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EDITORIAL heureka! 2/99
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Liebe Leserin, lieber Leser!

Am 26. April 1986 schmolz im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Reaktorkern. Die Diskussion über das Risiko moderner Technologie hatte ihren archimedischen Punkt in der Ukraine gefunden. Wenig später verschafften dem Risikodiskurs mit dem Skandal um HIV-verseuchtes Blut sowie mit den ersten Fällen von Rinderwahnsinn ständig neue Konjunktur. Die öffentliche Dauerdiskussion um Chancen und Gefahren der Gentechnik setzt dies bis heute fort.

Dabei gerät der Risikobegriff selbst in Gefahr, abgenutzt zu werden, für alles und nichts zu stehen. Denn die Beschäftigung mit riskanten Technologien erschöpft sich nicht in einer Aneinanderreihung von Katastrophen und Schreckensszenarien. Sie verdeutlicht brennpunktartig die Komplexität moderner Wissenschaft, die sich nicht mehr als autonome Wissensproduktionsmaschine und Menschheitsbeglückerin beschreiben läßt.

Die Debatte um riskante Wissenschaft läßt sich somit nur begreifen als oft zäher Aushandlungsprozeß mit einander widersprechenden Expertisen und ohne eindeutiges Ergebnis. Beispiel rBST: Wolfgang Löhr zeichnet die Kämpfe um die Zulassung des Rinderwachstumshormons in der EU zwischen den divergierenden Interessen eines Bio-Tech-Konzerns und staatlicher Genehmigungsbehörden nach. Die Verwobenheit von Forschung und Risiko, von Segen und Fluch, zeigt Robert Triendl an der Geschichte der Bluttransfusion auf. Ob die elektromagnetischen Strahlungen von Handys und Sendemasten gesundheitsschädigend sind, bleibt für Tina Thiel abzuwarten. Sicher ist nur, daß weiter telefoniert wird.

Weiter betrieben werden wohl auch die russischen Atomkraftwerke. Abschalten und Demontieren käme noch teurer, wie Sonja Schmid recherchiert hat. Was Tschernobyl mit der Diskussion um genetisch manipulierte Lebensmittel gemeinsam hat, weiß der britische Wissenschaftsforscher Brian Wynne: nämlich die Unsicherheit von Expertenwissen. Solche Perspektivbeschränkungen von Wissenschaftlern, sei es in der Industrie oder in Umweltschutzorganisationen, sind auch Gegenstand des Essays von Reiner Grundmann. Dazu quer liegt die Sichtweise von Cornelia Hesse-Honegger, die möglicherweise durch Strahlen geschädigte Insekten gezeichnet hat. "Darf eine Künstlerin wissenschaftlich intervenieren?" fragt Peter Iwaniewicz. In heureka! darf sie - eine von ihr gezeichnete deformierte Harlekinwanze, die in der Nähe von Three Miles Island gefunden wurde, sehen Sie am Cover von heureka!

Oliver Hochadel und Klaus Taschwer

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