Das es so etwas noch gibt. Ein schöner, heller Raum, die schmalen Bücherregale streben der hohen Decke entgegen, auf dem Schreibtisch türmen sich, fein säuberlich geschichtet, Zeitschriften und Dokumente übereinander. Und nirgends ein Computer. Seit Erich Streißler 1968 an die Wiener Universität berufen wurde, hat sich schreibtechnisch bei ihm nichts verändert: "Ich schreibe alles noch handschriftlich und gebe es dann meiner Sekretärin."
Ansonsten fühlte der Wirtschaftswissenschaftler im Laufe seines langen Forscherlebens – mit 26 habilitiert, mit 29 ordentlicher Professor - stets am Puls der Zeit. Der studierte Statistiker hat sich in zahllosen Publikationen mit Wechselkurstheorien, der öffentlichen Pensionsvorsorge, Fragen der Gesundheits- und Umweltökonomie sowie Wachstumstheorien, aber auch mit Theoriegeschichte auseinandergesetzt.
Dabei schlägt dem "Theoretiker mit praktischer Ader", wie er sich selbst gerne nennt, auch immer wieder Skepsis entgegen, wenn es etwa um die Beschreibungskraft makroökonomischer Theorien geht. Zu gut Deutsch: Was kann die theoriebeladene Volkswirtschaftslehre über den realen Wirtschaftsverlauf aussagen? "Das Problem ist nicht, dass die Theorien falsch, sondern dass sie alle richtig sind. Die Möglichkeiten verwirklichen sich, aber mit unterschiedlicher Gewichtung." Alles also auch eine Sache der Perspektive. Das sei der Öffentlichkeit aber nicht leicht zu vermitteln.
Diese rezipiert die Wirtschaftswissenschaften eher über Bestseller wie "Die Globalisierungsfalle" oder "Der Terror der Ökonomie". Darüber kann Streißler nur den Kopf schütteln. "Die Ängste passen vielleicht auf Deutschland, aber sicher nicht auf Österreich." Schaue man sich die heimischen Daten an, vor allem die vergleichsweise niedrige Arbeitslosigkeit, dann stimme das meist nicht, was behauptet wird. "Gerade von der Osterweiterung der Märkte hat Österreich am meisten profitiert. Das wird viel zu wenig gesehen." Der Doyen der österreichischen Volkswirtschaft gibt sich optimistisch. Trotz vieler falscher Vorstellungen, etwa was die Größenordnungen in der Wirtschaft angeht, habe sich die Bevölkerung immer auch als lernfähig erwiesen.
O. H.
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