MISTER UNIVERSUM heureka! 3/98
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PORTRÄT   Der populärste Wissenschaftler der Gegenwart ist zugleich ihr berühmtester Behinderter: der britische Physiker und Kosmologe Stephen Hawking. Annäherungen an einen modernen Mythos. KLAUS TASCHWER

Zum Lesen, Schauen und Hören

         

Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde schuf?" Lange noch bevor moderne Kosmologen die Ursprünge des Universums physikalisch zu erklären versuchten, wußte der Kirchenvater Augustinus eine abschreckende Antwort: "Er bereitete die Hölle vor für diejenigen, die solche Fragen stellen." So ein Fragesteller kam unter dem Namen Stephen Hawking am 8. Jänner 1942 in Oxford zur Welt - auf den Tag genau 300 Jahre nach der Geburt eines gewissen Galileo Galilei. Das war jener große Wissenschaftler, dem für seine ketzerischen Erkenntnisse noch die Kirche selbst die Hölle heiß machte.
Außer diesem besonderen Geburtsdatum - das laut Hawking freilich noch 200.000 andere Erdenbürger teilen - deutete in seiner Jugend nur wenig darauf hin, was aus dem hochbegabten, aber etwas müßiggängerischen Schüler und Studenten einmal werden sollte. Alles änderte sich schlagartig nach einer ärztlichen Untersuchung, der sich Hawking mit 21 unterzog. Dabei stellte sich heraus, daß er an Amyothrophischer Lateralsklerose (ALS) litt, einer unheilbaren Krankheit, durch welche die Nerven für die willkürliche Muskeltätigkeit unaufhaltsam zerstört werden. Die Ärzte gaben Hawking nur noch zweieinhalb Jahre.
Diese Hiobsbotschaft war der biografische Urknall für die wissenschaftliche Karriere Hawkings, der erst wenige Monate zuvor nach Cambridge gekommen war, um Physik und Mathematik zu studieren. Zunächst glaubte er zwar nicht daran, noch sein Studium abschließen zu können; doch dann verlobte er sich mit einer Frau namens Jane Wilde: "Das gab mir einen Grund zu leben, aber es bedeutete auch, daß ich mir eine Stellung suchen mußte, wenn wir heiraten wollten."
Hawking erhielt ein Fellowship, beendete sein Studium und begann mit eigenständiger Forschung, die rasch Früchte trug: Für seinen spektakulären theoretischen Beweis, daß schwarze Löcher Strahlung aussenden, wurden ihm mit nur 32 Jahren die Ehre zuteil, zum Fellow der altehrwürdigen Royal Society ernannt zu werden. Weitere fünf Jahre später folgte der nächste Karriereschritt: Stephen Hawking - inzwischen bereits auf fremde Hilfe angewiesen, um zu essen, ins Bett zu gehen und aufzustehen - wurde Lucasian Professor für Mathematik an der Universität Cambridge. Einige Jahrhunderte früher hat ein gewisser Isaac Newton diese Stelle bekleidet.

Zum modernen Mythos, zum berühmtesten Wissenschaftler und zum bekanntesten Rollstuhlfahrer der Gegenwart wurde Hawking allerdings erst durch ein kleines Buch mit knapp 200 Seiten, das am 1. April 1988 erschien. "A Brief History of Time", seine populärwissenschaftliche Einführung in die moderne Kosmologie, brach alle bis dahin bestehenden Gesetze des Populärwissenschaftsuniversums. Der schmale Band stand mehr als viereinhalb Jahre auf der Bestsellerliste der Sunday Times - länger als jedes andere Werk vor ihm. Inzwischen ist das Buch in mehr als 40 Sprachen übersetzt und hat eine Gesamtauflage von fast 10 Millionen.
Die Ursachen für diesen Welterfolg waren ebenso vielgestaltig wie seine Folgen. Der geniale Titel des Buches spielte da wohl eine ebenso wichtige Rolle wie die "letzten" Fragen, die es stellt - dann aber nur zum Teil beantwortet. Am wichtigsten war aber wohl das tragische Schicksal des Autors: Einem Geist, der seinen schwach gewordenes Fleisch besiegt hat, scheint man am ehesten die Beantwortung solcher Fragen zuzutrauen. Der romantische Geniemythos vom hinfälligen Körper, dessen Denken sich zu umso gewagteren Höhenflügen aufschwingt - ja selbst vor den Grenzen des Universums nicht haltmacht -, feiert in der Person Hawkings seine massenmediale Reinkarnation.
Am wenigsten trugen jedenfalls der Inhalt oder die überragenden didaktischen Qualitäten des Buches dazu bei, das seinem Autor letztendlich globalen Kultstatus verlieh. Fachleute sind sich einig, daß die "Kurze Geschichte der Zeit" im Vergleich mit einigen anderen populärwissenschaftlichen Werken über ähnliche Themen eher schlechter als besser abschneidet. Auch Hawking selbst gab später zu, daß er einige Konzepte nicht besonders gut erklärt hatte.
Der riesige Erfolg des schmalen Bandes führte aber gleichwohl zu einer Revolution am Verlagsmarkt: War vor Hawking selbst für noch so berühmte Wissenschaftler mit populären Büchern kaum Geld zu machen, so konnte man nach Hawking schon einmal ein paar hunderttausend Dollar lukrieren. Auf der Frankfurter Buchmesse 1990 beispielsweise verkaufte John Brockman, mittlerweile der zentrale Agent am internationalen Sachbuchmarkt, ein noch nicht geschriebenes Buch des Physikers Murray Gell-Mann um 550.000 Dollar an Hawkings Verlag Bantam. Inklusive der internationalen Rechte wurde mehr als eine Million Dollar verdient; und das auf Basis eines 32seitigen Entwurfs von Gell-Mann, der für seine Entdeckung der Quarks 1969 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war.
Mittlerweile hat sich aber auch in diesem Bereich wieder eine gewisse Ernüchterung breitgemacht - nicht nur deshalb, weil Gell-Mann nie ein brauchbares Manuskript lieferte und das ganze Geld wieder zurückzahlen mußte. Hawking blieb in seiner mythischen Verkörperung von Intelligenz und Tragödie ein publizistisches Ausnahmeereignis - auch wenn er nicht jener größte Wissenschaftler seit Newton oder Einstein sein mag, zu dem ihn die Medien gerne hochstilisieren.
"Das ist Unsinn, bloß ein einziger Medien-Hype. Sie wollen nur einen Helden, und ich erfülle das Rollenmodell des behinderten Genies - zumindest bin ich behindert, aber ich bin kein Genie." Das sagte Hawking vor einer Gruppe von behinderten Studenten auf die Frage, wie er sich denn so fühle, als intelligentester Mensch der Welt. Hawkings innerwissenschaftliches Ansehen ist jedoch unumstritten, wie auch Peter Christian Aichelburg, Professor für theoretische Physik an der Universität Wien, bestätigt.
Aichelburg arbeitete 1994 drei Wochen lang in Cambridge und hatte damals auch mit Hawking Kontakt; der Wiener Physiker bewundert dessen Fähigkeit, trotz schwerster Behinderung immer noch wissenschaftliche Spitzenleistungen zu bringen. Hawkings Großtaten liegen freilich schon wieder einige Jahre zurück: Neben der theoretischen Erkenntnis, daß schwarze Löcher Strahlung aussenden, war dies vor allem das mit Jim Hartle formulierte Keine-Grenzen-Theorem des Universums. Daß Hawking zur Zeit dennoch kein Nobelpreiskandidat sei, liege vor allem daran, daß keine dieser theoretischen Annahmen bisher experimentell bestätigt worden sei.

Der tragische Pop-Heros des Wissenschaftsbetriebs macht trotz der fortgeschrittenen Lähmung, die auch vor seiner Stimmuskulatur nicht haltgemacht hat, anscheinend unbeirrt weiter. Eine seiner letzten Reisen - auf die ihn im Normalfall zwei Pflegerinnen, seine Frau, sein Schwiegersohn, sein Assistent, sein Sekretär und rund 20 Stück Gepäck begleiten - führte ihn in die Antarktis; demnächst kommt er zu einem Vortrag nach Wien (s. Kasten). Der große Physiker wird dann mit seinem Rollstuhl auf das Podium fahren (bzw. dorthin gehoben werden) und seinen Sprachsynthesizer aktivieren, der dann den vorbereiteten Text spricht. Hawking selbst wird dazu lächeln, so gut es eben geht.
Aber auch wissenschaftlich ist er nach wie vor aktiv: Erst vor wenigen Wochen hat Hawking eine neue Theorie über die Vorgeschichte des Urknalls vorgelegt - also im Grunde auf die etwas anders formulierte Frage, was Gott tat, bevor er Himmel und Erde schuf. Gemeinsam mit dem Mathematiker Neil Turok behauptet Hawking, für den die Existenz eines Schöpfers eher unvorstellbar ist, daß alles mit dem "Instanton" begann. Darunter hat man sich eine explosive Mischung aus Raum, Zeit und Materie vorzustellen, "eine Art Elementarteilchen von der Größe eines Millionstels eines Trillionstels eines Trillionstels einer Erbse".

         

Zum Lesen, Schauen und Hören:

Seit seinem weltweiten Bestseller "Eine kurze Geschichte der Zeit", der vor ziemlich genau zehn Jahren erschien, ist der Cambridge-Professor längst zu einem international vermarktbaren Popstar geworden, der für die Präsentation neuer Software ebenso wirkungsvoll eingesetzt wird wie als Titelheld neuer CD-ROM-Produktionen. In der größten Buchhandlung der Welt, dem Amazon-Bookshop im Internet, gibt es eine ganze Stephen-Hawking-Unterabteilung mit mehr als 20 Titeln, obwohl von ihm selbst sehr viel weniger Bücher verfaßt wurden. Nach wie vor und längst auch als Taschenbuch erhältlich ist natürlich auch jenes Buch, das ihm den Starruhm bescherte:
Eine kurze Geschichte der Zeit.
Aus dem Englischen von Hainer Koiber. Reinbek 1991 (Rowohlt). 240 S., öS 109,- (eine Neuausgabe ist für Juli angekündigt)

Ziemlich genau acht Jahre nach der ersten Auflage der "Brief History of Time" erschien - bislang nur gebunden - eine mit anschaulichem Bildmaterial aufgemotzte Neuauflage, die noch dazu um ein neues Kapitel über Zeitreisen und Wurmlöcher erweitert wurde. Tatsächlich erleichtern die geschickt eingesetzten Visualisierungen die Einblicke ins Universum erheblich:
Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit.
Aktualisierte und erweiterte Ausgabe. Aus dem Englischen von Hainer Koiber. Reinbek 1997 (Rowohlt). 248 S., öS 364,-

Wer einen passablen biografischen Überblick über Hawking sucht, ist mit einem Taschenbuch, das sich am Film "A Brief History of Time" (1992) orientiert, gut bedient:
Stephen Hawking (Hg.): Stephen Hawkings Welt. Ein Wissenschaftler und sein Werk.
Reinbek 1995 (Rowohlt). 218 S., öS 125,-

Eher weniger bewähren sich dagegen die zumeist mit einer Überdosis visueller Effekte ausgestatteten CD-ROMs von, mit und über Stephen Hawking. Insbesondere an der erst vor wenigen Wochen erschienenen Hawking-CD-ROM "Leben im Universum", die mit den Arbeiten des Physikers so gut wie nichts zu tun hat, wird das bloße Verkaufsargument Hawking offensichtlich.
Leben im Universum. CD-ROM. München 1998 (Navigo), öS 679,- (PC- und Mac-Versionen)

Wie es sich gehört, gibt es im Internet etliche Hawking-Homepages; einen guten Ausgangspunkt bildet seine eigene - inklusive einer "Brief History of Mine" und eines eigenen Computer-Promotion-Links: http://www.damtp.cam.ac.uk/user/hawking/home.html

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