Als "Geisteskartelle" hat der amerikanische Kulturhistoriker Ivan Hall die japanischen Universitäten bezeichnet: als Hochburgen, in denen der Geist nur nach vorher abgesprochenen Regeln wehen darf. Tatsächlich erinnern japanische Hochschulen mitunter an eine kafkaeske Welt, in der sinnlose bürokratische Regeln alles andere regieren.
Abgesehen vom Sonderfall Medizin waren die Universitäten im Nachkriegsjapan weniger dazu da, Wissenschaftler heranzubilden. Viel eher dienten und dienen die Universitäten als Zulieferer von Humankapital für die Wirtschaft. Dieser inoffizielle Kontrakt zwischen den Hochschulen und der Industrie besteht seit Anfang der sechziger Jahre und hat wie kaum etwas anderes die japanische Hochschulwelt geprägt.
Das heißt aber noch lange nicht, daß den Studierenden deshalb eine besonders berufsorientierte Ausbildung zuteil wird - im Gegenteil: Denn dafür sind die Unternehmen selbst zuständig. Die Universitäten fungieren vielmehr als Selektionsbarrieren. Ausgewählt wird allerdings nur beim Universitätseintritt; die Abschlußprüfung ist meist nur eine Formsache. Die elitäre Spitze der florierenden Hochschulindustrie bilden knapp hundert staatliche Universitäten zusammen mit ein paar privaten Institutionen. Die Ausbildung ist kapitalintensiv; entsprechend ist das Hochschulsystem ein lukratives Geschäftsfeld.
Die Tatsache, daß die Hochschulen in Japan den weitaus größten Teil staatlicher Forschungsgelder verschlingen, paßt da schlecht ins Bild. Glaubt man den Statistiken der OECD, so ist in kaum einem anderen Industriestaat der Anteil der Universitäten am zivilen Forschungsbudget so hoch wie in Japan - von Österreich einmal abgesehen. Allerdings wurden universitäre Forschungsgelder über Jahrzehnte hinweg in kleinsten Dosierungen und so ineffizient wie nur irgendwie möglich über eine Vielzahl von Abnehmern gestreut. Spitzenforschung war damit nicht zu machen.
Erst in den letzten Jahren versuchte man Schwerpunkte zu setzen. Ein 1995 verabschiedetes "Grundgesetz" zielt auf eine breite Deregulierung der Universitäten ab - und ermöglicht erstmals Direktfinanzierungen auch durch andere Ministerien als das verantwortliche Unterrichtsministerium. Jüngste Versuche, strengere Evaluationsstandards für universitäre Forschung durchzusetzen - seit einigen Jahren sind staatliche Universitäten in Japan zu einer
Art Selbstevaluation verpflichtet -, wurden hingegen vom Unterrichtsministerium im Chor mit den Universitäten erfolgreich blockiert. Auch von mehr Autonomie will man in den Direktionen der staatlichen Hochschulen nichts wissen.
Die Forschungskooperation mit der Industrie - bisher nicht gerade eine Stärke der japanischen Hochschulen - soll hingegen forciert werden. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wird derzeit im japanischen Parlament diskutiert. Masahiro Kawasaki, Präsident der Science and Technology Corporation, einer der innovativeren Behörden in der wissenschaftspolitischen Arena, beobachtet das Vorhaben allerdings mit Skepsis: Zu stark seien die Widerstände innerhalb der Universitäten. Kawasakis Vorschlag: versuchsweise einmal eine Firma wie Toyota mit dem "Management" der Universität Tokio zu betrauen!
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.


