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Auf zur Weltklasse!

Die Zustände an heimischen Unis sind desaströs. Wie kann man sie verbessern? Ein Blick ins Ausland zeigt es
Es gibt nicht genug Geld, die Zustände in den überfüllten Hörsälen sind unerträglich, und viele Wissenschaftler wollen auswandern: Was alles nicht klappt, haben wir in der Uni-Debatte schon gehört. Doch in anderen Ländern, in Finnland, der Schweiz oder Großbritannien, gibt es erfolgreiche Konzepte, von denen sich Österreich etwas abschauen könnte. Das reicht von einer landesweiten Statistik, welche Ausbildungen am besten ins Berufsleben führen, bis hin zu Unis, die trotz Massenbetrieb Qualität liefern.

1. Nur her mit den Studenten

Steigen die Studierendenzahlen, geht das in Österreich als Horrormeldung durch. Dabei haben wir hierzulande nur 18 Prozent Akademiker, weit weniger als der OECD-Schnitt (27 Prozent) und nur halb so viele wie in Finnland.

Gerade die nordischen Länder zeigen, dass viele Studierende doch leistbar sind. Drei Viertel aller 19-Jährigen besuchen in Finnland eine Uni oder Fachhochschule. Die Finnen geben 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dafür aus, während es in Österreich nur 1,3 Prozent sind.

Andere Länder kämpfen um möglichst viele Studenten. Großbritannien möchte, dass jeder zweite Jugendliche inskribiert. Das resultiert aus der Überzeugung, dass mehr Bildung zu weniger Arbeitslosigkeit, höheren Einkommen, mehr Steuereinnahmen und besseren Chancen im internationalen Wettbewerb führt. Auch in Österreich zeigt sich, dass Akademiker weit seltener arbeitslos sind – selbst wenn sie solche „Orchideenfächer“ wie Theaterwissenschaft belegt haben. Pro zusätzlichem Bildungsjahr steigt der Nettostundenlohn durchschnittlich um acht Prozent, berechnet das Institut für Höhere Studien.

2. Gute Gehälter für Dozenten

Wenn von Weltklasse-Universitäten die Rede ist, fallen schnell Namen wie Harvard oder Yale. Amerikanische Hochschulen sind mit den europäischen aber nicht vergleichbar, sie werden nur zu 45 Prozent vom Staat finanziert, der Rest kommt aus privater Hand. Ein Jahr in Harvard kostet die Studenten 33.696 Dollar. Interessanter ist da schon der Vergleich mit der Schweiz. Sie hat zwei renommierte Universitäten, die im internationalen Vergleich brillieren: die ETH Zürich und die Uni Zürich.

Wie machen die das? Mit guten Einkommen. Das Anfangsgehalt eines Professors an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich beträgt 180.000 Euro im Jahr. Die Uni Zürich ist in einigen Studienrichtungen auch ein Massenbetrieb, trotzdem ist die Lehrsituation vergleichsweise gut. Dort kommen 56 Studierende auf einen Professor, an der Uni Wien sind es 194. Dabei gibt es auch in der Schweiz einen grundsätzlich offenen Hochschulzugang.

3. Baut mehr Fachhochschulen

Es gibt zwei Möglichkeiten, die jetzigen Probleme zu lösen: mehr Geld oder einen Abbau der Studienplätze und Zugangsbeschränkungen in Massenfächern. „Ich sehe nicht, warum irgendein Studienfach in Österreich eingeschränkt werden sollte“, sagt der deutsche Hochschulforscher Ulrich Teichler angesichts der niedrigen Akademikerquote.

Mehr Akademiker brauchen mehr ausfinanzierte Studienplätze, das fordern nicht nur die Audimax-Besetzer, sondern auch die Rektoren. Insbesondere der Fachhochschulsektor ist unterrepräsentiert. Nur rund zwölf Prozent der Studenten inskribieren an einer FH. Dabei wollen viele eine praxisorientierte Ausbildung, kommen an den FHs nicht unter und weichen dann auf die überfüllten Unis aus. Das ginge auch anders. In Österreich und Finnland gibt es seit circa 15 Jahren das FH-System, nur wurde dieses im hohen Norden wesentlich ausgebaut. Heute ist mehr als die Hälfte der Studierenden an der Ammattikorkeakoulu, der finnischen FH, der Rest an den Unis.

Doch muss ein Ausbau der Studienplätze nicht heißen, dass man gar nicht mehr über Zugangsbeschränkungen sprechen darf. Die Forderung, ein Land solle unbegrenzt Ärzte ausbilden, ist unrealistisch. Unis sollen überdies wissen, wie viele Menschen bei ihnen Platz haben. Bei restriktiven Beschränkungen steigt aber die Gefahr, dass plötzlich Arbeitskräfte fehlen. Es ist schwierig zu sagen, wie viele ausgebildete Lehrer oder Ärzte ein Land in fünf Jahren benötigt. In den Niederlanden etwa werben sich Schulen gegenseitig die Lehrer ab, weil es zu wenige gibt. Hessen lockt mit einem Beamtenstatus für Pädagogen, um diese aus anderen Bundesländern anzustellen.

4. Kindergärtner an die Unis

Es ist kein Zufall, dass sich ausgerechnet die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner dem Studierendenprotest angeschlossen haben. Sie fühlen sich von der Hochschulpolitik benachteiligt. Zu Recht, denn „Krankenschwester“ oder „Kindergärtner“ kann man hierzulande nicht studieren, anderswo sehr wohl.

An der Uni Helsinki gibt es strenge Auswahlkriterien für alle Erziehungswissenschaften, auch für die Kindergärtner. Sie studieren im Bachelorsystem.

Die heimischen Pädagogen wünschen sich eine Anhebung der Kindergartenausbildung auf akademisches Niveau, das würde nicht nur der gesellschaftlichen Bedeutung dieser Profession gerecht werden – es würde das gesamte Berufsbild aufwerten. Das gleiche gilt für andere mittlere Berufe, wie Diplomkrankenschwestern. Eine Wissensgesellschaft entsteht nicht dadurch, dass plötzlich alle Architektur und Biologie studieren, sondern dass andere Professionen wissenschaftlich aufgewertet werden.

5. Klärt die Maturanten auf

Jus, BWL, Psychologie. Viele Maturanten sind bei der Studienwahl unkreativ und bereuen das spätestens dann, wenn sie in Massenvorlesungen sitzen, Knock-out-Prüfungen erleben oder nur abstrakte, praxisferne Dinge lernen.

Dabei gibt es Projekte, um Maturanten über die Studienbedingungen vorab zu informieren. Die holländische Webseite Studychoice.nl bietet zum Beispiel eine Übersicht über 2500 Ausbildungsangebote in den Niederlanden.

Mit ein paar Mausklicks können Interessierte die passende Uni für sich suchen. Sie geben dabei ein Fach, das sie interessiert, und Kriterien für die Studienauswahl an – von der Jobtauglichkeit bis hin zu den Mietpreisen in der Universitätsstadt. Das Onlinesystem liefert eine Übersicht und Rankings von Studenten, die dort bereits studiert haben.

Nun will auch die Österreichische Hochschülerschaft die Studienberatung ausbauen. Sie plant ebenfalls eine Web-Plattform, die den Maturanten transparente Infos zum jeweiligen Studium und zur Fakultät gibt. Zusätzlich hat sie ein Pilotprojekt gestartet, bei dem Schüler Lehrveranstaltungen an Hochschulen besuchen können. Das hört sich alles gut an. Das Problem ist nur: Der Staat finanziert solche Projekte nicht flächendeckend.

6. Weniger Abhängigkeit von Eltern

Besserverdiener finanzieren dem eigenen Nachwuchs das Studium, für alle anderen gibt es Stipendien. Das klingt einleuchtend, in der Realität wird dieses Versprechen aber nicht ausreichend eingelöst.

„Österreichische Studierende sind von ihren Eltern extrem abhängig. Der Staat kompensiert nicht genug“, attestiert Dominic Orr. Er forscht in Hannover für die Hochschul-Informations-System GmbH und erstellt die Bildungsstudie Eurostudent. Mit Tabellen, Grafiken, Sockeldiagrammen rechnet er vor, was manche Studis spüren: Wer aus einer sozial benachteiligten Schicht kommt, hat es schwieriger, sein Studium zu finanzieren. Die Stipendien decken nicht den Lebensbedarf ab, also müssen die Studis zusätzlich arbeiten.

Dabei gibt es ganz andere Konzepte. Jeder Schwede kann eine staatliche Studienförderung von 777 Euro pro Monat bekommen, 35 Prozent sind geschenkt, der Rest geliehen. Wem der Kredit nicht geheuer ist, kann darauf verzichten. Das Geld dient für Miete, Essen, Lebenserhaltungskosten. Studiengebühren gibt es keine.

Die schwedische Mentalität ist deswegen anders. Für die Maturanten ist es weniger wichtig, wie reich die Eltern sind und welches Studienfach Mama und Papa genehm ist. Sie werden wie Erwachsene behandelt, von denen 70 Prozent einen staatlichen Kredit aufnehmen, der niedrig verzinst ist. Das Ganze ist auch ein Kompromiss für den Staat, um möglichst vielen ein Studium zu ermöglichen, das Budget aber nicht allzu sehr zu belasten.

7. Brain Gain statt Brain Drain

Der Student aus dem Ausland ist hierzulande gefürchtet, die Schwemme an Numerus-clausus-Flüchtlingen wird beklagt. Andere Länder haben schon früher Lösungen für den Ansturm ausländischer Studierender gefunden. Zwischen Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden gibt es etwa seit 1996 Ausgleichszahlungen für all jene, die beim Nachbarn studieren.

Es ist auch eine Einstellungsfrage, wie man internationale Studierende empfängt. Die ETH Zürich spricht zum Beispiel von einer eigenen „Strategie für die Rekrutierung der weltweit besten Studierenden“. 30 bis 50 Prozent der Master-Studenten und mehr als die Hälfte der Doktoranden sollen aus dem Ausland stammen. Beim Master selektiert die ETH. Um genügend Bewerber zu haben, gründete sie ein Stipendium für besonders gute internationale Master-Studenten. Sie sollen sich das Leben im teuren Zürich leisten können.

8. Qualität messen

Jedes Jahr fallen die heimischen Unis in internationalen Hochschul-Rankings weiter zurück. In der Tabelle des Time Magazine belegt die Uni Wien nur Platz 132, das ist um 17 Ränge schlechter als im Jahr zuvor. Die Uni Zürich hat sich hingegen unter die besten Hundert hinaufgekämpft.

Die Kritik an diesen Rankings ist berechtigt. Wenn eine Uni viele Zitierungen in Fachzeitschriften aufweist, sagt das nicht viel über die Zustände im Hörsaal aus. Trotzdem sind internationale Vergleiche Annäherungen, um die Schwächen im Hochschulsektor zu erkennen. Warum schneidet die Uni Wien im Time-Ranking so schlecht ab? Weil das Betreuungsverhältnis zwischen Dozenten und Studis miserabelst eingestuft wird. Viele Studenten werden dem beipflichten.

Die OECD tüftelt an einem eigenen Hochschulvergleich, der ähnlich wie Pisa die Qualität der Lehre messen soll. Parallel dazu können auch Nationalstaaten den Erfolg ihrer Unis hinterfragen. In Großbritannien etwa erfasst die nationale Statistikagentur HESA jedes Jahr, wie viele Absolventen ohne Job dastehen und in welchen Branchen die Akademiker landen. Hierzulande fehlt eine solche Absolventenstudie. Bildungspolitiker tappen im Dunkeln.

9. Benachteiligten gezielt helfen

Apropos England: Die HESA misst zudem, wie viele Kinder aus bildungsfernen Schichten an den einzelnen Unis landen. Engagierte Einrichtungen bekommen Fördergelder.

Jährlich gibt es 160 Millionen Euro für gezielte Maßnahmen, um benachteiligte Gruppen an die Unis zu holen. Zum Beispiel bekommen britische neun- bis 13-Jährige einen Studierenden als Mentor zugeteilt, der sie längerfristig unterstützt. Weiters gibt es 190 Millionen Euro, um Drop-outs bei diesen Gruppen zu verhindern.

10. Bessere Schulen für bessere Unis

Geld, Geld, Geld – das brauchen heimische Unis, wenn sie mehr Akademiker ausbilden sollen. Mindestens genauso wichtig ist allerdings ein Umdenken im Bildungssystem. Derzeit werden viele Zehnjährige in städtische Hauptschulen abgeschoben, eine Einbahnstraße in Richtung weniger Bildung, höhere Arbeitslosigkeit. Für sie stellt sich meist gar nicht die Frage, ob der Hochschulzugang frei sein soll oder alle alles studieren dürfen.

Wenn 75 Prozent der Finnen eine FH oder Uni belegen, liegt das insbesondere daran, dass sie das Schulsystem überhaupt so weit gebracht hat.

Resümee

Ein klares Bekenntnis zu mehr Studierenden, gut bezahlte Professoren, Qualitätskontrolle an Hochschulen und gezielte Fördermaßnahmen. Man muss die Uni nicht von Grund auf neu erfinden, um sie zu verbessern. Es hilft bereits, sich in der Welt umzusehen.
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