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AM ANFANG WAR DIE FRAU heureka! 6/98
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MATRIARCHATSFORSCHUNG Die Frühgeschichte der Menschheit wurde vom Mann beherrscht. Glaubte man. Neue feministische Untersuchungsergebnisse revidieren diese männlich verzerrten Vorstellungen von unserer grauen Vorzeit. PETER IWANIEWICZ

Vergessen wir Adam. Denn am Beginn der Menschheit stand eine Frau. Nein, nicht Eva, sondern Lucy. Zumindest in Forscherkreisen gilt die Australopithecus-afarensis-Frau - seitdem ihre etwa 3,2 Millionen Jahre alten Überreste entdeckt wurden - als die Urmutter der Menschheit. Lange Zeit indes hat das Interesse jener Forscher, die sich mit der Rekonstruktion der frühen Menschheitsgeschichte beschäftigten, einzig den männlichen Exemplaren unserer Vorfahren gegolten: Der Mann als Jäger und Krieger war es, der den Theorien vom "survival of the fittest" am besten entsprach. Die Rolle der Frau für die früheste Entwicklung kultureller Techniken und die Evolution von Sozialstrukturen wurde entweder nicht wahrgenommen oder als unbedeutend eingestuft.
Einer der ersten, die einen etwas anderen Zugang zu unserer Frühgeschichte suchten, war der Basler Rechtshistoriker und Altertumsforscher Johann Jakob Bachofen. Er beschrieb nach Revision der antiken Mythologie und ihrer Symbolik in seinem Opus magnum "Das Mutterrecht" (orig. 1861) verschiedene mutterrechtlich organisierte Kulturen, die der viertausendjährigen patriarchischen Hegemonie vorausgegangen waren. Matrilokale Heiratswohnfolge (der Mann tritt in die Gruppe der Frau ein), mütterliche Abstammungsregel (Kinder werden der Familie der Mutter zugerechnet), Erbfolge von Eigentum und Ämtern in der mütterlichen Linie, voreheliche Freiheiten und weibliche Initiative bei der Heirat waren für ihn die wichtigsten Kennzeichen dieser Gesellschaften.
Die Zeit war für solche Untersuchungen im 19. Jahrhundert noch nicht reif: Bachofens Hauptwerk fand erst in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts größere Verbreitung, nachdem die Geschlechterverhältnisse rund ums Fin de siècle ins Wanken geraten waren. In der Zwischenkriegszeit setzte Sir Galahad, eine unter Pseudonym schreibende Frau der Wiener Gesellschaft, die Aufarbeitung weiblicher Kulturgeschichte fort. In ihrem aufschlußreichen, aber leider vergriffenen Band "Mütter und Amazonen" verspricht sie schon im Vorwort, "so einseitig wie möglich zu bleiben, auf jener Seite nämlich, deren plastische Durchgestaltung bisher gefehlt hat. Denn bewußt oder unbewußt bleibt die männliche Bühne das Lieblingsobjekt historischer Betrachtung."
Diese wissenschaftstheoretische Kritik formulierte die US-amerikanische Anthropologin Nancy Tanner etwa fünfzig Jahre später noch prägnanter: "Jede Disziplin wird von der Kultur, in der sie entsteht, geprägt. Noch bis vor kurzem entstammten die meisten Anthropologen und Verhaltensforscher westlichen Gesellschaften und waren, mit wenigen bemerkenswerten Ausnahmen, männlich. Da die meisten Beobachter die Dinge von ihrer eigenen Perspektive aus betrachten, herrschten bei der Untersuchung des Sozialverhaltens Fragen nach dem Muster vor: Wie entstand das Sozialverhalten des westlichen Mannes?"
Mit der allmählichen Öffnung der Gesellschaft seit den späten sechziger Jahren, dem Beginn der Frauenbewegung und der wachsenden Zahl von Frauen in der Wissenschaft begann in den verschiedenen Disziplinen eine Neubewertung der bisherigen menschlichen Entwicklungsgeschichte. Auch in naturwissenschaftlichen Fächern wie der Primatologie wurden so durch neue, feministische Zugänge zum Thema bisher anerkannte Ergebnisse kritischen Revisionen unterzogen. So etwa wurde die als dominant eingeschätzte Rolle von Affenmännchen für den Zusammenhalt der Sippe in neueren, von Forscherinnen durchgeführten Untersuchungen relativiert und statt dessen die vielfältigen sozialen Strategien der Weibchen betont.
Zurück zum Menschen und seiner Frühgeschichte: Wie sahen sie nun aus, diese postulierten matriarchalen Kulturen in der Frühzeit der Menschheit? "Matriarchische Gesellschaften sind keine Herrschaftssysteme", meint Heide Göttner-Abendroth im heureka!-Interview. Die Grande Dame der Matriarchatsforschung im deutschsprachigen Raum geht davon aus, daß die Tradition des Patriarchats in der Menschheitsgeschichte relativ jung ist. "Erst vor etwa 5000 Jahren haben sich Kriegsorganisation und Unterwerfung in unserer Kultur ausgebreitet. Während der alt- und jungsteinzeitlichen Perioden sind Frauen sozialer und kultureller Mittelpunkt der Gesellschaft gewesen." Ein weitverbreiteter Irrtum sei es aber, daß es sich dabei um eine Herrschaft der Mütter gehandelt habe.
Den Beginn dieser Kultur datiert Göttner-Abendroth, die auch Leiterin der Akademie für matriarchale Forschung ist, mit etwa 10.000 v. Chr. In ihrem auf mehrere Bände angelegten Hauptwerk "Das Matriarchat" bemüht sie sich um eine umfassende Theorie der nichtpatriarchalen Gesellschaft und um eine ideologiekritische Revision der bisherigen Geschichtsschreibung. Als charakteristische Elemente matriarchaler Kulturen nennt Göttner-Abendroth das Vorhandensein eines gesellschaftlichen Konsensmodells, Matrilinearität (Abstammungsrechnung nach der Mutter), eine an Ausgleich orientierte Ökonomie und eine an vegetativen Kreisläufen ausgerichtete Religiosität.
Im Matriarchat gibt es für Göttner-Abendroth weder Krieg noch ökologische Probleme. Kein Wunder, daß der promovierten Philosophin vorgeworfen wird, eine allzu idealisierte Darstellung der menschlichen Sozial- und Kulturgeschichte zu liefern, die nur indirekt aus Funden von Artefakten abgeleitet worden sei. Daher wurde Matriarchatsforschung lange Zeit als okkult und unwissenschaftlich abqualifiziert und gar nicht erst an den Universitäten zugelassen. Die Frage, welche Rahmenbedingungen sie für ihre Forschungen vorgefunden habe, beantwortet die Matriarchatsexpertin daher auch lakonisch mit "Gar keine".
Göttner-Abendroth verweist auf den Umstand, daß neue Strömungen und Paradigmenwechsel auch in der europäischen Geistesentwicklung in der Regel von außeruniversitären Kreisen ausgingen und erst später Aufnahme in den etablierten Wissenschaftskanon fanden. Als Folge dieser ablehnenden Haltung durch die traditionellen Wissenschaftseinrichtungen gründete sie die Akademie Hagia und finanzierte ihre umfassenden Studien als Privatgelehrte - ohne jegliche staatlichen Förderungen und Unterstützungen.
Die Forschungssituation ist aber auch aus anderen, wissenschaftlichen Gründen nicht einfacher geworden. Die Rekonstruktion der Anfangsgründe unserer menschlichen Existenz wird längst aus mehreren unterschiedlichen Perspektiven heraus betrieben: Da gibt es zwar auf der einen Seite eine Matriarchatsforschung, die ihre Erkenntnisse vor allem aus Funden von fossiliertem Sozialleben ableitet und aus Gründen der Ideologiekritik eine totale Neuschreibung der patriarchistischen Geschichtswissenschaft fordert.
Auf der anderen Seite stehen Paläoanthropologen, die wiederum aus Knochenfunden Formen des frühen Zusammenlebens der Menschheit abzuleiten versuchen. Evolutionsbiologen schließlich destillieren ihre Theorien über die "natürliche" und ursprüngliche Familienstruktur aus dem Geflecht von Selektion, Mutation und "notwendigen" Anpassungen. Obwohl Interdisziplinarität stets eingefordert wird, sind die Differenzen zwischen den verschiedenen Ansätzen noch weitgehend unüberbrückt.
Wenn auch der Schleier nie endgültig zu lüften sein wird, der über unsere graue Vorzeit ausgebreitet ist, so ist zumindest eines offensichtlich: Die wissenschaftlichen Deutungsmodelle der menschlichen Frühgeschichte sind durch unsere eigene Kultur wesentlich mitbeeinflußt. Und das Geschlecht der Wissenschaftler.

         

Nancy M. Tanner: Wie wir Menschen wurden. Der Anteil der Frau an der Entstehung des Menschen.
Frankfurt/New York 1994 (Campus).

Bücher von Heide Göttner-Abendroth (Auswahl):
Für die Musen. Neun kulturkritische Essays.
8. Auflage. Frankfurt/M. 1996 (Zweitausendeins). 214 S., öS 117,-
Die Göttin und ihr Heros.
11. erweiterte und völlig überarbeitete Neuauflage. München, 1993 (Verlag Frauenoffensive). 266 S., öS 234,-
Das Matriarchat. Band 1. Geschichte seiner Erforschung.
Stuttgart 1991 (Kohlhammer). 193 S., öS 234,-
Das Matriarchat. Band 2. Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien.
Stuttgart 1993 (Kohlhammer). 200 S., öS 234,-

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