„Fuckin’ ,Je t’aime’!“
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Jane Birkin wurde 1946 als Tochter eines Majors und der Schauspielerin Judy Campbell geboren. Nach der gescheiterten Ehe mit dem Filmkomponisten John Barry (unter anderem für das James-Bond-Thema verantwortlich) ging Birkin 1967 nach Frankreich, wo sie den Sänger und Komponisten Serge Gainsbourg kennen lernte. Die beiden nahmen die berühmte Po-Liebe-Ballade „Je t’aime (moi non plus)“ auf und avancierten zu einem der schillerndsten Liebespaare von Paris. Aus der Verbindung mit dem 1991 verstorbenen Gainsbourg ging Tochter Charlotte hervor, Birkins andere beide Töchter Kate und Lou sind von John Barry und dem Filmregisseur Jacques Doillon.
Birkin drehte Dutzende von Filmen, eine persönliche Auswahl davon wird im Rahmen der Viennale zu sehen sein. Außerdem gastiert die Schauspielerin, die immer auch am Theater gespielt hat, mit dem bereits weltweit erfolgreichen Konzertabend „Arabesque“ im Wiener Volkstheater, bei dem zahlreiche der von Serge Gainsbourg komponierten Klassiker zu hören sein werden.
Falter: Die Viennale ehrt Sie mit einem „Tribute to Jane Birkin“, bei dem elf Ihrer Filme gezeigt werden, außerdem geben Sie ein Konzert ...
Jane Birkin: Ich gebe ein Konzert?
So hat man mir gesagt.
... (wendet sich an ihren Assistenten) Ich gebe ein Konzert in Wien? „Arabesque“?! Was für ein Glück, dass Sie mir das gesagt haben. Was für ein Glück, dass ich zu trinken und zu rauchen aufgehört habe!
Wo fühlen Sie sich den wohler? Vor der Kamera oder hinter dem Mikrofon?
Ich glaube, hinter dem Mikrofon.
Tatsächlich?
Ja. Solange ich die Noten hinkriege, spielt der Rest nicht wirklich eine Rolle. Kameras hingegen beobachten dein Gesicht ... ich habe mir jedenfalls noch nie meine Filme angesehen. Andererseits höre ich auch meine Platten nicht, also sollte ich für das Konzert besser die Texte wieder lernen – ich habe sie völlig vergessen.
Ähnliche Frage, anderes Thema: Fühlen Sie sich in Hosen oder in Kleidern wohler?
In Hosen.
Ich habe Sie auch immer für einen Hosentyp gehalten, aber nachdem ich mir die DVD von Ihrem „Arabesque“-Konzert angesehen habe, wo Sie am Schluss dieses rote Kleid tragen, kamen mir Zweifel.
Nein, nein, nein, nein. Das war eine Idee des Regisseurs, der es müde war, mich ständig in Hosen zu sehen, und meinte, es wäre nett, wenn ich bloß einmal am Ende ein schickes Kleid anhaben würde. Der Mann, der für die Kostüme verantwortlich war, lief also nach den Proben los und kam mit diesem roten Kleid zurück, in das ich mich reinzwängte – meine Kinder fanden, dass es etwas zu eng war.
Im Unterschied zum Großteil des Publikums, nehme ich mal an. Haben Sie eigentlich die Sachen, die Sie in Ihren Filmen anhaben, selbst ausgesucht? Es hat immer einen gewissen Pfiff, wie da die Jeans hochgerollt sind und mit Turnschuhen und Militärjacken kombiniert werden, oder wie der Kragen Ihrer Bluse aufgestellt ist ...
Ich wünschte, ich hätte mich mehr darum gekümmert. Jacques Rivette hatte eine sehr gute Kostümbildnerin, „Dust“ war wunderbar, weil ich ein schwarzes Kleid anhatte, so, als ob ich Tschechow spielen würde, und in den Filmen von Jacques Doillon habe ich ohnehin meist meine eigenen Sachen an – wie ich es überhaupt gehalten habe, wenn es irgendwie ging, weil ich weiß, dass ich in Männerkleidern besser aussehe. Ich mochte es, die Sachen von meinem Bruder zu tragen, mir die Krawatten meines Vaters um die Hüfte zu binden, Pullover auszuborgen ... Ich habe jahraus, jahrein dieselben Pullis getragen, sodass es ziemlich schwer ist, festzustellen, aus welchem Jahr die Fotos stammen.
Was verabscheuen Sie in der Mode am meisten?
Ich mag es nicht, wenn Männer am Strand sehr kleine Badesachen anhaben.
Und in der Frauenmode?
Da mag ich sogar die Sachen, die ich nicht anziehen kann.
Was soll das sein?
Meine Tochter Lou etwa ist unglaublich extravagant: Sie trägt Kleider über Hosen, dazu hochhackige Schuhe und einen schwarzen Hut ... Ich hingegen tendiere eher zu mausfarbenen Sachen, weil ich kein sehr starkes Gesicht habe, und wenn ich Orange tragen würde – wahrscheinlich die Farbe, die ich am wenigstens mag – sähe ich aus, als wäre ich krank.
Sie sind ja eigentlich auch nicht wegen Ihrer Kleider berühmt geworden, sondern deswegen, weil Sie sie ausgezogen haben.
Das stimmt.
Hat Ihnen das je Probleme gemacht?
Nein. Nein, nein. Ich bin so lange dafür verspottet worden, wie ein Bub auszusehen, dass es ein große Genugtuung war, auf jemanden zu treffen, der behauptete, sich vor Brüsten zu fürchten – auch wenn es nicht ganz wahr war. Ich war so froh, dass jemand Fotos von mir machte. Dass mich das Weihnachtscover von Lui nackt an eine Heizung gekettet zeigte, war meinem Vater peinlich. Das tut mir leid, zugleich ist es aber auch ziemlich komisch.
Fällt Ihnen ein wirklich eleganter Mann ein? Und ich spreche von der Ära nach Cary Grant.
Mein Vater. Auch meine Männer. John Barry war sehr elegant. Er trug dreiteilige Anzüge und verwendete einen goldenen Bleistift anstelle eines Stabs, wenn er die London Philharmonic Orchestra dirigierte. Die attraktivsten Männer sind Chirurgen; üblicherweise tragen die Mäntel, Masken, Hauben und Handschuhe – sehr attraktiv!
Ist das ihr Ernst?
Ja, ich liebe Ärzte – vor allem Chirurgen. Ein bisschen Äthergeruch – und ich bin weg. Männer haben großes Glück – am attraktivsten sind sie, wenn sie sechzig sind.
Sechzehn?
Sechzig.
Waren Sie immer schon dieser Ansicht?
Ja. Sehen Sie sich Seiji Ozawa an – das Inbild der Eleganz! Ich bin ihm einmal auf dem Flugplatz gefolgt. Er hatte keinen Koffer und nur die Noten in seiner Hand, möglicherweise Mahlers Neunte. Er ging an Bord, hat während des Flugs nur die Partitur studiert, und ich dachte: „Wow, was für ein außergewöhnlicher Mann!“ Seine Schönheit liegt in seinem Enthusiasmus, seinem Respekt für die großen Meister, seine Liebe für Leonard Bernstein, der vermutlich einer der attraktivsten Männer war, die die Natur je hervor gebracht hat.
Sie haben in der berühmten Szene von „Blow-up“ gespielt, in der David Hemmings sich mit zwei Modells balgt, die zusehends weniger an haben. „Blow-up“ galt als das filmische Abbild von „Swinging London“, von dem Sie ja angeblich ein Teil waren – woraus genau bestand „Swinging London“ eigentlich?
Daran erinnere ich mich überhaupt nicht mehr. Ich war mit John Barry verheiratet und praktisch gerade erst aus dem Internat entlassen worden. Ich war verrückt nach ihm und sehr verletzt, als er mich verlassen hat. Ich habe damals Leute wie Roman Polanski, David Bailey, Terence Stamp oder Michael Caine kennen gelernt. John Lennon war nett, extrem nett – aber ich war nicht ganz die frivole Person, für die er mich hielt, weil ich schon in jemand anderen verliebt war und heiraten wollte. All das freie Zeug war also nicht ganz meines, aber das machte nichts.
Als Sie dann nach Frankreich übersiedelt sind – gab es da irgendetwas, was Sie verstört hätte, einen kleinen kulturellen Schock vielleicht?
Überhaupt nicht. Alles machte Spaß, und ich musste mich nicht darum sorgen, was meine Familie sagen würde. Ich war frei! Nach all der Hoffnungslosigkeit einer Frau, der es nicht gelungen war, ihren Ehemann zu halten, war ich an diesen bezaubernden Ort gekommen: Die Franzosen liebten meinen Akzent, sie liebten den Umstand, dass ich keinen Busen hatte – sie liebten alles! Ich war adoptiert worden. Es war besser als Swinging London. Die Franzosen können nicht in der Schlange stehen, sie brechen alle Regel ... Ich glaube, es war Herbert von Karajan, der meinte: Die Franzosen sind großartige Künstler, aber als Orchester sind sie ein Desaster. Genau darin bestand aber auch der Charme – man entkam der Strenge des perfekten englischen Orchesters!
Sind die Engländer wirklich so schlimm?
Nein. Heute komme ich sehr gerne nach England und denke, dass ich extrem ungerecht war. Die gewöhnlichen englischen Leute sind sehr nett: Sie stehen im Bus auf, erkundigen sich, ob man okay ist, wenn man hingefallen ist. Menschen, die man nicht kennt, sagen: „Was für ein schöner Tag, Liebes“ – sehr nett! Und wenn es um Recht und Gesetz geht, bin ich sicher lieber in England. Polizisten, das waren Männer, die keine Waffen trugen und einem halfen, wenn man sich verlaufen hatte. Es gibt also eine sehr vernünftige Seite Englands – und das finde ich auch sehr tröstlich.
Abgesehen vom Filmemachen waren Sie in den späten Sechzigerjahren und danach einfach damit beschäftigt, cool zu sein. Und sagen Sie mir bloß nicht, Sie haben das nicht gewusst!
Ich habe es nicht gewusst!
Sie müssen es doch gemerkt haben. Aber vielleicht besteht das Geheimnis, cool zu sein, ja darin, sich nicht allzu sehr darum zu bemühen.
Möglich, ja. Ich weiß sehr genau, dass ich nicht gut darin bin, mich als jemand anderer zu verkleiden. Ich hatte einfach eine wunderbare Zeit, auch wenn ich das heute alles nicht mehr brauche. Ich gehe in keine Nightclubs mehr, ich kehre nicht einmal in die gleichen Städte zurück. Es ist das erste Mal, dass ich nach Wien komme, seitdem Serge tot ist. Wir pflegten jedes Jahr im Hotel Sacher abzusteigen. Mein Cousin, Carol Reed, hatte ja den „Dritten Mann“ gedreht, und dessen Frau war in einem Nachtclub auf Anton Karas gestoßen.
Ich habe mir einige Filme von Ihnen angesehen, die bei der Viennale laufen, unter anderem auch „Je t’aime moi non plus“ oder „La Pirate“; und ich muss zugeben, dass ich die mehr als nur ein bisschen anstrengend fand. Sie hätten doch etwas weniger ausbeuterisch mit Ihnen umgehen können, finden Sie nicht?
Nein, ich liebe „Je t’aime“, und „La Pirate“ wurde furchtbar aufgenommen, aber es war sehr aufregend, dass die Leute für oder gegen uns waren. Frauen flüsterten mir in den Parks zu: „Danke für ,La Pirate‘!“
Was ist denn der Unterschied, ob man mit einem Regisseur oder einer Regisseurin arbeitet?
Für manche Filme, etwa „Dust“, ist es einfach essenziell, dass eine Frau Regie führte. Marion Hänsel war sehr dahinter, dass man zu keinen billigen Tricks greift und einfach nur versucht, sexy auszusehen. Agnès Varda ist ein Soldat – nur eine Frau, die einer anderen Frau mit Entschiedenheit folgt, kann so viel von einem zutage fördern. Ich glaube, nicht, dass es nur das Gute war, aber einiges in „Jane B. par Agnès V.“ ist besser als das Meiste – und dafür bin ich ihr ewig dankbar. Agnès ist unglaublich neugierig. Kaum denkt man daran, in eine Bar zu gehen, zerrt sie einen schon ins nächste Museum. Man kommt müde, aber zufrieden zurück. Meine Mutter war auch so – das finde ich typisch weiblich.
Und die Männer?
Ich denke, Jacques Doillon hatte ein ähnliches Auge für Frauen wie Ingmar Bergman. Kaum jemand hat aus Schauspielerinnen mehr heraus geholt als Bergman.
Was ist Ihr liebster Bergman-Film?
Wahrscheinlich „Das Schweigen“. Als ich ihn das erste Mal sah, war das unglaublich peinlich, weil links und rechts von mir meine Eltern saßen. Ingrid Thulin liegt da im Pyjama auf dem Bett, und ich dachte, ich würde sterben!
Apropos peinlich – geht es Ihnen nicht schon auf die Nerven, ständig mit „Je t’aime ...“ assoziiert zu werden?
Eine Zeit lang war das so. Jeder Journalist, jedes TV-Programm begann mit „dadadadadaaa“, dein neuer Freund war irgendwie geschockt und schämte sich ... Heute bin ich sehr zufrieden. „Je t’aime“ hat mir die seltsame Freiheit beschert, überall auf der Welt zu machen, was ich will.
Dann hätte ich noch zwei letzte Fragen zum Thema Popmythologie. Es gibt da dieses Gerücht, eine ganze Generation wäre zu dem Song gezeugt worden.
Es stimmt auch!
Finden Sie nicht, dass das Konzept der Geschlechtsverkehrmusik stark überschätzt wird? Ich meine, wenn ich eine Frau wäre, dann würde ich nicht wollen, dass mein Liebhaber Ihr Gestöhne anhört – der soll sich, verdammt noch mal, mit mir beschäftigen.
So habe ich das noch nie gesehen. Ich weiß nur, dass ich einmal ein Taxi in London nahm und genug davon hatte, zu verleugnen, wer ich bin. Wenn ich gefragt wurde, was ich mache, sagte ich: „Ich habe mit Songs zu tun.“ – „Ah, sind Sie Techniker?“ – „Ja, ich mach den Sound.“ Dieses eine Mal aber antwortete ich: „Vor langer Zeit habe ich mal eine Platte mit einem Typen namens Serge Gainsbourg gemacht, sie hieß ,Je t’aime‘“ – worauf der Taxifahrer auf die Bremse sprang und schrie: „Fuckin’ ,Je t’aime‘?! Dazu hab ich fuckin’ fünf Kinder gezeugt!“ Er fuhr mich nach Hause zu ihm, damit ich ihm die Platte signieren konnte. Ich dachte: Gosh, dreißig Jahre danach, und sie wissen noch immer, was sie gemacht haben, als sie zum ersten Mal „Je t’aime“ gehört haben. So was passiert einem wohl nur einmal im Leben, auch wenn „Je t’aime“ wohl nicht besser ist als „Melody Nelson“ oder „The Man with the Cabbage Head“. Serge hat eine Aufnahme der „Marseillaise“ eingespielt, die für ziemlichen Stunk bei der Rechten gesorgt hat, weil es ein Reggae war. Er ging nach Jamaika, um es aufzunehmen. Serge fragte die Musiker dort: Was haltet ihr von französischer Musik? Sie lachten, zogen sich noch ein Bier rein und meinten: „Nichts.“ Bis Robbie Shakespeare meinte: „Diese eine Nummer, wo der Typ die Puppe vögelt und sie diese Geräusche macht – die ist okay.“ Worauf Serge rief: „Ich, ich, ich hab die gemacht!“ Die konnten es nicht glauben. Von da an hatte Serge ihren vollen und ganzen Respekt.
Die letzte Frage haben Sie vermutlich schon hundert Mal gehört, aber es muss sein. Ich habe gewettet, dass ich mich das fragen traue: Haben Sie und Gainsbourg es wirklich miteinander getrieben, als sie den Song aufgenommen haben?
Schon 1968 hatte Serge darauf eine sehr gute Antwort: „Ich wünschte, es wäre keine 45er, sondern eine LP.“
Das ist in der Tat eine gute Antwort.
Ja, besser geht’s nicht.
Elf ausgewählte Filme mit Jane Birkin laufen ab 15.10. im Rahmen der Viennale.
Am 17.10., 20.30 Uhr, gibt Jane Birkin ein Konzert im Volkstheater. Karten: Tel. 960 96 oder
www.oeticket.com bzw. an allen Vorverkaufsstellen der Viennale und unter www.viennale.at
Birkin drehte Dutzende von Filmen, eine persönliche Auswahl davon wird im Rahmen der Viennale zu sehen sein. Außerdem gastiert die Schauspielerin, die immer auch am Theater gespielt hat, mit dem bereits weltweit erfolgreichen Konzertabend „Arabesque“ im Wiener Volkstheater, bei dem zahlreiche der von Serge Gainsbourg komponierten Klassiker zu hören sein werden.
Falter: Die Viennale ehrt Sie mit einem „Tribute to Jane Birkin“, bei dem elf Ihrer Filme gezeigt werden, außerdem geben Sie ein Konzert ...
Jane Birkin: Ich gebe ein Konzert?
So hat man mir gesagt.
... (wendet sich an ihren Assistenten) Ich gebe ein Konzert in Wien? „Arabesque“?! Was für ein Glück, dass Sie mir das gesagt haben. Was für ein Glück, dass ich zu trinken und zu rauchen aufgehört habe!
Wo fühlen Sie sich den wohler? Vor der Kamera oder hinter dem Mikrofon?
Ich glaube, hinter dem Mikrofon.
Tatsächlich?
Ja. Solange ich die Noten hinkriege, spielt der Rest nicht wirklich eine Rolle. Kameras hingegen beobachten dein Gesicht ... ich habe mir jedenfalls noch nie meine Filme angesehen. Andererseits höre ich auch meine Platten nicht, also sollte ich für das Konzert besser die Texte wieder lernen – ich habe sie völlig vergessen.
Ähnliche Frage, anderes Thema: Fühlen Sie sich in Hosen oder in Kleidern wohler?
In Hosen.
Ich habe Sie auch immer für einen Hosentyp gehalten, aber nachdem ich mir die DVD von Ihrem „Arabesque“-Konzert angesehen habe, wo Sie am Schluss dieses rote Kleid tragen, kamen mir Zweifel.
Nein, nein, nein, nein. Das war eine Idee des Regisseurs, der es müde war, mich ständig in Hosen zu sehen, und meinte, es wäre nett, wenn ich bloß einmal am Ende ein schickes Kleid anhaben würde. Der Mann, der für die Kostüme verantwortlich war, lief also nach den Proben los und kam mit diesem roten Kleid zurück, in das ich mich reinzwängte – meine Kinder fanden, dass es etwas zu eng war.
Im Unterschied zum Großteil des Publikums, nehme ich mal an. Haben Sie eigentlich die Sachen, die Sie in Ihren Filmen anhaben, selbst ausgesucht? Es hat immer einen gewissen Pfiff, wie da die Jeans hochgerollt sind und mit Turnschuhen und Militärjacken kombiniert werden, oder wie der Kragen Ihrer Bluse aufgestellt ist ...
Ich wünschte, ich hätte mich mehr darum gekümmert. Jacques Rivette hatte eine sehr gute Kostümbildnerin, „Dust“ war wunderbar, weil ich ein schwarzes Kleid anhatte, so, als ob ich Tschechow spielen würde, und in den Filmen von Jacques Doillon habe ich ohnehin meist meine eigenen Sachen an – wie ich es überhaupt gehalten habe, wenn es irgendwie ging, weil ich weiß, dass ich in Männerkleidern besser aussehe. Ich mochte es, die Sachen von meinem Bruder zu tragen, mir die Krawatten meines Vaters um die Hüfte zu binden, Pullover auszuborgen ... Ich habe jahraus, jahrein dieselben Pullis getragen, sodass es ziemlich schwer ist, festzustellen, aus welchem Jahr die Fotos stammen.
Was verabscheuen Sie in der Mode am meisten?
Ich mag es nicht, wenn Männer am Strand sehr kleine Badesachen anhaben.
Und in der Frauenmode?
Da mag ich sogar die Sachen, die ich nicht anziehen kann.
Was soll das sein?
Meine Tochter Lou etwa ist unglaublich extravagant: Sie trägt Kleider über Hosen, dazu hochhackige Schuhe und einen schwarzen Hut ... Ich hingegen tendiere eher zu mausfarbenen Sachen, weil ich kein sehr starkes Gesicht habe, und wenn ich Orange tragen würde – wahrscheinlich die Farbe, die ich am wenigstens mag – sähe ich aus, als wäre ich krank.
Sie sind ja eigentlich auch nicht wegen Ihrer Kleider berühmt geworden, sondern deswegen, weil Sie sie ausgezogen haben.
Das stimmt.
Hat Ihnen das je Probleme gemacht?
Nein. Nein, nein. Ich bin so lange dafür verspottet worden, wie ein Bub auszusehen, dass es ein große Genugtuung war, auf jemanden zu treffen, der behauptete, sich vor Brüsten zu fürchten – auch wenn es nicht ganz wahr war. Ich war so froh, dass jemand Fotos von mir machte. Dass mich das Weihnachtscover von Lui nackt an eine Heizung gekettet zeigte, war meinem Vater peinlich. Das tut mir leid, zugleich ist es aber auch ziemlich komisch.
Fällt Ihnen ein wirklich eleganter Mann ein? Und ich spreche von der Ära nach Cary Grant.
Mein Vater. Auch meine Männer. John Barry war sehr elegant. Er trug dreiteilige Anzüge und verwendete einen goldenen Bleistift anstelle eines Stabs, wenn er die London Philharmonic Orchestra dirigierte. Die attraktivsten Männer sind Chirurgen; üblicherweise tragen die Mäntel, Masken, Hauben und Handschuhe – sehr attraktiv!
Ist das ihr Ernst?
Ja, ich liebe Ärzte – vor allem Chirurgen. Ein bisschen Äthergeruch – und ich bin weg. Männer haben großes Glück – am attraktivsten sind sie, wenn sie sechzig sind.
Sechzehn?
Sechzig.
Waren Sie immer schon dieser Ansicht?
Ja. Sehen Sie sich Seiji Ozawa an – das Inbild der Eleganz! Ich bin ihm einmal auf dem Flugplatz gefolgt. Er hatte keinen Koffer und nur die Noten in seiner Hand, möglicherweise Mahlers Neunte. Er ging an Bord, hat während des Flugs nur die Partitur studiert, und ich dachte: „Wow, was für ein außergewöhnlicher Mann!“ Seine Schönheit liegt in seinem Enthusiasmus, seinem Respekt für die großen Meister, seine Liebe für Leonard Bernstein, der vermutlich einer der attraktivsten Männer war, die die Natur je hervor gebracht hat.
Sie haben in der berühmten Szene von „Blow-up“ gespielt, in der David Hemmings sich mit zwei Modells balgt, die zusehends weniger an haben. „Blow-up“ galt als das filmische Abbild von „Swinging London“, von dem Sie ja angeblich ein Teil waren – woraus genau bestand „Swinging London“ eigentlich?
Daran erinnere ich mich überhaupt nicht mehr. Ich war mit John Barry verheiratet und praktisch gerade erst aus dem Internat entlassen worden. Ich war verrückt nach ihm und sehr verletzt, als er mich verlassen hat. Ich habe damals Leute wie Roman Polanski, David Bailey, Terence Stamp oder Michael Caine kennen gelernt. John Lennon war nett, extrem nett – aber ich war nicht ganz die frivole Person, für die er mich hielt, weil ich schon in jemand anderen verliebt war und heiraten wollte. All das freie Zeug war also nicht ganz meines, aber das machte nichts.
Als Sie dann nach Frankreich übersiedelt sind – gab es da irgendetwas, was Sie verstört hätte, einen kleinen kulturellen Schock vielleicht?
Überhaupt nicht. Alles machte Spaß, und ich musste mich nicht darum sorgen, was meine Familie sagen würde. Ich war frei! Nach all der Hoffnungslosigkeit einer Frau, der es nicht gelungen war, ihren Ehemann zu halten, war ich an diesen bezaubernden Ort gekommen: Die Franzosen liebten meinen Akzent, sie liebten den Umstand, dass ich keinen Busen hatte – sie liebten alles! Ich war adoptiert worden. Es war besser als Swinging London. Die Franzosen können nicht in der Schlange stehen, sie brechen alle Regel ... Ich glaube, es war Herbert von Karajan, der meinte: Die Franzosen sind großartige Künstler, aber als Orchester sind sie ein Desaster. Genau darin bestand aber auch der Charme – man entkam der Strenge des perfekten englischen Orchesters!
Sind die Engländer wirklich so schlimm?
Nein. Heute komme ich sehr gerne nach England und denke, dass ich extrem ungerecht war. Die gewöhnlichen englischen Leute sind sehr nett: Sie stehen im Bus auf, erkundigen sich, ob man okay ist, wenn man hingefallen ist. Menschen, die man nicht kennt, sagen: „Was für ein schöner Tag, Liebes“ – sehr nett! Und wenn es um Recht und Gesetz geht, bin ich sicher lieber in England. Polizisten, das waren Männer, die keine Waffen trugen und einem halfen, wenn man sich verlaufen hatte. Es gibt also eine sehr vernünftige Seite Englands – und das finde ich auch sehr tröstlich.
Abgesehen vom Filmemachen waren Sie in den späten Sechzigerjahren und danach einfach damit beschäftigt, cool zu sein. Und sagen Sie mir bloß nicht, Sie haben das nicht gewusst!
Ich habe es nicht gewusst!
Sie müssen es doch gemerkt haben. Aber vielleicht besteht das Geheimnis, cool zu sein, ja darin, sich nicht allzu sehr darum zu bemühen.
Möglich, ja. Ich weiß sehr genau, dass ich nicht gut darin bin, mich als jemand anderer zu verkleiden. Ich hatte einfach eine wunderbare Zeit, auch wenn ich das heute alles nicht mehr brauche. Ich gehe in keine Nightclubs mehr, ich kehre nicht einmal in die gleichen Städte zurück. Es ist das erste Mal, dass ich nach Wien komme, seitdem Serge tot ist. Wir pflegten jedes Jahr im Hotel Sacher abzusteigen. Mein Cousin, Carol Reed, hatte ja den „Dritten Mann“ gedreht, und dessen Frau war in einem Nachtclub auf Anton Karas gestoßen.
Ich habe mir einige Filme von Ihnen angesehen, die bei der Viennale laufen, unter anderem auch „Je t’aime moi non plus“ oder „La Pirate“; und ich muss zugeben, dass ich die mehr als nur ein bisschen anstrengend fand. Sie hätten doch etwas weniger ausbeuterisch mit Ihnen umgehen können, finden Sie nicht?
Nein, ich liebe „Je t’aime“, und „La Pirate“ wurde furchtbar aufgenommen, aber es war sehr aufregend, dass die Leute für oder gegen uns waren. Frauen flüsterten mir in den Parks zu: „Danke für ,La Pirate‘!“
Was ist denn der Unterschied, ob man mit einem Regisseur oder einer Regisseurin arbeitet?
Für manche Filme, etwa „Dust“, ist es einfach essenziell, dass eine Frau Regie führte. Marion Hänsel war sehr dahinter, dass man zu keinen billigen Tricks greift und einfach nur versucht, sexy auszusehen. Agnès Varda ist ein Soldat – nur eine Frau, die einer anderen Frau mit Entschiedenheit folgt, kann so viel von einem zutage fördern. Ich glaube, nicht, dass es nur das Gute war, aber einiges in „Jane B. par Agnès V.“ ist besser als das Meiste – und dafür bin ich ihr ewig dankbar. Agnès ist unglaublich neugierig. Kaum denkt man daran, in eine Bar zu gehen, zerrt sie einen schon ins nächste Museum. Man kommt müde, aber zufrieden zurück. Meine Mutter war auch so – das finde ich typisch weiblich.
Und die Männer?
Ich denke, Jacques Doillon hatte ein ähnliches Auge für Frauen wie Ingmar Bergman. Kaum jemand hat aus Schauspielerinnen mehr heraus geholt als Bergman.
Was ist Ihr liebster Bergman-Film?
Wahrscheinlich „Das Schweigen“. Als ich ihn das erste Mal sah, war das unglaublich peinlich, weil links und rechts von mir meine Eltern saßen. Ingrid Thulin liegt da im Pyjama auf dem Bett, und ich dachte, ich würde sterben!
Apropos peinlich – geht es Ihnen nicht schon auf die Nerven, ständig mit „Je t’aime ...“ assoziiert zu werden?
Eine Zeit lang war das so. Jeder Journalist, jedes TV-Programm begann mit „dadadadadaaa“, dein neuer Freund war irgendwie geschockt und schämte sich ... Heute bin ich sehr zufrieden. „Je t’aime“ hat mir die seltsame Freiheit beschert, überall auf der Welt zu machen, was ich will.
Dann hätte ich noch zwei letzte Fragen zum Thema Popmythologie. Es gibt da dieses Gerücht, eine ganze Generation wäre zu dem Song gezeugt worden.
Es stimmt auch!
Finden Sie nicht, dass das Konzept der Geschlechtsverkehrmusik stark überschätzt wird? Ich meine, wenn ich eine Frau wäre, dann würde ich nicht wollen, dass mein Liebhaber Ihr Gestöhne anhört – der soll sich, verdammt noch mal, mit mir beschäftigen.
So habe ich das noch nie gesehen. Ich weiß nur, dass ich einmal ein Taxi in London nahm und genug davon hatte, zu verleugnen, wer ich bin. Wenn ich gefragt wurde, was ich mache, sagte ich: „Ich habe mit Songs zu tun.“ – „Ah, sind Sie Techniker?“ – „Ja, ich mach den Sound.“ Dieses eine Mal aber antwortete ich: „Vor langer Zeit habe ich mal eine Platte mit einem Typen namens Serge Gainsbourg gemacht, sie hieß ,Je t’aime‘“ – worauf der Taxifahrer auf die Bremse sprang und schrie: „Fuckin’ ,Je t’aime‘?! Dazu hab ich fuckin’ fünf Kinder gezeugt!“ Er fuhr mich nach Hause zu ihm, damit ich ihm die Platte signieren konnte. Ich dachte: Gosh, dreißig Jahre danach, und sie wissen noch immer, was sie gemacht haben, als sie zum ersten Mal „Je t’aime“ gehört haben. So was passiert einem wohl nur einmal im Leben, auch wenn „Je t’aime“ wohl nicht besser ist als „Melody Nelson“ oder „The Man with the Cabbage Head“. Serge hat eine Aufnahme der „Marseillaise“ eingespielt, die für ziemlichen Stunk bei der Rechten gesorgt hat, weil es ein Reggae war. Er ging nach Jamaika, um es aufzunehmen. Serge fragte die Musiker dort: Was haltet ihr von französischer Musik? Sie lachten, zogen sich noch ein Bier rein und meinten: „Nichts.“ Bis Robbie Shakespeare meinte: „Diese eine Nummer, wo der Typ die Puppe vögelt und sie diese Geräusche macht – die ist okay.“ Worauf Serge rief: „Ich, ich, ich hab die gemacht!“ Die konnten es nicht glauben. Von da an hatte Serge ihren vollen und ganzen Respekt.
Die letzte Frage haben Sie vermutlich schon hundert Mal gehört, aber es muss sein. Ich habe gewettet, dass ich mich das fragen traue: Haben Sie und Gainsbourg es wirklich miteinander getrieben, als sie den Song aufgenommen haben?
Schon 1968 hatte Serge darauf eine sehr gute Antwort: „Ich wünschte, es wäre keine 45er, sondern eine LP.“
Das ist in der Tat eine gute Antwort.
Ja, besser geht’s nicht.
Elf ausgewählte Filme mit Jane Birkin laufen ab 15.10. im Rahmen der Viennale.
Am 17.10., 20.30 Uhr, gibt Jane Birkin ein Konzert im Volkstheater. Karten: Tel. 960 96 oder
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nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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