Wissenschaft braucht Bibliothek. Daran wird sich auch mit dem Aufkommen kommerzieller Datenbanken nichts ändern, wenn den Bibliotheken der Übergang vom Bücherhort zur multimedialen Informationsvermittlungsstelle gelingt. Die Breite ihres öffentlich zugänglichen Angebots, verbunden mit einem neuen Berufsverständnis des Bibliothekars, der sich zunehmend als Wissensmanager und Netzlotse begreift, sollte die Bibliotheken vielleicht sogar in stärkerem Maße als bisher unverzichtbar machen.
So weit die Theorie. Die Praxis in den Zeiten des Sparpakets sieht weniger rosig aus. Finanz-, Raum- und Personalmangel verfehlen ihre frustrierende Wirkung auch auf den Bibliotheksbenutzer nicht, der den Zustand der wissenschaftlichen Bibliotheken als Ärgernis empfindet: eingeschränkte Öffnungszeiten, lange Bestellzeiten, umständliche Literaturrecherche und endloses Ausfüllen von Entlehnscheinen. Die Misere gründet aber nicht nur in den Einsparungen der letzten Jahre, sondern hat geradezu Tradition. Sie ist vor allem strukturbedingt und somit kein reines Finanzproblem.
Da ist einmal der fehlende Kulturauftrag der Bibliotheken. "Es wird viel zuwenig Wert gelegt auf die Erhaltung des Kulturgutes", moniert Dr. Hans Marte, der Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB). Gegenreformation, Jesuitentheater und barocke Sinnlichkeit seien das historische Erbe. In Österreich dominiere ungebrochen die Darstellungskultur: Oper, Theater, Musik. Der Rohstoff des 21. Jahrhunderts sei aber das Wissen, und der drohe uns auszugehen. Selbst wenn man die Größenverhältnisse berücksichtigte, investierten Länder wie Frankreich oder Großbritannien ein Mehrfaches in ihre Nationalbibliotheken. "Hier schadet sich der Staat", warnt Marte. In dieselbe Kerbe schlägt auch Mag. Herwig Würtz, Direktor der Wiener Stadt- und Landesbibliothek (WStuLB): "Niemand fühlt sich in der Politik für die Bibliotheken zuständig. Es gibt nicht einmal eine Betreiberpflicht für die öffentliche Hand."
Als Verhandlungsmasse sind die Bibliotheken freilich gut genug. Der parteipolitische Proporz in Österreich prägt die Verwaltungsstrukturen auch im Bibliothekswesen. So wurde im Zuge der Regierungsumbildung Ende 1994 die ÖNB, die vorher mit den anderen Bibliotheken im Wissenschaftsministerium (BMWV) beheimatet war, im Austausch mit dem Kunstbereich der Museumssektion (!) des Unterrichtsministeriums zugeschlagen. Daß dies, selbst bei beiderseitigem gutem Willen, einen erhöhten Abstimmungsbedarf erfordert, gesteht Dr. Peter Seitz, der zuständige Abteilungsleiter beim BMWV, ein: "Ich kann nicht verhehlen, daß es jetzt mühsamer ist als vorher." Das war eben "eine Frage der politischen Verhandlungen". Ähnliche Trennungen gibt es auch auf Landesebene, etwa zwischen der WStuLB und den Städtischen Büchereien Wiens.
Die Bibliotheken sind aber nicht nur administrativ, sondern auch virtuell zersplittert. Zur Zeit sind 24 österreichische wissenschaftliche Bibliotheken im Bibliotheksverbund Bibos zusammengeschlossen. Es fehlen etwa die TU Graz, die Landesbibliotheken und die Bibliotheken der Ministerien, die zum Teil über eigene Systeme oder wie im Fall der Bibliothek der Arbeiterkammer (AK) Wien und der Landesbibliothek des Burgenlandes sogar über einen eigenen Verbund verfügen. Den Literatursuchenden zwingt dies zu einer Link-Tour im Netz. Vorbildlich ist lediglich die österreichische Zeitschriftendatenbank (OEZDB), die die Periodika von über 1000 österreichischen Bibliotheken erfaßt. Die OEZDB selbst ist aber wieder nicht in Bibos abfragbar.
Mehr Zentralismus würde not tun. Zum Vergleich: Im bayerischen Bibliotheksverbund (BVB) befinden sich 72 Bibliotheken (die der Universitäten und Fachhochschulen, die der Ministerien und anderer Institutionen sowie die Staats- und Stadtbibliotheken). Hier läßt sich durch eine Anfrage feststellen, ob und wo ein bestimmtes Werk vorhanden ist. In Bibos fehlen aber nicht nur Bibliotheken, das System selbst spottet jeglicher moderner Standards, der dazugehörige OPAC (Online Public Access Catalogue, d.h. die Literaturrecherche am Bildschirm) ist ein Opa. Und die Speicherkapazität von Bibos ist so gut wie ausgeschöpft, es droht der Stillstand.
Das hat auch sein Gutes, denn es zwingt zum Handeln. Ex oriente lux. Der Erlöser kommt zu Weihnachten aus dem Osten und heißt ALEPH (Automated Library Expendable Programme). Voraussichtlich zum Jahreswechsel 98/99 wird der österreichische Bibliotheksverbund auf das System der israelischen Softwarefirma Ex Libris umgestellt. Der neue OPAC soll endlich auch Funktionen des (bisher meist separierten) Entlehnsystems wie Bestellungen, Verlängerungen und Kontostandsabfragen anbieten. Auch die künstliche Trennung zwischen Periodika (OEZDB) und Monografien wird damit Geschichte. Peter Seitz erhofft sich eine "gewisse Eigendynamik" von der Einführung des neuen Systems, dessen Attraktivität sich dann auch die bisherigen Nichtmitglieder nicht verschließen werden.
Das beste Datenverarbeitungssystem ist freilich wenig wert, wenn nur ein Bruchteil der Daten gespeichert ist. In Bayern, wo man bereits in den siebziger Jahren mit der Datenerfassung begann und die Bestände bereits weitgehend digitalisiert hat, sind 9,7 Millionen Titel auf dem OPAC des BVB abrufbar, im OPAC von Bibos sind es gerade mal 2,1 Millionen Monografien (Stand jeweils Ende 1997). Da man in den meisten österreichischen Bibliotheken erst Ende der achtziger Jahre begonnen hat, die Neuerwerbungen elektronisch zu speichern, bleiben die alten Bestände erst mal nur über die herkömmlichen Kataloge zugänglich. Wünschenswert wäre die sogenannte retrospektive Konversion.
Macht man die Bestände online "sichtbar", steigen auch die Entlehnungen, denn das Suchen im Zettelkatalog sei unbeliebt, weiß Peter Svoboda von der Entlehnabteilung der UB der Wirtschaftsuniversität Wien. Die Digitalisierung ist aber eine Finanzierungsfrage. So hätte es ca. 180 Millionen Schilling gekostet, die sechs Millionen Karteikärtchen der ÖNB eintippen zu lassen. Statt dessen ist man auf die Katz gekommen: Für knapp sechs Millionen Schilling wurden alle Kärtchen eingescannt, und die Suchsoftware Kat-zoom ermöglicht nun das "Blättern" in den Karteikarten, was allerdings etwas mühsam ist. Aber immerhin ist nun eine Online-Recherche möglich. Einer zentralen elektronischen Erfassung der österreichischen Bestände ist man damit freilich noch nicht näher gekommen.
Bei der Universitätsbibliothek Wien (UBW) sieht es diesbezüglich düster aus. Im Bibos sind die Monografien erst ab 1989 erfaßt, für die Jahre davor (bis 1932) heißt es sowohl im Zettelkatalog der Hauptbibliothek als auch in dem der Institutsbibliotheken zu suchen. Ganz hart kommt es bei den Werken, die vor 1932 erworben wurden. Die sind - meist in hübscher altdeutscher Schrift - in über hundert alten Katalogsbänden aufgelistet. Bilanz: Nur etwa zehn Prozent der über 5,3 Millionen Bände der UBW sind elektronisch erfaßt. An eine retrospektive Konversion sei auch langfristig nicht zu denken, bedauert Hofrätin Dr. Ilse Dosoudil, Direktorin der UBW.
Daß die neuen Medien, on- oder offline, von den Bibliotheken gesammelt werden sollten, steht außer Frage. Aber während die ÖNB verpflichtet ist, alle in Österreich erschienenen Druckwerke - "vom Kirchenblättchen bis zur Pornografie" - zu sammeln, fehlt es nach wie vor an einer gesetzlichen Grundlage für eine Pflichtabgabe von CD-ROMs und anderen elektronischen Datenträgern. "Österreich ist ein Entwicklungsland, sogar die Slowakei hat ein moderneres Mediengesetz", stellt Hans Marte fest. Was in anderen Ländern bereits gang und gäbe sei, müsse den Politikern hier erst noch ins Bewußtsein gebracht werden: "Es gibt nicht einmal eine Ablieferungspflicht für audiovisuelle Medien." Die ÖNB hat deswegen die Hersteller aufgefordert, ihre CD-ROMs freiwillig abzugeben, was bei über dreißig von ihnen auf positive Resonanz gestoßen ist.
Dr. Herwig Jobst, Leiter der sozialwissenschaftlichen Dokumentationsstelle der AK Wien, macht die Nichtexistenz einer Politik im Bibliotheks- und Informationswesen vor allem daran fest, daß Österreich bis vor kurzem über keine Ausbildungsstrukturen (Studiengänge der Informationswissenschaft, Bibliothekarsschulen o.ä.) außerhalb der Bibliotheken, hier vor allem an der ÖNB, selbst verfügte. Die Ausbildung an der ÖNB hat zwar einen respektablen Ruf, ist aber für Herwig Jobst mit mehreren Einschränkungen versehen: "Sie ist primär an den großen wissenschaftlichen Bibliotheken orientiert und zugleich eine Ausbildung zum Beamten" und sei so für kleinere Bibliotheken weniger attraktiv.
Zum anderen handle es sich um eine Ausbildung "on the job", d.h. man erhalte die Stelle und mache dann die Ausbildung. "Das hat zu der absurden Situation geführt, daß in Österreich kein Arbeitsmarkt existierte, da es keine frei verfügbaren Bibliothekare gab." Die Probleme sind erst durch den EU-Beitritt Österreichs transparent geworden, da es im Lande keine vergleichbare Ausbildung gab und österreichische Abschlüsse im Ausland nicht anerkannt wurden. Umgekehrt "drohten" entsprechende Stellen in Österreich von EU-Ausländern besetzt zu werden. Erst dank dieses Außendrucks wurde im Herbst 1997 an der FH Eisenstadt ein vierjähriger Studiengang Informationsberufe eingerichtet.
Steinig ist der Weg also, aber in manchen Bereichen geht es doch voran. Das Bemühen der Bibliotheken um Anschluß an das Informationszeitalter hat durchaus bereits Früchte getragen, etwa durch die Einrichtung zahlreicher Datenbanken (siehe Liste), der Trägheit politischer Systeme, Verwaltungsstrukturen und den kulturellen Prägungen zum Trotz. Anstöße kommen aber auch von außen, und hier hat die vielgeschmähte EU bereits einiges bewirkt - nicht nur hinsichtlich der Ausbildungssituation.
Die neue Bibliothekssoftware ALEPH beispielsweise kam erst aufgrund der Pflicht einer EU-weiten Ausschreibung ins österreichische Blickfeld. Und der Verweis auf eine wesentlich großzügigere Ausstattung der Bibliotheken sowie eine dem Informationszeitalter angepaßte Mediengesetzgebung in den EU-Nachbarländern ist ein brauchbarer argumentativer Hebel. Felix Austria in Europa!
Die besten Bibliotheken: Zahlen, Daten und Fakten
| Bibliothek | Bestände + Benutzer | X-tra |
| Universitätsbibliothek
Wien 1., Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, Tel. 42 77-15102 |
5,3 Mio. Bände 14.500 Zeitschriften 881.000 Besucher |
160 CD-ROMs, Lesesaal bis 21.45 Uhr |
| Österreichische
Nationalbibliothek 1., Heldenplatz, Tel. 53 41-0 |
2,9 Mio. Bände 13.000 Zeitschriften 340.000 Besucher |
gute Homepage, Ausstellungen, zahlreiche Sonderbestände |
| UB Wirtschaftsuniversität
Wien 9., Augasse 26, Tel. 313 36-4990 |
700.000 Bände 2500 Zeitschriften 550.000 Besucher |
40.000 Bände, Freihandbereich, Lesesaal bis 22 Uhr |
| UB Technische Universität
Wien 4., Resselgasse 4, Tel. 588 01-5951 |
1 Mio. Bände 2700 Zeitschriften 360.000 Besucher |
großer Freihandbereich, meist ausleihbar, Intranet mit den wichtigsten techn. Datenbanken an 7000 Rechnern |
| Zentralbibliothek für
Medizin 9., Währinger Gürtel 1820, Tel. 404 00-1085 |
490.000 Bände 2500 Zeitschriften 197.000 Besucher |
nur Freihandbereich, Präsenzbibliothek, Bestand zum Teil bis 1970 digitalisiert, med. Datenbankennetz |
| Zentralbibliothek für
Physik 9., Boltzmanngasse 5, Tel. 313 67-3600 |
300.000 Bände 2800 Zeitschriften 30.000 Besucher |
Sofortaushebung, graue Literatur (Tagungsberichte, Reports etc.), eine Mio. Mikrofiches |
| Kammer für Arbeiter und
Angestellte für Wien, Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek und Sozial
wissenschaftliche Dokumentation 4., Prinz-Eugen-Straße 2022, Tel. 501 65-2352 |
375.000 Bände 1200 Zeitschriften 14.000 Besucher + AK |
Sofortaushebung, umfangreiche Pressedokumentation (u.a. "Tagblatt"-Archiv seit 1867) |
| Wiener Stadt- und Landesbibliothek 8., Rathaus, Stiege 4, Tel. 40 00-84920 |
500.000 Bände 2000 Zeitschriften 25.000 Besucher |
Sofortaushebung, Präsenzbibliothek, Plakatsammlung, Altbestände bereits bis K digitalisiert |
Einen ersten Überblick über die 710 (!) Bibliotheken in Wien und Österreich bietet das INFODOC, herausgegeben vom Wissenschaftsministerium, dessen letzte Auflage von 1994 allerdings bereits veraltet ist.
Besser daher unter http://www.ac-info.ac.at/ "Bibliotheken" anklicken.
Die Besucherzahlen rühren oft von den Drehkreuzumdrehungen her und sind somit zu hoch.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.


