KÜNSTLICHE NATUR © heureka! 3/99
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WISSENSCHAFTSBILDER Sie siedeln genau auf der Trennlinie zwischen Wissenschaft und Kunst: die wissenschaftlichen Illustratoren. Und die Ideale schwanken zwischen originalgetreuer Wiedergabe und Zeichnen als Erkenntnisprozeß und Wissenschaftskritik. PETER IWANIEWICZ

Bildwissenschaft: Wahre Natur

       

Die Natur ist schön, wenn sie zugleich wie Kunst aussieht; und die Kunst kann nur schön genannt werden, wenn wir uns bewußt sind, sie sei Kunst - und sie uns doch als Natur erscheint. So schlußfolgerte Immanuel Kant in seiner "Kritik der Urteilskraft" über das Wahre und Schöne der Bilder.
Menschen haben schon immer Bilder angefertigt, wenn sie die Natur verstehen und dieses Verständnis anderen mitteilen wollten. Indem man sich im wörtlichen Sinne ein Bild machte, konnte man die Welt und ihr Inventar beschreiben, klassifizieren, ordnen und untersuchen. Während bereits die altägyptische Sammlung von Zaubersprüchen, Gesängen und Gebeten, das Totenbuch, mit textbegleitenden Bildern ausgestattet war, finden sich im antiken Europa die frühesten Illustrationen erst bei dem griechischen Philosophen und Begründer der biologischen Wissenschaft Aristoteles.
Stand zunächst das Bemühen um Beschreibung der Natur im Vordergrund, die durch Illustrationen im Sinne der lateinischen Wortwurzel "erhellt" werden sollte, so wurde es bei den zunehmend komplexen Fragestellungen notwendig, die Aussagen zu abstrahieren und Darstellungen zu schematisieren.
Spätestens in diesem Jahrhundert wurde der Glaube an eine definitive, abbildbare Wirklichkeit revidiert. Modelle von DNS-Molekülen, Atom-Orbitalen und Mandelbrot-Fraktalen bevölkern zwar unsere Vorstellungswelten, aber der erkenntnistheoretischen Frage, wie weit wissenschaftliche Illustrationen letztlich auch das Ergebnis einer Aussage beeinflussen, wird gemeinhin kein allzu großes Interesse entgegengebracht.
"Wissenschaftliche Zeichnungen sind nach heute vorherrschendem Verständnis Darstellungen von etwas, das bereits bekannt ist", meint die Schweizer Wissenschaftsillustratorin Cornelia Hesse-Honegger (siehe heureka! 2/99). "Auf ihnen wird gezeigt und ist zu sehen, was vorher schon gedacht oder gesagt worden ist. Bekanntes wird in Bildform umgesetzt und veranschaulicht, kurz: in anderer Form wiederholt. Es gibt aber auch Bilder, denen wir eine eigene Erkenntnisfunktion zubilligen, die wir anders wahrnehmen oder die wir anders wahrzunehmen bereit sind. Der Antipode der Illustration ist das metaphorische Bild, das konkret die Sache selbst ist. Beim metaphorischen Bild findet die Erkenntnis nach und aufgrund der Bildwerdung statt. Der eigentliche Forschungsprozeß findet dann beim und durch das Herstellen von Bildern statt."
Hesse-Honegger spricht von "sehblinden" Menschen, die zwar schauen, aber nichts wahrnehmen könnten, und führt als Beispiel die Zeitgenossen Galileo Galileis an. Dieser beobachtete zu Anfang des 17. Jahrhunderts mit einem der ersten Teleskope den Mond. Beim Anfertigen von Aquarellen der Mondoberfläche wurde ihm bewußt, daß der Himmelskörper nicht, wie bisher angenommen, eine glatte Kugel war, sondern er erkannte die dunklen Flecken als Schatten der Mondberge im Sonnenlicht. Er dokumentierte auf nonverbale Weise die unebene Oberfläche des Mondes und belegte mit einer Skizzenfolge die Eigenrotation des Erdtrabanten.
Doch als er diese Erkenntnisse 1616 veröffentlichte, wurde er heftig angegriffen, da sich keine Zeugen für seine Beobachtungen fanden. Die einen zweifelten grundsätzlich daran, daß Dinge, die durch ein Teleskop gesehen werden, tatsächlich existieren, und verwiesen auf die unrealistischen Ansichten der Welt, die man beim Blick durch ein Kaleidoskop erhalten würde. Die anderen waren einfach nicht zu einer ganzheitlichen Wahrnehmung in der Lage und konnten das Gesehene daher einfach nicht erkennen.
Als ausgebildete Grafikerin bedauert Hesse-Honegger, daß Kunst und Wissenschaft sich so weit von einander entfernt haben, und spart nicht mit Kritik an den Kunstakademien: Diese würden Künstler ausbilden, die bloß die Probleme der verletzten, schönen Seele illustrierten, Imitationen von bereits Gemaltem anfertigten oder allenfalls Symbole fänden, die darstellerische Schlüssel für die Schattenseiten unserer Gesellschaft gäben. Die vordringliche Aufgabe eines jeden ernsthaften Künstlers sei es aber nicht, Probleme zu illustrieren, sondern die Welt zu erforschen und ihr zu Bildern verdichtete Erkenntnisse zu entreißen.
Sie betont die komplementäre Bedeutung der gestalterischen Arbeit gegenüber der rein kognitiven Tätigkeit der Wissenschaftler und fügt hinzu: "Ich habe in fast jeder Grafik, die ich nach Anweisungen eines Wissenschaftlers hergestellt habe, durch den Prozeß des Zeichnens Denkfehler aufgedeckt. Ich frage mich, wozu es führen wird, wenn wir auf Grund der zunehmend computergenerierten Abbildungen auf die Instanz des Zeichners vollends verzichten."

Auch Maria Mizzaro-Wimmer, Grande Dame der naturwissenschaftlichen Illustration am Institut für Zoologie der Universität Wien, weiß von logischen Fehlern zu berichten, die sich dann einschleichen, wenn man sich bei der grafischen Darstellung zu sehr auf den Computer verläßt. "Eine Illustration ist immer auch Abstraktion, eine idealisierte Summe des Wahrgenommenen. Es wäre falsch zu glauben, daß der Computer diesen Teil der Arbeit übernehmen könnte."
Das gleiche gelte für die oft verwendeten Zeichenspiegel, die das Objekt virtuell aufs Papier projizieren: "Zuerst muß das Bild im Kopf klar sein, bevor man mit der Zeichnung beginnen kann." Sie betont ebenfalls die Notwendigkeit einer soliden handwerklichen Ausbildung, die sie selbst seinerzeit an der Graphischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt in Wien-Hütteldorf erhalten hat. Das fachspezifische Know-how könne man sich dann erst in der Auseinandersetzung mit den Problemstellungen selbst erarbeiten.
Nein, sie sehe sich nicht als Künstlerin. Es gehe zwar darum, eine ästhetisch ansprechende Form zu finden, doch immer nur unter dem Aspekt einer möglichst wirklichkeitsgetreuen Darstellung. In dieser Hinsicht scheinen es die wissenschaftlichen Illustratoren wohl mit dem Sprachkünstler Okopenko zu halten, der über unser ambivalentes Verhältnis zur Realität folgendermaßen räsonierte: "In Wirklichkeit ist die Wirklichkeit nicht wirklich wirklich, aber wirklich ist sie doch."

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Bildwissenschaft: Wahre Natur

Einen ganz anderen Weg, nämlich den vom Wissenschaftler zum gestaltenden Künstler, ging vor fast hundert Jahren der Biologe Ernst Haeckel, der mit dem populären Werk "Kunstformen der Natur" das gehobene Bürgertum mit ungewöhnlichen und ästhetischen Lithographien einer vorwiegend marinen Tierwelt erfreute. Das Werk wurde nun mit begleitenden Beiträgen neu aufgelegt.
Bei Haeckel ist die Illustration nicht Ergebnis einer Erkenntnis, sondern die Darstellung einer in der Natur verborgenen tieferen Wahrheit. Natur sei - im Sinne des damaligen Kunstbegriffes - ihrem Wesen nach im Großen wie im Kleinen schön, und der Mensch könne dies, weil eben selbst Teil der Natur, erkennen. Das dahinterstehende Gedankengebäude stützt sich im wesentlichen auf die von ihm formulierte Weltanschauung, den Monismus, der, antiklerikal und auf Darwins Evolutionstheorie basierend, um die Jahrhundertwende einige Anhänger hatte.
Aus heutiger Sicht liegt das Interessante dieser hundert Tafeln darin, wie die Formensprache einer bestimmten Epoche auf die um detailgetreuen Realismus bemühte bildnerische Gestaltung einwirkt. Haeckels Darstellungen orientieren sich sehr stark an den ornamentalen Formen des Jugendstils, die Natur wird als Arabeske begriffen und präsentiert. Ohne jedoch ins Schematische abzugleiten, führt er uns eindrucksvoll vor Augen, daß es nur geringfügiger Betonungen gewisser anatomischer Strukturen und des entsprechenden Arrangements bedarf, um von der Naturbeobachtung zur Kunstbetrachtung zu kommen. P. I.

Ernst Haeckel: Kunstformen der Natur. Die einhundert Farbtafeln.
Mit Beiträgen von Olaf Breidbach und Irenäus Eibl-Eibesfeldt. München, New York 1998 (Prestel). 139 S., öS 291,-



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