From: Ruth.Wodak
<Ruth.Wodak@univie.ac.at>
To: <Peter.Iwaniewicz@blackbox.at>
Ich habe das Preisgeld dazu verwendet, einen Forschungsschwerpunkt "Diskurs, Politik, Identität" aufzubauen, an dem sieben WissenschaftlerInnen aus dem In- und Ausland arbeiten. Zur Zeit laufen zwei große, international vernetzte Forschungen: Diskurse über Arbeitslosigkeit in der EU und Diskurse über Neutralität und Sicherheit. In beiden steht eine "neue europäische Identität" zur Diskussion, wie auch das Spannungsverhältnis zwischen supranationaler Organisation und Nationalstaaten. Im ersten Fall haben wir extensive Feldforschung in Brüssel unternommen (Meetings, Parlament, Interviews usw.), im zweiten Fall untersuchen wir Zeitungen, Reden und Fokusgruppen wie auch ExpertInneninterviews.
Bisher haben außerdem zwei Symposien stattgefunden, und es war eine Reihe von internationalen Gästen zu Vorträgen und Blockveranstaltungen in Wien. Außerdem hat das Research Center ein Advisory Board mit internationalen ExpertInnen, das sich ein- bis zweimal im Jahr trifft und die Projekte diskutiert. Beide Projekte werden im März 1999 mit Publikationen abgeschlossen. Das Vorhaben zur Arbeitslosigkeit wird weitergeführt, und ein neues Projekt zur diskursiven Konstruktion alternativer Erinnerung, "Wehrmacht und Tabu", ist geplant.
Die Vorteile sind langfristige Planung und Flexibilität bei der Planung. Ich kann Forschung anderer Dimension und anderer Qualität machen und MitarbeiterInnen langfristig ausbilden. Die Möglichkeiten, Feldforschung zu machen, zu reisen, Symposien zu organisieren etc. sind wirklich großartig. Den Nachteil sehe ich darin, daß dies für den/die Preisträger/in ein zweiter Ganztagsjob ist und daher neben den anderen universitären Verpflichtungen einer ordentlichen Professur sehr viel Mehraufwand als Manager bedeutet und keinen Raum für eigene Forschung mehr zuläßt. Ganz im Gegensatz etwa zum Leibniz-Preis in Deutschland oder dem Mac-Arthur-Preis in den USA: Dort können die WissenschaftlerInnen vertreten bzw. freigestellt werden.
Weitere Vorteile: Möglichkeit zur Teamarbeit (neu in den Geisteswissenschaften) und zur Bildung von Centers of Excellence. Nachteil: Man investiert fünf Jahre sehr viel Arbeit, und dann ist es aus. Es stellt sich daher schon die Frage, ob nicht nach entsprechender Evaluation solche Centers weitergeführt werden sollten.
Ich wünsche mir mehr Bewegungsfreiheit. So dürfen wir in Wien nur etwa alle 8 bis 9 Semester zu Gastprofessuren fort, andere Universitäten hingegen freuen sich, wenn ihre Mitglieder im Ausland gefragt sind.
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From: Erich Gornik
<gornik@macmisz.fke.tuwien.ac.at>
To: <Peter.Iwaniewicz@blackbox.at>
Das Preisgeld kann flexibel verwendet werden und gibt dem Forscher die einmalige Gelegenheit, extrem innovative und riskante Forschungsprojekte in Gebieten zu beginnen, in denen man noch nicht als Experte ausgewiesen ist. Die konventionelle Forschungsförderung geht immer davon aus, daß ein Antragsteller wesentliche Vorarbeiten zu einem Thema bereits durchgeführt hat und mit dem Stand der Technik auf einem bestimmten Gebiet vertraut ist. Dies macht es schwierig, in neue Gebiete, auf denen wenig oder gar keine Erfahrungen vorliegen, einzusteigen. Auch interdisziplinäre Themen werden dadurch oft nicht gefördert, da solche Projekte ein zu großes Risiko bedeuten. Unterstützungen wie der Wittgenstein-Preis ermöglichen einem auf seinem Gebiet international ausgewiesenen Wissenschaftler einen gewagten Neuanfang und lassen ihn mit diesem Geld jene kritische Masse aufbauen, die ihn an die Weltspitze bringen kann.
Ich habe bisher nur einen kleinen Teil des Geldes verwendet und bin derzeit bei der Planung eines experimentellen Aufbaus, bei dem mit Hilfe physikalischer Meßmethoden einzelne Zellen und Zellenkomplexe untersucht werden sollen. Dieser beruht insbesondere auf der Anwendung eines Tunnel- und eines Kraftmikroskops, aber auch einer Nachfeldlasersonde zur Messung lokaler Größen in Zellen.
Ein weiterer Schwerpunkt der geplanten Arbeiten wird der Entwicklung neuer Materialien für Strahlungsquellen gewidmet sein. Auch hier besteht durch das Preisgeld die Möglichkeit, ein riskantes Materialsystem, über das derzeit in der Gruppe noch keine Erfahrungen vorliegen, zu untersuchen. Das Ziel dieser Arbeiten ist die Entwicklung von durchstimmbaren Quellen für eine neuartige Spektroskopie im Millimeter und Submillimeter-Wellenbereich, die zur Untersuchung von Materialien und auch in der Medizin verwendet werden kann.
Auch hier zeigt sich der Vorteil des Preisgeldes: Man kann riskante Projekte mit einem Zeithorizont von etwa fünf Jahren bearbeiten, was durch keine anderen Förderungsmechanismen bewerkstelligt werden kann. Es ist klar, daß so ein großzügiges Programm eine strenge Auswahl braucht, da das Risiko direkt mit der Person des Preisträgers verbunden ist.
In Deutschland und Holland gibt es ganz ähnliche Modelle seit etwa zehn Jahren, die sich sehr bewährt und zu einer Steigerung des allgemeinen Forschungsniveaus geführt haben.In England geht die Förderung so weit, daß besonders gute Wissenschaftler auf der Universität für mehrere Jahre von ihrer Lehrverpflichtung enthoben werden, um sich voll der eigenen Forschung widmen zu können.
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