An meine Meerschweinchen: Entwarnung! Das Internet kann bleiben
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Gröbchen. Wenigstens Gröbchen hat mich nicht enttäuscht. Holt einen Kommentar von anno Schnee heraus, in dem er mich einer „ansatzweise hysterischen, ressentimentgeladenen, rückwärtsgewandten Suada“ bezichtigt. Schon blökt und tweetet es los, was das Zeug hält. Nur Blumenau schwächelt. Blumenau, die Stimme der Netzvernunft – heiser vom Fußball. Immerhin, Armin Wolf hat getweetet, ich sei unter mein Niveau gegangen, als ich sagte, Internetmedien seien parasitär. „Schätze Armin Thurnher als besten Leitartikler des Landes, aber, Web-Medien sind parasitär‘ ist weit unter seinem Niveau.“ Ich schätze lange Haare, aber nur, wenn sie gepflegt sind …
Was ist geschehen? Was habe ich gesagt? Das frage ich mich mittlerweile selber. Kürzlich war ich auf der Tagung der ISPA auf ein Panel geladen, das sich mit Social Networks beschäftigt, also mit Plattformen des sogenannten Web 2.0 wie Facebook oder Twitter. Ich wusste, was mich erwarten würde, denn vor einem Dreivierteljahr hatte ich in provokanter Absicht hier geschrieben, ich nähme das Internet als Medium nicht ernst, solange dort anonyme Wichte als Poster ihr Unwesen trieben und solange die Sache mit dem Urheberrecht nicht geklärt wäre.
Digitales Aufjaulen. Selbst ein ernsthafter Artikel begann mit den Worten, ich würde diesen Text vermutlich nie finden, ich läse ja keine Blogs (zu hoch für mich, mit Google Blogs zu durchsuchen, zu tief für andere, mir solche kleinen Eitelkeiten und minderen Fertigkeiten zuzutrauen). Das meiste waren Schmähungen auf Mutmaßungsniveau und Mitteilungen, ich hätte keine Ahnung, wüsste nicht, dass alles längst in einschlägigen Kreisen diskutiert werde, kurz, ich sei ein grantiger alter Sack, der nicht mehr wisse, wie die Welt funktioniere. Es gab vernünftige Beiträge, wir veröffentlichten ein paar als Leserbriefe. Die Redaktion nahm damals den Impuls zur Debatte nicht auf, so versandete die Sache.
Gehen wir zurück in graue Vorzeit, zum letzten Dienstag. Ich sitze auf dem Panel des ISPA-Summit, denke, im Publikum wird es an FanInnen von mir nicht mangeln, die muntere ich mit Neckereien ein bisserl auf. Die Moderatorin fragt mich, ob ich an Web 2.0 teilnähme und wie es mein Leben beträfe. Ich verneine wahrheitsgemäß Teil eins der Frage, lasse meine Vorbereitung in der Tasche stecken und schildere Eindrücke aus der Redaktion: Menschen, die während der Redaktionssitzung aufs Handy schielen, weil sie Facebook-Einträge oder Tweets lesen. Menschen, die im Minutentakt das Netz hysterisch nach Nennungen ihrer Person oder des eigenen Mediums durchsuchen. Suchtverhalten. Narzissmus. Menschen, die, elektronisch stimuliert, ihrer Rüpelhaftigkeit freien Lauf lassen. Das Netz sei auch eine Aufforderung zur Zeitverschwendung, sagte ich, deswegen kein Blog und – bitter für Twitter – kein Tweet von mir. Vorläufig.
Etwas später fragt mich die Moderatorin, ob Blogs je Zeitungen ersetzen könnten, und ich antworte, dass ein Medium nie ein anderes ersetze. Ob Zeitungen überlebten, sei nicht so wichtig. Die Qualitätszeitung sei nur eine Chiffre für Redaktionen. Das seien qualifizierte Wesen, Zusammenballungen von Urteilskraft, Leute die beurteilen, warum was auf welche Weise publiziert wird. Diese Qualität der Überprüfung mache Journalismus aus, sagte ich. Die institutionalisierte Selbstkontrolle, bei Webmedien nur rudimentär vorhanden, gerät durch die Kommerzialisierung selbst bei Giganten wie der New York Times in Gefahr, die Fehlleistungen sind bekannt.
„Die meisten Webmedien, wie wir sie kennen, sind sehr stark parasitär, verlassen sich doch darauf, was die großen alten Medien für sie recherchieren“, sage ich, recherchierten sie selbst, seien sie oft unzuverlässig. (Für Armin Wolf, zur Niveaufrage: alle Medien sind parasitär, siehe Michel Serres Buch „Der Parasit“. Dass Webmedien wie die Huffington Post ihren Aufstieg der Verlinkung zur Arbeit anderer verdanken, hat vor mir schon Zeit-Mitherausgeber Josef Joffe parasitär genannt, vgl. Die Zeit vom 14.8.08.)
Im Bericht der futurezone von Barbara Wimmer auf orf.at hieß es: „,Web-Medien sind parasitär‘, fuhr Thurnher fort., Sie verlassen sich auf alte Medien und recherchieren nicht selbst.‘“ Was ich zuvor sagte, hat Frau Wimmer (so ist Journalismus) ausgelassen. Ich sagte, die klassische Definition von aufklärerischer Öffentlichkeit, die Argumente vor einem Publikum so auszubreiten, dass dieses sie überprüfen kann, träfe genau auf das Internet zu, würde dessen Publikum nur vernünftig an diesem Räsonnement teilnehmen. Die Möglichkeit dazu gebe es durch die digitale Revolution auf nie dagewesene Weise. Als ein überwältigend positives Beispiel nannte ich Wikipedia. Die Frage sei nur, wie Journalismus und wie Öffentlichkeit die größten Möglichkeiten, die sie jemals hatten, überleben. Oder bloß erleben.
Die Reaktionen auf meine Aussage lassen einiges befürchten. „Thurnher mag das Web nicht“, tweetet einer, und eine andere urteilt: „Ich finde das Gebaren der öffentlichen Person Armin Thurnher auch im, realen Leben‘ ernüchternd.“ Leider hatte sie keine Zeit, die Veranstaltung zu besuchen. Ich aber sage euch: Thurnher mag die Welt und alle ihre Hervorbringungen, jedoch mit Einschränkungen. Deswegen möchte er zum Schluss eine Behauptung hersetzen, die man in diesem Blatt und sonst wo, wo sein Blick nie hinfällt, diskutieren kann: So erfreulich Wissensvermittlung, Re-Alphabetisierung, Beschleunigung und umfassende Verfügbarkeit der Information im Internet sind, so unerfreulich ist das Verhalten von Teilen seiner sogenannten Community. Sie verhalten sich possessiv, ressentimentgeladen, reagieren unmittelbar, ja reflexartig – kurz, sie verhalten sich nicht deliberativ, sondern akklamativ. Im schlimmsten Fall wird aus der Netz-Community die Hetz-Community, in beiden Bedeutungen. Im Übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex muss zerschlagen werden.
Susanne Gaschke Ätzt bloß nicht gegen das Netz, sonst droht der Aufstand im Kindergarten!
Julia Seeliger Journalismus muss sich neu erfinden, wenn er im Wettbewerb bestehen will
Helge Fahrnberger Abt Armin versteht die Welt nicht mehr. Replik auf eine Themenverfehlung
Christoph Chorherr Wird „das Internet“ als Massenmedium nicht total überschätzt?
Was ist geschehen? Was habe ich gesagt? Das frage ich mich mittlerweile selber. Kürzlich war ich auf der Tagung der ISPA auf ein Panel geladen, das sich mit Social Networks beschäftigt, also mit Plattformen des sogenannten Web 2.0 wie Facebook oder Twitter. Ich wusste, was mich erwarten würde, denn vor einem Dreivierteljahr hatte ich in provokanter Absicht hier geschrieben, ich nähme das Internet als Medium nicht ernst, solange dort anonyme Wichte als Poster ihr Unwesen trieben und solange die Sache mit dem Urheberrecht nicht geklärt wäre.
Digitales Aufjaulen. Selbst ein ernsthafter Artikel begann mit den Worten, ich würde diesen Text vermutlich nie finden, ich läse ja keine Blogs (zu hoch für mich, mit Google Blogs zu durchsuchen, zu tief für andere, mir solche kleinen Eitelkeiten und minderen Fertigkeiten zuzutrauen). Das meiste waren Schmähungen auf Mutmaßungsniveau und Mitteilungen, ich hätte keine Ahnung, wüsste nicht, dass alles längst in einschlägigen Kreisen diskutiert werde, kurz, ich sei ein grantiger alter Sack, der nicht mehr wisse, wie die Welt funktioniere. Es gab vernünftige Beiträge, wir veröffentlichten ein paar als Leserbriefe. Die Redaktion nahm damals den Impuls zur Debatte nicht auf, so versandete die Sache.
Gehen wir zurück in graue Vorzeit, zum letzten Dienstag. Ich sitze auf dem Panel des ISPA-Summit, denke, im Publikum wird es an FanInnen von mir nicht mangeln, die muntere ich mit Neckereien ein bisserl auf. Die Moderatorin fragt mich, ob ich an Web 2.0 teilnähme und wie es mein Leben beträfe. Ich verneine wahrheitsgemäß Teil eins der Frage, lasse meine Vorbereitung in der Tasche stecken und schildere Eindrücke aus der Redaktion: Menschen, die während der Redaktionssitzung aufs Handy schielen, weil sie Facebook-Einträge oder Tweets lesen. Menschen, die im Minutentakt das Netz hysterisch nach Nennungen ihrer Person oder des eigenen Mediums durchsuchen. Suchtverhalten. Narzissmus. Menschen, die, elektronisch stimuliert, ihrer Rüpelhaftigkeit freien Lauf lassen. Das Netz sei auch eine Aufforderung zur Zeitverschwendung, sagte ich, deswegen kein Blog und – bitter für Twitter – kein Tweet von mir. Vorläufig.
Etwas später fragt mich die Moderatorin, ob Blogs je Zeitungen ersetzen könnten, und ich antworte, dass ein Medium nie ein anderes ersetze. Ob Zeitungen überlebten, sei nicht so wichtig. Die Qualitätszeitung sei nur eine Chiffre für Redaktionen. Das seien qualifizierte Wesen, Zusammenballungen von Urteilskraft, Leute die beurteilen, warum was auf welche Weise publiziert wird. Diese Qualität der Überprüfung mache Journalismus aus, sagte ich. Die institutionalisierte Selbstkontrolle, bei Webmedien nur rudimentär vorhanden, gerät durch die Kommerzialisierung selbst bei Giganten wie der New York Times in Gefahr, die Fehlleistungen sind bekannt.
„Die meisten Webmedien, wie wir sie kennen, sind sehr stark parasitär, verlassen sich doch darauf, was die großen alten Medien für sie recherchieren“, sage ich, recherchierten sie selbst, seien sie oft unzuverlässig. (Für Armin Wolf, zur Niveaufrage: alle Medien sind parasitär, siehe Michel Serres Buch „Der Parasit“. Dass Webmedien wie die Huffington Post ihren Aufstieg der Verlinkung zur Arbeit anderer verdanken, hat vor mir schon Zeit-Mitherausgeber Josef Joffe parasitär genannt, vgl. Die Zeit vom 14.8.08.)
Im Bericht der futurezone von Barbara Wimmer auf orf.at hieß es: „,Web-Medien sind parasitär‘, fuhr Thurnher fort., Sie verlassen sich auf alte Medien und recherchieren nicht selbst.‘“ Was ich zuvor sagte, hat Frau Wimmer (so ist Journalismus) ausgelassen. Ich sagte, die klassische Definition von aufklärerischer Öffentlichkeit, die Argumente vor einem Publikum so auszubreiten, dass dieses sie überprüfen kann, träfe genau auf das Internet zu, würde dessen Publikum nur vernünftig an diesem Räsonnement teilnehmen. Die Möglichkeit dazu gebe es durch die digitale Revolution auf nie dagewesene Weise. Als ein überwältigend positives Beispiel nannte ich Wikipedia. Die Frage sei nur, wie Journalismus und wie Öffentlichkeit die größten Möglichkeiten, die sie jemals hatten, überleben. Oder bloß erleben.
Die Reaktionen auf meine Aussage lassen einiges befürchten. „Thurnher mag das Web nicht“, tweetet einer, und eine andere urteilt: „Ich finde das Gebaren der öffentlichen Person Armin Thurnher auch im, realen Leben‘ ernüchternd.“ Leider hatte sie keine Zeit, die Veranstaltung zu besuchen. Ich aber sage euch: Thurnher mag die Welt und alle ihre Hervorbringungen, jedoch mit Einschränkungen. Deswegen möchte er zum Schluss eine Behauptung hersetzen, die man in diesem Blatt und sonst wo, wo sein Blick nie hinfällt, diskutieren kann: So erfreulich Wissensvermittlung, Re-Alphabetisierung, Beschleunigung und umfassende Verfügbarkeit der Information im Internet sind, so unerfreulich ist das Verhalten von Teilen seiner sogenannten Community. Sie verhalten sich possessiv, ressentimentgeladen, reagieren unmittelbar, ja reflexartig – kurz, sie verhalten sich nicht deliberativ, sondern akklamativ. Im schlimmsten Fall wird aus der Netz-Community die Hetz-Community, in beiden Bedeutungen. Im Übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex muss zerschlagen werden.
Weg mit dem Internet?
Vernichtet die digitale Revolution den Journalismus? Wie gefährlich ist das Schnattern im Internet? Verlieren die Online-Communitys den Blick fürs große Ganze? Vier Antworten auf Armin Thurnhers „Seinesgleichen geschieht“Susanne Gaschke Ätzt bloß nicht gegen das Netz, sonst droht der Aufstand im Kindergarten!
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© Nachdruck bzw. Textübernahme - auch auszugsweise -
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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