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VERLAGSWESEN Fusionen von Wissenschaftsverlagen haben in den vergangenen Jahren die Preise für Fachzeitschriften in die Höhe getrieben. Seit kurzem üben billigere Online-Journale Druck auf etablierte Verlage aus. Eine Lagebericht. ROBERT TRIENDL
Vor wenigen Jahren noch galt die Vorstellung von einer vollelektronischen Bibliothek als Phantasterei. Mittlerweile scheint diese Utopie zumindest im Wissenschaftsbetrieb jedoch in greifbare Nähe gerückt. Seit die großen wissenschaftlichen Verlagshäuser - wie Elsevier, Kluwer und Springer - in den letzten beiden Jahren angefangen haben, einen Teil ihres Zeitschriftenbestands in elektronischer Form anzubieten, ist die Zahl der Online-Zeitschriften nahezu exponentiell angestiegen.
Der Branchengigant Elsevier Science bietet bereits mehr als 1200 Titel in elektronischer Form an; beim deutschen Konkurrenten Springer werden es demnächst 400 sein. Neben naturwissenschaftlichen und technischen Fachzeitschriften sind auch mehr und mehr Periodika in Bereichen wie Recht oder Sozialwissenschaften oder medizinischem Informationsservice per Internet zugänglich. Kaum eine angesehene wissenschaftliche Zeitschrift, die es nicht auch in einer Online-Version gibt.
Natürlich: Gelesen werden die Texte nicht am Bildschirm, sondern in ausgedruckter Form. Was Online-Zeitschriften für den Benutzer attraktiv macht, sind elektronische Querverweise und ausgefeilte Suchmöglichkeiten - und weniger die bequeme Abrufbarkeit am eigenen Computer. So bietet das Institute for Scientific Information mit ScienceWeb neuerdings einen Service an, der die Suchfunktionen des Science Citation Index (SCI) mit direktem Zugang zu Volltext-Versionen von mehr als hundert Zeitschriften verbindet.
Mit dem SCI lassen sich Einträge nicht nur mittels Autor oder Stichwort ausfindig machen, sondern auch über Literaturangaben zitierter Artikel. Da thematisch ähnlich gelagerte Aufsätze meist auch auf die gleiche Literatur verweisen, können über gemeinsame Zitationen inhaltlich benachbarte Aufsätze ausfindig gemacht werden. Auf diesem Suchprinzip aufbauend, lassen sich so in kurzer Zeit ganze Forschungsfelder gleichsam durchforsten. Seit ein paar Monaten bietet Science Direct, der Online-Service von Elsevier, Suchmöglichkeiten über Evaluated Medline mit Volltext-Links an.
Waren Online-Zeitschriften bisher oft nur zusätzlicher Service zur gebundenen Version, so gehen immer mehr Bibliotheken dazu über, bestimmte Periodika nur mehr als Online-Version anzubieten. Auch wenn dies zunächst mit Investitionen in die notwendige Infrastruktur verbunden ist, lassen sich längerfristig Personal und Lagerkosten einsparen. Auch sind Online-Versionen meist preislich günstiger als gedruckte.
Den radikalen Schritt in Richtung einer rein elektronischen Zeitschriftenspeicherung haben bisher aber nur wenige Bibliotheken unternommen. Nach wie vor schrecken viele Unsicherheitsfaktoren ab. Was passiert etwa, wenn sich eine Bibliothek entscheidet, eine Online-Subskription nicht mehr zu erneuern? Denn anders als Papier, das zumindest ein paar hundert Jahre haltbar ist, sind Datensätze und Datenträger ohne entsprechendes Updating bereits nach wenigen Jahren veraltet und damit unbrauchbar.
Mit dem möglichen Verschwinden von papiernen Dokumenten ist aber auch die Funktion von Bibliotheken als "Interface" zwischen Online-Anbietern und Benutzern völlig neu zu bestimmen. Verlage, Herausgeber und Bibliotheken sind sich einig darüber, daß der Trend in Richtung Online mit weitreichenden Folgen für die Praktiken der Produktion und Reproduktion wissenschaftlicher Texte verbunden sein wird. Folgen, die sowohl die wirtschaftlichen Strukturen des wissenschaftlichen Verlagswesens wie auch die "interne" Ökonomie wissenschaftlichen Publizierens betreffen.
Wissenschaftliche Bibliotheken sehen sich seit Jahrzehnten nahezu unlösbaren Problemen gegenüber: Nicht nur ist die Zahl wissenschaftlicher Fachzeitschriften explodiert, auch die Preise von Fachzeitschriften sind in den letzten zwei Jahrzehnten viel stärker gestiegen als Bücherkosten oder der Verbraucherpreisindex. So hat die US-amerikanische Association of Research Libraries (ARL) ausgerechnet, daß ihre 114 Mitglieder im Jahr 1997 142 Prozent mehr für Fachzeitschriften ausgegeben haben als zehn Jahre zuvor - zugleich ist die Zahl der bestellten Titel um sechs Prozent gesunken.
Weil Zeitschrift aber nicht gleich Zeitschrift ist, können es sich Bibliotheken nicht leisten, auf Subskriptionen wichtiger und vielzitierter Titel zu verzichten. Für die Konsumenten - also die Wissenschaftler - spielen Zeitschriftenpreise hingegen kaum eine Rolle. Weil wissenschaftliche Karrieren an Publikationen in vielzitierten Journalen gebunden sind, haben Wissenschaftler wenig Motivation, auf Publikationen in teuren Zeitschriften zu verzichten.
Bisher sahen sich Bibliotheken den Preisstrategien der wissenschaftlichen Großverlage wie Elsevier und Kluwers hilflos ausgesetzt, die nicht nur von der Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition (SPARC), einer Aktionsgruppe der ARL, für die Eskalation der Kosten verantwortlich gemacht wurden. Doch nun, mit der Möglichkeit von Online-Zeitschriften, bietet sich erstmals eine billige Alternative zu kommerziellen Verlegern an.
Michael Rosenzweig, ein Biologe an der Universität von Arizona und Herausgeber von Evolutionary Ecological Research, hat vorgemacht, wie es geht - und in internationalen Wissenschaftskreisen mit seiner revolutionären Tat eine gewisse Berühmtheit erlangt. Rosenzweig entschloß sich im vergangenen Jahr, seine bisher bei Elsevier verlegte Zeitschrift in Zusammenarbeit mit SPARC fortan selbst zu produzieren. Als Grund für diese Entscheidung nannte Rosenzweig die undurchsichtige Preispolitik von Elsevier.
SPARC hat inzwischen auch noch andere Aktionen gegen die wissenschaftlichen Verlagsgiganten lanciert. So gibt sie in Zusammenarbeit mit der englischen Royal Society of Chemistry seit einem Jahr die Online-Zeitschrift PhysCommChem heraus, eine Billigalternative zur mehr als zehnmal so teuren Elsevier-Zeitschrift Chemical Physics Letters.
Eine andere Initiative, mit der Bibliotheken und Herausgeber versuchen, den kommerziellen Verlagen Paroli zu bieten, ist HighWire Press, eine Organisation der Stanford University Library. HighWire Press offeriert bereits mehr als hundert Online-Zeitschriften, die meisten davon Publikationen US-amerikanischer wissenschaftlicher Gesellschaften - darunter das Journal of Biological Chemistry, die meistzitierte Wissenschaftszeitschrift weltweit. In Europa wird HighWire vom Wiesbadener Wissenschaftsverlag Harrasowitz vertreten.
Organisationen wie HighWire deuten darauf hin, daß sich die Zukunft des wissenschaftlichen Publikationsmarkts im Online-Bereich entscheiden wird. Zwei radikal divergierende Szenarien zeichnen sich ab: Im ersten könnte die zunehmende Popularität von Online-Zeitschriften zu einer steigenden Zahl von Internet-Publikationen führen, die von einer Vielzahl von Firmen oder Organisationen verwaltet werden.
Das zweite Szenario läuft auf eine weitere Konzentration der wissenschaftlichen Verlagstätigkeit in den Händen von einigen wenigen Großverlagen oder Organisationen hinaus, die mittels einer einzigen Bildschirmoberfläche Zugang zu allen relevanten Publikationen eines bestimmten Fachbereichs anbieten können. Große Wissenschaftsverlage wie Reed-Elsevier investieren längst in kleine Softwarefirmen, die sich auf Online-Publikationen, Datenbanken und Suchroutinen spezialisiert haben. Grundsätzlich ist Märkten von Informationsgütern (wie die Softwareindustrie gezeigt hat) eine Tendenz zur Monopolbildung eigen - was für die höhere Wahrscheinlichkeit dieses zweiten Szenarios zu sprechen scheint.
Neben den bevorstehenden Umwälzungen im Verlagsbereich wird sich mit der zunehmenden Verlagerung in den Online-Bereich auch die "interne" Ökonomie wissenschaftlichen Publizierens verändern. Wissenschaftliche Veröffentlichungen spielen ja die entscheidende Rolle für Forscherkarrieren - was passiert nun aber, wenn Publizieren im Netz so einfach wird? So gibt es bereits seit einigen Jahren E-Print-Archive, in denen Autoren selbst die Verantwortung für die Redaktion und das Layout von Texten übernehmen.
In einzelnen Disziplinen - wie etwa der Physik - haben solche Formen der Publikation bereits weite Verbreitung und Akzeptanz gefunden: Seit 1991 verwaltet etwa das Los Alamos National Laboratory in New Mexico, USA, ein solches E-Print-Archiv, das inzwischen mehr als 25.000 neue Artikel pro Jahr aufnimmt. Wahrscheinlich kann man davon ausgehen, daß ein stetig steigender Anteil der wissenschaftlichen Literatur in Zukunft in solchen großen Internet-Archiven veröffentlicht wird - und nicht mehr in wissenschaftlichen Fachzeitschriften.
Auch arbeitsaufwendige editorische Prozesse lassen sich elektronisch vereinfachen. Manche Zeitschriften experimentieren sogar bereits mit automatisiertem Peer-Review. Ein Server schickt die elektronische Version einer eingereichten Publikation automatisch zu einem über eine Datenbank ausgewählten Begutachter. Öffentlicher Peer-Review ist eine weitere Alternative: Vorversionen einer Publikation werden per Internet zugänglich gemacht und zur allgemeinen Begutachtung freigegeben.
Gleichzeitig wuchs in den vergangenen Jahren die Nachfrage nach "besonders einflußreichen" Zeitschriften, die mittels Autorität und Prestige etwas Ordnung in die immer unübersichtlicher werdende Masse wissenschaftlicher Fachliteratur bringen: Der Impact-Faktor einer akademischen Zeitschrift, der anhand von Fremd-Zitationen der in dieser Zeitschrift erschienenen Artikel bestimmt wird, ist zu einer immer einflußreicheren Bestimmungsgröße geworden. Davon profitieren wiederum gut eingeführte Zeitschriften wie Science oder Nature; letztere hat in den vergangenen Jahren etliche spezialisierte Monatszeitschriften in den Bereichen Genetik, Biomedizin, Biotechnologie und Neurobiologie auf den Markt gebracht, die vor allem aufgrund des editorischen Konzepts, aber wohl auch des Markennamens "Nature" wegen zum Erfolg wurden.
Somit scheint also nicht nur die Warenwelt des ausgehenden 20. Jahrhunderts von Markennamen dominiert zu sein, sondern - entgegen allen Behauptungen von der Universalität wissenschaftlicher Erkenntnis - auch der wissenschaftliche Zeitschriftenmarkt des 21. Jahrhunderts.
Literaturhinweis: Declan Butler: The Writing Is on the Web for Science Journals in Print.
In: Nature 397, S. 195-201.
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