Die Kunst von der Wissenschaft abzugrenzen ist keine große Kunst. So zumindest sah es der Wissenschaftsphilosoph Sir Karl Popper, der dazu folgende Unterscheidung traf: Im kreativen Schaffensprozeß, dem sogenannten "Entdeckungskontext", sei zwischen Wissenschaft und Kunst wenig Differenz: Beide kämen vom Mythos her. Zu Wissenschaft jedoch werde ein Mythos, wenn er sich dem Kreuzfeuer rationaler Kritik aussetze - zu Kunst, wenn ein Werk durch ästhetische Kritik geläutert werde. In der Wissenschaft würden die von ihren Ideen besessenen Forscher durch offene geistige Konkurrenz und "rücksichtslose" (Popper) Kritik anderer Forscher bzw. durch wissenschaftliche Institutionen kontrolliert. Die Kunst hingegen würde durch das individuelle künstlerische Gewissen der Künstler gesteuert, durch ihre schöpferische Selbstkritik.
Beidseitige Annäherungen
Ästhetische Kriterien - Schönheit als Eleganz, Sparsamkeit, Symmetrie - waren aber schon in der Geschichte der Wissenschaften wichtige Gründe für die Bevorzugung von Formeln, Theorien oder Modellen. Viele zeitgenössische Forscher sind der Auffassung, daß der Stellenwert ästhetischer Maßstäbe in jüngerer Zeit immens zugenommen hat und weiter zunehmen wird. Auch sonst zeigen sich etliche Annäherungen in Richtung Kunst: So richtete das renommierte Wissenschaftsmagazin Nature eine eigene Kunstkolumne ein. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu wiederum betonte, daß Schriftsteller wie Gustave Flaubert mit ihren Beschreibungen tiefere sozialwissenschaftliche Einsichten lieferten als die dürren Daten heutiger Variablenforscher.
Umgekehrt nähern sich viele Künste den Natur-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie den neuen Technologien an. Etliche Kunstprojekte schmücken sich mit philosophischen bzw. wissenschaftlichen Begriffen oder Thesen. Medienkünstler loten euphorisch oder kritisch Potentiale und Effekte digitaler Technologien aus. Andere unterstreichen ihr soziales Engagement. Galerien präsentieren Diagramme sozialwissenschaftlicher Modelle. Manche betreiben akribisch Dokumentation und Systematisierung, bauen komplexe semantische Netze, üben sich in Selbstreflexion und Selbstbezüglichkeit (Ausstellung der Ausstellung) oder in Übersetzungsleistungen. Journale wie das Kunstforum wagen wesentlich konsequenter themenzentrierte multidisziplinäre Diskurs- und Beziehungsangebote als manch steriles akademisches Philosophiejournal.
"Die naive Vorstellung, daß Wissenschaft nach Wahrheit, Kunst jedoch nach Schönheit strebt, ist aus vielen Gründen falsch." Mit diesen Worten zeigt sich der Symboltheoretiker Nelson Goodman von den vielen proklamierten Unterscheidungsmerkmalen zwischen Wissenschaft und Kunst wenig beeindruckt. Ihm zufolge sorge die Kunst ähnlich wie die Wissenschaft für ein Erfassen neuer Affinitäten und Gegensätze, widerspreche verbrauchten Kategorien. Sie bringe neue Sehweisen der Welten, in den wir leben, hervor. Emotionen in der ästhetischen Erfahrung hätten eine kognitive Funktion. Nicht nur Kunst, auch Wissenschaft bereite ihren Produzenten und Konsumenten Befriedigung (oder Qualen).
Sinkende Profitraten
Warum werden die Gräben seichter, die Grenzgänger häufiger und mutiger? Meine These: Wissenschaft wie Kunst sind dem Anspruch nach mit der Produktion von Neuem befaßt, und - wie wir gleich sehen werden - dies wird zunehmend mühsamer. Im Vergleich zum immer extremeren Aufwand sinken die wissenschaftlichen und künstlerischen "Erträge". Zwei Auswege bieten sich an: entweder eine immer extremere Spezialisierung und Entwicklung von Geheimcodes zwecks Abschottung oder Ausdehnung nach vielen Seiten, das fast hemmungslose Aufnehmen von Anleihen - auch aus bisher "verbotenen" Territorien. Von dieser Strategie soll hier die Rede sein.
Warum sinken die wissenschaftlichen Profitraten? Folgen wir dem Wissenschaftsjournalisten John Horgan ("The End of Science", siehe heureka! 0/97) und nicht wenigen der von ihm interviewten Spitzenforscher, so stehen die Wissenschaften heute vor unüberwindlichen Grenzen: Alles leicht Erforschbare sei erforscht, wissenschaftliche Revolutionen seien keine mehr zu erwarten. Es bleibe zweierlei: einerseits Normalwissenschaft und Technologieentwicklung in den Grenzen der etablierten Paradigmen - hier Galaxien noch genauer vermessen, dort Genstücke noch präziser klassifizieren und patentieren -, andererseits spekulative "ironische Wissenschaft". Sie gleiche der Literaturwissenschaft und biete Standpunkte und Meinungen, die "bestenfalls interessant" seien.
Immer größere, höher arbeitsteilig spezialisierte Wissenschaftlergruppen müssen sich mühsam durch immer mehr wissenschaftliche Theorien, Modelle, Methoden und Daten gleichsam wie Braunkohlebagger durchgraben. Sie müssen mit immer aufwendigeren Verfahren, mit immer größeren (oder kleineren) Apparaten immer länger forschen, um immer weniger an Neuem herauszukriegen ("Big Science").
Auch die künstlerischen Erträge sinken relativ: Die bisher akkumulierte Kunst inklusive ihrer Diskurse wie auch die zahllose umtriebige zeitgenössische Konkurrenz lasten schwer auf allen Versuchen, Neues zu schaffen. Ansprüche an Aufwand und Präzision steigen immens, ebenso der Akademisierungsdrang. Ohne "Mag. art.", so versichern Insider, sei in der österreichschen Kunstszene kaum mehr Oberwasser zu gewinnen. Die akademische Aufrüstung geht weiter: Die Doktoren der Künste sind schon in Arbeit, und an den Habilitationsvorschriften für die künstlerischen Universitäten wird bereits gebastelt.
Ähnliche Betriebssysteme
Wissenschaften und Künste gleichen sich auch auf der Ebene der "Betriebssysteme" an. Die früher (angeblich) einsam mit sich ringenden Künstler sind inzwischen oft in die kollektive Ideenfindung in Gruppenwerkstätten und Ateliergemeinschaften eingebunden. In manchen Künsten sind sie bereits hoch arbeitsteiligen Gruppen gewichen: Einige ihrer Mitglieder werden zur Absicherung - z.B. zur Aufarbeitung der Vergangenheit oder Observierung der Konkurrenz - abgestellt. Andere suchen mittels ausgetüftelter Konzepte um Projektgelder an. Kuratoren, Jurys, Kommissionen müssen überzeugt werden.
Die mehr oder minder nachhaltigen Dokumentationen der Aktivitäten (Kataloge, Bücher, WWW-Seiten) werden fast wichtiger als die Ereignisse (Ausstellungen, Performances, Symposien) selbst. Denn die dauerhaften Spuren zählen bei Bewerbungen um Folgeprojekte und Kunsthochschulprofessuren. Quantitatives (Besucherzahlen, Verkaufsauflagen bzw. -preise) und vor allem das relative Prestige der Orte (In-Galerien, Kunstjournale) werden zu Kriterien für Qualität. Etliche Schlüsselbegriffe aus der Welt der Kunst sind beinahe deckungsgleich mit jenen der Wissenschaft: Kuratoren erfüllen die Funktion von Referees, Galeriebeiräte jene von Editorial Boards, und Besucherzahlen stehen für Zitationshäufigkeiten. Der Motor in beiden Feldern ist letztlich das Ringen um Anerkennung und um Reputation, beides verbunden mit Definitionsmacht.
Ringen um Aufmerksamkeit
Das knappste Gut in der "Aufmerksamkeitsökonomie" (Georg Franck) unserer Medien- und Informationsgesellschaft ist indes die Aufmerksamkeit. Der Originalitätsdruck dürfte auch wichtige Ursache für die allseitige Ausdehnung der Disziplinen, Schulen, Gruppen mit der Folge zahlreicher Überlappungen sein. In der Wissenschaft wie in der Kunst werden die von den Mainstreams verachteten Ränder abgegrast, um noch unbesetzte Positionen im Feld zu entdecken, und dort entwickeln sich - nach einiger Zeit der Beharrlichkeit - nicht selten neue kleine Mainstreams. Das führt auch manche Künstler auf Gebiete und zu Methoden, die bisher als wissenschaftlich-technisch angesehen wurden - wenn auch die Faszination eines neuen Mediums manchmal die künstlerische Qualität ersetzt.
Zugleich gewinnt in den Wissenschaften die ästhetische Verführungskraft der Bilder und Simulationen an Stellenwert: Bei Kongreßvorträgen kann man sich so von der ärmlichen Folienkonkurrenz abheben. Mittels bunt-bewegter digitaler Publikationen im World Wide Web läßt sich die Zahl vergebener "Links" erhöhen. Gekonnte visuelle Rhetorik fördert das außerwissenschaftliche Medienecho und nützt bei der Beantragung von Geldern bei Politikern und sonstigen Laien.
Der Wissenschafts- und Medienphilosoph Vilém Flusser erklärt die Konvergenzen zwischen Wissenschaft und Kunst mit dem Sieg der digitalen Technologien. In beiden Feldern dominiere die Produktion von "Technobildern" (Visualisierungen von Formeln). So würden die Wissenschaftler zu Computerkünstlern. Das Ergebnis der Wissenschaft bestehe in Modellen zum Behandeln des digital Zusammengesetzten. Etwas banaler ausgedrückt: Wissenschaftler probieren nach Flussers Ansicht so lange herum, bis Kurven und Gleichungen "irgendwie passen", ein möglichst bequemes, formal elegantes Modell entsteht. Parallel dazu, so behauptet Flusser verwegen, würden alle Kunstformen durch die Digitalisierung "zu exakten wissenschaftlichen Disziplinen" und könnten von der Wissenschaft nicht mehr unterschieden werden. Daher müßten wir von jetzt an "Schönheit als das einzig annehmbare Wahrheitskriterium begreifen" (Flusser).
Mehr Mut zum Wettbewerb
Mag Flusser hier wie üblich schalkhaft übertreiben - übrigens eine wichtige Strategie zur Erringung von Aufmerksamkeit -, fest steht: Die heftige Diskussion über Betrug und Täuschung in den Wissenschaften (Erfindung bzw. Manipulation von Daten) zeigt, daß am korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriff (Übereinstimmung einer Aussage mit den "Tatsachen") festgehalten wird, denn sonst wäre die Empörung sinnlos. Zudem haben die Größen einer wissenschaftlichen Zunft oft genug erklärt, daß alle wesentlichen Fragen geklärt seien. Und oft überraschte wenig später eine wissenschaftliche Revolution. Unsere Wissenschaften sind kleine Inseln einigermaßen zuverlässigen Wissens im "Ozean menschlichen Nichtwissens" (Norbert Elias). Wir wissen nicht, was wir nicht wissen - sonst wüßten wir es ja schon fast.
Ist die derzeitige Stagnation in den Wissenschaften wirklich sachlich verursacht, ist sie nicht besser aus den derzeitigen wissenschaftlichen "Betriebssitten" zu erklären? Die normativen Ansprüche Poppers - schonunglose Kritik, offene Konkurrenz - sind keineswegs konsequent realisiert. Im Wissenschaftsalltag herrschen eher Informationsvorenthaltung und andere Verteidigungsstrategien, die den Erkenntnisfortschritt behindern. Gutachter bremsen, Evaluierer prüfen den Konformismus mit den heute anerkannten Methoden und sind so unvermeidlich konservativ.
Mehr Mut zu grundlegenden Reformen der wissenschaftlichen Institutionen, um Kritik, Wettbewerb und grundlegend neue Ideen zu fördern, wäre angesagt. Für den Bereich der Künste gilt - eine letzte Gemeinsamkeit - nichts anderes.