondern die staatlich geförderten Universitäten genauer anschauen.
Wer an den hiesigen Universitäten wirklich etwas bewirken will, sollte für eine echte Autonomie plädieren. Gemeint sind nicht nur Globalhaushalte, sondern auch die rechtlich gesicherte Fähigkeit, über einen Sockelbetrag vom Staat hinaus auch außerstaatliche Gelder einzuwerben und eigenständig zu verwalten. Daß solche Vorschläge in Österreich zur Zeit von der Industriellenvereinigung unterbreitet werden, sollte meines Erachtens nicht abschrecken. In den USA steht die Mehrheit der Lehrenden im politischen Spektrum eher links von der Mitte, und auch linke Professoren leben nicht schlecht mit der Mischfinanzierung.
Viele Dilemmata der hiesigen Universitäten existieren in nur leicht veränderter Form auch in anderen entwickelten Industrieländern. Internationale Vergleiche und gegenseitiges Lernen sind deshalb erforderlich und auch wünschenswert. Aber Stereotypen, Pauschalierungen und Klischeebilder, die letztendlich nur Gruppen- und Standesinteressen zum Ausdruck bringen, verhindern dieses gegenseitige Lernen.

Mitchell G. Ash ist seit Ende 1997 o. Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Wien. Er hat an der Harvard University und der University of Iowa unterrichtet. Als Doktorand, Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin und als Gastprofessor hat er insgesamt mehr als zehn Jahre in Österreich und Deutschland verbracht.
1997 erschien ein von Ash herausgegebener, englischsprachiger Sammelband zu Geschichte und Gegenwart der deutschen Universitäten; eine deutsche Fassung ist in Vorbereitung.

STUDIEREN IN DEN USA: Das Fulbright-Programm

Es war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als der US-amerikanische Senator J.W. Fulbright das nach ihm benannte Austauschprogramm als "Brücke zwischen den Völkern" initiierte. Heute ermöglicht es Studierenden aus 148 Ländern Studienaufenthalte in den USA und im Gegenzug US-amerikanischen Hochschülern selbiges im Ausland. Seit 1950 besteht das Fulbright-Programm auch in Österreich und verhalf bisher rund 3000 Österreichern zu einem Studien- oder Forschungsaufenthalt in den USA - umgekehrt kamen 2000 US-Amerikaner nach Österreich.
Die Kosten dafür teilen sich die Republik Österreich und die Vereinigten Staaten. Die Fulbright-Kommission übernimmt die Information, die Auswahl der Stipendiaten und die Vermittlung der Studienplätze. Für die Fulbright-Studienstipendien können sich Studierende zwischen 15. April und 15. Juli für das übernächste Studienjahr bewerben. Die besten Bewerber werden im Oktober zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Sie sollten ihr Studium spätestens bis 1. April des nächsten Jahres abgeschlossen haben.
Englischlehrer sowie Studierende im 2. Studienabschnitt (Fächer Englisch und Deutsch als Fremdsprache) können sich für die German Language Assistantships bewerben (im Oktober und November für das folgende akademische Jahr), um an einem Germanistik-Institut einer US-amerikanischen Hochschule zu arbeiten. Höchstalter ist jeweils 30 Jahre.
Zudem vergibt auch das Wissenschaftsministerium Stipendien (maximal zwei Jahre) für ein Post-Graduate-Studium an einer Universität in den USA von monatlich bis zu 12.000 Schilling (plus Zuschuß zu den Studiengebühren). Neben der österreichischen Staatsbürgerschaft, Allgemeinbildung und Sprachkenntnissen bedarf es vor allem eines gut begründeten Studienvorhabens für den Auslandsaufenthalt. Höchstalter ist 35 Jahre, Bewerbungen können bis zum 1. Februar für das folgende akademische Jahr eingereicht werden.

Weitere Informationen, auch zu anderen Studien- und Forschungsmöglichkeiten in den USA, unter http://www. oead.ac.at/Fulbright/ oder direkt bei der Fulbright-Kommission: 8., Schmidgasse 14, Tel. 313 39 73-2685 od. -2629.

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