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Im Pass steht Entertainer

Martin Forster alias Sugar B ist der gute Geist der Wiener Clubszene und einer der echt legendären Typen dieser Stadt. Er ist MC, DJ, Posterboy und Missionar der guten Vibes, Großmaul und Menschenfreund, Radiomacher und Hausherr des Dub Club, der dieser Tage sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Ein Gespräch.

 
Falter 43/2005 vom 26.10.2005
Ressort Stadtleben > Szene Wien
Autor Gerhard Stöger


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„Swound is the Word for Today.
Say: ‚I do it the Swound Way!’
Then you start to dance and excite the City.
Swound Vibes, no Pity!
(The Moreaus: „Coolbeat“, 1990)

Sugar B empfängt den Falter im Schutzhaus Rosental am Wilhelminenberg, nur zwei Steinwürfe vom Schrebergartenhäuschen entfernt, das er mit seiner Frau und dem knapp einjährigen Sohn bewohnt. Dass sein Domizil sich formal in Penzing befindet, kann den gebürtigen Ottakringer nicht erschüttern: „Als Kaiser von Ottakring wird das einfach von mir annektiert“, meint der 39-Jährige mit dem markanten Gesichtshaar. „Das hat schon als Bub zu meinem Rodelgebiet gehört, da wurde die Grenze um die Jahrhundertwende einfach falsch gezogen.“
Seit knapp zwei Dekaden ist der einst durch enorme Leibesfülle auffällig gewordene Sugar B eine der charismatischsten Erscheinungen der Wiener Musikwelt. Er bildete mit Peter Kruder, Rodney Hunter und DJ DSL die Moreaus, die zur wichtigsten Keimzelle der Wiener Elektronikszene werden sollten, gab das freundlich-großmäulige Aushängeschild für das Projekt Edelweiss und zog mit DJ DSL als Silly Solid Swound System durch die Lande. Er produziert in unterschiedlichen Konstellationen Musik und verfolgt Initiativen wie die „Glaubensgemeinschaft für das Gute im Menschen“. Vor allem aber ist Sugar B DJ und MC, wobei er die Bedeutung des Begriffs „Master of Ceremony“ auf unvergleichliche Art wörtlich nimmt und als Zeremonienmeister der guten Vibes fungiert. Und zwar sowohl bei dem seit zehn Jahren gemeinsam mit Sweet Susie und Gümix betriebenen Dub Club im Flex als auch bei der im Duo mit DJ Makossa produzierten Radioshow „Swound Sound System“, die allsamstäglich auf FM4 zu hören ist.

Falter: Was assoziieren Sie heute mit dem Reim "Fiki Faki Hühner Gacki" von der allerersten Moreaus-Single?

Sugar B: Guuuteeee Lllaune! Ich denke dabei an Funny Metal Country Disco Speed. Diese Zusammenführung kam ja nicht von ungefähr, denn wir wollten mit den Moreaus alles umsetzen, was uns nur irgendwie in den Kopf kam. In meinem Leben habe ich schon so viel Blödsinn gesagt, ich geniere mich für nichts.

Woher kam dieser überbordende Mut zum Aktionismus zu Beginn Ihrer Karriere?

Wir wollten etwas machen, das auffällt, interessant ist und die Leute aufweckt. Für mich selbst war das natürlich auch eine Form der Kompensation, denn wenn man sich mit 160 Kilo bewusst noch weiter nach vorne schiebt, wird das dadurch auch wieder relativiert. Es gab damals Selbstgeißelungen mit Rosensträuchern, wir bastelten Geruchs- und Geschmacksplakate mit aufgeklebten Keksen und hatten Bands wie Vorwärts Traktor Schopron, wo die Bundeshymne gespielt und dazu auf die Bühne gekotzt wurde. Das waren halt die Achtziger, da war alles möglich.

War das Wien der Achtziger denn ein anderer Planet?

In der Musik war's letztlich eh immer schön. In den Neunzigern wollte dann jeder DJ sein, während es jetzt einen allgemeinen Zugriff aufs Produktionsequipment gibt. Die Achtzigerjahre selbst haben vielleicht manche Sachen ermöglicht, aber gerade das Aufnahmeverfahren war durch die hohen Kosten früher ein enormer Stolperstein. Für uns Musikanten war es ein harter Kampf, überhaupt in ein Studio reinzukommen. Wobei ich selbst gar kein Musikant bin, denn ich kann nicht wiederholen, sondern nur aus dem Bauch heraus agieren. Ich habe zwar gewisse Sätze im Kopf, die ich wie eine lebende Samplemaschine immer wieder einsetze; prinzipiell bin ich aber der spontane Typ, der einmal eine funktionierende Stimmung erzeugen kann, während es beim nächsten Mal eine andere Stimmung werden muss, die funktioniert.

Sie bereiten sich auf Auftritte nicht vor, sondern es geht in dem Moment los, in dem das Mikrofon eingeschaltet ist?

Genau. Bewegung hilft mir dabei ungemein, denn so werden körpereigene Stoffe ausgeschüttet, die mich glücklich machen. Und wenn ich glücklich bin, ist es leicht, ehrlich etwas Positives rüberzubringen. Manchmal werde ich gefragt, wie ich mit fast vierzig noch immer so herumhüpfen kann. Tatsächlich wäre ich aber ohne das Herumhüpfen gar nicht mehr da! Musik ist ein herrliches Medium, um sich selbst zu balsamieren, sich zu heilen, Freude zu empfinden. Und zwar nicht nur beim Machen, sondern auch beim Hören. Wobei ich mich nie auf eine bestimmte Stilrichtung festlegen wollte, denn jede Stimmung hat einen eigenen passenden Sound. Es wäre ja auch langweilig, jeden Tag Kuchen zu essen.

Wann haben Sie denn herausgefunden, dass die Bühne Ihr Zuhause und das Performen Ihr Auftrag ist?

Ich glaube, das war als Zweijähriger beim Fleischhauer am Brunnenmarkt. Weil ich so ein freundliches Kind war, hat er mir ein Radl Wurst geschenkt. Darauf habe ich gefragt, ob ich für meinen älteren Bruder auch eines haben kann, und so gemerkt, wozu es führt, wenn man offen auf die Leute zugeht. Als Kind habe ich das zwar nicht wirklich ausgenutzt, aber durchaus damit gespielt, und im Prinzip ist es bis heute so weitergangen. Ich bin ja kein MC im herkömmlichen Sinn, der seine Texte herunterradelt, sondern eher ein Mittler und ein Bindeglied zwischen DJ und Publikum. In meinem Pass steht auch ganz bewusst Entertainer.

Im Dub Club entertainen Sie inzwischen seit zehn Jahren. Warum funktioniert dieser Club immer noch?

Es ist das Ergebnis einer langen, permanenten Arbeit, die im Wien der Achtziger beginnt, als wir mehr oder weniger noch hinterm Eisernen Vorhang gespielt haben. Man muss sich sein Publikum aber auch stets aufs Neue züchten, da es ja im wahrsten Sinne des Wortes regelmäßig von der Tanzfläche verschwindet. Die Leute kriegen Kinder, machen ihren Beruf, aus Überzeugung oder als Überlebenskampf, und können am Abend nicht mehr so weggehen.

Ständig wieder frisch anzusetzen ist das Erfolgsrezept des Dub Club?

In gewissem Sinne ist der Dub Club eine göttliche Fügung. Da kommen drei Leute zusammen, die eigentlich einen überrelaxten Habitus haben und in einem wirtschaftlichen Unternehmen absolut null Chancen hätten. Durch diese Fügung - nennen wir es "Swound" - gibt es aber den Sieg der Leiwandheit, wie DJ DSL das einmal genannt hat. Kommerziell haben wir zwar nie etwas gerissen, weil wir es etwa nicht auf die Reihe bekommen, regelmäßig CD-Sampler zu veröffentlichen. Die Leute merken aber einfach, dass da irgendwas anders ist in diesem Raum.

Den Begriff "Swound" verwenden Sie seit 1986 als Synonym für "maximaler positiver Output". Woher stammt das Wort?

Das war auch so eine Fügung. In jungen Jahren haben wir nach amerikanischem Vorbild elendslange Grußzeremonien kultiviert, und ein Freund der Familie hat da ganz enthusiastisch mitgemacht, obwohl er schon um einiges älter war. In der Mitte des Zeremoniells fiel das Wort "Save", am Schluss stand "Around". Von wegen: In dieser Runde fühlt man sich sicher. Unser Freund hört "Save" und sagt "Save"; beim zweiten Wort der Zeremonie hat er dann aber wieder mit "S" angesetzt, und so kam "Swound" raus. Seitdem verfolge ich mit dem Verein zur Förderung der Publikmachung des Wortes "Swound" das Ziel, im Jahr 2020 im Duden zu erscheinen. Ich versuche auch, es bei all meinen Aktionen unterzubringen. "Swound" ist einfach ein herrliches Wort, das man kaum negativ aussprechen kann.

Ihr einstiger Moreaus-Bandkollege Rodney Hunter hat Sie einmal als "Chefmotivator" bezeichnet. Was motiviert Sie selbst?

Ich liebe die Missionarsstellung, und das nicht nur im Bett. Ich möchte den Leuten immer hundert Prozent geben, und wenn letztlich auch nur mit einem einzigen Maxel im Publikum über Augenkontakt eine Interaktion entsteht, dann bringt das schon was. Das ist der Balsam, ohne den es für mich nicht geht. Heute wird Balsam ja vor allem mit Geld gegeben, wer super ist, bekommt mehr Geld. Das ist aber zu wenig, das funktioniert nicht, das ist nicht leiwand.

Wie leiwand waren Ihre Erfahrungen mit dem Projekt Edelweiss, wo Sie unter anderem im Video zum Welthit "Bring me Edelweiss" aufgetreten sind?

Mit Edelweiss ging es darum auszuprobieren, wie das ist, wenn einmal wirklich Geld vorhanden ist. Edelweiss war ein rein kommerzielles Projekt, dass tatsächlich auf diesem KLF-Handbuch ("Der schnelle Weg zum Nr. 1 Hit", Anm. d. Red.) aufbaute, und das war eben auch ein ganz wichtiger und interessanter Lernschritt, den ich nicht missen möchte. Eine Zeit lang habe ich einen Button getragen, auf dem stand: "I am a Model." Das war auch durchaus ernst gemeint, denn ich war da halt das plakative, dicke Aushängeschild. Vor kurzem erst hat der brasilianische Drum-'n'-Bass-DJ Marky bei uns im Dub Club zu mir gesagt: "Hey, you're the guy of Edelweiss!" Das ist einfach so, und da bin ich auch froh darüber.

Mit welcher Erwartungshaltung haben Sie einst überhaupt mit der Musik angefangen?

Die Moreaus wollten Popstars werden. Für uns war es ganz klar: Wir wollen Breite erreichen und mit Flugzeugen mit goldenen Klos fliegen. In einem gewissen Sinn hat sich das ja auch erfüllt. Auf Amerika- und Australientour mit Kruder und Dorfmeister bin ich in Tophotels abgestiegen, und wir wurden mit Stretchlimousinen chauffiert. Gleichzeitig lebe ich im aber Schrebergarten und bin keinesfalls reich.

Waren die Touren mit Kruder und Dorfmeister Ihr Karrierehöhepunkt?

Das war schön, reiht sich letztlich aber ebenso in ein Ganzes ein wie der kleinste Gig vor zwanzig Jahren, als wir in unglaublichen Outfits auf die Bühne gingen und dem entgegenfieberten, was da jetzt passiert. Jedes Ding hat seine Wichtigkeit. Derzeit würde ich lieber wieder ganz woanders ansetzen und an meinem kleinen Individualbereich arbeiten. Ich träume von einem Platz für meine Familie und meine ganze Sammlung. Ich habe über die Jahre Tonnen an Schrott angehäuft, weil ich mich von nichts trennen kann. Von meinem ersten Soundsystem über C64-Spiele, vom Gummischwein bis zur Biedermeierkommode - alles, was mir irgendwann irgendwie untergekommen ist, habe ich an mich gekrallt und kann es nicht mehr weghauen.

Ihr Schrebergarten ist wohl ungewöhnlich groß?

Nein, eben nicht! Ich habe einmal in einem ehemaligen Samenlager gewohnt, das dann vom Wohnplatz zum Lager wurde. Einem Tiroler Bergtal genau genommen, weil nur ein kleiner, geschlungener Weg irgendwie durchführt, während es links und rechts im Chaos hochgeht. Durch Muren- und Lawinenabgänge ist auch der schmale Weg teilweise verschüttet. Aber ich träume eben von einem Platz, wo ich genug Aktionsradius habe, um das Ganze wieder zu exponieren und das optisch-akustische Museum, Sugar Bs Panoptikum, zu errichten, einen Spielplatz für Erwachsene und Kinder gleichermaßen.

Apropos Spielen: Stimmt es, dass ihre Urgroßmutter die "Katz im Sack" erfunden hat?

Die Leopoldine Havlicek, ja. Für mich ist das eine mystische Person; die ist 1900 geboren und 97 Jahre alt geworden. Sie hat mir in gewissem Sinn auch diese Liebe zu Wien gegeben. Die Poldi war ein "Ziegelbehm" und hatte am Laaer Berg im zehnten Bezirk ein Standl, wo sie Schnitten und Salzgurken verkauft hat, unter anderem aber auch besagtes "Katz im Sack". Also Spielzeug, das sie als Konkursware aufgekauft und in Zeitungspapier verpackt hatte. Im nächsten Jahr gab es das dann auch bei den anderen Standlern. Eine Tante von mir ist noch heute im Böhmischen Prater beheimatet, sie hat dort die "Raupe", die immer wieder zitiert wird.

Das Unterhaltungsgeschäft ist Ihrer Familie also nicht fremd?

Ich komme aus einer Familie der Hutschenschleuderer und der Pflasterer. Mein Vater hat keramische Bodenbeläge verkauft; mein Großvater kommt aus dem Pflastermetier. Und während bei meiner Urgroßmutter und meiner Großmutter das Matriarchat geherrscht hat, war in der Familie der Pflasterer Patriarchat angesagt. Ein culture clash also!

Sie werden nächstes Jahr vierzig, stehen jetzt bereits Ihr halbes Leben auf der Bühne. Wie lange sehen Sie sich noch mit dem Mikro in der Hand im Club?

Ich habe mir eigentlich immer bewusst so eine Kasperlposition beibehalten und kann dadurch machen, was ich will. Ich möchte schon bis zu meinem Lebensende die Chance haben, irgendwo hinzugehen, das Mikrofon zu nehmen und den Mittler zu spielen. Genauso möchte ich aber das Recht haben, einmal nichts zu sagen und vielleicht etwas ganz etwas anderes zu machen - ich habe auch nichts dagegen, wenn mein nächstes Projekt die Dub-Jausenstation ist. 2006 ist das Wort "Swound" zwanzig Jahre alt; verbunden damit feiere ich quasi mein zwanzigjähriges Berufsjubiläum. Was im öffentlichen Raum passiert, habe ich also lange genug geübt, das geht mir leicht von der Hand. Im kleinsten, privaten Rahmen ist das dagegen viel schwieriger. Ich hatte zwar ein ganzes Leben Zeit, habe es aber nicht geübt, ein Kind zu haben. Durch meinen Sohn merke ich aber, was für eine fantastische Herausforderung das ist. Er verändert mein Leben total, und das ist es auch, was ich immer wollte: Sachen machen, die mein Leben beeinflussen.

Eine letzte Frage noch: Wie klänge denn ein Sugar-B-Reim, in dem das Wort "Falter" vorkommt?

Geil, Alter: ein Falter!


„10 Jahre Dub Club“ und Präsentation der CD „Dub Club – Picked from the Floor“ (G-Stone/Soul Seduction) am 31.10. ab 23 Uhr im Flex.
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Launige Reden, skurrile Inszenierungen, platte Parolen: Wahlkämpfe enthüllen, wie Politik funktioniert. Falter-Mitarbeiter Herwig Höller ist mit seiner Kamera dabei.

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