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Es ist schon wieder zehn Jahre her, da wurden die sogenannten Geisteswissenschaften in Deutschland von der großen Krise gepackt. In endlosen Grundsatzdebatten ging es um ihre methodische Ausrichtung ebenso wie um ihre Rolle in der Gesellschaft. "Ich glaube, daß die Geisteswissenschaften an einem Punkt angelangt waren, an dem sie ausgereizt waren", meint auch Gotthart Wunberg, Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK), "wenn auch nicht von der Substanz her."
Herausgekommen ist dabei unter dem Strich so etwas wie eine "Versozialwissenschaftlichung" bestimmter Fachbereiche, die fortan unter neuer Flagge segelten und den "Geist" durch die "Kultur" ersetzten. Vor ziemlich genau fünf Jahren erfuhr dieser Paradigmenwechsel auch in Österreich seinen institutionellen Niederschlag: Eine Gruppe von interdisziplinär gesinnten Geistes- und Sozialwissenschaftlern hatte das Konzept für ein neues, außeruniversitäres Institut für Kulturwissenschaften erarbeitet, das vom damaligen Wissenschaftsminister Erhard Busek unterstützt und im Herbst 1993 prompt realisiert wurde.
Nach fünf Jahren läßt sich die Bilanz des IFK durchaus sehen, auch wenn sowohl das Leitungsgremium wie auch die programmatischen Schwerpunkte in den Anfangsjahren einiger Fluktuation ausgesetzt waren: Bis dato wurden nicht nur rund 50 internationale, z.T. prominent besetzte Tagungen veranstaltet, mindestens ebenso wichtig war, daß ebenso viele österreichische Nachwuchswissenschaftler vom IFK mit Fellowships ausgestattet wurden, um - in Kontakt mit den Fachgrößen aus dem Ausland - ihren eigenen Forschungen nachgehen zu können.
Entsprechend bleibt Wunberg angesichts jener Kritik völlig gelassen, die Wissenschaftsminister Caspar Einem kürzlich an mangelnden forschungspolitischen Zielsetzungen einiger außeruniversitärer Institute geäußert hat - sowie an ihrem unklaren Verhältnis zur Universität. Die eindeutig definierte Agenda des IFK sei es, so Wunberg, "etwas für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu tun". Diese Aufgabenstellung definiere auch die Relation zur Universität, die aufgrund ihrer systemeigenen Überlastung ebendieser Aufgabe kaum mehr nachkommen könne.
Zur Zeit sind es sechs österreichische Junior Fellows, die vom IFK ein Studienjahr lang nicht nur mit einem Stipendium unterstützt werden, sondern auch mit Hilfestellungen ganz anderer Art. Das IFK bietet ihnen den Kontakt mit angesehenen Kulturwissenschaftlern aus dem Ausland, die als Visiting Fellows für einige Monate am IFK arbeiten. Auf diesem Wege sollen die Ergebnisse der internationalen Forschung gezielt an eine Gruppe jüngerer, motivierter Wissenschaftler weitergegeben werden. "Denn anders als international lassen sich auch die Geistes- und Kulturwissenschaften heute nicht mehr betreiben. Jedes Wort, das man darüber verliert, ist läppisch."
Das IFK hat sich damit in mehrfacher Hinsicht als Begegnungsstätte für die kulturwissenschaftliche Forschung etabliert: Hier treffen nicht nur junge Forscher mit arrivierten Kollegen zusammen, sondern auch internationale Vertreter verschiedener Disziplinen und Forschungstraditionen. Besonderes Augenmerk wurde dabei in der jünsten Zeit dem Austausch zwischen den angloamerikanischen Cultural Studies und dem deutschsprachigen kulturwissenschaftlichen Diskurs geschenkt.
Das war vor allem ein Anliegen des wissenschaftlichen Sekretärs des IFK, Lutz Musners, der selbst auch an einem kulturwissenschaftlichen Projekt zur Erforschung der Wiener Moderne mitarbeitet. Während die Cultural Studies stärker ethnographisch-sozialwissenschaftlich ausgerichtet sind, rekurrierte man im deutschsprachigen Raum sehr viel stärker auf Geschichte und Hermeneutik. Im IFK soll auch versucht werden, diese beiden Ansätze stärker aufeinander zu beziehen und damit auch die konkreten Problemstellungen der Cultural Studies für den österreichischen Kontext zu "übersetzen".
Cui bono? Für wen soll das alles gut sein? Mit einer solchen Frage muß man Gotthart Wunberg nicht erst konfrontieren: Als verantwortungsvoller Direktor stellt er sie sich selbst - und liefert auch gleich die Antwort nach. Anhand des Forschungsschwerpunkts "Imagined Communities - Gedächtnis, Erfahrung, Innovation" erläutert er, welche gesellschaftlich relevanten Funktionen die Kulturwissenschaften und damit auch das IFK heute erfüllen können und sollen: "Es geht darum, das Gedächtnis der Vergangenheit zu bewahren und historische Erfahrungen aufzuarbeiten, um so ein besseres Verständnis der Jetztzeit - und damit zukünftige Innovationen - zu ermöglichen."
Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften,
4., Danhausergasse 1, Tel. 504 11 26, E-Mail: ifk@ifk.ac.at, Internet: http://www.ifk.or.at/ifk/
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