| BÜCHERSCHAU ZUM THEMA | heureka! 2/98
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| Wissenschaftsbücher Barbarei der Forschung: Etliche neue Studien widmen sich den komplexen Zusammenhängen von Wissenschaft und Nationalsozialismus - und räumen dabei mit einigen falschen Vorstellungen auf. Von der Eugenik bis zum NS-Raketenbau. OLIVER HOCHADEL und KLAUS TASCHWER NS-"Euthanasie": Mordanstalten NS-Medizin: Ärzte als Mörder Antisemitismus: Erforschte Stereotype Exilforschung: Dokumentation des Exodus |
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Barbarei der Forschung: Von zumindest zwei großen Mythen war das Bild des Nationalsozialismus in Sachen Wissenschaft bis vor rund einem Jahrzehnt geprägt: Zum ersten herrschte die Meinung vor, daß der Irrationalismus des Nationalsozialismus und eine wissenschaftlich "gute" Wissenschaft sich schlechterdings ausschließen würden. Zum anderen wurden bestimmte Forschungsfelder wie jene der Eugenik oder der Rassenhygiene als typisch faschistisch angesehen. Etliche Arbeiten, u.a. jene von Zygmunt Bauman, Herbert Mehrtens und Ulfried Geuter, haben in den vergangenen Jahren eine Revision dieser Mythen eingeleitet. Nicht nur war auch unter den Nazis "Weltklasseforschung" möglich - auch die Eugenik haben sie nicht erfunden. Anhänger von eugenischen Maßnahmen fanden sich nicht nur in den meisten westlichen und nordischen Ländern spätestens ab der Jahrhundertwende; sie waren auch unter den Sozialdemokraten weit verbreitet. Für Österreich hat das die Historikerin Doris Byer dokumentiert, für Deutschland zuletzt Michael Schwartz in seiner Studie "Sozialistische Eugenik". Wie weit die Kreise der Eugenik reichten, die die "Internationale der Rassisten" bereits lange vor den Nationalsozialisten zogen, das recherchierte sein deutscher Kollege Stefan Kühl in einer beklemmenden Arbeit. Doch auch die zeitliche Dimension muß erweitert werden: Denn weder hat der eugenisch-rassenhygienische Traum vom genetisch perfekten Menschen erst 1933 begonnen, noch war er 1945 zu Ende. Die Nazis waren allerdings diejenigen, die mit Eugenik, Rassenhygiene und Euthanasie auf furchtbarste Weise Ernst machten - und in der Folge weit darüber hinausgingen. Henry Friedlander hat in seiner umfangreichen Monografie "Der Weg zum NS-Genozid" eben diese Entwicklung von der Eugenik über die Euthanasie zur Endlösung nachgezeichnet und dabei nachgewiesen, daß die Tötung Behinderter den Auftakt zur systematischen Ermordung der Juden, der Sinti und Roma darstellte. Als besonders zählebig hat sich der Mythos von der moralischen Unbeflecktheit der deutschen Raumfahrtpioniere erwiesen, die für die Nazis in Peenemünde die ersten Raketenwaffen bauten, die als "V2" in London und Amsterdam tausendfach todbringend einschlugen. In "Mondsüchtig" zeigt Rainer Eisfeld, wie die "Lichtgestalt" Wernher von Braun (1912-1977) und andere Ingenieure es mehr als willig in Kauf nahmen, daß in den Raketenproduktionsstätten im KZ Mittelbau im Harz Häftlinge schufteten - über 15.000 starben -, um ihren wissenschaftlichen Ehrgeiz zu befriedigen. Mit ihrem blutig erkauften Erfolg waren sie für eine Nachkriegskarriere in den USA bestens gerüstet, um ballistische Raketen - jetzt gen Osten gerichtet - zu konstruieren und die bemannte Raumfahrt auf den Mond zu schießen. |
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Michael Schwartz: Sozialistische Eugenik. Eugenische Sozialtechnologie in Debatten und Politik der deutschen Sozialdemokratie. Berlin 1995 (Dietz). 367 S., öS 423,- |
| Stefan Kühl: Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert. Frankfurt/New York 1997 (Campus). 339 S., öS 277,- |
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Henry Friedlander: Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung. Aus dem Englischen von Johanna Friedman, Martin Richter und Barbara Schaden. Berlin 1997 (Berlin Verlag). 640 S., öS 418,- |
| Rainer Eisfeld: Mondsüchtig. Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt aus dem Geist der Barbarei. Reinbek bei Hamburg 1996 (Rowohlt). 286 S., öS 307,- |
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NS-"EUTHANASIE": Mordanstalten "Heil- und Pflegeanstalt" stand am Portal des Renaissance-Schlosses Hartheim in Oberösterreich. Was hinter den dicken Schloßmauern zwischen 1938 und 1945 geschah, war allerdings nichts anderes als Massenmord. Insgesamt mehr als eine viertel Million Menschen fiel dem nationalsozialistischen "Euthanasie"-Programm zum Opfer, und Hartheim war - gemessen an "Effizienz" und Opferzahlen - die größte Mordanstalt dieser Art: Die Leben von 25.000 bis 40.000 behinderten Menschen, unter ihnen Tausende Kinder, wurde dort grausam vernichtet.
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| Walter Kohl: Die Pyramiden von Hartheim. "Euthanasie" in Oberösterreich. Grünbach 1997 (Edition der Heimat). 520 S., öS 398,- |
NS-MEDIZIN: Ärzte als Mörder In seinem neuen Buch "Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer", für das er den Geschwister-Scholl-Preis erhielt, dokumentiert Ernst Klee das Grauen akribisch genau: Giftgasversuche an Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen, die in der Folge nur noch Lungenfetzen herauskotzten. Operationen an jungen polnischen Frauen, denen man die Beine zertrümmerte und bis auf die Knochen tiefe Wunden schnitt. Klee berichtet auch von einer militärärztlichen Akademie in Graz, die Studenten zum Praktikum ins KZ schickte: Zu Übungszwecken wurden an gesunden Häftlingen Gehirnoperationen durchgeführt oder der Magen entfernt.
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Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. Frankfurt/M. 1997 (S. Fischer). 526 S., öS 423,- |
ANTISEMITISMUS: Erforschte Stereotype In seinem Buch "Die Pathologisierung des jüdischen Körpers. Antisemitismus, Geschlecht und Medizin im Fin de Siècle" geht es Klaus Hödl nicht nur um einen bestimmen Aspekt des Antisemitismus - die von der Medizin aufbereiteten Argumente -, sondern um die "Erklärung des Prozesses der Vorurteilsbildung" als solchem, denn, so seine zentrale These: Die Diskriminierung der Juden war nicht gruppenspezifisch. Beginnend mit dem ausgehenden Mittelalter, zeigt er auf, daß weder Ausschließungsmodus noch -mittel nur Juden betrafen. Anschließend werden angeblich jüdische Eigenschaften wie die Disposition für Nervenkrankheiten, Verweiblichung, "Wanderkrankheit" etc. abgehandelt, und das Schlußkapitel zeigt, wie der Zionismus die vorhandenen Vorurteile unkritisch aufnahm und gegen eine andere Randgruppe wandte: die Ostjuden. Das Buch bietet einen gut lesbaren Überblick über dieses komplexe Thema. Schade, daß eine explizite Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschung fehlt, sodaß es schwer nachvollziehbar ist, wo Hödl neue Details und Erkenntnisse liefert.
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Klaus Hödl: Die Pathologisierung des jüdischen Körpers. Antisemitismus, Geschlecht und Medizin im Fin de Siècle. Wien 1997 (Picus). 415 S., öS 350,- |
| Sander L. Gilman: Die schlauen Juden. Über ein dummes Vorurteil. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Stein. Hildesheim 1998 (Claasen). 320 S., öS 263,- |
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EXILFORSCHUNG: Dokumentation des Exodus Es war 1993 auf der Biennale in Venedig, daß Kurator Peter Weibel mit einer Videoinstallation auf den kulturellen Exodus aus Österreich hinwies. Als Folge dieses Projekts kam es nicht nur zu einer US-amerikanischen Ausstellungstournee über aus Österreich vertriebene Kultur, sondern auch zur Publikation des von Weibel und Friedrich Stadler herausgegebenen Bandes "Vertreibung der Vernunft. The Cultural Exodus from Austria" - des englischsprachigen Katalogs zur Schau.
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| Friedrich Stadler/Peter Weibel (Hg.): Vertreibung der Vernunft. The Cultural Exodus from Austria. Zweite, erweiterte Auflage. Wien/New York 1995 (Springer). 390+148 S., öS 546,- |