„Ich schreibe mit meinem Herzschlag“
![]() |
| |||||||||
diesen Falter bestellen | ||||||||||
Fiston Mwanza hat die ganze Nacht durchgearbeitet und wirkt trotzdem ganz munter, als er die Stiege hinaufläuft, um die Gartentür des Cerrini-Schlössls zu öffnen. Manchmal arbeite er bis zum Morgen und schlafe tagsüber, dann sei es wieder umgekehrt, erzählt er: „Die Personen im Text sagen mir, dass ich weitermachen soll.“ Der 28-jährige Autor aus der Demokratischen Republik Kongo amtiert seit wenigen Wochen als Grazer Stadtschreiber. Jahr für Jahr vergibt die Stadt ein Stipendium an einen Autor, der dadurch die Möglichkeit hat, literarische Projekte zu verwirklichen und mit der lokalen Kulturszene in Kontakt zu treten.
Fiston Mwanza will in Graz seinen ersten Roman beenden und arbeitet parallel an einem Theaterstück sowie an einem Projekt mit Gefangenen. In seinen Texten spielen die Themen Gewalt, Armut und Exil eine große Rolle. Bei der ersten Lesung des jungen Autors sperrte die Grazer Kulturszene die Ohren auf, als Mwanza plötzlich zu singen begann. Und obwohl er fließend Französisch spricht, kam es gleich bei der Präsentation des neuen Stadtschreibers zu Verständigungsschwierigkeiten. In seinem Theaterstück sei „Gott ein Deutscher“, sagte der Übersetzer, was sich auch als Titel in lokalen Medien wiederfand. Alles Unsinn, wie sich im Gespräch mit dem Falter herausstellt, Gott sei in seinem Stück kein Deutscher, versichert Mwanza, er rate bloß dem Protagonisten, nach Deutschland zu gehen.
Mwanza wirkt zurückhaltend und lächelt als Antwort auf manche Fragen schüchtern. Eher knapp antwortet er, wenn es um die politische Situation in seiner Heimat geht. Kürzlich kritisierten Menschenrechtsorganisationen Repressionen gegen Regimekritiker in der Demokratischen Republik Kongo. In Graz werden die Stadtschreiber stets im Cerrini-Schlössl auf dem Schloßberg untergebracht. Hoch über der Stadt bewahren sie die Übersicht, sind aber auch ein wenig isoliert.
Falter: Sind Sie an diesem seltsamen Ort schon angekommen?
Fiston Mwanza: Es ist das erste Mal, dass ich auf einem Hügel wohne, das regt mich zum Träumen und Nachdenken an. Isoliert fühle ich mich deshalb nicht, ich habe vorher in einem kleinen Nest in der Nähe von Köln gearbeitet, mit rund100 Einwohnern.
In Ihrem Text „Hinweise für Einwanderer im Jahre 2050“ müssen Einwanderer die Sterbeurkunde vorweisen und erklären, wie ihr letzter Sex war. Es sind absurde und entwürdigende Anforderungen. Haben Sie die Einreise nach Europa so erlebt?
Mwanza: Ich persönlich hatte keine Probleme. Doch ich erachte es als absurd, dass Menschen nicht dorthin reisen können, wohin sie möchten. Länder, aus denen die Leute nicht einmal in die Nachbarländer reisen können, sind offene Gefängnisse. Der Tod macht alle gleich, egal aus welchem Land man kommt. Früher kamen die Leute nach Europa, um zu studieren, heute kommen sie, um hier ihr Glück zu versuchen. Statt Barrieren zu errichten, sollte Europa versuchen, positiv auf diese Länder einzuwirken, die Demokratie zu fördern.
In Ihrem Theaterstück sagt Gott dem Protagonisten, dass er nach Deutschland gehen soll. Steht Deutschland in den Augen von Afrikanern für Hoffnung?
Mwanza: Es gibt junge Afrikaner, die nach Frankreich oder Belgien auswandern, weil sie sich aufgrund der Sprache besser zurechtfinden. Andere wollen eher nach Österreich, Deutschland oder in andere Länder, die in ihrer Heimat keine Kolonialmächte waren.
Viele Übel, die das Land noch heute quälen, haben ihren Ursprung in der Kolonialzeit. Welche Gefühle hegen Sie gegenüber den ehemaligen Kolonialmächten?
Mwanza: Ich fühle keine Wut. Die Kolonialzeit gehört zu meiner Geschichte, aber ich habe sie selbst nicht erlebt. Man darf diese Vergangenheit nicht vergessen, da sie Teil unserer Geschichte ist. Ein Volk ohne Vergangenheit ist ein Volk ohne Seele. Aber es ist ein fataler Fehler, alle Probleme Afrikas der Kolonialisierung anzulasten. Die heutigen Machthaber und die Bevölkerung sollen sich selbst in die Pflicht nehmen.
In den vergangenen zwölf Jahren sind in der Demokratischen Republik Kongo schätzungsweise 5,4 Millionen Menschen am Krieg und seinen Folgen umgekommen.
Mwanza: Laut diversen Statistiken sind es eher sechs Millionen.
Erstaunlich ist, dass das in Europa kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit vordringt.
Mwanza: Seit den Sechzigerjahren hat es immer Probleme gegeben: Von der Diktatur Mobutus bis zum aktuellen Krieg im Osten. Seit der Unabhängigkeit gab es circa vier Abspaltungen und rund fünf Rebellionen. Irgendwann gewöhnen sich die Leute an die Situation, man arrangiert sich. Von außen gesehen ist es nicht so dramatisch, wenn es über längere Zeit so viele Opfer gibt, verglichen etwa mit Ruanda, wo 1994 binnen kürzester Zeit 800.000 Menschen getötet wurden. Ein weiterer Aspekt ist, dass frühere Kolonialmächte sich in innere Angelegenheiten nicht besonders einmischen wollen. Der Kongo ist sehr reich an Bodenschätzen, an denen auch multinationale Firmen interessiert sind.
Wie etwa an Coltan, das man für die Herstellung von Handys und anderer Elektrogeräte braucht?
Mwanza: Die Milizen verkaufen das Coltan an internationale Konzerne, die auch davon profitieren.
Europa geht nun angeblich davon ab, diese Blut-Mineralien zu kaufen. Ist das die Lösung?
Mwanza: Wenn Europa sie nicht kauft, kauft sie China.
Ist der Reichtum des Landes auch ein Fluch?
Mwanza: Es gibt Länder, die nicht über diese Reichtümer verfügen, aber besser dastehen, wie etwa Kenia. Der Reichtum des Landes könnte auch in der Intelligenz liegen. Wenn die Minen einmal ausgeschöpft sind, was macht man dann?
Welchen Berufswunsch hatten Sie als Kind?
Mwanza: Ich wollte zum Militär, weil ich fand, dass es nobel ist, in der Armee zu dienen. Unter Mobutu wurden zu bestimmten Anlässen Paraden abgehalten, als Kind hat mich das beeindruckt. Heute kann ich mir das nicht mehr vorstellen. Mitglieder der Armee werden immer wieder mit Vergewaltigungen in Verbindung gebracht. Ich möchte aber betonen, dass es im Militär sehr viele gibt, die ihren Dienst korrekt verrichten.
In Ihrem Text „Die Nacht“ geht es um die Vergewaltigung einer Prostituierten, überhaupt spielt Gewalt in Ihren Erzählungen und Gedichten eine große Rolle. Sind das auch persönliche Erfahrungen?
Mwanza: Meine Stadt Lubumbashi ist von den Kriegsgebieten im Osten weit entfernt, trotzdem hat man Freunde oder auch Verwandte, die betroffen sind. Zudem kann auch Hunger eine Form von Gewalt sein. In vielen Ländern gibt es Ungerechtigkeit. Glück kann dort bedeuten, dass man am Weihnachtstag einen Spaziergang mit seinen Kindern macht. Glück kann sein, ein kleines Bier zu trinken, ohne die Riesenprobleme im Hinterkopf zu haben. Es gibt Menschen im Osten des Landes, die seit zehn Jahren keine Weihnachten mit der Familie mehr feiern konnten. Manche Leute in der Regierung wollen daran etwas ändern, andererseits gibt es viele, die von der Situation profitieren.
Am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag laufen Verfahren gegen mehrere Milizchefs und den ehemaligen Vizepräsidenten der Demokratischen Republik Kongo Jean-Pierre Bemba. Werden diese vor Ort wahrgenommen?
Mwanza: Diese Verfahren in Den Haag sind zwar selektiv, aber es ist besser, Den Haag erhebt Anklage, als es passiert gar nichts. Es gibt zahlreiche Militärangehörige und Zivilisten, die in Kriegsverbrechen und Vergewaltigungen involviert waren, die aber nicht inhaftiert werden.
Kann es Gerechtigkeit geben?
Mwanza: Angenommen, ein Rebelle, der im Kongo Verbrechen begangen hat, würde vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt, verurteilt und inhaftiert. Er bekäme trotzdem sein Frühstück und sein Abendessen, man wird nicht seine Schwester vergewaltigen und seinen Vater töten. Mit dem Geld, das er mit seinen Verbrechen und mit Einnahmen aus den Minen verdient hat, kann er vielleicht dennoch weiterhin seine Familie ernähren. Meiner Meinung nach kann es nicht wirklich menschliche Gerechtigkeit geben, dies ist wohl eine Utopie.
Sie haben in Paris ein Projekt in Gefängnissen gestartet. Worum geht es dabei?
Mwanza: In der Nähe meiner Universität in Lubumbashi befindet sich ein Gefängnis. Fast täglich wurden Menschen auf Kleinlastwägen vorbei ins Gefängnis transportiert, wie man Tiere zur Schlachtbank führt. Ich möchte in zehn verschiedenen Ländern mit Häftlingen arbeiten und ihnen das Wort geben.
Wieder ein schweres Thema für einen 28-Jährigen.
Mwanza: Das ist ein Weg, meine Persönlichkeit zu finden. Ich komme aus einer christlichen, intakten Familie. Wenn ich diese Gegebenheiten erzähle, beschreibe ich den anderen Kongo, wie ich ihn nicht erlebt habe. Mein Roman „Train 84“ versucht, das Leben in den Minen wiederzugeben. Die Handlung spielt in einem fiktiven Land in der Gegenwart, in dem Menschen aus vielen Ländern leben. Eines haben sie gemeinsam: den Durst nach Gold. Am Abend treffen sie sich zum Trinken. Eigentlich bringt ihnen nicht das Gold das Glück, sondern die kleinen Freuden.
Wo sehen Sie afrikanische Einflüsse in Ihrer Literatur?
Mwanza: Ich denke nicht, dass es ein wirklich afrikanischer Stil ist. Ich schreibe mit meinem Herzschlag, geleitet von den Figuren, über die ich schreibe. Die ersten Ideen, bevor ich zu schreiben beginne, sind Bilder, Geräusche, Gerüche. Es ist die Atmosphäre, die meine Texte einleitet. Man kann nicht so schnell über Krieg oder eine Vergewaltigung schreiben, wie man über Geburtstage schreibt. Jedes Thema erfordert einen bestimmten Rhythmus.
Wie hat sich der Abstand von Ihrem Heimatland auf Ihr Schreiben ausgewirkt?
Mwanza: Natürlich fehlt mir meine Familie, das Land. Ich trage mein Heimatland in mir. Ich habe den Kongo in meiner Tasche bei mir. Wenn ich zuhause bin, höre ich sehr viel Musik.
Auch in Ihren Texten fällt diese Musikalität auf.
Mwanza: Musik und Lieder haben eine große Bedeutung. Wenn bei Beerdigungen der Sarg auf den Schultern getragen wird, singt man, aber es sind keine traurigen Lieder, sie huldigen dem Tod. Ich hatte eine Tante, die ließ kein Begräbnis aus. Die war Spezialistin für Begräbnisse. Ich höre sämtliche kongolesische Musik von den Fünfzigern bis heute. Papa Wemba (einer der populärsten Musiker Afrikas; Anm.) ist ein Idol. Auch Jazz inspiriert mich.
Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? In Europa oder in Afrika?
Mwanza: Ich habe das Land verlassen, um meine Ideen realisieren zu können, mich weiterzuentwickeln und meine Arbeit bekannt zu machen. Im Kongo gibt es kaum Verlagshäuser. Ich wünsche mir, in Afrika Literatur zu unterrichten und natürlich zu schreiben. Und vielleicht ein Verlagshaus zu gründen, um jungen Autoren Publikationen zu ermöglichen.
Das internationale Haus der Autorinnen und Autoren Graz betreut die Stadtschreiber für die Stadt Graz
Übersetzung: Gerhard Teissl
Fiston Mwanza will in Graz seinen ersten Roman beenden und arbeitet parallel an einem Theaterstück sowie an einem Projekt mit Gefangenen. In seinen Texten spielen die Themen Gewalt, Armut und Exil eine große Rolle. Bei der ersten Lesung des jungen Autors sperrte die Grazer Kulturszene die Ohren auf, als Mwanza plötzlich zu singen begann. Und obwohl er fließend Französisch spricht, kam es gleich bei der Präsentation des neuen Stadtschreibers zu Verständigungsschwierigkeiten. In seinem Theaterstück sei „Gott ein Deutscher“, sagte der Übersetzer, was sich auch als Titel in lokalen Medien wiederfand. Alles Unsinn, wie sich im Gespräch mit dem Falter herausstellt, Gott sei in seinem Stück kein Deutscher, versichert Mwanza, er rate bloß dem Protagonisten, nach Deutschland zu gehen.
Mwanza wirkt zurückhaltend und lächelt als Antwort auf manche Fragen schüchtern. Eher knapp antwortet er, wenn es um die politische Situation in seiner Heimat geht. Kürzlich kritisierten Menschenrechtsorganisationen Repressionen gegen Regimekritiker in der Demokratischen Republik Kongo. In Graz werden die Stadtschreiber stets im Cerrini-Schlössl auf dem Schloßberg untergebracht. Hoch über der Stadt bewahren sie die Übersicht, sind aber auch ein wenig isoliert.
Falter: Sind Sie an diesem seltsamen Ort schon angekommen?
Fiston Mwanza: Es ist das erste Mal, dass ich auf einem Hügel wohne, das regt mich zum Träumen und Nachdenken an. Isoliert fühle ich mich deshalb nicht, ich habe vorher in einem kleinen Nest in der Nähe von Köln gearbeitet, mit rund100 Einwohnern.
In Ihrem Text „Hinweise für Einwanderer im Jahre 2050“ müssen Einwanderer die Sterbeurkunde vorweisen und erklären, wie ihr letzter Sex war. Es sind absurde und entwürdigende Anforderungen. Haben Sie die Einreise nach Europa so erlebt?
Mwanza: Ich persönlich hatte keine Probleme. Doch ich erachte es als absurd, dass Menschen nicht dorthin reisen können, wohin sie möchten. Länder, aus denen die Leute nicht einmal in die Nachbarländer reisen können, sind offene Gefängnisse. Der Tod macht alle gleich, egal aus welchem Land man kommt. Früher kamen die Leute nach Europa, um zu studieren, heute kommen sie, um hier ihr Glück zu versuchen. Statt Barrieren zu errichten, sollte Europa versuchen, positiv auf diese Länder einzuwirken, die Demokratie zu fördern.
In Ihrem Theaterstück sagt Gott dem Protagonisten, dass er nach Deutschland gehen soll. Steht Deutschland in den Augen von Afrikanern für Hoffnung?
Mwanza: Es gibt junge Afrikaner, die nach Frankreich oder Belgien auswandern, weil sie sich aufgrund der Sprache besser zurechtfinden. Andere wollen eher nach Österreich, Deutschland oder in andere Länder, die in ihrer Heimat keine Kolonialmächte waren.
Viele Übel, die das Land noch heute quälen, haben ihren Ursprung in der Kolonialzeit. Welche Gefühle hegen Sie gegenüber den ehemaligen Kolonialmächten?
Mwanza: Ich fühle keine Wut. Die Kolonialzeit gehört zu meiner Geschichte, aber ich habe sie selbst nicht erlebt. Man darf diese Vergangenheit nicht vergessen, da sie Teil unserer Geschichte ist. Ein Volk ohne Vergangenheit ist ein Volk ohne Seele. Aber es ist ein fataler Fehler, alle Probleme Afrikas der Kolonialisierung anzulasten. Die heutigen Machthaber und die Bevölkerung sollen sich selbst in die Pflicht nehmen.
In den vergangenen zwölf Jahren sind in der Demokratischen Republik Kongo schätzungsweise 5,4 Millionen Menschen am Krieg und seinen Folgen umgekommen.
Mwanza: Laut diversen Statistiken sind es eher sechs Millionen.
Erstaunlich ist, dass das in Europa kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit vordringt.
Mwanza: Seit den Sechzigerjahren hat es immer Probleme gegeben: Von der Diktatur Mobutus bis zum aktuellen Krieg im Osten. Seit der Unabhängigkeit gab es circa vier Abspaltungen und rund fünf Rebellionen. Irgendwann gewöhnen sich die Leute an die Situation, man arrangiert sich. Von außen gesehen ist es nicht so dramatisch, wenn es über längere Zeit so viele Opfer gibt, verglichen etwa mit Ruanda, wo 1994 binnen kürzester Zeit 800.000 Menschen getötet wurden. Ein weiterer Aspekt ist, dass frühere Kolonialmächte sich in innere Angelegenheiten nicht besonders einmischen wollen. Der Kongo ist sehr reich an Bodenschätzen, an denen auch multinationale Firmen interessiert sind.
Wie etwa an Coltan, das man für die Herstellung von Handys und anderer Elektrogeräte braucht?
Mwanza: Die Milizen verkaufen das Coltan an internationale Konzerne, die auch davon profitieren.
Europa geht nun angeblich davon ab, diese Blut-Mineralien zu kaufen. Ist das die Lösung?
Mwanza: Wenn Europa sie nicht kauft, kauft sie China.
Ist der Reichtum des Landes auch ein Fluch?
Mwanza: Es gibt Länder, die nicht über diese Reichtümer verfügen, aber besser dastehen, wie etwa Kenia. Der Reichtum des Landes könnte auch in der Intelligenz liegen. Wenn die Minen einmal ausgeschöpft sind, was macht man dann?
Welchen Berufswunsch hatten Sie als Kind?
Mwanza: Ich wollte zum Militär, weil ich fand, dass es nobel ist, in der Armee zu dienen. Unter Mobutu wurden zu bestimmten Anlässen Paraden abgehalten, als Kind hat mich das beeindruckt. Heute kann ich mir das nicht mehr vorstellen. Mitglieder der Armee werden immer wieder mit Vergewaltigungen in Verbindung gebracht. Ich möchte aber betonen, dass es im Militär sehr viele gibt, die ihren Dienst korrekt verrichten.
In Ihrem Text „Die Nacht“ geht es um die Vergewaltigung einer Prostituierten, überhaupt spielt Gewalt in Ihren Erzählungen und Gedichten eine große Rolle. Sind das auch persönliche Erfahrungen?
Mwanza: Meine Stadt Lubumbashi ist von den Kriegsgebieten im Osten weit entfernt, trotzdem hat man Freunde oder auch Verwandte, die betroffen sind. Zudem kann auch Hunger eine Form von Gewalt sein. In vielen Ländern gibt es Ungerechtigkeit. Glück kann dort bedeuten, dass man am Weihnachtstag einen Spaziergang mit seinen Kindern macht. Glück kann sein, ein kleines Bier zu trinken, ohne die Riesenprobleme im Hinterkopf zu haben. Es gibt Menschen im Osten des Landes, die seit zehn Jahren keine Weihnachten mit der Familie mehr feiern konnten. Manche Leute in der Regierung wollen daran etwas ändern, andererseits gibt es viele, die von der Situation profitieren.
Am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag laufen Verfahren gegen mehrere Milizchefs und den ehemaligen Vizepräsidenten der Demokratischen Republik Kongo Jean-Pierre Bemba. Werden diese vor Ort wahrgenommen?
Mwanza: Diese Verfahren in Den Haag sind zwar selektiv, aber es ist besser, Den Haag erhebt Anklage, als es passiert gar nichts. Es gibt zahlreiche Militärangehörige und Zivilisten, die in Kriegsverbrechen und Vergewaltigungen involviert waren, die aber nicht inhaftiert werden.
Kann es Gerechtigkeit geben?
Mwanza: Angenommen, ein Rebelle, der im Kongo Verbrechen begangen hat, würde vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt, verurteilt und inhaftiert. Er bekäme trotzdem sein Frühstück und sein Abendessen, man wird nicht seine Schwester vergewaltigen und seinen Vater töten. Mit dem Geld, das er mit seinen Verbrechen und mit Einnahmen aus den Minen verdient hat, kann er vielleicht dennoch weiterhin seine Familie ernähren. Meiner Meinung nach kann es nicht wirklich menschliche Gerechtigkeit geben, dies ist wohl eine Utopie.
Sie haben in Paris ein Projekt in Gefängnissen gestartet. Worum geht es dabei?
Mwanza: In der Nähe meiner Universität in Lubumbashi befindet sich ein Gefängnis. Fast täglich wurden Menschen auf Kleinlastwägen vorbei ins Gefängnis transportiert, wie man Tiere zur Schlachtbank führt. Ich möchte in zehn verschiedenen Ländern mit Häftlingen arbeiten und ihnen das Wort geben.
Wieder ein schweres Thema für einen 28-Jährigen.
Mwanza: Das ist ein Weg, meine Persönlichkeit zu finden. Ich komme aus einer christlichen, intakten Familie. Wenn ich diese Gegebenheiten erzähle, beschreibe ich den anderen Kongo, wie ich ihn nicht erlebt habe. Mein Roman „Train 84“ versucht, das Leben in den Minen wiederzugeben. Die Handlung spielt in einem fiktiven Land in der Gegenwart, in dem Menschen aus vielen Ländern leben. Eines haben sie gemeinsam: den Durst nach Gold. Am Abend treffen sie sich zum Trinken. Eigentlich bringt ihnen nicht das Gold das Glück, sondern die kleinen Freuden.
Wo sehen Sie afrikanische Einflüsse in Ihrer Literatur?
Mwanza: Ich denke nicht, dass es ein wirklich afrikanischer Stil ist. Ich schreibe mit meinem Herzschlag, geleitet von den Figuren, über die ich schreibe. Die ersten Ideen, bevor ich zu schreiben beginne, sind Bilder, Geräusche, Gerüche. Es ist die Atmosphäre, die meine Texte einleitet. Man kann nicht so schnell über Krieg oder eine Vergewaltigung schreiben, wie man über Geburtstage schreibt. Jedes Thema erfordert einen bestimmten Rhythmus.
Wie hat sich der Abstand von Ihrem Heimatland auf Ihr Schreiben ausgewirkt?
Mwanza: Natürlich fehlt mir meine Familie, das Land. Ich trage mein Heimatland in mir. Ich habe den Kongo in meiner Tasche bei mir. Wenn ich zuhause bin, höre ich sehr viel Musik.
Auch in Ihren Texten fällt diese Musikalität auf.
Mwanza: Musik und Lieder haben eine große Bedeutung. Wenn bei Beerdigungen der Sarg auf den Schultern getragen wird, singt man, aber es sind keine traurigen Lieder, sie huldigen dem Tod. Ich hatte eine Tante, die ließ kein Begräbnis aus. Die war Spezialistin für Begräbnisse. Ich höre sämtliche kongolesische Musik von den Fünfzigern bis heute. Papa Wemba (einer der populärsten Musiker Afrikas; Anm.) ist ein Idol. Auch Jazz inspiriert mich.
Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? In Europa oder in Afrika?
Mwanza: Ich habe das Land verlassen, um meine Ideen realisieren zu können, mich weiterzuentwickeln und meine Arbeit bekannt zu machen. Im Kongo gibt es kaum Verlagshäuser. Ich wünsche mir, in Afrika Literatur zu unterrichten und natürlich zu schreiben. Und vielleicht ein Verlagshaus zu gründen, um jungen Autoren Publikationen zu ermöglichen.
Das internationale Haus der Autorinnen und Autoren Graz betreut die Stadtschreiber für die Stadt Graz
Übersetzung: Gerhard Teissl
© Nachdruck bzw. Textübernahme - auch auszugsweise -
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.


