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WISSENSCHAFTSGESCHICHTE   Spätestens seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind Wissenschaft und Macht auf eine vielschichtige und unentwirrbare Weise miteinander verflochten. MITCHELL G. ASH

Kommt man auf das Thema Wissenschaft und Politik zu sprechen, so ist häufig von der "Autonomie" oder der Selbsterhaltung der Wissenschaften die Rede. Dabei wird Autonomie meist als Wert an sich, d.h. als Selbstzweck, begriffen. Diese Sichtweise entspricht zwar den Hoffnungen vieler Wissenschaftler, hat aber mit der Wirklichkeit historischer Abhängigkeitsverhältnisse wenig zu tun. Denn neben solchen Bestrebungen nach Unabhängigkeit ist eine zunehmende Verflechtung von Wissenschaft und Macht zu konstatieren. Diese hat eine lange Geschichte, entfaltet aber vor allem seit dem späten 19. Jahrhundert eine Eigendynamik.
Daß im 19. Jahrhundert auch Wissenschaftler - wie viele andere Mitglieder der gebildeten Schichten - im patriotisch-nationalistischen Chor ihrer jeweiligen Länder mitsangen, überrascht kaum. So prägte der Physiologe und Physiker Hermann Helmholtz im Jahre 1862, also am Vorabend der Kriege, die zur Gründung des deutschen Kaiserreichs führten, die berühmte Formulierung "Wissen ist Macht" und stilisierte die Gesamtheit aller Geistes- und Naturwissenschaftler zur "organisierten Armee" zur Disziplinierung des Denkens. Im Jahre 1872, also nach der von Preußen herbeigeführten kleindeutschen Reichsgründung, ließ er in einer - sinnigerweise in Innsbruck - gehaltenen Rede keinen Zweifel daran, daß wenigstens in der Wissenschaft ein großdeutsches Reich erstrebenswert sei; denn "in der Wissenschaft brauchen wir ja wohl nicht nach politischen Grenzen zu fragen, sondern da reicht unser Vaterland so weit, als die deutsche Zunge klingt, als deutscher Fleiß und deutsche Unerschrockenheit im Ringen nach Wahrheit Anklang finden".
Auch außerhalb Deutschlands wurden im 19. Jahrhundert militaristische Metaphern wie die des "Kampfes ums Dasein" häufig gebraucht. Eine davon, die Rede von einem "Krieg" der Bakteriologen gegen gefährliche Mikroorganismen, erfuhr eine unheilvolle Umwandlung, als man von "minderwertigen" Völkern als auszumerzenden "Schädlingen" zu sprechen begann. Mit solchen Formulierungen konnte man entweder wissenschaftliche Forschungsprogramme mit dem Anschein politischer Macht ausstatten oder politischen Programmen den Anschein von Naturvorgängen verleihen.
Eine Grundlage dieser Rhetoriken war die Entstehung von hierarchisch organisierten universitären und außeruniversitären Forschungsinstitutionen, die selbst zu Machtinstanzen geworden waren. Allein den Naturwissenschaften vorbehalten waren diese übrigens nicht. Als der Theologe Adolf von Harnack um die Jahrhundertwende von einem "Großbetrieb der Wissenschaft" sprach, bezog er sich auf die Inschriftensammlungen der klassischen Philologen und die Quellen-editionen der Historiker und nicht etwa auf die Forschungslabors der Industrie. Im Verlauf dieser Entwicklung entstand ein neuer sozialer Typus - der des Wissenschaftsmanagers, der als Leiter eines wissenschaftlichen Großinstituts Machtträger war und als solcher als lebendiges Bindeglied zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik fungierte.
Sehr konkret wurde die Verflechtung von Wissenschaft und Macht bei der Militarisierung der Wissenschaften im Ersten Weltkrieg. Das wohl prominenteste Beispiel ist die Rolle des Chemikers Fritz Haber im Gaskrieg.

Wissenschaft und Kriegsführung

Diese Geschichte allein im Sinne der moralischen Verkommenheit eines Kriegsverbrechers darzustellen greift jedoch zu kurz; es handelt sich um das bis dahin bedeutendste Beispiel einer Technisierung der Grundlagenforschung im Dienste der Kriegsführung. Die Verbindung von grundlegender Materialwissenschaft - hier der Erforschung der Eigenschaften von Chlor- und Senfgas - mit der Entwicklung von Trägersystemen - d.h. von trag- und einsatzfähigen Kanistern und Geschossen - machte bis dahin nie dagewesene institutionelle Vorkehrungen und Mobilisierungen wissenschaftlicher Arbeitskräfte notwendig. So zählte Habers Institut bis zum Kriegsende über 1500 wissenschaftliche Mitarbeiter. Dies und die enge Zusammenarbeit Habers mit Offizieren ließ seine Arbeit zum Präzedenzfall militärischer Großforschung werden, und zwar schon lange vor dem "Manhattan-Projekt" zur Entwicklung der Atombombe.
Demselben Komplex zugehörig und ebenso zukunftsweisend war die Rhetorik, mit der Haber seine Pläne rechtfertigte. Im Mittelpunkt dabei stand seine Behauptung, daß schon der erste Einsatz von Gas den Krieg beenden würde - eine Formulierung, die durchaus als Vorbote der Rhetorik der "Wunderwaffe" im Dritten Reich und der "Bilanz des Terrors" im Kalten Krieg gelten kann. Allerdings gab es schon damals auch Skeptiker. Als Habers Kollege, der Chemiker Emil Fischer, zum ersten Mal von seinen Plänen hörte, bemerkte er trocken, daß der Wind in mehr als eine Richtung wehe. Das war eine vielschichtige Bemerkung. Denn neben der Witterung war auch ein Hinweis darauf gemeint, daß die Engländer und Franzosen über ebenso gute Chemiker verfügten wie die Deutschen. Und so war es dann auch.
Die Verflechtung von Großwissenschaft und moderner Kriegsführung war keineswegs auf die Naturwissenschaften begrenzt. Die im Ersten Weltkrieg von den Amerikanern erstmals massenhaft verwendeten Intelligenztests und die im deutschen Heer eingesetzten psychotechnischen Untersuchungen sind bezeichnend für die Verwissenschaftlichung des "Faktors Mensch" im Krieg. In beiden Fällen handelt es sich um Instrumente zur funktionalen Unterscheidung und Einordnung von Menschen. Die nachhaltige Wirkung dieses Einsatzes für das Selbstverständnis der Psychologie zeigt sich z.B. darin, daß bis heute eine Reihe psychologischer Tests im Englischen eine "Batterie" und die Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Tests ein "Armamentarium" genannt wird. Diese Beispiele zeigen, wie problematisch die Rede von einer grundsätzlichen Wertneutralität der Wissenschaften schon zu jener Zeit geworden war.

Wissenschaft als Sozialpolitik

Keine Sondersituation wie die eines Weltkrieges war notwendig bei Forschungsprogrammen, die von vornherein als (sozial-)politische Entwürfe gedacht waren. Das geradezu paradigmatische Beispiel dafür ist die Eugenik, d.h. die planmäßige Stärkung der "positiven" und die Eliminierung der "negativen" erblichen Eigenschaften des Menschen. Als Francis Galton im Jahre 1869 erstmals sein eugenisches Programm entwarf, gab es die Humangenetik noch gar nicht. Vielmehr wollten Galton, sein Mitstreiter Karl Pearson und andere das humangenetische Grundlagenwissen im Namen einer "nationalen Eugenik" erst erwerben und die Öffentlichkeit gleichzeitig zum eugenischen Denken erziehen. Von einer "guten" oder "schlechten" Anwendung einer "reinen" Wissenschaft kann hier nicht die Rede sein.
Kein gerader Weg führte von diesem Programm zur sogenannten "Euthanasie", d.h. zur Ermordung Behinderter in der Zeit des Nationalsozialismus. Die ersten Sterilisierungsgesetze wurden in den USA schon vor dem Ersten Weltkrieg verabschiedet, ohne daß es zur Tötung "Minderwertiger" kam. Wie die bis in die siebziger Jahre hinein praktizierten, eugenisch begründeten Sterilisierungsmaßnahmen im sozialdemokratisch regierten Schweden zeigen, gab es auch keine einfache Zuordnung von faschistischer Ideologie und eugenischer Praxis. Angesichts dieser Vielfalt ist es empfehlenswert, statt von einem "Mißbrauch" an sich wertneutraler Wissenschaft von einem durchaus intendierten Gebrauch technokratischen Denkens und Handelns zu sprechen.

Verflechtungen und Umbrüche

Während der großen politischen Umbrüche dieses Jahrhunderts, z.B. infolge der Revolutionen von 1917 und 1918, aber insbesondere nach den Machtwechseln in den Jahren 1933 bzw. 1938 sowie 1945 in Deutschland und Österreich, gab es Versuche, verschiedene Wissenschaften im Sinne des jeweils neuen Regimes umzugestalten. Dies geschah allerdings auf verschiedenen Wegen. In einigen Fällen, wie z.B. der "deutschen Physik" im Nazismus oder dem biologischen Lyssenkoismus in der Sowjetunion, wurde eine inhaltliche Affinität zwischen den Zielen und Methoden von Wissenschaften mit der jeweils vorherrschenden Weltanschauung behauptet. In anderen Fällen wie der als "deutscher Seelenheilkunde" verbrämten Psychoanalyse bot man die eigene Forschung, auch wenn diese ideologisch fragwürdig erschien, als Instrument zur Verwirklichung politischer Ziele an.
Am interessantesten dabei ist, daß in allen der bislang untersuchten Fälle die Befürworter einer eklatanten Ideologisierung der Wissenschaften verloren. Statt dessen setzten sich immer wieder diejenigen Kräfte durch, die die Nützlichkeit moderner Forschung und Technologie für das jeweilige Regime zeigen konnten. Dabei handelte es sich nicht um einen Triumph "echter" Wissenschaft gegen Ideologie; denn auch die Wissenschaft und Technik, die damals international auf der Höhe der Zeit war, konnte ideologisiert werden. Joseph Goebbels hat den Volkswagen gemeint, als er einmal sagte, daß der Nationalsozialismus keineswegs technikfeindlich sei; er hätte aber ebenso das Raketenprogramm auf Peenemünde nennen können. Im Falle der Wissenschaften im Sozialismus verbanden sich ideologische Rhetorik und Wissenschafts- und Technikglaube im Slogan "Wissenschaft als Produktivkraft".
Auch hier blieben die Geisteswissenschaften nicht außen vor. Denn sie hatten und haben sehr wohl auch praktische Funktionen, wie z.B. den pädagogischen Einsatz der Geistes- und Sozialwissenschaften im Dienste der politischen Weltanschauungsbildung. Jenseits solcher bekannten Machttechniken konnten Vertreter dieser Wissenschaften ihre Expertise auch auf ähnliche Weise wie die von Naturwissenschaftlern verwenden. Ein besonders brisantes Beispiel dafür ist der Einsatz deutscher Historiker und Sozialwissenschaftler als Mitplaner und Gutachter im gigantischen "Umvolkungs"-Programm der vierziger Jahre, welches die ethnische "Flurbereinigung" und "Eindeutschung" großer Teile Osteuropas vorsah.
Was ist aus alledem zu folgern? Zunächst stellt sich die Frage, ob bestimmte Wissenschaften tatsächlich ideologieanfälliger sind als andere. Entgegen dem gängigen Klischeebild der vermeintlich "wertneutralen" Natur- und Technikwissenschaften versus die angeblich "verseuchten" Geistes- und Sozialwissenschaften ist hier Skepsis angebracht. Die Geistes- und Sozialwissenschaften sind, wie soeben gezeigt wurde, sehr wohl als Machttechniken einsetzbar, und die Wertneutralität der Natur- und Technikwissenschaften ist ihrerseits oft genug in verschiedenen politischen Kontexten als Ideologie bemüht worden.
Die zweite Folge ist, daß ein rein instrumentelles Verständnis von Wissenschaft und Macht nicht ausreicht, um ihren Verflechtungen gerecht zu werden. Wenn überhaupt von einer Instrumentalisierung zu sprechen ist, dann wird diese als eine wechselseitige zu begreifen sein. Um Ressourcen für sich zu gewinnen, die politische und militärische Instanzen anzubieten hatten, mußten Wissenschaftler ihrerseits wenigstens so reden, als würden sie etwas anzubieten haben und dies auch anbieten wollen. Andererseits mußten die jeweiligen Machthaber wissenschafts- oder technikgläubig genug sein, um sich vom Angebot der Wissenschaftler überzeugen lassen zu können.
In Anbetracht dieser Überlegungen scheint weder eine kritiklose Lobpreisung wissenschaftlicher Fortschritte noch ein ebenso verkürztes Horrorszenarium einer zerstörerischen technokratischen Moderne gerechtfertigt zu sein. Die Verflechtungen von Wissenschaft und Macht haben in der Moderne mehrere Dimensionen. Sowohl in der Forschung als auch im öffentlichen Diskurs über die Wissenschaften und die Wissenschaftspolitik gilt es, dieser Vielfalt und Komplexität gerecht zu werden.

         

Mitchell G. Ash ist seit 1997 Professor für Neuere Geschichte und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Wien. Internet: http://www.univie.ac.at/Geschichte~ash.html

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