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N. und K., seit Jahren im selben Amt tätig, sitzen nach Dienstschluß in einem Gastgarten. Sie mögen einander nicht besonders, aber manchmal geht man halt mit Kollegen auf ein Bier. Ein grölender Trupp junger Männer betritt das Lokal und nimmt am Nebentisch Platz. Nach kurzer Zeit beginnen diese K. wegen seines Äußeren anzustänkern. Die Situation eskaliert rasch und endet damit, daß K. krankenhausreif geprügelt wird. N. greift aus Angst nicht ein, auch andere Gäste bleiben passiv. K. ist für längere Zeit arbeitsunfähig. Nach einigen Tagen meldet sich N. bei seinem Vorgesetzten und macht sich erbötig, K.s Stelle zu übernehmen.
Anfangs plagt N. noch, daß er K. nicht zu Hilfe gekommen ist, doch im Lauf der Zeit gewinnt die Freude an der neuen und interessanteren Arbeit die Oberhand. Als K., von dem es heißt, er habe die ihm zuteil gewordene Erniedrigung noch weniger verwinden können als seine Verletzungen, die Stadt verläßt, um anderswo neu anzufangen, atmet N. auf. Viele Jahre später machen K.s Kinder N. Vorwürfe: Zuerst habe er K. im Stich gelassen, dann sich dessen Arbeitsplatz angeeignet, und heute sehe er nicht einmal ein, daß er Unrecht zugelassen habe. Wenigstens entschuldigen hätte er sich können.
Diese Fabel spricht alle Elemente an, die es zu berücksichtigen gilt, wenn man sich mit den österreichischen Hochschulen in der Nazizeit und den Folgen und Spätfolgen dieses Zivilisationsbruchs auseinandersetzen will.
Sieben Jahre sind im Leben von Universitätsangehörigen eine vergleichsweise kurze Zeitspanne; daraus folgt, daß niemand von den betroffenen Wissenschaftlern nur von der Nazizeit geprägt worden sein kann. Dennoch hat keine andere Periode der Geschichte seit dem Vormärz Österreichs Universitäten so nachhaltig und so verheerend beeinflußt wie die Nazizeit. Ungefähr ein Drittel aller österreichischen Universitätsprofessoren verloren 1938 ihre Stelle.
Moralische "Neutralisierung"
Jedermann, der 1938 halbwegs erwachsen war, wußte um das elementare Unrecht der Entlassung von Universitätskollegen, der Arisierung akademischer Posten und der Vertreibung der Studien- und Arbeitskollegen. Das nagende Gewissen konnte man nur durch Techniken der "Neutralisierung" ruhigstellen - dabei werden die Opfer als die eigentlichen Übeltäter hingestellt, das Unrechtmäßige des eigenen Tuns in Abrede gestellt oder das eigene Tun unter Berufung auf höhere Instanzen gerechtfertigt: Vergeltung für imaginierte frühere Verbrechen, Kompensation angesichts offensichtlicher intellektueller Überlegenheit, Maßnahmen zur Reinhaltung der Rasse.
Der Wiener Ordinarius für Nationalökonomie Ferdinand Degenfeld erklärte beispielsweise lang vor 1938 seinem Kollegen Fritz Machlup, warum er dessen Habilitation nicht zustimmen könne: "Sie wissen, die Juden sind alle frühreif, und deswegen wirken sie schon in jungen Jahren viel intelligenter. Es wäre ein großes Unrecht gegenüber den Ariern, wenn wir jemanden so Jungen wie Sie habilitieren würden." Nach 1945 sagten die "Dagebliebenen" über die "Fortgegangenen", letztere hätten es ja besser gehabt: keine Bombennächte, kein Hunger.
So behauptete der viele Jahre für die Universitäten zuständige Sektionschef im Unterrichtsministerium Otto Skrbensky in den vierziger Jahren gegenüber einem Beamten der amerikanischen Besatzungsmacht, der auf Rückberufung der Emigranten drängte, daß Karl Bühler "keine Lust zu haben scheint, aus Kalifornien nach Wien zurückzukehren" - wohl wegen des Sonnenscheins, des guten Essens und des besseren Gehalts. Tatsächlich schlug sich Bühler, der bis 1938 in Wien Ordinarius für Philosophie und Psychologie gewesen war, bis zu seinem Tod im Jahr 1963 mit akademischen Gelegenheitsjobs in Kalifornien durch. Er konnte weder wissenschaftlich noch beruflich in der Neuen Welt Fuß fassen.
Korrupte Karrieren
In die 1938 frei gewordenen Stellen rückten andere nach. Weder die Ariseure noch ihre Kollegen können der Meinung gewesen sein, daß dieser akademische Aufstieg wissenschaftlichen Leistungen zu verdanken war. Wer wegen anderer als fachlicher Qualitäten protegiert wurde, wird, wenn obendrein alle anderen auch um die wahren Gründe des Aufstiegs Bescheid wissen, den tradierten und normativ verankerten Vorstellungen über Ziele und legitime Wege des Erfolgsstrebens nur noch wenig Glauben schenken.
Das oftmals katastrophal niedrige Niveau der Wissenschaftler der Zweiten Republik beweist, daß eine derartige Erosion intrinsischer Motivation unmittelbare Folgen hat. Da die 1938/39 an Professuren Gelangten - wie die Elite der NSDAP allgemein - eher zu den Jüngeren gehörten, kann man mit einigem Recht behaupten, daß Spätfolgen wenigstens bis in die sechziger Jahre herauf wirkten.
Der scharfzüngige deutsche Philosoph Hermann Lübbe sprach vor einiger Zeit davon, daß nach 1945 "nichtsymmetrische Diskretion" Platz greifen mußte, wollte man nicht die Vergangenheit, wohl aber die Subjekte in den neuen demokratischen Staat integrieren. In - ansonsten seltener - großer Anschaulichkeit kleidete Lübbe seine These in die folgende Schilderung: "Der im Widerstand bewährte Kollege wurde Rektor. Um so mehr verstand es sich, daß er seinem sich gebotenerweise zurückhaltenden Ex-Nazi-Kollegen gegenüber darauf verzichtete, die Situation hervorzukehren oder auszunützen."
Was Lübbe zu analysieren vergaß, ist das versteckte Curriculum, das 1945 ff. galt und dessen zentrale Botschaft lautete: Wichtiger, als unparteiisch überprüfbare Leistungen zu erbringen, ist es, die richtigen Leute zu kennen, bei der richtigen Partie dabeizusein, sei es beim CV, bei den Burschenschaften oder der ergebenen Schülerschaft eines Großordinarius. Acht von zehn Wiener Hochschullehrern mußten nach 1945 irgendeine Säuberungsmaßnahme über sich ergehen lassen, nur ein Bruchteil wurde wirklich entlassen.
Falsche Stereotype
Die 1938 Entlassenen und Vertriebenen und jene, die schon vorher daran gehindert worden waren, in die akademische Welt aufgenommen zu werden, wurden damals und werden heute als homogene Gruppe wahrgenommen. Hieß es früher "wurzellose Fremdrassige", so werden sie seit einiger Zeit von Wohlmeinenden in analoger Weise zu Mitgliedern eines Kollektivsubjekts "vertriebene jüdische Kultur".
Beides ist unrichtig, und zwar unter drei Gesichtspunkten: Weder waren alle, die beispielsweise Franz Vranitzky 1993 bei seiner Rede anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität Jerusalem zu "unserem Leben, unserer Kultur und unserem Erbe" zählte, durch den "Feuersturm der Nazibarbarei" zur Emigration Gezwungene (die meisten von Vranitzky namentlich Genannten waren 1938 nicht mehr am Leben, andere, wie Ludwig Wittgenstein, wurden ganz sicher nicht von den Nazis vertrieben), noch kann man der Gruppe der Vertriebenen gerecht werden, wenn man sie nur oder vor allem als Mitglieder eine vage definierten "jüdischen Kultur" hinstellt.
"Jüdisch" zu sein war eines von mehreren Merkmalen der Selbstdefinition, und es war vielen Wissenschaftlern nicht sehr wichtig. Erst als es 1938 zum "master label" wurde, waren seine Träger gezwungen, diesen Teil des Fremdbildes in ihre Selbstwahrnehmung zu integrieren. Wir haben heute keinen Grund, die damalige mörderische Stigmatisierung, positiv gewendet, fortzusetzen. Vor allem aber verdunkelt die alleinige Schuldzuweisung an die Nazis das Bewußtsein davon, daß sieben Jahre nach dem Ende der Barbarei nichts, aber auch gar nichts unternommen wurde, die Vertriebenen, die in der überwiegenden Mehrzahl damals noch nicht in gesicherten Positionen in den USA oder sonstwo tätig waren, zurückzuholen, zu entschädigen oder auch nur das zugefügte Unrecht anzuerkennen.
Das heutige Österreich schmückt seine Geldscheine mit Porträts Vertriebener und benennt Preise nach ihnen. Darüber mag man denken, was man will. Auffallend ist jedoch, daß Bemühungen, die mit Kosten verbunden wären, beispielsweise die Ausstattung von Bibliotheken mit den Werken der ehemaligen Österreicher oder der Ankauf von mikroverfilmten Nachlässen, nicht zu vermelden sind.
Christian Fleck ist Universitätsdozent für Soziologie in Graz und Leiter des Archivs zur Geschichte der österreichischen Soziologie.
NS-WISSENSCHAFTSKARRIERE: Das NSDAP-Mitglied Nr. 7.642.051
Nach dem Krieg wurde Professor Hans S. mit der Begründung entnazifiziert, er habe, als er während der Nazizeit erfolgreich um Aufnahme in die NSDAP ansuchte, "noch nicht die nötige politische Reife" besessen. Der 1908 Geborene habilitierte sich 1934 und wurde 1937 zum außerordentlichen Professor ernannt. Bald nach dem Anschluß diente er sich den Nazis an und schrieb Artikel über das Unrechtsregime der Systemzeit. Ein Freund verhalf ihm später zu einer Stelle im Stab des Reichskommissariats Niederlande, wo er bis zum Kriegsende als Schreibtischtäter an der Verfolgung der holländischen Juden aktiv Anteil hatte. Zu einer in Aussicht genommenen Berufung auf einen Lehrstuhl in Wien kam es kriegsbedingt nicht mehr.
Nach überraschend kurzer Internierung in einem amerikanischen Lager kehrte er an seine Heimatuniversität zurück, wo er nicht nur flugs entnazifiziert wurde, sondern auch bald zum Dekan gewählt wurde. Anfang der fünfziger Jahre holte ihn jedoch seine Vergangenheit ein: Offenkundig, um Zahlungen an Erpresser leisten zu können, verschuldete er sich gemeinsam mit seiner Frau so sehr, daß beide wegen Betrugs belangt wurden. Hans S. demissionierte als Dekan, nicht aber als Professor. Der Prozeß wurde niedergeschlagen.
In den folgenden Jahren bereiste er gemeinsam mit prominenten Kollegen mehrfach Deutschland. 1956 waren diese Reisen von Erfolg gekrönt: Er erhielt an einer bayerischen Provinzuniversität eine Professur, und vier Jahre später wechselte er nach München. Von dort aus kommentierte er in den folgenden Jahrzehnten die österreichische Entwicklung in seinem Fach. Er gilt als führender Experte und genießt hohes Ansehen. Zu seinem 70. Geburtstag erschien eine Festschrift. In biografischen Nachschlagewerken sind nur die ehrenvollen Stationen dieses Forscherlebens verzeichnet.
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