FORSCHUNG ALS POLITIK heureka! 4/98
zur Übersicht
WISSENSCHAFT & MACHT   Die Antarktis ist jene Weltgegend, die ausschließlich von Forschern bewohnt wird. Die dort betriebene Wissenschaft diente freilich immer auch schon der Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln. NIKI NICKL und KLAUS TASCHWER

Beim dramatischen Wettrennen um den Südpol spielte die Wissenschaft nur eine bescheidene Nebenrolle. Und zwar in Form von 35 Kilogramm Gesteinsproben, die der Engländer Robert Scott und seine Mannen für spätere wissenschaftliche Untersuchungen mitschleppten. Möglicherweise war dieser Tribut an die Forschung mit ein Grund dafür, daß Scott im Dezember 1911 nicht nur den Wettlauf gegen seinen norwegischen Widersacher Roald Amundsen, sondern auf tragische Weise auch sein Leben verlor.
Wissenschaft und Nationalismus, diese zwei so unterschiedlichen Bewegungen, die um 1900 zu einem Höhepunkt kamen, spielten in der Geschichte der Antarktis seit damals eine zentrale Rolle. Zunächst hatte man noch die Wissenschaft favorisiert: Kein anderer als Karl Weyprecht (1838-1881), Offizier der k. u. k. österreichisch-ungarischen Monarchie, setzte sich für eine internationale Erforschung des weißen Kontinents im Dienste der Wissenschaft ein - statt einen sinnlosen Wettlauf zum Südpol zu veranstalten: Der deutsch-österreichische Polarforscher war bereits 1875 davon überzeugt, daß es idiotisch sei, ein solches Rennen um diesen im Grunde fiktiven Punkt zu veranstalten.
Dieser Begründung kann auch der schwedische Wissenschaftsforscher Aant Elzinga einiges abgewinnen, der sich seit vielen Jahren mit der Antarktis beschäftigt und zu diesem Zweck auch im vergangenen antarktischen Sommer einige Monate vor Ort verbracht hat. "Diese soziale Konstruktion des geographischen Südpols wird dank neuer Ortsbestimmungsmethoden wie dem Global Positioning System besonders augenfällig", erklärt Elzinga weiter: So stecken um den fiktiven Punkt des Südpols heute die Fahnen jener Nationen im Eis, die dem Antarktisvertrag angehören. "Weil sich aber das 3000 Meter dicke Eis ständig bewegt, müssen diese Flaggen Jahr für Jahr versetzt werden, um tatsächlich am südlichsten Punkt des Globus zu bleiben."
Nachdem der Südpol erreicht war, flaute das nationalistische Interesse an der Antarktis für einige Jahrzehnte mehr oder weniger ab - auch wenn die Frage offenblieb, wem dieser letzte Kontinent ohne Eigentümer denn nun gehören sollte. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs änderte sich die Situation schlagartig, und plötzlich erwachte erhebliches militärstrategisches Interesse am eher abgelegenen Erdteil. Nazi-Deutschland zum Beispiel führte die "Schwabenlandexpedition" durch: Flugzeuge warfen Metallpfeile mit Hakenkreuzen am Ende ab, um den deutschen Anspruch auf den Sektor "Schwabenland" zu dokumentieren.
Als Admiral Richard Byrd nach dem Krieg im Jahr 1947 die Flaggen aller UN-Staaten über dem Südpol abwarf, um den weißen Kontinent dem "Ideal der Brüderschaft aller Völker" zu widmen, waren die Landansprüche nicht verschwunden, im Gegenteil: "Anrainerstaaten" wie Australien, Neuseeland, Argentinien und Chile, aber auch Länder wie Frankreich und Norwegen versuchten, ihre jeweiligen Claims abzustecken - die politischen Karten der Antarktis ähnelten ab diesen Jahren dem Bild einer eher ungerecht aufgeteilten Torte; alle Interessierten versuchten, sich möglichst große Tortenstücke zu sichern.

         

Der erste große Wendepunkt in der Antarktis-Geschichte - die wie keine andere von den Wechselwirkungen zwischen Politik und Wissenschaft geprägt ist - war das Internationale Geophysikalische Jahr 1957/58. Was damals passierte, beschreibt der Antarktisexperte Elzinga als "wissenschaftliche Sublimierung der Konflikte": Anstatt offen politisch zu streiten, habe man sich darauf geeinigt, die Auseinandersetzungen in wissenschaftlichen Aktivitäten zu kanalisieren: Im Laufe weniger Jahre wurden mehr als 60 Forschungsstationen errichtet, mit denen man sich gegenseitig übertreffen wollte.
Selbst der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion wurde auf diese Weise "sublimiert": Während sich die US-Amerikaner mit ihrer Forschungsstation direkt am Südpol plazierten - und damit ein Zeichen für ihren Anspruch auf Zugang zum gesamten Kontinent setzten -, konterten die Sowjets mit fünf Stationen, die strategisch über alle Sektoren der Antarktis verteilt wurden; eine der Forschungseinrichtungen ("Wostok") wurde in der Nähe des geomagnetischen Südpols, am unzugänglichsten Ort dieses ohnehin kältesten, trockensten und stürmischsten Erdteils, errichtet.
"Sieht man sich die Verteilung dieser 60 neuen Stationen an, so wird allerdings sofort augenfällig, daß die politischen Interessen der Betreiberländer im Vordergrund standen", analysiert der Wissenschaftsforscher aus Göteborg, "und nicht die wissenschaftlichen: Zwei Drittel der Stationen sind an der Küste angesiedelt, einfach um Wissenschaftler in der Antarktis zu haben - aus rein wissenschaftlicher Perspektive ist das völlig unsinnig." Doch die Forschung war eben nicht so wichtig wie das politische Mitspracherecht - und genau darum ging es: Am Antarktisvertrag des Jahres 1961 durften nämlich nur jene zwölf sogenannten Konsultativstaaten mitverhandeln und teilnehmen, die auch eine ganzjährig besetzte Forschungsstation vorweisen konnten.
Für Elzinga ist die Wissenschaft in der Antarktis damit nichts anderes als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln - auch wenn den Politikern zu der Zeit weitgehend egal war, was die Wissenschaftler dort so trieben. "Die Bedeutung der Grundlagenforschung war damals, in einer zutiefst politischen Arena, vor allem eine symbolische", so Elzinga, "und sie verhielt sich zur Politik invers: Je grundlagenorientierter die Forschung eines Landes war, desto politischer und lauter war dessen Stimme im Club der Nationen."

         

Was der Antarktisvertrag des Jahres 1961 allerdings nicht regelte, war die Frage der Rohstoffausbeutung. Das sollte sich bald als schwerer Fehler erweisen, denn insbesondere durch die erste Ölkrise 1973 - und aufgrund von geologisch begründeten Hoffnungen auf antarktische Bodenschätze - trat der Territorialstreit schon bald wieder offen zutage. Diesmal auch unter massiver Beteiligung der Öllobby, die im südlichsten Teil der Erde so etwas wie einen "neuen Mittleren Osten" vermutete. Geld floß nun vor allem in die geophysikalische Forschung bzw. in seismische Studien, die über Öl- und Mineralvorkommen Aufschluß geben sollten.
Auf der politischen Bühne verhandelten währenddessen die mittlerweile vierzehn Konsultativstaaten - also jene Staaten, die in der Antarktis Wissenschaft betreiben und aufgrund dessen mitreden dürfen - um die Ressourcennutzung, sie beschlossen ein erstes Moratorium, verhandelten weiter. Das rief einige Länder der Dritten Welt auf den Plan: Sie kritisieren, daß sich die Reichen "private Reichtümer" sichern wollten, und wollen die Antarktis zum "gemeinsamen Erbe der Menschheit" erklären. Zu dieser Zeit beginnen sich aber auch die Umweltorganisationen erfolgreich einzumischen: Greenpeace errichtet eine eigene Forschungsstation und berichtet von den Umweltsünden der anderen.
Nach jahrelangem Streit und einem regelrechten Politkrimi einigen sich schließlich 1991 im sogenannten Madrider Abkommen 33 Nationen darauf, in den kommenden 50 Jahren auf jegliche Rohstoffausbeutung zu verzichten. Von diesem erstaunlichen Erfolg des Umweltschutzgedankens ist auch die Forschungstätigkeit der antarktischen Scientific community nachhaltig betroffen, die im Sommer aus ein paar tausend Wissenschaftlern besteht, im Winter allerdings auf einige hundert schrumpft. So sind die meisten von ihnen nunmehr in Projekten tätig, die mit ökologischen Fragestellungen oder Problemen des Klimawandels zu tun haben.
"In diesem Zusammenhang funktioniert die Antarktis wie ein phantastisches Labor", meint Elzinga, der seit Jahren über die Antarktiswissenschaft forscht. "Aufgrund der spezifischen ‚Natur' des Kontinents kann man globale klimatische Veränderungen sehr viel früher erkennen als irgendwo sonst - einmal ganz abgesehen vom Ozonloch."
Seit dem Abkommen von 1991, das zumindest bis 2041 gültig ist, müssen aber auch die Wissenschaftler selbst sehr viel ökologischer sein: Für jede Expedition ist eine Umweltbelastungssteuer zu entrichten, bevor man überhaupt noch die Antarktis betritt. Und die jeweiligen nationalen Umweltbehörden sind vorab in einem Vorhabensbericht zu informieren, welche möglichen Belastungen der einzigartigen antarktischen Natur auftreten könnten. Selbst er habe dies für sein eher wissenschaftsphilosophisches Projekt tun müssen, erklärt Elzinga nicht ohne Schmunzeln - ohne die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahmen in Frage zu stellen.
Apropos: Was macht eigentlich ein studierter Philosoph und Professor für Wissenschaftsforschung in der Antarktis? Auch Elzingas Projekt kreist um ökologische Fragestellungen - konkret darum, welche unterschiedlichen Kategorien es bei den Antarktisforschern im Zusammenhang mit umweltbelastenden Umständen gibt, bzw. um "fach-inhärente Paradigmen, die z.B. einen Pinguinbiologen im Vergleich zu einem Geophysiker umweltbewußter agieren lassen".
Elzingas Kollegen waren am Anfang etwas skeptisch über "den Kuckuck, den man ihnen da ins Nest gelegt hatte", doch er habe durch harte Arbeit - u.a. an Eiskernbohrungen - schnell ihr Vertrauen gewonnen. Durch die Arbeit vor Ort und insbesondere durch einige technische Pannen habe er Dinge mitgekriegt, die ihm am Schreibtisch in Göteborg niemals in den Sinn gekommen wären. "Als bei einer Überlandfahrt die Benzinpumpe ausfiel und ich versuchte, das Ding zum Funktionieren zu bringen, froren mir fast die Finger am Metall an. Es floß einiges Benzin aus, was mir in der Situation ziemlich egal war. So wurde mir klar, daß es notwendig ist, technische Dinge besser zu designen, bevor sie vor Ort eingesetzt werden - z.B. leichter bedienbare Kraftstoffsysteme zu entwickeln."

         

Für besonders wichtig hält Elzinga die Bestimmung, wonach alle Länder ihren gesamten Müll wieder aus der Antarktis hinausschaffen müssen: "Früher haben die USA auf ihrer größten Forschungsstation McMurdo, die im Winter von 150 und im Sommer von 1600 Personen bevölkert wird, einfach all ihren Müll, ihre kaputten Fahrzeuge und Maschinen aufs Packeis gebracht. Im Frühling, wenn dann das Eis schmolz, versank alles einfach im Meer. Das war ein Riesenskandal, der damals von Greenpeace aufgedeckt wurde. Andere Stationen schütteten einfach ihre Fotochemikalien in die Landschaft und verseuchten damit Pinguinkolonien. Es war grauenvoll."
Heute ist das anders. Zwar werden immer noch riesige Stationen gebaut - wie kürzlich erst jene der Südafrikaner, die rund 30 Millionen Dollar gekostet haben dürfte, mehreren hundert Leuten Platz gibt und einen riesigen Tank für 600.000 Liter Diesel hat. Doch nachdem die Südafrikaner im vergangenen Jahr die Bauarbeiten an ihrer riesigen Station beendet hatten, mußten sie in mehreren Dutzend Schiffsladungen ihren angefallenen Müll abtransportieren.
Für die Forscher selbst haben diese rigorosen ökologischen Auflagen allerdings auch ihre Kehrseiten - denn sie müssen neben den enormen Transport- und Lebenshaltungskosten, die schon drei Viertel ihres Budgets wegfressen, auch noch viel für die Umwelterhaltung ausgeben. "Zum einen ist es natürlich schön und gut, Umweltschützer zu sein. Zum anderen ist es für die Forscher vor Ort sehr schmerzhaft, wenn sie mitansehen müssen, wie die Forschungsgelder nicht nur vom Dieselöl und der Erhaltung der Stationen, sondern auch von der Rückverschiffung ihrer eigenen Scheiße aufgefressen werden."

nach oben     zur Übersicht