| "ICH HASSE DEN SZIENTISMUS" | heureka! 6/98
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INTERVIEW Die US-amerikanische Wissenschaftsforscherin Evelyn Fox Keller war ursprünglich eine erfolgreiche Naturwissenschaftlerin. Ein Gespräch über Karrieren, Gefühle und den Feminismus. STEFAN LÖFFLER
Die US-Amerikanerin Evelyn Fox Keller (Interview in heureka! 3/98) wird im deutschsprachigen Raum vor allem als Feministin und Wissenschaftskritikerin wahrgenommen – und damit nicht ganz richtig verstanden. Die 1936 geborene Wissenschaftlerin promovierte in theoretischer Physik und ist heute Professorin am renommierten Massachussets Institute of Technology (M.I.T.). Evelyn Fox Keller verfaßte etliche bemerkenswerte Bücher zum Thema Wissenschaft und Geschlecht, darunter eine Biografie der Nobelpreisträgerin Barbara McClintock, die aufgrund ihres bahnbrechenden Forschungsansatzes von der Scientific Community lange Zeit keine Anerkennung erhalten hatte. heureka!: Sie sind im deutschsprachigen Raum vor allem für Ihre Arbeiten über Geschlecht und Wissenschaft bekannt geworden. Am Beginn Ihrer Karriere, in den sechziger Jahren, waren Sie aber Physikerin. Evelyn Fox Keller: Ja. Das war eine schwierige Zeit für eine Frau in der Naturwissenschaft. Ich war Doktorandin in Harvard. Unter hundert Doktoranden in Physik gab es nur drei Frauen, und ich war die einzige in theoretischer Physik. Ich fand niemanden, mit dem ich über mein Promotionsthema reden konnte. Man sagte mir direkt ins Gesicht: "Theoretische Physik ist nichts für Mädchen." Der Leiter des Fachbereichs wußte von meinem Problem, also wurde mir erlaubt, über ein molekularbiologisches Thema zu promovieren. Um 1960 war es nicht unüblich, daß Physiker in die Molekularbiologie wechselten. Wally Gilbert, ein theoretischer Physiker, der ebenfalls diesen Schritt machte und später den Nobelpreis bekam, war formal mein Betreuer. Aber wir haben so gut wie gar nicht zusammengearbeitet. Die Molekularbiologen um mich herum waren unheimlich ehrgeizig, es war ein ständiger Wettlauf. Ich publizierte lieber wieder in theoretischer Physik und nahm eine Stelle an der New York University an. Kam endlich die verspätete Anerkennung der Wissenschaftler von Harvard? Nein, natürlich nicht. Ich wechselte nach und nach in ein brandneues Forschungsgebiet, die Biomathematik. Da hatte ich einige sehr erfolgreiche Aufsätze, die später noch oft zitiert worden sind. Das habe ich erst kürzlich bemerkt, als ich im "Science Citation Index" nachschlug, in dem alle Zitierungen eines Werks erfaßt sind. Meine späteren Studien über soziales Geschlecht und Wissenschaft, die mich eigentlich bekannt gemacht haben, werden von Naturwissenschaftlern anscheinend kaum gelesen. Aber meine alten Aufsätze in Biomathematik werden von ihnen immer noch fleißig zitiert. Es sind sogar zwei sogenannte "Keller-Segel-Modelle" bekannt. Mein damaliger Kollege und Koautor, Lee A. Segel, gilt heute als Vater der Biomathematik. Dann wären Sie also die Mutter ... Weil ich eine Frau bin, nahmen damals alle an, ich sei Segels Schülerin. Ich konnte auch nicht so oft wie er zu Konferenzen. Ich hatte Kinder, die noch sehr klein waren. Warum haben Sie das aussichtsreiche Fachgebiet wieder verlassen? Die siebziger Jahre hatten begonnen. Der Feminismus blühte auf. Die Siebziger waren soviel aufregender als die Sechziger. Ich wechselte zur State University of New York. Dort konnte ich unterrichten, was ich wollte: Ich gab Seminare über Denken und Bewußtsein, über Mathematik, Kreativität und Frauenforschung. Ich schrieb über meine Erfahrung als Doktorandin und begann über den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Wissenschaft nachzudenken. Das Grundproblem war für mich ideologischer Art, nämlich, wie Vorstellungen, was wissenschaftlich und was männlich ist, miteinander verknüpft waren. Diese Ideologie wollte ich unterwandern. Ich suchte eine Antwort auf meine eigene Hinundhergerissenheit. Ich liebte die Wissenschaft und haßte sie zugleich. Nein, schreiben Sie das nicht. Jemand wird sagen: "Da steht es schwarz auf weiß: Evelyn Fox Keller haßt die Wissenschaft." Schreiben Sie: "Ich liebe das Streben, die Welt zu verstehen, und ich hasse den Szientismus, diese Tendenz, alles zum Objekt zu machen." Heute sind Sie Professorin für Wissenschaftsgeschichte und -philosophie. Wie kam es dazu? Niemand außer mir selbst ist daran schuld. Ich habe mich im akademischen Leben oft neu erfunden. Die Fragen, die ich damals stellte, fand ich nirgends sonst. Weil die Leute wissen wollten, was ich eigentlich tue, taufte ich mein neues Fachgebiet "Psychosoziologie des wissenschaftlichen Wissens". Der Begriff blieb nicht bestehen, denn es gab kein "Wir". Mein "Wir" war der Feminismus. Wie wird Ihre Arbeit von Feministinnen interpretiert? Einige meiner Bücher wurden besonders in Deutschland anders gelesen, als ich es beabsichtigt hatte. Merkwürdigerweise sind die deutschsprachigen Rezensionen jedoch noch ganz korrekt. Aber je mehr Leute meine Bücher lesen, desto mehr Mißverständnisse entstehen und machen die Runde. Feministinnen benutzten "Reflections on Gender and Science" (dt.: "Liebe, Macht und Erkenntnis") als Argument, daß Frauen in den Naturwissenschaften nichts verloren hätten. Ich wollte damit aber genau das Gegenteil, nämlich Naturwissenschaftlerinnen ermutigen. Mein voriges Buch "A Feeling for the Organism" (dt.: "Barbara McClintock. Die Entdeckerin der springenden Gene") wurde genauso falsch interpretiert. Barbara McClintocks Art, sich in die Organismen einzufühlen, die sie erforschte, wurde verstanden als weibliche Art, Wissenschaft zu betreiben. Ich habe ein Problem damit, Gefühle von vornherein als weiblich einzustufen. Genau das wollte ich in Frage stellen. Ich wollte zeigen, wie Gefühle ganz allgemein im Erkenntnisprozeß helfen können, bei Frauen wie auch bei Männern. Haben Sie versucht, das klarzustellen? Ich habe das viele Male klargestellt. Als "Reflections on Gender and Science" vor einigen Jahren auf englisch neu erschien, habe ich ein Vorwort ergänzt. In die heuer neu aufgelegte deutsche Taschenbuchausgabe ist das aber leider nicht aufgenommen worden. Sie haben einmal gesagt, Ihre Arbeit über Geschlecht und Wissenschaft habe Sie weniger über Frauen gelehrt als über Männer. Ja, und interessanterweise fällt es Männern in den Naturwissenschaften oft leichter, über Gender-Aspekte, also Aspekte des sozialen Geschlechts, zu diskutieren. Einige hoffen, so ihre unterdrückten weiblichen Anteile zu entdecken, und betrachten mich als eine Art Verbündete. Naturwissenschaftlerinnen reagieren nicht so locker. Sie empfinden die Geschlechterfrage als riskant für ihre Karriere. Freilich gibt es immer wieder ein Sprachproblem: Für Biologen sind sex und gender, also biologisches und soziales Geschlecht, ein und dasselbe, während eine Feministin gerade auf diesen Unterschied pocht. Sie schreiben über die deutsche Genetikerin Christiane Nüsslein-Volhard, die 1995 den Nobelpreis für Medizin erhielt, sie werde von US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen als Heldin verehrt. In Deutschland aber, wo sie lebt und forscht, erhalte sie kaum Anerkennung. Haben Sie eine Erklärung dafür? Als ich eine Woche in Nüsslein-Volhards Labor verbrachte, bekam ich Besuch von einigen deutschen Feministinnen. Sie waren schockiert, daß ich mich für Christiane Nüsslein-Volhard interessierte. Für die Frauen war sie eine Feindin, einfach nur deshalb, weil sie eine erfolgreiche Naturwissenschaftlerin ist. Der Feminismus ist hier enger verbunden mit Ökoideologien, mit Technikfeindlichkeit und Skepsis gegenüber der Wissenschaft. Förderquoten für Frauen werden dagegen nicht so wichtig genommen wie in den Vereinigten Staaten. Dabei ist der Anteil der Frauen in der Forschung im deutschsprachigen Raum eine Katastrophe. Vor einigen Jahren habe ich an der Universität Bremen ein Seminar über soziales Geschlecht und Wissenschaft gehalten. Es kamen lauter Studentinnen der Naturwissenschaften. Aber als ich anfing, über ihre Karrieren zu sprechen, reagierten sie ziemlich ablehnend. Sind Ihre Studentinnen in den Vereinigten Staaten diesbezüglich anders eingestellt? Es kommt darauf an, ob ich am M.I.T. lehre, wo die Studierenden besonders karriereorientiert sind, oder etwa an der University of California. In der Tendenz ist US-amerikanischen Studentinnen die Karriere wichtiger. Hier in Österreich und Deutschland ist es ja nicht so, daß es in naturwissenschaftlichen Fächern keine Studentinnen gäbe. Aber sie sind oft nicht so ehrgeizig, meiden umkämpfte Forschungsgebiete und interessieren sich für soziale Aspekte. Bücher von Evelyn Fox Keller: |
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