.
"WELTKLASSEFORSCHUNG" heureka! 2/98
zur Übersicht
INTERVIEW  Die Nazis haben nicht nur gegen das Rauchen gekämpft, sondern auch seine Gefahren erforscht und entdeckt, daß es Lungenkrebs verursacht. Der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Robert N. Proctor im Gespräch mit STEFAN LÖFFLER

"In der Gesellschaft der Zukunft wird jedermann Havannas rauchen können."
Herr Dr. Schütte, ein früher Marxist

Hunderte Millionen Dollar verpulverte die Tabakindustrie in den vergangenen Jahrzehnten für zweifelhafte Studien über die gesundheitliche Unbedenklichkeit ihrer Produkte. Die ersten Nachweise, daß Rauchen tatsächlich Lungenkrebs bewirkt, wurden dagegen von Adolf Hitler persönlich finanziert - und mit 100.000 Reichsmark waren diese Forschungen vergleichsweise preiswert.
Der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker Robert N. Proctor, ein studierter Biologe, der an der Pennsylvania State University Wissenschaftsgeschichte lehrt, hat diese vergessene Episode ausgegraben. Sein Buch "The Nazi War on Cancer" ist für 1999 bei Princeton University Press angekündigt. Das Interview wurde auf Englisch geführt; Phrasen, die Proctor auf Nazi-Deutsch zitierte, sind durch Anführungszeichen gekennzeichnet.

         

heureka!:Sie sind Nichtraucher, nehme ich an?

Robert N. Proctor: Ein engagierter Nichtraucher sogar. Ich habe schon vor zwanzig Jahren als Student für rauchfreie Zonen gekämpft.

Früher haben Sie die Verbrechen der Nazi-Medizin erforscht. In Ihrer neuen Studie über die Geschichte der Krebsforschung erscheinen die Nazis als Vorkämpfer. Paßt das zusammen?

Meine Freunde finden es auch verrückt. Ich mag aufwühlende Gegenüberstellungen, und ich mag gute Geschichten.

Warum kam vor Ihnen keiner darauf, daß Rauchen als Ursache von Lungenkrebs erstmals um 1940 in Nazi-Deutschland nachgewiesen wurde?

Weil es in niemandes Interesse war. Gesundheitsapostel werden nicht sagen, Tabak ist schlecht für dich, selbst die Nazis wußten das. Die Medizinhistoriker haben genug damit zu tun, die schlimmen Seiten der Nazi-Medizin zu erforschen. Und die alten Nazis wollen nicht mehr über damals reden. Es ist lästig für alle.

War vorher unbekannt, daß Rauchen schädlich ist?

Möglicherweise wußten es schon die Indianer. Aber noch das ganze 19. Jahrhundert war Rauchen Luxus, und bis zum Ersten Weltkrieg blieb Lungenkrebs daher ziemlich selten. Der enorme Anstieg in den zwanziger Jahren wurde ganz verschieden erklärt: mit einer Grippeepidemie, mit dem zunehmenden Automobilverkehr, mit dem Teer auf den Straßen, auch mit den besseren Möglichkeiten, durch Röntgen Lungenkrebs überhaupt nachzuweisen - und eben mit dem stark steigenden Tabakkonsum.

Wie gelang der Nachweis?

Er stammt von einem gewissen Franz Hermann Müller in Köln. Müller ist ein völliges Rätsel. Seine Akten sind versiegelt und bis heute nicht öffentlich zugänglich. Seine Dissertation von 1939 war der erste epidemiologische Nachweis, daß Rauchen die wichtigste Ursache von Lungenkrebs ist. Er demonstrierte es aber noch nicht so schlüssig wie Eberhard Schairer und Erich Schöniger 1943 am Institut zur Erforschung der Tabakgefahren an der Universität Jena. Das war Weltklasseforschung. Schairer und Schöniger verwendeten ein ausgeklügeltes System von Kontrollgruppen. Die Wahrscheinlichkeit, daß ihre Resultate Zufall waren, ist unter eins zu einer Million, also statistisch extrem zuverlässig.

Bisher glaubte man, dieser Nachweis sei erst in den fünfziger Jahren geführt worden.

Richtig. Der Brite Richard Doll wurde dafür geadelt, für den Nobelpreis nominiert und zum berühmtesten Epidemiologen der Welt. Er kannte die Arbeit von Schairer und Schöniger nicht, bis ich ihm den Aufsatz schickte. Doll ist ziemlich besorgt darüber, denn sein Entdeckerstatus ist nun in Gefahr. Die ursprünglichen Entdecker schwiegen, vermutlich, um politische Verstrickungen unter der Decke zu halten. Schöniger blieb nach dem Krieg in der Krebsforschung, hat aber seine eigene Entdeckung nicht zitiert.

Wurden die Ergebnisse in Gesundheitspolitik übersetzt?

Als der Krieg auf sein Ende zuging, hatte die Antiraucherbewegung an Bedeutung verloren. 1944 verbot Hitler aber noch das Rauchen in Straßenbahnen. Bei einem Besuch in München sah er, wie junge Schaffnerinnen den Rauch einatmeten, und bestimmte: "Eine deutsche Frau raucht nicht."

Während seiner Wiener Jahre rauchte Hitler selbst zwei Päckchen am Tag ...

... und sagte später, hätte er nicht damit aufgehört, dann wäre "das Dritte Reich nie erstanden". Hitler wurde fanatischer Nichtraucher. Er veranlaßte persönlich die Zahlung von 100.000 Reichsmark aus der Kasse der Reichskanzlei an das Institut in Jena. Damit wurde auch die Studie von Schairer und Schöniger finanziert.

Hatten die Forschungen Einfluß auf den Krieg?

Zu Kriegsbeginn war es sehr umstritten, ob die Wehrmacht Zigaretten erhalten sollte. Hitler nannte es später einen großen Fehler, den Soldaten Tabak gegeben zu haben. Damals erschien eine ganze Serie von Studien, die zeigen sollten, wie Tabak die Kampfkraft der deutschen Soldaten schwächte, die Fähigkeit, geradeaus zu schießen, das Durchhalten bei Märschen und die Aufnahme von Nahrung. Die Kampagne gegen das Rauchen erreichte ihren Gipfel zwischen 1939 und 1941. Man sprach schon von einer "Endlösung der Tabakfrage".

Soweit kam es aber nicht.

Goebbels war einer der wenigen Raucher unter den führenden Nazis. Er machte sich Sorgen, weil soviel vom "Tabak als Volksfeind" die Rede war. Im Sommer 1941 befahl er, die Propaganda gegen Tabak abzuschwächen, obwohl Hitler in einem Brief ihre Fortsetzung verlangte. Eine klare Linie gab es eigentlich nicht. Einige Zeit wurde die Umwandlung der Tabakfabriken auf Lebensmittelproduktion diskutiert. Aber das wurde dann verschoben. Es wurde einer dieser grandiosen Pläne, die Hitler nach dem Krieg verwirklichen wollte.

Wird Ihre Forschung von der Nichtraucherbewegung gefördert?

Nein, die mag diese Ergebnisse nicht. Finanziert haben meine Arbeit überraschenderweise das Holocaust-Museum und das Institut für Sozialforschung in Hamburg, wo ich 1994 acht Monate lang Gastprofessor war. Der Leiter und Mäzen des Instituts, Jan Philipp Reemtsma, hat in der Tabakfirma seiner Familie zwar nichts mehr zu sagen, aber das Geld für das Institut kam doch von ihr. Ende der dreißiger Jahre kontrollierte Reemtsma 80 Prozent des Tabakmarkts in Deutschland, und die Firma war sehr nazifiziert. Vor 1933 hatte jede politische Gruppe ihre eigene Marke. Die Sturmabteilung hatte die "Sturm-Zigarette", die SPD die "Freiheits-Zigarette", und die Reemtma-Zigarette wurde damals die "Judenzigarette" genannt. Wegen der Angriffe der SA schaltete Reemtsma keine Anzeigen mehr in Nazi-Publikationen. Aber nicht für lange. Noch vor 1933 spendete er Göring ein Rubens-Gemälde und zehn Millionen Reichsmark. Dafür wurde ihm ein Treffen mit Hitler arrangiert. Hitler befahl der SA, die Angriffe zu stoppen, und Reemtma schaltete wieder Anzeigen.

Trotz Hitlers Einstellung zum Rauchen?

Am Anfang brauchte Hitler das Geld. Große Unterstützung erhielt die Antiraucherbewegung erst Ende der dreißiger Jahre.

Argumentiert die Tabaklobby jetzt: Aha, schon die Nazis haben das Rauchen bekämpft?

Ich bin auf diese Weise vereinnahmt worden. Ein kanadischer Aufsatz, der mich zitiert, spricht von Niko-Nazis und Niko-Faschismus - Niko für Nikotin. Da wird behauptet, Rauchverbote seien faschistisch. Die Nazis hatten ja viele Ziele und Vorstellungen. Sie waren weder alle Judenhasser noch nur alle Judenhasser - und sie sorgten sich auch um die Gesundheit. Die Erforschung der Tabakschäden war nur ein Punkt in ihrem Kampf gegen den "Krebs als Volksfeind". Daß Nazis gute Forschung machten, wiegt ja nicht den Völkermord auf. Es ist absurd, überhaupt so zu reden. Weil Nazis die Schädigung durch Tabak erforscht haben, verdient doch nicht jede solche Forschung das Etikett "Nazi-". Wir müssen akzeptieren, daß Wissenschaft mit den Praktiken des Faschismus nicht unvereinbar ist.

Das ist eine wichtige, aber akademische Debatte. Mischen Sie sich als Wissenschaftshistoriker auch in die Gegenwart ein?

Ich bin in einen Prozeß verwickelt, der voraussichtlich im Herbst eröffnet wird. Die Rockefeller-Stiftung und die Vanderbilt University sind angeklagt, 829 schwangeren Frauen zwischen 1945 und 1947 ohne ihr Wissen radioaktives Eisen mit der Nahrung verabreicht zu haben. Ich habe ein langes Gutachten geschrieben, um zu zeigen, daß zu der Zeit genug bekannt war über die Gefahren von Radioaktivität. Zudem wurde informiertes Einverständnis bei anderen Reihenversuchen schon praktiziert. Ein anderer Wissenschaftshistoriker schreibt für die Gegenseite genau das Gegenteil. Er behauptet, der Nürnberger Kodex gegen Menschenversuche habe damals noch nicht gegolten. Tatsächlich überschnitten sich der Nürnberger Prozeß und die Versuche um einige Monate. Es läuft auf eine wissenschaftshistorische Debatte hinaus: Wer wußte was und wann, davon hängt alles ab.

Gibt es in Ihren Arbeiten ein gemeinsames Thema?

Mich interessiert die soziale Konstruktion von Ignoranz. Nehmen Sie die Geheimhaltung. Es gibt Hunderte geheimer wissenschaftlicher Zeitschriften, unzählige geheime Projekte. Ein Viertel der Wissenschaftler weltweit unterliegt militärischer Geheimhaltung.

Ist Ignoranz ein Thema für die Wissenschaftsforschung?

Ignoranz ist wohl eher nicht der Bereich, den die Wissenschaft noch nicht erobert hat. Wissen wird ja nicht nur geschaffen, es geht auch verloren oder wird absichtlich verdrängt. In der Welt gibt es viel mehr Ignoranz als Wissen. Aber das Thema Ignoranz wird ignoriert.

         

Bücher von Robert N. Proctor:
Racial Hygiene: Medicine Under the Nazies.
  Harvard University Press, 1988.
Value-Free Science.
  Harvard University Press, 1991.
Cancer Wars: How Politics Shapes What We Know and Don’t Know About Cancer.
  Basic Book, 1995.


Robert N. Proctor im Internet: http://www3.la.psu.edu/histrlst/faculty/PROCTOR.HTM

nach oben     zur Übersicht