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"MEHR CENTS ALS SENSE" heureka! 3/98
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INTERVIEW

Die 1936 geborene Evelyn Fox Keller ist promovierte Physikerin, war später Biologin und ist heute Wissenschaftsforscherin am Massachusetts Institute of Technology. Das folgende Gespräch fand nach einer Tagung über "Natur und Kultur - Gentechnik und die unaufhaltsame Auflösung einer modernen Unterscheidung" statt. Dieses Symposium war anläßlich der Eröffnung der "Gen-Welten"-Ausstellung "Werkstatt Mensch?" in Dresden organisiert worden.

         

heureka!: Frau Professor Keller, wie fanden Sie die Ausstellung?

Evelyn Fox Keller: Sie hat mir gefallen. Haben Sie nicht einige der Konfliktlinien rund um die Gentechnik vermißt? Das haben viele Teilnehmer der Tagung gesagt. Ich glaube, in den Vereinigten Staaten ginge eine derartige Ausstellung noch weniger auf die Konflikte ein. Aber die Abhängigkeit der Forschung von wirtschaftlichen Interessen kommt zu kurz.

Warum erwähnen Sie gerade das?

Weil das schon vor zehn Jahren zu kurz kam, als es um die Milliardeninvestition in die Sequenzierung des menschlichen Genoms ging. Drei Themen haben bisher die Debatte geprägt. Das erste, den Reduktionismus der Genetik, hat die biologische Forschung mittlerweile selbst untergraben. Das zweite - der Eingriff der Gentechnik in die Natur - ist heute gerade noch in Deutschland ein Thema. Denn daß die Natur natürlich ist, ist ein Mythos. In den USA ist man inzwischen nicht mehr überzeugt, daß natürliche Lebensmittel unbedingt bessere Lebensmittel sind. Auch in der Eugenik-Debatte, dem dritten Thema, sind die USA mittlerweile etwas weiter als Deutschland. Man ignorierte vielfach, daß die Auswüchse der Nazi-Eugenik oder der frühen Eugenik in den USA auf Zwang basierten. Eigentlich ist ein Interesse an Eugenik ganz "natürlich" ...

... Entschuldigung, wie ist denn das jetzt zu verstehen?

Wollen wir nicht alle, daß unsere Kinder "gute Gene" haben? Es kommt aber darauf an, was das genau bedeutet, und deshalb müssen wir darüber diskutieren dürfen.

Einverstanden. Aber zurück zur wirtschaftlichen Abhängigkeit der Genforschung, von der Sie anfangs sprachen.

Es ist nahezu unmöglich geworden, zwischen den Interessen der Forschung und des Marktes zu unterscheiden. Die Molekularbiologen der ersten Generation erkennen ihr Forschungsgebiet nicht mehr wieder. Wer Aufsätze liest, findet, daß Erklärung zum Synonym geworden ist für Manipulierung. Es geht immer mehr darum, Cents zu machen als Sense.

Wissenschaftler behaupten aber nach wie vor, es gehe um Erkenntnis.

Nicht einmal das. Nehmen wir Ian Wilmut. Als er voriges Jahr das Schaf Dolly vorstellte, beschrieb er seine Leistung im Artikel für Nature als Transfer des Zellkerns. Fünfzig Jahre lang dachte man, Zellkerntransfer funktioniere nicht bei Säugetieren. Aber was Wilmut und seine Mitarbeiter beschrieben, ist Zellfusion. Sie nahmen eine Zelle mit Kern und verschmolzen sie mit einer Zelle ohne Kern, also mit Zytoplasma. Hält man ihnen vor, daß Zellkerntransfer nicht das gleiche ist wie Zellfusion, fragen sie: "Wo liegt der Unterschied?" Aber mit einem Zellkern allein geht gar nichts.

Die Zeitschrift "Nature" veröffentlicht nur von Fachkollegen durchgesehene Artikel. Warum wurde nicht auf diese Diskrepanz hingewiesen?

Daß Experiment und Erklärung nicht mehr übereinstimmen müssen, schreibe ich zumindest teilweise dem Einfluß des Marktes zu. Ich habe an Nature geschrieben, aber mein Brief wurde nicht gedruckt.

INTERVIEW: STEFAN LÖFFLER

         

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