| "AFFIRMATIVE ACTIONS SIND GUT" | heureka! 6/98
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INTERVIEW Christiane Nüsslein-Volhard
Gerade einmal zehn Frauen wurden in den vergangenen 97 Jahren mit dem Nobelpreis in den Naturwissenschaften ausgezeichnet. Die Deutsche Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen, ist die vorerst letzte in dieser kurzen Reihe. 1995 erhielt sie gemeinsam mit den beiden US-Amerikanern Edward B. Lewis und Eric F. Wieschaus den Nobelpreis für Medizin. Zusammen mit Wieschaus hatte sie an Embryonen der Drosophila-Fliege gezeigt, daß deren Entwicklung in Etappen verläuft. Für die Ausbildung des Körpers bzw. bestimmter Körperteile konnten sie jeweils eine verantwortliche Gengruppe identifizieren. Dies bedeutete einen Durchbruch hin zu einer molekularen Embryologie, denn dieselben Prinzipien finden sich auch beim Menschen. Mit heureka! korrespondierte die Laureatin über die Unterrepräsentanz von Frauen in den Naturwissenschaften und die Unterschiede zwischen den Wissenschaftskulturen in den USA und dem deutschsprachigen Raum. Date: Mon, 30 Nov 1998 17:28:43 +0100 heureka!: Sehr geehrte Frau Prof. Nüsslein-Volhard, die Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft – und hier vor allem in den Naturwissenschaften – gilt gemeinhin als Mißstand. Sind "Affirmative Actions" im Sinne einer bevorzugten Einstellung von Frauen Ihrer Meinung nach erfolgversprechend? Sie haben es auch auf "normalem" Wege "geschafft". Nüsslein-Volhard: Außer mir gibt es natürlich noch eine Reihe von anderen Frauen, die es ohne Affirmative Actions "geschafft" haben. Es wäre auch sehr schön, wenn es ohne solche ginge. Meiner Einschätzung nach ist aber nichts so entscheidend für einen Anstieg des Frauenanteils wie dieser selbst. Mit anderen Worten: Wenn mehr Frauen in der Wissenschaft wären, würde auch die Zuwachsrate im Sinne einer Autokatalyse, das heißt der Beschleunigung einer Reaktion durch einen Stoff, der während dieser Reaktion entsteht, zunehmen. Daher sind einmalige Affirmative Actions, obwohl ein wenig diskriminierend, im Resultat doch gut und notwendig. Evelyn Fox Keller sagt in einem Interview mit "heureka!", daß Sie von US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen wie eine Heldin verehrt würden, während Sie in Deutschland für Feministinnen sogar eine "Feindin" seien, nur weil Sie eine erfolgreiche Naturwissenschaftlerin seien. Trifft dies zu? Fox Keller hat recht. Das liegt wohl an der generell höheren Wissenschaftsfeindlichkeit im deutschsprachigen Raum. Automatisch wird angenommen, daß eine Frau, die erfolgreich in diesem Beruf ist, furchtbar viel arbeitet, verspannt und hart ist und ihre Mitarbeiter ausbeutet, ohne überhaupt hinzusehen. Feministinnen in Deutschland können sich oft nicht vorstellen, daß Wissenschaft, also Erkenntnisgewinn, Spaß macht und daß das Interesse an der Natur ganz unabhängig von menschlichen Qualitäten und anderen Interessen ist. Die Soziologin Beate Krais hat für die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) eine Studie über die Unterrepräsentanz von Frauen in der MPG selbst erstellt. Wie würden Sie als Direktorin die Lage der Frauen dort einschätzen? Leider gibt es zuwenig Frauen in den höheren Positionen, und es ist nicht zu übersehen, daß auch bei dem sehr hohen Qualitätsanspruch, den die MPG hat, der Prozentsatz niedriger ist als an vergleichbaren Einrichtungen z.B. in den USA. Das liegt zum Teil an dem negativen Image der Wissenschaftlerin, das Frauen eher davon abschreckt, diese Laufbahn einzuschlagen (es gibt daher wenig Kandidatinnen für solche Jobs), aber auch daran, daß, wie wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, bei gleicher Leistung die Kompetenz von Frauen häufig und unbewußt geringer eingestuft wird als die von Männern. Mit anderen Worten: Man traut’s ihnen nicht so leicht zu. Gleichwohl gibt es Fächer in den Naturwissenschaften, Entwicklungsbiologie zum Beispiel oder auch Genetik und Embryologie, in denen sehr viele Frauen vertreten sind, wenigstens in den USA. Das liegt wohl auch an dem größeren Interesse, das Frauen an diesen Themen haben. |
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