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Ätzt bloß nicht gegen das Netz, sonst droht der Aufstand im Kindergarten!

Susanne Gaschke, 42, ist Reporterin für die deutsche Wochenzeitung Zeit und hat das Buch „Klick. Strategien gegen die digitale Verdummung“ im Herder-Verlag verfasst
Erstens: Ich verneige mich in großer Ehrfurcht vor den Segnungen des Netzes, vor der äußerst praktischen E-Mail, vor den schier unerschöpflichen Recherchemöglichkeiten, vor der Gelegenheit zur Kooperation, die es Wissenschaftlern zu bieten scheint.

Zweitens: Der erste Punkt ist so wichtig, weil ich mich vor manchen Angeboten des Internets und manchen Verhaltensweisen seiner Nutzer ausdrücklich nicht verneige: Nicht vor der belanglos-plappernden Zeit-Totschlagerei in „sozialen Netzwerken“; nicht vor dem Massendiebstahl von urheberrechtlich geschütztem geistigem Eigentum; nicht vor dem anonymen Onlinegegeifer, das über jedem zusammenschlägt, der nur die leiseste Kritik am untergeordnetsten Aspekt des Netzlebens wagt; nicht vor Internetseiten, auf denen sozial gestörte junge Männer ihre Lieblingsmassenmörder und -amokläufer auflisten.

Die heftigen Reaktionen auf jedwede Kritik am Netz haben eine ideologische Komponente: Für seine selbsternannten Sprecher fällt die Nutzung des Netzes mit dem Fortschritt an sich zusammen. Gegen das Netz zu sein heißt gegen den Fortschritt zu sein. Und wer sich gegen den Fortschritt stellt, der wendet sich gegen den Weltgeist. Es ist eine unerfreuliche, aber zuverlässige historische Erfahrung, dass die jeweiligen Inhaber des Weltgeistes immer sehr gereizt und ruppig reagieren, wenn man ihnen zu widersprechen versucht.

Drittens: Ich habe noch eine Vermutung, warum Netzkritikdebatten regelmäßig so eskalieren wie die um Armin Thurnhers nachdenkliche, bedenkenswerte und witzige Leitartikel. Dass es sich aus der Anonymität heraus besonders gut pöbelt, ist klar – und vor der Tastatur vergisst man gern, dass sich am anderen Ende der Kommunikation eine lebendige Person befindet.

Aber das Problem ist größer. Die Individualisierung in den westlichen Gesellschaften hat offenbar die Menschen so sehr vereinzelt, aus ihren Familien und sozialen Bezügen gerissen und allgemein herumgescheucht, dass in diesen Gesellschaften ein riesengroßes Kommunikationsdefizit entstanden ist, ein massenhaftes und verzweifeltes Bedürfnis, sich zu äußern, gegenüber wem auch immer, und gehört zu werden, von wem auch immer.

Diese Verzweiflung brodelt und blubbert unter der sozialen Oberfläche. Zugleich zeigt der Spätkapitalismus die Tendenz (hellsichtig beschrieben hat das etwa der amerikanische Politologe Benjamin Barber), uns alle zu Kind-Erwachsenen zu verzwergen, uns durch Dumpf-Fernsehen und Erwachsenen-Computerspiele und einen Overkill an sinnlosen Warenangeboten zu infantilisieren, bis wir ideale, unkritische, spontane, hemmungslose, kindliche Konsumenten geworden sind, die politisch keinen Ärger machen.

Das Netz verheißt solchen in Frustrationstoleranz und Bedürfnisaufschub wenig geschulten Kind-Erwachsenen die tröstliche Stillung ihres Kommunikationshungers, überall, zu jeder Zeit. Wenn jemand droht, ihnen dieses herrliche Spielzeug, dieses beruhigende Milchfläschchen wegzunehmen – ja, dann gibt’s halt Aufstand im Kindergarten.
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