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EINHEIT UND ZWIETRACHT heureka! 5/98
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WISSENSCHAFTSBUCH   Das jüngste Werk des Soziobiologen Edward O. Wilson sorgt für neue Diskussionen mit alten Argumenten. Ist die von ihm propagierte "Einheit des Wissens" nicht vielmehr eine Vereinheitlichung unter dem Diktat der Biologie? PETER IWANIEWICZ

Soziobiologie - die neue Synthese". Unter diesem programmatischen Titel erschien 1975 das Buch eines Insektenforschers namens Edward Wilson. In 26 Kapiteln legte der Ameisenspezialist dar, daß die Evolutionstheorie nicht nur Konsequenzen für die Ausbildung physischer Merkmale, sondern auch für die Entwicklung des gesamten Verhaltensrepertoires der Tiere hat.
Solange er seine Theorien mit zahlreichen und fundierten Beispielen aus der Zoologie illustrierte, war ihm die Zustimmung seiner Kollegen gewiß. Doch im siebenundzwanzigsten Kapitel dehnte er seine Betrachtungen auch auf das menschliche Verhalten aus, was ihm fortan den Ruf eines "rechten" Wissenschaftlers und von anderer Seite noch unschmeichelhaftere Bezeichnungen ("Rassist", "Faschist", "Sexist") eintrug.
Einige seiner Ausführungen über "angemessene genetische Ausstattung von Gesellschaften", über den "langfristigen Fortpflanzungserfolg von Menschen" und zur genetischen Bestimmtheit menschlichen Sozialverhaltens wurden von vielen als Affront empfunden. Andere wiederum verstanden die Aussagen der Soziobiologie als Reaktion auf das Diktat des damals in den USA vorherrschenden Behaviorismus und Kulturdeterminismus.
Nun ist - nach vier weiteren Büchern und mehr als 20 Jahren Forschung - Wilsons Spätwerk, "Die Einheit des Wissens", erschienen. Sein Versuch, die Ideen und Theorien von Physik, Biologie, Chemie, Anthropologie, Psychologie bis hin zur Philosophie und Religionswissenschaft zusammenzuführen, um eine allgemeine Erklärungsgrundlage für die Phänomene dieser Welt zu schaffen, hat ihm - zumindest in den Medien - breite Aufmerksamkeit eingebracht. Um seinen Ansatz von konventionellen interdisziplinären Konzepten gebührend abzuheben, hat Wilson den englischen Begriff "consilience" ausgegraben. Dieser Begriff wäre dann auf eine Lehrmeinung anzuwenden, wenn sich eine Übereinstimmung der Aussagen mit den verschiedenen Wissenschaften feststellen läßt. Die Existenz Gottes, die nur Theologen postulieren, wäre in diesem Sinne unwahrscheinlicher als die Schwerkraft.
Wilson, der an absolute Wahrheiten glaubt, versucht sämtliche Erscheinungen der menschlichen Kultur bis hin zur Metaphysik mit den Sichtweisen der Biologie zu erklären. Sein Ansatz ist eigentlich simpel: Da unser Gehirn nach einem genetischen Bauplan über Jahrmillionen evoluiert und an einer verbindlichen Realität erprobt worden sei, könnten auch alle menschlichen Empfindungen und Aktivitäten unter dem Gesichtspunkt des evolutionären Fortkommens erklärt werden.
Keine Frage, daß ein solcher Standpunkt niemals auf breite Zustimmung anderer Wissenschaften hoffen kann. Die Gegenposition ist bekannt: Naturwissenschaftler könnten die Voraussetzungen ihrer Disziplin zwar selbst reflektieren, aber sie stünden dabei nicht auf dem Boden ihrer eigenen Methoden, monieren die Philosophen. Wer populäre Formeln wie "Alles Leben ist Chemie" nachbetet, übersieht, daß Chemie von ihrer methodischen Grundlage her einen Aspekt der Wirklichkeit zum Gegenstand hat, in dem Leben als solches nicht vorkommt, sodaß diese Disziplin grundsätzlich keine Aussagen über das Leben machen kann.

Forscher, die sich hinreißen ließen, die Grundlagen ihrer Wissenschaft zu verlassen, dringen auf unreflektierte Weise in einen Bereich ein, der nur in unstatthafter Vereinfachung enden kann. Reduktionismus, schreien also die einen, kultureller Relativismus, kontert Wilson, der den Forschungsansatz der Sozialwissenschaften, daß die Erklärung gesellschaftlicher Phänomene und nicht des Verhaltens einzelner im Vordergrund stünde, als unzulässiges Negieren von Kausalzusammenhängen ablehnt.
Ein anderes Problem von Wilsons Ansatz ist, daß dem in den Naturwissenschaften gängigen Prinzip des "Erklärens" der den Geisteswissenschaften zugrundeliegende Ansatz des "Verstehens" gegenübersteht. So lassen sich gesprochene Worte zwar mit Regeln der Physik beschreiben, ihre Bedeutung kann jedoch mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht erfaßt werden. Genauso, wie der Sinn gesprochener Sätze der physiologischen Analyse nicht zugänglich ist, fallen die spezifischen Fähigkeiten des Menschen, also Sprechen, Erkennen, Handeln etc. - zumindest aus Sicht der Geisteswissenschaften -, insgesamt nicht in den Gegenstandsbereich der Physiologie.
Aber auch aus der Naturwissenschaft kommen kritische Töne. Stephen Jay Gould, ebenfalls Evolutionstheoretiker und wie Wilson Professor in Harvard, stößt sich grundsätzlich an der nicht nur von Wilson vertretenen Position, daß Evolution linearen Aufstieg und stete Weiterentwicklung der Lebewesen bedeutet (an deren Spitze der Mensch mit seinem aufgeblähten Großhirn und seiner zum Maß aller Dinge erhobenen Fähigkeit zur Selbstreflexion stünde).
Abgesehen von diesen inhaltlichen Einwänden, steht einer Umsetzung von Wilsons Aufforderung zur Interdisziplinarität die aktuelle Forschungspolitik entgegen. Die Konkurrenzsituation im Wissenschaftsbereich ist größer denn je, und die restriktive Budgetpolitik fördert nicht unbedingt die Bereitschaft zur fächerübergreifenden Begegnung. So ist nicht zu erwarten, daß die Chance eines offenen Diskurses über die weitere Entwicklung unserer Wissenschaften, der sich durch dieses Buch ergeben könnte, genutzt werden wird.
Also können wir eigentlich froh sei, wenn - wie ein Ökologe der Universität Wien unlängst klagte - sich die verschiedenen Fachreferenten bei einem interdisziplinären Seminar darüber einig sind, in welcher Reihenfolge die einzelnen Beitragsblöcke vorgetragen werden.

         

Edward O. Wilson: Die Einheit des Wissens. Aus dem Engl. von Yvonne Badal.
Berlin 1998 (Siedler). 442 S., öS 364,-

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