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FORSCHUNGSZENTRUM   Knappe Mittel, EU, internationale Konkurrenz. Der Druck auf allen Ebenen zwingt das Österreichische Forschungszentrum Seibersdorf (ÖFZS) zur Reform an Haupt und Gliedern. Teil drei einer Serie über außeruniversitäre Forschungsinstitute in Österreich. OLIVER HOCHADEL

ÖFZS in Wort und Zahl

         

Seibersdorf. Genau. Das klingt wie Cybersdorf. Welch programmatischer Name für das größte außeruniversitäre Forschungszentrum im Lande! Und die Marketing-Vokabeln des ÖFZS wollen denn auch keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, wohin die Reise geht: Innovation, Wettbewerb, Zukunft. Auf den 110 Hektar Betriebsgelände 40 Kilometer südöstlich von Wien steht aber nicht nur ein postmodernes Coop-Himmelb(l)au-Schmuckstück, sondern auch Backsteinbauten aus den späten fünfziger Jahren. Das ÖFZS ist - Forschungsfelder, Personal- und Kostenstrukturen inklusive - ein historisch gewachsener Komplex.
So ist etwa die Keimzelle des ÖFZS, 1956 als "Österreichische Studiengesellschaft zur friedlichen Nutzung der Atomenergie" gegründet, zur Altlast geworden, die im doppelten Sinne des Wortes entsorgt werden muß. Am 31. März nächsten Jahres soll der Forschungsreaktor des ÖFZS stillgelegt werden. Bis zum endgültigen Ausstieg im Jahre 2012 wird das geschätzte 1,2 Milliarden Schilling kosten, was zehn bis fünfzehn Prozent des jährlichen Budgets bindet.

Finanzielle Turbulenzen

Zu den gesellschaftspolitischen Veränderungen, der Ablehnung der Kernkraft, kamen auch hausgemachte Probleme. 1996 tat sich ein Finanzloch von - je nach Interpretation - etwa einer halben Milliarde Schilling auf. Man hatte es verabsäumt, Pensionsrückstellungen für die Mitarbeiter zu tätigen. Der Geschäftsführer für Wirtschaft und Marketing mußte den Hut nehmen, der Geschäftsführer für Wissenschaft und Technik ging in Pension. Der - noch vor der Entdeckung der Leichen im Keller bestellte - neue alleinige Geschäftsführer Franz Leberl wurde unversehens zum "Sanierungsmanager". Die offizielle Sprachregelung besagt heute, daß man mit den Mitarbeitern eine "einvernehmliche Lösung" gefunden habe, sprich: diese zu erheblichen finanziellen Opfern bereit waren. Ein Zuschuß von (bis 1999) insgesamt 160 Millionen Schilling durch das Wissenschaftsministerium (BMWV) bewahrte das ÖFZS vor der finanziellen Havarie. Hinzu kam ein drastischer Personalabbau. Die Stimmung war äußerst gedrückt im letzten Jahr, denn fast niemand konnte seiner Stelle sicher sein. 80 Mitarbeitern wurde 1997 gekündigt, um die stetig wachsende Diskrepanz zwischen Betriebskosten und Erträgen sowie Zuschüssen langfristig zu senken.
Der Wirbelwind Leberl setzte das Betriebsklima beträchtlichen Turbulenzen aus. Durch seine harte Gangart stieß er viele Leute vor den Kopf und brachte sie gegen sich auf. Ein attraktives Angebot aus den USA kam da zur rechten Zeit, und nach nur 18 Monaten löste Leberl Ende März dieses Jahres seinen Dreijahresvertrag auf. Seit Mitte Mai verfügt das ÖFZS mit Günter Koch (Wissenschaft und Technik) und Wolfgang Pell (Wirtschaft und Marketing) wieder über eine Doppelspitze in der Geschäftsführung. Mit halbwegs geordneten Finanzen und mehr Fingerspitzengefühl versuchen die beiden, das ÖFZS weiter zu reformieren. Eine knifflige Aufgabe.

Plan und Markt

Das ÖFZS ist nämlich ein Mischwesen, ein Hybrid. Es ist eine Ges.m.b.H. und zu knapp über 50 Prozent in Staatsbesitz. Es ist ein markt- und gewinnorientiertes Unternehmen und gleichzeitig ein technologiepolitisches Instrument der öffentlichen Hand. Es muß sich in der Auftragsforschung den Wünschen der Kunden anpassen und in der unabhängigen Forschung forschungspolitische Akzente setzen.
Das Zwitterhafte zeigt sich auch in der täglichen Praxis. Wissenschaftler und Controller müssen hier eine gemeinsame Sprache finden, Tüftler Marketingstrategen die Vorzüge ihrer Entdeckungen verständlich machen. Weiteren Abstimmungsbedarf gibt es zwischen den insgesamt neun operativen Bereichen (siehe Kasten), die möglichst interdisziplinär arbeiten sollen, um ein Höchstmaß an Synergie zu erzielen. Ein Eldorado für Feldstudien zu Kommunikationsproblemen und deren Überwindung. "Man muß doppelt denken", beschreibt Pell die Anforderungen an das Personal, "und stündlich voneinander lernen. Dafür gibt es außerhalb der außeruniversitären Forschung keine Ausbildung."
Die Marschrichtung ist dennoch eindeutig. Was Pell an Unternehmensstrategie definiert - Personalentwicklung, Kundenorientierung, Professionalisierung in der Projektabwicklung -, hat eine Grundtendenz: Ökonomisierung. Das Forschungszentrum soll mehr und mehr zu einem Unternehmen werden. Während die Basisfinanzierung durch das BMWV bei steigenden Kosten stagniert oder gar fällt, müssen die Erträge aus der Auftragsforschung erhöht werden.
Und das angesichts wachsender internationaler Konkurrenz. Da tut Konzentration not. Lange Zeit war das ÖFZS ein "Gemischtwarenhandel", der allerlei im Angebot führte. Die Vielfalt gilt es für Koch einzudämmen und statt dessen die vorhandenen Kompetenzen auszubauen. In Zukunft will man sich daher vor allem auf die drei Bereiche Informations-, Werkstoff- und Umwelttechnologien stürzen, wobei ersterer noch dazu innig mit den beiden letzteren verschränkt werden soll. Wie soll nun der erste Schritt im Seibersdorfer Puzzlespiel, das Zusammenfügen vorhandener Stärken, aussehen?

Wissensanalyse

"... denn Wissen schafft Zukunft", wirbt das ÖFZS. Aber wer weiß schon, wieviel er weiß? Um dies herauszufinden und das "Wissensunternehmen" (Koch) besser positionieren zu können, wurde nun eine Wissensanalyse begonnen, die bis Ende nächsten Jahres abgeschlossen sein soll. Was etwa bei Banken und Versicherungen weltweit längst üblich ist, eine Art geistige Inventur, soll nun auch im Bereich der Forschung geschehen. Leichter gesagt als getan. Patente, Lizenzvereinbarungen und Entwicklungsaufträge einerseits, Qualifikation, Erfahrung, Zusammenarbeit sowie Publikationen der Mitarbeiter andererseits - diesen bunten Strauß an Parametern gilt es zu erfassen und sinnvoll zu quantifizieren. Denn Patent ist nicht gleich Patent und Publikation nicht gleich Publikation.
Ein weiterer Schrittmacher für Seibersdorf ist die EU. Für Norbert Rozsenich, Sektionschef im BMWV, hat das ÖFZS die Herausforderung des Vierten Rahmenprogramms der EU für Forschung und Technologieentwicklung gut aufgegriffen: "Das hat zur Professionalisierung in puncto Termintreue und Kostendisziplin geführt." Momentan ist das ÖFZS an 110 EU-Projekten beteiligt, in 27 davon ist sie Konsortialführer, d.h. in leitender Stellung. Auch hier geht Qualität vor Quantität. Nicht ein Maximum, sondern ein Optimum an Aufträgen soll erzielt werden, differenziert Pell: "Die Projekte müssen möglichst gut zu uns passen."

Partner der Industrie

Bei allem Streben nach europäischem Engagement bleibt die zentrale technologiepolitische Aufgabe des ÖFZS die Zusammenarbeit mit der österreichischen Industrie. Während die Kommunikation mit den Großunternehmen - "Man spricht dieselbe Sprache" - ganz gut funktioniere, wünscht sich Rozsenich ein stärkeres Eingehen auf die kleineren und mittleren Unternehmen (KMU). Nur wenden sich die KMUs oft zu spät an das ÖFZS, dann nämlich, wenn eine Produktlinie ausläuft und schnellstens etwas Neues her muß, so Koch, der noch ein weiteres Problem sieht. KMUs sind per definitionem Betriebe mit weniger als 200 Mitarbeitern, oft sind es sogar unter 20. Entsprechend wenig Personal steht für Forschung und Entwicklung zur Verfügung. Eine mögliche Lösung wäre ein Personalaustausch, sprich: Mitarbeiter der KMUs beteiligen sich auf Zeit an der Forschung in Seibersdorf. Im doppelten Sinne der Kundennähe wird auch die Dezentralisierung des ÖFZS betrieben, das bereits über sechs Außenstellen in ganz Österreich verfügt; vier weitere sind geplant. Lauter kleine Cybersdörfer.

         

Österreichisches Forschungszentrum Seibersdorf Ges.m.b.H.,
2444 Seibersdorf, Tel. 02254/780-0, Internet: www.arcs.ac.at.

         

ÖFZS in Wort und Zahl

Personal: Zur Zeit beschäftigt das ÖFZS neben etwa 500 festangestellten auch zirka 150 freie Mitarbeiter.
Forschungsfelder: Das ÖFZS betreibt derzeit neun operative Bereiche mit "Marktkontakt": Informatik und Telematik, Produktionsinformatik, Werkstofftechnologie, Verfahrens- und Umwelttechnik, Lebenswissenschaften, Systemforschung (Technik, Wirtschaft, Umwelt), Technologie-Consulting und Nukleartechnik, die sich nochmals in insgesamt über 40 Geschäftsfelder unterteilen.
Finanzen: Die Betriebskosten beliefen sich 1997 auf 803 Millionen Schilling. Erwirtschaftet wurden aus Forschungs- und Entwicklungsaufträgen etc. 454 Millionen Schilling, das Wissenschaftsministerium schoß 293 Millionen Schilling zu.

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