MUTATIONEN Cornelia Hesse-Honegger hat deformierte Insekten in der Umgebung von Kernkraftwerken eingesammelt und detailgetreu nachgezeichnet. Sind die Mißbildungen durch radioaktive Strahlung entstanden oder bloß Produkte des Zufalls? PETER IWANIEWICZ
Tschernobyl & Co.
Ein dickes Buch im Schuber. Auf dem Cover eine schwarz-rote Grafik, die sich beim näheren Betrachten als Heteroptera, als Wanze, zu erkennen gibt: "Heteroptera - Das Schöne und das Andere oder Bilder einer mutierenden Welt". Der Titel paßt zum ästhetischen Gesamteindruck. Ein Kunstbuch?
Beim Durchblättern springen wunderschöne, detailgetreu gearbeitete Bilder von Insekten ins Auge. Sind das historische Illustrationen zu naturwissenschaftlichen Arbeiten, wie sie vor der Erfindung der Fotografie von Forschern oft selbst angefertigt wurden?
Nein, der Pressetext versichert, daß Cornelia Hesse-Honegger, die Autorin und Künstlerin, nicht nur leibt und lebt, sondern mit ihren Arbeiten auch handfeste Skandale und Empörung hervorruft. Wie das? Nochmals und genauer hinschauen. Alle Insekten weisen Defekte auf, manche Körperteile sind deformiert, unproportional, verfärbt. Diese Abweichungen vom Normalbild der jeweiligen Art erschließen sich aber nicht ohne Hilfe, oft muß der Bildtext das Auge führen, damit zum Sehen auch das Erkennen kommt.
Worum geht es in diesem Buch eigentlich? Während fünfundzwanzig Jahren arbeitete die Autorin als wissenschaftliche Zeichnerin hauptsächlich für die Zoologische Sammlung in Zürich. Privat dokumentierte sie mit ihren Bildern mißgebildete Insekten, in erster Linie Wanzen, die sie in der Umgebung von Atomkraftwerken gesammelt hat. Die Aussage ist eindeutig: Auch geringfügige radioaktive Strahlung wirkt auf Lebewesen ein und beschädigt sie.
"Wissenschaftliche Bilder", schreibt sie, "sind keine ‚Illustrationen, die Theorien oder Beobachtungen nur veranschaulichen oder verdoppeln, sondern sie sind Mittel und Quelle von Erkenntnis." Objektives, verbindliches Wissen und die Beschreibung von "Wirklichkeit" seien aber von den Disziplinen der Naturwissenschaften monopolisiert worden. Die Methodik der Erforschung von Natur sei standardisiert und einer entsprechend ausgebildeten Elite vorbehalten. Als sie nach jahrelangen Beobachtungen an Wanzen ihre Bilder einer durch radioaktive Strahlung veränderten, beeinträchtigten Welt ausstellte und ihre Schlußfolgerungen veröffentlichte, stieß sie damit auf kein Interesse, sondern auf heftige und grundsätzliche Ablehnung seitens der Wissenschaftler.
Anstatt aber diese Thesen mit ihrem Methodeninventar und dargestellten Kausalitäten zu falsifizieren oder zu bestätigen, blieben Gegenstudien der lauthals sich beklagenden Fachgemeinschaft jedoch aus. Eine Literaturrecherche führte nur zu einzelnen Arbeiten über den Einfluß von schwacher radioaktiver Strahlung auf Menschen. Keine einzige Untersuchung beschäftigte sich mit Veränderungen der Tier- und Pflanzenwelt in der Umgebung von Kernkraftwerken.
Anruf bei einem Zoologen, Experte für Wanzen. Nein, er kenne das Buch und Frau Hesse-Honegger nicht, aber die geschilderten Zusammenhänge erscheinen ihm doch fragwürdig. Sei das statistisch ausreichend abgesichert? Wahrscheinlich handle es sich bei den abgebildeten Tieren nur um normale Variationen, wie sie innerhalb einer Art durchaus vorkommen. Oder es seien hauptsächlich Beschädigungen, die durch Vögel und andere Räuber verursacht wurden. Wer sei doch nochmals die Dame? Ach so, eine Künstlerin, na ja. Er habe jedenfalls derlei noch nie gesehen. Klingt ein wenig so, als ob er es auch nicht sehen wollte.
Kontaktaufnahme mit der Autorin. Was sie denn zur Kritik der Wissenschaftler an ihren Studien meine? Das sei ihr mittlerweile völlig egal, sagt die Künstlerin mit schweizerdeutschem Akzent. Das Problem sei doch ein Grundsätzliches. Hier ginge es in erster Linie um einen Prozeß der Visualisierung von Phänomenen. Sie habe mit ihren Möglichkeiten etwas wahrgenommen und sich dann im wahrsten Sinne des Wortes von der Gegebenheit ein Bild gemacht. Sie behaupte ja nicht, im Rahmen des naturwissenschaftlichen Kanons zu arbeiten und objektivierbare Aussagen zu machen, sondern erforsche nur - wie jeder seriöse Künstler - Aspekte der Welt und stelle ihre Sichtweise zur Diskussion.
Aber die Auseinandersetzung mit den von ihr behaupteten Folgen schwacher radioaktiver Strahlung habe ja nicht stattgefunden. Hier gehe es im Grunde um einen Paradigmenstreit, denn kognitive Arbeit würde höher bewertet als gestalterische Leistung. Bedenklich fände sie, daß auch jene Forscher, die nicht im Naheverhältnis zur Atomlobby stünden, die Tendenz zeigten, das Risiko dieser Technologie zuerst zu negieren. "Warum gibt es so wenige Studien zu den Langzeitfolgen? Und warum werden fast reflexartig zuerst Gründe angeführt, warum meine Beobachtungen unrichtig sind, anstatt sich damit wissenschaftlich auseinanderzusetzen?"
In der Tat sind eher die Reaktionen auf das Buch als dessen Aussagen befremdlich. Die Texte sind zwar mit Emotion geschrieben, aber stets von der ernsthaften Suche nach Erkenntnis getragen. In der sonst so kompetenten Schweizer Weltwoche beschließt ein Rezensent die Besprechung des Buchs mit geradezu bezeichnender Ignoranz: "Man braucht den Text der ,Heteroptera, die im Untertitel ,Das Schöne und das Andere versprechen, ja nicht zu lesen. Das Schöne sind die Bilder, und das Andere schaut man einfach nicht an."
Das erscheint doch einigermaßen seltsam. Keine Frage, daß die Atomindustrie mächtig und ihr Einfluß gerade in der Aufragsforschung weitreichend ist. Und der Leiter eines wissenschaftlichen Instituts wird sich natürlich überlegen, ob er zukünftige Forschungsbudgets wegen einer nicht genehmen Publikation aufs Spiel setzt. Doch was hält den überwiegenden Teil der intellektuellen Elite ab, sich mit der durchaus bedeutenden Fragestellung, welchen Einfluß radioaktive Strahlung auf unsere Umwelt hat, auseinanderzusetzen? Was bewegt Zoologen, diesbezügliche Beobachtungen von vornherein als irrelevant zu bezeichnen, warum findet ein Journalist die von Hesse-Honegger geäußerte Kritik an der konventionellen Wissenschaft nur noch "peinlich", und was liegt diesem offensichtlichen Bemühen wegzusehen zugrunde?
Das Buch spannt einen weiten thematischen Bogen von Wissenschaftsgeschichte über Kunst- und Erkenntnistheorie bis zur historischen Aufarbeitung der Testmethoden in der Nuklearforschung und mag dadurch denjenigen, der sich primär von den kunstvollen Bildern anlocken lassen hat, irritieren. Aber gerade in dieser Irritation, in diesem Bruch mit tradierten Sichtweisen, den uns Hesse-Honegger durch Abbildungen von zwar allgegenwärtigen, aber meist nicht wahrgenommenen Lebewesen nahelegt, liegt die Faszination dieser bemerkenswerten Publikation.
ÖKOLOGIE: Tschernobyl & Co.
Ist schwache radioaktive Strahlung für die Mutation von Insekten verantwortlich? Diese Frage scheint ein wenig müßig angesichts der menschlichen Opfer des Unfalls in einem ukrainischen Kernkraftwerk. Nach wie vor gibt es eine absurde Diskrepanz in den Schätzungen, die von 50 Toten bis zu 150.000 reichen.
"Tschernobyl, 26. April 1986", diesen Ort und diesen Tag hat Franz-Josef Brüggemeier zum Ausgangspunkt für seine faszinierende Geschichte der Umweltpolitik gewählt, die vor kurzem in der dtv-Serie "20 Tage im 20. Jahrhundert" erschien. Der Historiker und Mediziner konzentriert sich in seiner Darstellung auf die ökologischen Herausforderungen in Deutschland nach 45. Irritierend und erstaunlich zugleich ist vor allem seine Rekonstruktion der Umweltschutzaktivitäten etlicher prominenter Nazis von Heß bis Himmler, die sich lange vor den heutigen Grünen für Wind- und Sonnenenergie einsetzten.
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