Herr Alfred und die Geister
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Mit 61 wurde Herr Alfred von einer Heidenangst gepackt. Herr Alfred, geboren am 19. Dezember 1939 und Ruheständler mit dem 20. Dezember 2000, wollte um keinen Preis in die Grube fahren, ohne Einmaliges geleistet zu haben. Überhaupt, das Sterben: Freunde und Verwandte wurden damals jäh aus dem Leben gerissen. Herr Alfred, verunsichert, wollte sein Leben keinesfalls wie jene alten Leute zu Ende bringen, die ihre Tage bei Kaffee und Kuchen ausklingen lassen.
Er wollte aufs Ganze gehen. „Ich wollte immer schon ein Buch schreiben“, sagt er. Buch. Da ist er, der wichtigste Begriff im Leben des Herrn Alfred. Er sagt „Buuch“, weiches B, langes U, samtene Stimme.
Nachträglich erhält so auch eine harmlose Plauderei Sinn. Es war 1998, ein heißer Sommertag, und es war wenig zu tun im Kaffeehaus. Herr Alfred, damals Kellner im Café Eiles, ein Mann ohne Nachnamen, kam mit einem Gast ins Gespräch, einem pensionierten Beamten und spätberufenen Schriftsteller, der bislang nur Ladenhüter veröffentlicht hatte, aber immerhin veröffentlicht hatte. Der Kellner servierte eine Melange, dazu Topfenstrudel mit warmer Vanillesauce. Nach der zweiten Melange klagte der Kellner dem Schriftsteller sein Leid: Ein Buch wolle er schreiben! Es mangle ihm aber an Fantasie! Darauf der Schriftsteller, kollegial: Na, hören Sie, Sie haben doch als Ober in all den Jahren genügend erlebt. Schreiben S’ das auf! Die Begegnung mit dem Schriftsteller ist in die Geschichte des Herrn Alfred als „fruchtbringendes Gespräch“ eingegangen. Er sagt das so, als spräche er nicht für den Moment, sondern für die große Alfred-Chronik. Dazu muss man wissen, dass Herr Alfred seine Geschichte in seiner eigenen Welt erlebt.
Alfred Smetana, mittlerweile 65, hat sein Buch nun geschrieben. Er hat ihm den Titel „Herr Alfred“ gegeben. Als Autorenname steht ebenfalls „Herr Alfred“ auf dem Cover – „Herr Alfred“ von „Herr Alfred“ also. Smetana schrieb während der vergangenen Jahre, ein, zwei Stunden pro Tag, mit der Hand, seine Frau tippte das Manuskript in die Schreibmaschine. Von den Verlagen, denen er sein Erstlingswerk schickte, bekam er nur Absagen. Smetana, längst ein Getriebener von Ereignissen, die er nicht mehr ganz beherrschte, publizierte also im Selbstverlag, 500 Stück. In ausgewählte Buchhandlungen trägt er seitdem sein so draufgängerisches wie eilig hingeschustertes Gedanken- und Erinnerungsbuch: 122 Seiten, zusammengehalten von einem Buchrücken aus Plastik; auf dem Cover, zwölf mal zwölf Zentimeter, ein Porträt von Smetana nebst einem Foto vom neonblauen Eiles-Schriftzug; der Preis pendelt zwischen neun Euro achtzig und elf Euro, je nach Nachfrage. Ende Mai wurde „Herr Alfred“ schließlich im Café Eiles, in dem Smetana jahrelang kellnerte, offiziell vorgestellt. Die Schauspielerin und „Simpl“-Kabarettistin Edith Leyrer las aus dem Werk, in dem auch ihr Name, falsch geschrieben, aufscheint. Smetana legte der Orgie von Rechtschreibfehlern, fehlerhaften Namen (Susi Nikoletti, Georg Thommala) und fehlenden Kommas vorsorglich einen Hinweiszettel bei: „Bedauerlicherweise haben sich im Buch – bei der Herstellung – etliche Schreibfehler eingeschlichen. Der Autor bittet um gütige Nachsicht“, ist darauf zu lesen. „Inhaltlich ein gelungenes Buch“, zitiert Smetana, sich selbst zur Aufmunterung, die Zuschrift eines ominösen „Lesekreises“.
Der Kaffeehauskellner als legendäre Figur – diese Vorstellung hat bereits einmal, lange vor Smetana, im Eiles Gestalt angenommen: Herr Fritz, der 1990 verstarb, prägte während Jahrzehnten die seit 1901 nach dem Cafetier Friedrich Eiles benannte Institution. Der „servierende Sir“, so wurde Herr Fritz, der kurioserweise eigentlich Alfred mit Vornamen hieß, in Zeitungen genannt. Robert Böck war auch so ein Kaliber: 28 Jahre lang Oberkellner im Landtmann, immer das Hangerl am Arm, immer bemüht, die Wünsche seiner Gäste zu erfüllen. Der Bildband „Der Engel im Kaffeehaus“, eine im Vorjahr in der Bibliothek der Provinz erschienene Hommage des Schriftstellers Peter Roos an den Herrn Robert, hat das große Kaffeehauswelttheater, das seit je in Wien gegeben wird, im Untertitel mit einem gedanklichen Viererschritt auf den Punkt gebracht: „Herr Robert. Café Landtmann. Wien und die Welt“.
Auch Alfred Smetana, ein unauffälliger, freundlicher, wertkonservativ gefestigter Mann, der von den Gästen oft hören musste, er sehe wahlweise aus wie Toni Sailer, König Gustav von Schweden oder Andreas Khol, wollte aus dem Heer seiner Berufskollegen heraustreten. Er wollte ein wenig berühmt werden. Mit seinem Buch hat er aber Freund und Feind verwirrt. Weniger wegen des ersten Teils, den Smetana „Kindheit, Jugend und danach“ überschrieben hat. Man folgt darin den Verästelungen einer etwas verworrenen Geschichte: Smetana lernte seine richtigen Eltern nie kennen, wegen seiner offen eingestandenen Lernfaulheit absolvierte er eine Fleischhauerlehre. Ein Fiat 1100 M war sein erstes Auto; sein Goldhamster hieß Penni, und an einem 23. Dezember zerstörte Familienhund Jerry den Weihnachtsbaum. Lange arbeitete Smetana als Faktotum in verschiedenen Wirtshäusern, am 1. Februar 1972 startete er seine Kellnerkarriere: Neun Jahre trug Smetana sein Plateau im inzwischen historischen Café Kammerspiele in der Rotenturmstraße, 15 Jahre, bis zu seiner Pensionierung, servierte er im Eiles. Schriftstellerisch ist Smetana etwas begabter als ein Bimsstein, die Grenze zur Peinlichkeit überschreitet er mühelos. Eher unbeabsichtigt gelingen ihm Sätze zum Niederbrechen, beinah schon liebenswerte Unbeholfenheit durchzieht das Buch: „Der Ernst des Lebens stand sozusagen vor der Tür, ich öffnete diese und stellte fest, dass nicht alles so heiß gegessen wie gekocht wird.“
Jede Seite in „Herr Alfred“ will auch sagen: Kellnern ist Knochenarbeit, für die man berufen sein muss. Smetana war kein Kaffeetassen herumbalancierender Grüßaugust, sondern eine charmante, angenehme Erscheinung. Ein Oberschmähführer war er nie, ein Übersüßer auch nicht, dem Klischee vom Obergrantler ist er nicht aufgesessen. „Ich habe meinen Beruf immer geliebt“, sagt er, und er macht eine jener Pausen, die ihm für große Augenblicke angemessen scheint. „Wunderbar ist, wenn im Kaffeehaus all die Schauspieler, Künstler, Schriftsteller sitzen. Es schwirrt dann viel Geist im Raum herum, sehr viel Geist.“ Seine Geister hat er in „Herr Alfred“ auf sonderliche Art gebannt, ab Seite 57 beginnt die große Geisterbeschwörung: Der Tross der Prominenten defiliert dann vorbei. Smetana berichtet Harmlosigkeiten von seinen ungezählten, kreuzbieder verlaufenen Zusammentreffen. Schauspieler Ignaz Kirchner? Trinkt eine Melange und ein Mineralwasser, manchmal Cola light. An vorstellungsfreien Abenden gern auch Wein. Heinz Mareceks Hund? Hat einmal einen Haufen vor dem Eingang hinterlassen. Kabarettist Ernst Waldbrunn? Trank gern einen über den Durst. José Carreras? Ist, Überraschung, ein „Weltstar, der Mensch geblieben ist“. Mime Alfons Haider? Eine Mischung aus „Rock Hudson und Alain Delon“. Und Klaus Maria Brandauer? Der ist, und so steht das im Buch, ein „anerkannter Künstler, wertvoller Mensch und Österreicher, dem nichts hinzuzufügen ist“.
Kritiker, die ihren Namen nicht gedruckt sehen wollen, sagen: Ein Buch, übervoll mit Tratsch, Blödsinn und Geschwafel. Smetana sagt: Meine Lebensgeschichte. Auch Wohlmeinende finden: Das hätte er besser unterlassen, er hat sich auf dünnes Eis gewagt. Er sagt: Es hat sein müssen. Ein langjähriger Eiles-Kollege von Smetana sagt: Keine Politik, keine Geschichten über irgendwen.
Es hat aber sein müssen. In einem der letzten Sätze des Buchs wünscht sich Smetana den „Weltfrieden“ herbei. Herr Alfred, der gutmütige, etwas naive Traumtänzer, hat sein Buch geschrieben. Jetzt hat er keine Angst mehr.
Er wollte aufs Ganze gehen. „Ich wollte immer schon ein Buch schreiben“, sagt er. Buch. Da ist er, der wichtigste Begriff im Leben des Herrn Alfred. Er sagt „Buuch“, weiches B, langes U, samtene Stimme.
Nachträglich erhält so auch eine harmlose Plauderei Sinn. Es war 1998, ein heißer Sommertag, und es war wenig zu tun im Kaffeehaus. Herr Alfred, damals Kellner im Café Eiles, ein Mann ohne Nachnamen, kam mit einem Gast ins Gespräch, einem pensionierten Beamten und spätberufenen Schriftsteller, der bislang nur Ladenhüter veröffentlicht hatte, aber immerhin veröffentlicht hatte. Der Kellner servierte eine Melange, dazu Topfenstrudel mit warmer Vanillesauce. Nach der zweiten Melange klagte der Kellner dem Schriftsteller sein Leid: Ein Buch wolle er schreiben! Es mangle ihm aber an Fantasie! Darauf der Schriftsteller, kollegial: Na, hören Sie, Sie haben doch als Ober in all den Jahren genügend erlebt. Schreiben S’ das auf! Die Begegnung mit dem Schriftsteller ist in die Geschichte des Herrn Alfred als „fruchtbringendes Gespräch“ eingegangen. Er sagt das so, als spräche er nicht für den Moment, sondern für die große Alfred-Chronik. Dazu muss man wissen, dass Herr Alfred seine Geschichte in seiner eigenen Welt erlebt.
Alfred Smetana, mittlerweile 65, hat sein Buch nun geschrieben. Er hat ihm den Titel „Herr Alfred“ gegeben. Als Autorenname steht ebenfalls „Herr Alfred“ auf dem Cover – „Herr Alfred“ von „Herr Alfred“ also. Smetana schrieb während der vergangenen Jahre, ein, zwei Stunden pro Tag, mit der Hand, seine Frau tippte das Manuskript in die Schreibmaschine. Von den Verlagen, denen er sein Erstlingswerk schickte, bekam er nur Absagen. Smetana, längst ein Getriebener von Ereignissen, die er nicht mehr ganz beherrschte, publizierte also im Selbstverlag, 500 Stück. In ausgewählte Buchhandlungen trägt er seitdem sein so draufgängerisches wie eilig hingeschustertes Gedanken- und Erinnerungsbuch: 122 Seiten, zusammengehalten von einem Buchrücken aus Plastik; auf dem Cover, zwölf mal zwölf Zentimeter, ein Porträt von Smetana nebst einem Foto vom neonblauen Eiles-Schriftzug; der Preis pendelt zwischen neun Euro achtzig und elf Euro, je nach Nachfrage. Ende Mai wurde „Herr Alfred“ schließlich im Café Eiles, in dem Smetana jahrelang kellnerte, offiziell vorgestellt. Die Schauspielerin und „Simpl“-Kabarettistin Edith Leyrer las aus dem Werk, in dem auch ihr Name, falsch geschrieben, aufscheint. Smetana legte der Orgie von Rechtschreibfehlern, fehlerhaften Namen (Susi Nikoletti, Georg Thommala) und fehlenden Kommas vorsorglich einen Hinweiszettel bei: „Bedauerlicherweise haben sich im Buch – bei der Herstellung – etliche Schreibfehler eingeschlichen. Der Autor bittet um gütige Nachsicht“, ist darauf zu lesen. „Inhaltlich ein gelungenes Buch“, zitiert Smetana, sich selbst zur Aufmunterung, die Zuschrift eines ominösen „Lesekreises“.
Der Kaffeehauskellner als legendäre Figur – diese Vorstellung hat bereits einmal, lange vor Smetana, im Eiles Gestalt angenommen: Herr Fritz, der 1990 verstarb, prägte während Jahrzehnten die seit 1901 nach dem Cafetier Friedrich Eiles benannte Institution. Der „servierende Sir“, so wurde Herr Fritz, der kurioserweise eigentlich Alfred mit Vornamen hieß, in Zeitungen genannt. Robert Böck war auch so ein Kaliber: 28 Jahre lang Oberkellner im Landtmann, immer das Hangerl am Arm, immer bemüht, die Wünsche seiner Gäste zu erfüllen. Der Bildband „Der Engel im Kaffeehaus“, eine im Vorjahr in der Bibliothek der Provinz erschienene Hommage des Schriftstellers Peter Roos an den Herrn Robert, hat das große Kaffeehauswelttheater, das seit je in Wien gegeben wird, im Untertitel mit einem gedanklichen Viererschritt auf den Punkt gebracht: „Herr Robert. Café Landtmann. Wien und die Welt“.
Auch Alfred Smetana, ein unauffälliger, freundlicher, wertkonservativ gefestigter Mann, der von den Gästen oft hören musste, er sehe wahlweise aus wie Toni Sailer, König Gustav von Schweden oder Andreas Khol, wollte aus dem Heer seiner Berufskollegen heraustreten. Er wollte ein wenig berühmt werden. Mit seinem Buch hat er aber Freund und Feind verwirrt. Weniger wegen des ersten Teils, den Smetana „Kindheit, Jugend und danach“ überschrieben hat. Man folgt darin den Verästelungen einer etwas verworrenen Geschichte: Smetana lernte seine richtigen Eltern nie kennen, wegen seiner offen eingestandenen Lernfaulheit absolvierte er eine Fleischhauerlehre. Ein Fiat 1100 M war sein erstes Auto; sein Goldhamster hieß Penni, und an einem 23. Dezember zerstörte Familienhund Jerry den Weihnachtsbaum. Lange arbeitete Smetana als Faktotum in verschiedenen Wirtshäusern, am 1. Februar 1972 startete er seine Kellnerkarriere: Neun Jahre trug Smetana sein Plateau im inzwischen historischen Café Kammerspiele in der Rotenturmstraße, 15 Jahre, bis zu seiner Pensionierung, servierte er im Eiles. Schriftstellerisch ist Smetana etwas begabter als ein Bimsstein, die Grenze zur Peinlichkeit überschreitet er mühelos. Eher unbeabsichtigt gelingen ihm Sätze zum Niederbrechen, beinah schon liebenswerte Unbeholfenheit durchzieht das Buch: „Der Ernst des Lebens stand sozusagen vor der Tür, ich öffnete diese und stellte fest, dass nicht alles so heiß gegessen wie gekocht wird.“
Jede Seite in „Herr Alfred“ will auch sagen: Kellnern ist Knochenarbeit, für die man berufen sein muss. Smetana war kein Kaffeetassen herumbalancierender Grüßaugust, sondern eine charmante, angenehme Erscheinung. Ein Oberschmähführer war er nie, ein Übersüßer auch nicht, dem Klischee vom Obergrantler ist er nicht aufgesessen. „Ich habe meinen Beruf immer geliebt“, sagt er, und er macht eine jener Pausen, die ihm für große Augenblicke angemessen scheint. „Wunderbar ist, wenn im Kaffeehaus all die Schauspieler, Künstler, Schriftsteller sitzen. Es schwirrt dann viel Geist im Raum herum, sehr viel Geist.“ Seine Geister hat er in „Herr Alfred“ auf sonderliche Art gebannt, ab Seite 57 beginnt die große Geisterbeschwörung: Der Tross der Prominenten defiliert dann vorbei. Smetana berichtet Harmlosigkeiten von seinen ungezählten, kreuzbieder verlaufenen Zusammentreffen. Schauspieler Ignaz Kirchner? Trinkt eine Melange und ein Mineralwasser, manchmal Cola light. An vorstellungsfreien Abenden gern auch Wein. Heinz Mareceks Hund? Hat einmal einen Haufen vor dem Eingang hinterlassen. Kabarettist Ernst Waldbrunn? Trank gern einen über den Durst. José Carreras? Ist, Überraschung, ein „Weltstar, der Mensch geblieben ist“. Mime Alfons Haider? Eine Mischung aus „Rock Hudson und Alain Delon“. Und Klaus Maria Brandauer? Der ist, und so steht das im Buch, ein „anerkannter Künstler, wertvoller Mensch und Österreicher, dem nichts hinzuzufügen ist“.
Kritiker, die ihren Namen nicht gedruckt sehen wollen, sagen: Ein Buch, übervoll mit Tratsch, Blödsinn und Geschwafel. Smetana sagt: Meine Lebensgeschichte. Auch Wohlmeinende finden: Das hätte er besser unterlassen, er hat sich auf dünnes Eis gewagt. Er sagt: Es hat sein müssen. Ein langjähriger Eiles-Kollege von Smetana sagt: Keine Politik, keine Geschichten über irgendwen.
Es hat aber sein müssen. In einem der letzten Sätze des Buchs wünscht sich Smetana den „Weltfrieden“ herbei. Herr Alfred, der gutmütige, etwas naive Traumtänzer, hat sein Buch geschrieben. Jetzt hat er keine Angst mehr.
© Nachdruck bzw. Textübernahme - auch auszugsweise -
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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