Allah und er
![]() |
| |||||||
diesen Falter bestellen | ||||||||
Für den Koran ist er Feuer und Flamme. Amir Zaidan sitzt breitbeinig auf seinem Stuhl und spricht von der Verantwortung gegenüber seinem Schöpfer. Das ist Allah. Wenn er redet, benutzt er beide Hände. Während einer Stunde angeregten Gesprächs stößt Zaidan zweimal beim Gestikulieren sein Teeglas um. Der eloquente Syrer scheint es gewohnt zu sein, Monologe zu führen, und weniger gewohnt, dabei unterbrochen zu werden. Häufig leitet er seine rhetorischen Fragen mit einem knappen „Frage“ ein, um sie ausgiebig zu beantworten. „Frage: Was ist ein Islamist? Einer, der den Islam praktizieren will? Dann bin ich einer. Oder ist es jemand, der andere Menschen verachtet und eine einseitige Sicht hat? Dann sage ich, meine Arbeit zeugt vom Gegenteil.“
Amir Zaidan sei ein „Islamist und Muslimbruder“, meinte beispielsweise die deutsche CDU 2003 in einer Bundestagsanfrage. Er sei einer unter vielen „islamistischen Wölfen im Schafspelz“, der noch dazu eine „fundamentalistische Sichtweise“ lehre, schreibt der langjährige Außenpolitikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Udo Ulfkotte in seinem 2003 erschienenen Buch „Der Krieg in unseren Städten“. „Höflich gesagt ist Zaidan ein ultraorthodoxer Muslim“, meint Herbert Müller, Leiter der Kompetenzgruppe Islamismus beim Verfassungsschutz in Baden-Württemberg. Und die deutsche Islamwissenschaftlerin Claudia Dantschke sagt: „Zaidan hat in Hessen faktisch versucht, für die Mitglieder seiner Organisation eine Art parallele Rechtsordnung durchzusetzen.“ In Deutschland ist Amir Zaidan, gelinde gesagt, umstritten. In Österreich ist er nun für die Fortbildung der islamischen Religionslehrer verantwortlich.
Darüber hinaus tritt er als interreligiöse Integrationsfigur in Erscheinung, stets auf der Suche nach dem Dialog. Für Medien und Politik ist der Syrer begehrter Repräsentant der muslimischen Community. Unlängst stieg Zaidan auf der europäischen Imame-Konferenz in Wien kurz nach EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner aufs Podium und referierte über seine Vorstellung eines „Islams europäischer Prägung“. Auf Ö1 spricht er gelegentlich die „Gedanken zum Tag“, und auch bei Podiumsveranstaltungen ist Zaidan willkommener Gast, um über den „Dialog zwischen Christentum und Islam“ oder den „Islam in einer pluralistischen Gesellschaft“ zu diskutieren.
Wir ziehen die Schuhe aus“, empfängt Zaidan Gäste in seinem kleinen Büro in der Wiener Neustiftgasse. Er selbst trägt Schlapfen. Hunderte Bücher, viele davon mit goldenen Verzierungen, sind in Regalen geschlichtet, die sich unter der Last biegen. Die gegen ihn vorgebrachte Kritik will der stämmige Mann mit dem ergrauten Bart nicht gelten lassen. „Um Aussagen von gewissen Leuten kümmere ich mich mittlerweile gar nicht mehr. Wer mich als den Bösen hinstellen will, der soll das eben tun.“
Seit der Gründung des Islamischen Religionspädagogischen Instituts (IRPI) im Jahr 2003 ist Zaidan dessen Leiter. Das IRPI ist in Österreich für die Fortbildung der rund 300 islamischen Religionslehrer zuständig, die jährlich zu mindestens 24 Stunden Schulung verpflichtet sind. Zaidans Institut wird vom Bund finanziert, er selbst gibt das jährliche Budget mit 20.000 Euro an. Ausgebildet werden die Religionslehrer seit 1997 an der Religionspädagogischen Akademie (IRPA), wo Zaidan auch unterrichtet. Davor gab es keine institutionalisierte Ausbildung. Die Organisation des Unterrichts obliegt der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Der Staat beschränkt sich darauf, die Gehälter der Lehrer zu bezahlen und den Lehrplan abzusegnen. Zaidan kommt eine wichtige Rolle zu. Sein Hauptanliegen ist es, den Religionslehrern Pädagogik und Fachdidaktitk zu vermitteln. Die Lehrer sollen lernen, wie sie die fachlichen Inhalte am besten für die Schule aufbereiten und weitergeben. „Die Lehrer brauchen das“, sagt Zaidan, „vor allem jene, die nicht an der Akademie ausgebildet wurden“.
Der 1964 bei Damaskus geborene Zaidan hat zunächst in Syrien Medizin studiert und ab den Achtzigerjahren in Deutschland erst Mathematik und Kunststofftechnik und schließlich Islamologie und arabische Sprachen. In Deutschland baute er außerdem ein Islamologisches Institut auf, das bundesweit vier Ableger hat und dem er nach wie vor als akademischer Leiter vorsteht. 1997 begründete er zudem die Islamische Religionsgemeinde Hessen (IRH) mit, deren Vorsitzender er drei Jahre lang war.
Ihre verfassungsfeindlichen Ziele werden von der IRH verschleiert“, heißt es im aktuellen Hessischen Verfassungsschutzbericht. Außerdem richte sich die IRH „massiv gegen Freiheits- und Grundrechte von Frauen“. Dieser Vorwurf hat einen speziellen Grund: Die von den deutschen Medien sogenannte Kamel-Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, das im Jahr 1998 erstellt worden ist und die Unterschrift Zaidans trägt. Sie besagt, dass eine mehrtägige Reise für muslimische Frauen ohne die Begleitung eines männlichen Verwandten nicht erlaubt ist. Denn: Frauen dürfen sich laut Fatwa nicht weiter als 81 Kilometer von der elterlichen oder ehelichen Wohnung entfernen. „Dies entspricht der Strecke, die eine Kamelkarawane von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zurücklegen kann“, stellt der Verfassungsschutz im Bericht fest.
Im Gespräch sagt Zaidan zwar den Satz: „Dass eine Frau nicht alleine reisen darf, ist Glaube aller islamischen Schulen.“ Gleichzeitig relativiert er: „Es geht um die Sicherheit der Frau. Sie darf reisen, wenn ihre Sicherheit gewährleistet ist.“ Das steht allerdings nicht in der Fatwa, in der nur auf das Verbot von Klassenfahrten für muslimische Schülerinnen hingewiesen wird. Zaidan argumentiert, sie sei nur für einen konkreten Fall erstellt worden und nicht allgemein gültig. Doch auch das ist aus dem Dokument nicht zu ersehen. „Außerdem haben wir das Dokument nie veröffentlicht“, wie das bei allgemein gültigen Fatwas der Fall gewesen wäre. „In der muslimischen Szene ist das Dokument kursiert. Ich habe es von muslimischen Eltern bekommen“, sagt der deutsche Journalist Ahmet Senyurt, der die Fatwa im Jahr 2000 in der Berliner taz bekannt gemacht hat.
Das fragwürdige Rechtsgutachten ist nicht das Einzige, woran sich der deutsche Verfassungsschutz stößt. Das einst von Zaidan herausgegebene Freitagsblatt ist laut Hessischem Verfassungsschutz eingestellt worden, „da dort immer wieder Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen zu finden waren“. Ein Antrag der IRH auf die Organisation des Religionsunterrichts in Hessen wurde 2001 aus ähnlichen Gründen abgelehnt. Es gebe „Anhaltspunkte für personelle Verbindungen zu fundamentalistisch-extremistischen Organisationen“, hieß es. Zaidan selbst hält den Hessischen Verfassungsschutz für „ein Instrument der Politik“, besonders der CDU unter Roland Koch, die Muslime nicht anerkennen wolle. „In Hessen sind wir Menschen zweiter Klasse. Das ist keine Integration, sondern Bevormundung.“
In Deutschland wurde dem Syrer nach der öffentlichen Aufmerksamkeit rund um die Kamel-Fatwa und das Freitagsblatt die Luft zu dünn. Die Presse war auf ihn aufmerksam geworden, er stand „als Vorsitzender einer extremistischen Organisation unter genauer Beobachtung“, wie ein Sprecher des Hessischen Verfassungsschutzes sagt. Zaidan selbst meint: „Meine Arbeit machte in Deutschland keinen Sinn mehr. In Österreich können wir wunderbare Arbeit machen – Pionierarbeit in Europa.“ Zaidan sitzt oft schon um sechs Uhr morgens in seinem Büro, wenn es ganz still ist und nur der Computer surrt. Dann denkt er über Inhalte für die Fortbildungen oder mögliche Gastvortragende nach.
Auf Einladung der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich kam er im Jahr 2002 nach Wien. Und zwar nicht alleine. Seine engste Mitarbeiterin, mit der er zusammen das Freitagsblatt produziert hatte, kam mit ihm und arbeitet heute als seine Sekretärin. „Herr Zaidan ist ein anerkannter Wissenschaftler, ein gemäßigter Muslim“, sagt Anas Schakfeh, Präsident der IGGiÖ. Von der Kamel-Fatwa will Schakfeh noch nie etwas gehört haben. Mit deren Inhalt konfrontiert, sagt er: „In den Neunzigerjahren hat Zaidan nicht seine eigene Meinung vertreten, sondern Schriften übertragen. Jeder Mensch hat das Recht, eine Entwicklung zu machen.“
Vergangenen Juni veranstaltete die österreichische Botschaft in Berlin eine Diskussion zu „Islam in Europa“. Aus Österreich hatte man Amir Zaidan geladen. „Wir wären fast vom Sessel gefallen, als wir die Einladung bekommen haben“, sagt die Islamwissenschaftlerin Dantschke, die Zaidan in Deutschland scharf kritisiert hat. „Da haben wir versucht, der Öffentlichkeit zu zeigen, wer Zaidan wirklich ist, bis er nach Österreich geht. Und dann kommt er wieder und wird uns als seriöser Mensch präsentiert.“
Einbindung statt Ausgrenzung lautet hierzulande eben die Formel. Wird im deutschen Fernsehen ausgiebig und mitunter sogar abendlich über Integration debattiert, brauchen derlei Diskussionen hierzulande offenbar Anlässe wie den Karikaturenstreit oder islamophobe FPÖ-Kampagnen. Die muslimische Lehrerin Iyman Alzayed löste in Deutschland eine monatelange Diskussion aus, weil sie mit ihrem Kopftuch unterrichten und dieses Recht vor Gericht einklagen wollte. Nachdem sie ihre Klage zurückgezogen hatte, ging auch sie nach Wien und unterrichtet heute an der IRPA. Für Rüdiger Lohlker, Islamwissenschaftler an der Uni Wien, ist der österreichische Umgang mit der muslimischen Gemeinde ein „Erfolgsmodell“. Neben dem regen Engagement der Muslime betont Lohlker den „Mut der Politik. Man lässt sich auf das Risiko ein, mit den verschiedensten Vereinen und Personen in Kontakt zu treten.“ In Deutschland herrsche für Muslime hingegen ein ständiger Druck, sich in der Öffentlichkeit rechtfertigen und etablieren zu müssen, sagt Lohlker, „während man sich in Österreich frei bewegen kann“.
Islamwissenschaftlerin Dantschke kritisiert Österreich genau dafür. „Bisweilen werden Islamisten als Vertreter der Muslime vorgeführt und salonfähig gemacht. Damit tut man den Tausenden Muslimen, die sich nicht für Islamismus interessieren, nichts Gutes.“ Das Wort Islamismus weckt spätestens seit dem 11. September 2001 ungute Assoziationen, hat aber per definitionem nichts mit Terrorismus zu tun. Es ist die politische Komponente, die den Islam vom Islamismus unterscheidet. Islamisten streben – ob gewalttätig oder friedlich – einen islamischen Staat an. Und nicht nur der Journalist Ulfkotte bezeichnet Amir Zaidan als „islamistisch“. Die Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann nannte ihn auf einem Symposium des Verfassungsschutzes Thüringen einen „syrischen Muslimbruder“ – ein Vorwurf, der noch schwerer wiegt. Die Muslimbruderschaft gilt als weltweit einflussreichste islamistische Bewegung. Zaidan wird bei diesem Vorwurf emotional: „Das stimmt überhaupt nicht. Eine Lüge!“
Auch seine veröffentlichten Werke erregen seit Jahren harsche Kritik. Kommt man auf eines seiner Bücher zu sprechen, holt er wie zum Gegenbeweis gleich ein paar Exemplare aus dem Regal. In „Al-’Aqida“ definiert er jede Religion, „die man nicht unter der Definition ,Islam in Bezug auf Allah‘ und ,Islam im islamischen Kontext’ einordnen kann“, als „Kufr“. Das nannte die deutsche Verfassungsschutzexpertin Rita Breuer im Oktober 2005 „bedenklich“. Denn: „Kufr bedeutet ewige Verdammnis im Jenseits, kann aber auch das Lebensrecht der betreffenden Personen im Diesseits infrage stellen.“ Auch die deutsche Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann hält solche Passagen für „eindeutig antijüdisch und antichristlich“. Zaidan sagt, Worte wie Kufr seien eben Begriffe des Korans und müssten nicht zwangsläufig negativ besetzt sein. „Manche Leute interpretieren meine Schriften absichtlich so, wie sie wollen.“ Er könne nur darüber staunen, dass ihn „diese Menschen einfach nicht verstehen wollen.“ Es bleibt eine Glaubensfrage. Was kann man Amir Zaidan glauben? Und was den Verfassungsschutzberichten Deutschlands? Wer sich nicht eingehend mit dem Koran beschäftigt hat, kann dieser Diskussion nur staunend folgen und sich für eine der beiden Seiten entscheiden. In Deutschland werden diese Fragen immerhin öffentlich gestellt und diskutiert, was die einen „Debatte“ und die anderen „Druck und Bevormundung“ nennen. In Österreich redet man weniger über und mehr mit den Muslimen und jenen, die anderswo für Islamisten gehalten werden. Das ist für die einen dann ein „Dialog“ und für die anderen „gefährlich“.
Der Frankfurter Kulturanthropologe Werner Schiffauer warnt vor einer anderen Gefahr: „Wenn wir alles, was von unserer Vorstellung von moderaten, europäischen Muslimen abweicht, kritisch beäugen, tun wir uns selbst und den Muslimen nichts Gutes.“ Man gebe Muslimen dadurch das Gefühl, für Strenggläubige gäbe es in unserer Gesellschaft keinen Platz, meint Schiffauer. „Und das können wir uns nicht leisten.“ Orthodoxe Muslime sehen – nicht anders als strenggläubige Christen oder Juden – die Inhalte ihrer Offenbarungsschriften als die höchste Wahrheit an. Manche der Inhalte scheinen mit dem heutigen System kaum vereinbar. Doch sind die Orthodoxen deshalb gefährlich? Wo hört die kritische Beobachtung auf, und wo beginnen Alarmismus und antiislamisches Denken? Es gibt auf diese Fragen keine eindeutigen Antworten, bloß unterschiedliche Meinungen.
Amir Zaidan ist der Meinung, für die Muslime in Europa brauche es auch einen europäischen Islam. Sein Buch „Al-’Aqida“ ist zu einem Standardwerk geworden, seine Koranübersetzung „At-tafsir“ zeichnet sich durch einen besonderen Zugang zum Ursprungstext aus. Er übersetzt verschiedene Begriffe nicht ins Deutsche, lieber erläutert er sie ausführlich.
Ein Beispiel für die von ihm gepredigte Erneuerung: Es gibt im Koran eine Aya (einzelner Abschnitt einer Sure), die das Verhalten eines Mannes regelt, dessen Frau widerspenstig ist, Abneigung zeigt oder sich auflehnt. „Ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!“, heißt es in einer gängigen Koranübersetzung. In Zaidans „At-tafsir“ liest sie sich so: Man solle die Frauen „(zunächst) ermahnen, dann in den Ehebetten meiden und (erst danach) einen (leichten) Klaps geben“. Zur Erläuterung schreibt Zaidan in einer Fußnote: „Die letzte Stufe (vor der Scheidung) sollte nur dann eingeleitet werden, wenn es unbedingt notwendig ist und wenn Erfolgsaussicht (zur Rettung der Ehe) besteht und wenn die sich zu Unrecht auflehnende Ehefrau von den bis dahin erfolgten Schritten unbeeindruckt blieb.“ Wenn man ihn auf diese Stelle anspricht, legt er eine „ausführliche Begründung“ von neun Seiten Länge vor, in der er jedes einzelne Wort analysiert. „Für das Verständnis ist es entscheidend“, so Zaidan, „den Hintergrund und den Kontext jeder Stelle im Koran zu berücksichtigen.“
Der heilige Text ist für ihn die absolute Wahrheit. So steht Zaidan auch heute noch zu einer schon früher geäußerten Ansicht, dass es „kein islamischer Lebensstil“ sei, wenn eine Ehefrau arbeiten geht, während ihr Mann zu Hause bleibt. „Die Eignung, außerhalb des Hauses zu arbeiten, ist für den Mann mehr gegeben als für die Frau.“ Auch die umstrittene Kamel-Fatwa würde er heute unter denselben Umständen übrigens wieder unterschreiben.
Amir Zaidan sei ein „Islamist und Muslimbruder“, meinte beispielsweise die deutsche CDU 2003 in einer Bundestagsanfrage. Er sei einer unter vielen „islamistischen Wölfen im Schafspelz“, der noch dazu eine „fundamentalistische Sichtweise“ lehre, schreibt der langjährige Außenpolitikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Udo Ulfkotte in seinem 2003 erschienenen Buch „Der Krieg in unseren Städten“. „Höflich gesagt ist Zaidan ein ultraorthodoxer Muslim“, meint Herbert Müller, Leiter der Kompetenzgruppe Islamismus beim Verfassungsschutz in Baden-Württemberg. Und die deutsche Islamwissenschaftlerin Claudia Dantschke sagt: „Zaidan hat in Hessen faktisch versucht, für die Mitglieder seiner Organisation eine Art parallele Rechtsordnung durchzusetzen.“ In Deutschland ist Amir Zaidan, gelinde gesagt, umstritten. In Österreich ist er nun für die Fortbildung der islamischen Religionslehrer verantwortlich.
Darüber hinaus tritt er als interreligiöse Integrationsfigur in Erscheinung, stets auf der Suche nach dem Dialog. Für Medien und Politik ist der Syrer begehrter Repräsentant der muslimischen Community. Unlängst stieg Zaidan auf der europäischen Imame-Konferenz in Wien kurz nach EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner aufs Podium und referierte über seine Vorstellung eines „Islams europäischer Prägung“. Auf Ö1 spricht er gelegentlich die „Gedanken zum Tag“, und auch bei Podiumsveranstaltungen ist Zaidan willkommener Gast, um über den „Dialog zwischen Christentum und Islam“ oder den „Islam in einer pluralistischen Gesellschaft“ zu diskutieren.
Wir ziehen die Schuhe aus“, empfängt Zaidan Gäste in seinem kleinen Büro in der Wiener Neustiftgasse. Er selbst trägt Schlapfen. Hunderte Bücher, viele davon mit goldenen Verzierungen, sind in Regalen geschlichtet, die sich unter der Last biegen. Die gegen ihn vorgebrachte Kritik will der stämmige Mann mit dem ergrauten Bart nicht gelten lassen. „Um Aussagen von gewissen Leuten kümmere ich mich mittlerweile gar nicht mehr. Wer mich als den Bösen hinstellen will, der soll das eben tun.“
Seit der Gründung des Islamischen Religionspädagogischen Instituts (IRPI) im Jahr 2003 ist Zaidan dessen Leiter. Das IRPI ist in Österreich für die Fortbildung der rund 300 islamischen Religionslehrer zuständig, die jährlich zu mindestens 24 Stunden Schulung verpflichtet sind. Zaidans Institut wird vom Bund finanziert, er selbst gibt das jährliche Budget mit 20.000 Euro an. Ausgebildet werden die Religionslehrer seit 1997 an der Religionspädagogischen Akademie (IRPA), wo Zaidan auch unterrichtet. Davor gab es keine institutionalisierte Ausbildung. Die Organisation des Unterrichts obliegt der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ). Der Staat beschränkt sich darauf, die Gehälter der Lehrer zu bezahlen und den Lehrplan abzusegnen. Zaidan kommt eine wichtige Rolle zu. Sein Hauptanliegen ist es, den Religionslehrern Pädagogik und Fachdidaktitk zu vermitteln. Die Lehrer sollen lernen, wie sie die fachlichen Inhalte am besten für die Schule aufbereiten und weitergeben. „Die Lehrer brauchen das“, sagt Zaidan, „vor allem jene, die nicht an der Akademie ausgebildet wurden“.
Der 1964 bei Damaskus geborene Zaidan hat zunächst in Syrien Medizin studiert und ab den Achtzigerjahren in Deutschland erst Mathematik und Kunststofftechnik und schließlich Islamologie und arabische Sprachen. In Deutschland baute er außerdem ein Islamologisches Institut auf, das bundesweit vier Ableger hat und dem er nach wie vor als akademischer Leiter vorsteht. 1997 begründete er zudem die Islamische Religionsgemeinde Hessen (IRH) mit, deren Vorsitzender er drei Jahre lang war.
Ihre verfassungsfeindlichen Ziele werden von der IRH verschleiert“, heißt es im aktuellen Hessischen Verfassungsschutzbericht. Außerdem richte sich die IRH „massiv gegen Freiheits- und Grundrechte von Frauen“. Dieser Vorwurf hat einen speziellen Grund: Die von den deutschen Medien sogenannte Kamel-Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, das im Jahr 1998 erstellt worden ist und die Unterschrift Zaidans trägt. Sie besagt, dass eine mehrtägige Reise für muslimische Frauen ohne die Begleitung eines männlichen Verwandten nicht erlaubt ist. Denn: Frauen dürfen sich laut Fatwa nicht weiter als 81 Kilometer von der elterlichen oder ehelichen Wohnung entfernen. „Dies entspricht der Strecke, die eine Kamelkarawane von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zurücklegen kann“, stellt der Verfassungsschutz im Bericht fest.
Im Gespräch sagt Zaidan zwar den Satz: „Dass eine Frau nicht alleine reisen darf, ist Glaube aller islamischen Schulen.“ Gleichzeitig relativiert er: „Es geht um die Sicherheit der Frau. Sie darf reisen, wenn ihre Sicherheit gewährleistet ist.“ Das steht allerdings nicht in der Fatwa, in der nur auf das Verbot von Klassenfahrten für muslimische Schülerinnen hingewiesen wird. Zaidan argumentiert, sie sei nur für einen konkreten Fall erstellt worden und nicht allgemein gültig. Doch auch das ist aus dem Dokument nicht zu ersehen. „Außerdem haben wir das Dokument nie veröffentlicht“, wie das bei allgemein gültigen Fatwas der Fall gewesen wäre. „In der muslimischen Szene ist das Dokument kursiert. Ich habe es von muslimischen Eltern bekommen“, sagt der deutsche Journalist Ahmet Senyurt, der die Fatwa im Jahr 2000 in der Berliner taz bekannt gemacht hat.
Das fragwürdige Rechtsgutachten ist nicht das Einzige, woran sich der deutsche Verfassungsschutz stößt. Das einst von Zaidan herausgegebene Freitagsblatt ist laut Hessischem Verfassungsschutz eingestellt worden, „da dort immer wieder Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen zu finden waren“. Ein Antrag der IRH auf die Organisation des Religionsunterrichts in Hessen wurde 2001 aus ähnlichen Gründen abgelehnt. Es gebe „Anhaltspunkte für personelle Verbindungen zu fundamentalistisch-extremistischen Organisationen“, hieß es. Zaidan selbst hält den Hessischen Verfassungsschutz für „ein Instrument der Politik“, besonders der CDU unter Roland Koch, die Muslime nicht anerkennen wolle. „In Hessen sind wir Menschen zweiter Klasse. Das ist keine Integration, sondern Bevormundung.“
In Deutschland wurde dem Syrer nach der öffentlichen Aufmerksamkeit rund um die Kamel-Fatwa und das Freitagsblatt die Luft zu dünn. Die Presse war auf ihn aufmerksam geworden, er stand „als Vorsitzender einer extremistischen Organisation unter genauer Beobachtung“, wie ein Sprecher des Hessischen Verfassungsschutzes sagt. Zaidan selbst meint: „Meine Arbeit machte in Deutschland keinen Sinn mehr. In Österreich können wir wunderbare Arbeit machen – Pionierarbeit in Europa.“ Zaidan sitzt oft schon um sechs Uhr morgens in seinem Büro, wenn es ganz still ist und nur der Computer surrt. Dann denkt er über Inhalte für die Fortbildungen oder mögliche Gastvortragende nach.
Auf Einladung der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich kam er im Jahr 2002 nach Wien. Und zwar nicht alleine. Seine engste Mitarbeiterin, mit der er zusammen das Freitagsblatt produziert hatte, kam mit ihm und arbeitet heute als seine Sekretärin. „Herr Zaidan ist ein anerkannter Wissenschaftler, ein gemäßigter Muslim“, sagt Anas Schakfeh, Präsident der IGGiÖ. Von der Kamel-Fatwa will Schakfeh noch nie etwas gehört haben. Mit deren Inhalt konfrontiert, sagt er: „In den Neunzigerjahren hat Zaidan nicht seine eigene Meinung vertreten, sondern Schriften übertragen. Jeder Mensch hat das Recht, eine Entwicklung zu machen.“
Vergangenen Juni veranstaltete die österreichische Botschaft in Berlin eine Diskussion zu „Islam in Europa“. Aus Österreich hatte man Amir Zaidan geladen. „Wir wären fast vom Sessel gefallen, als wir die Einladung bekommen haben“, sagt die Islamwissenschaftlerin Dantschke, die Zaidan in Deutschland scharf kritisiert hat. „Da haben wir versucht, der Öffentlichkeit zu zeigen, wer Zaidan wirklich ist, bis er nach Österreich geht. Und dann kommt er wieder und wird uns als seriöser Mensch präsentiert.“
Einbindung statt Ausgrenzung lautet hierzulande eben die Formel. Wird im deutschen Fernsehen ausgiebig und mitunter sogar abendlich über Integration debattiert, brauchen derlei Diskussionen hierzulande offenbar Anlässe wie den Karikaturenstreit oder islamophobe FPÖ-Kampagnen. Die muslimische Lehrerin Iyman Alzayed löste in Deutschland eine monatelange Diskussion aus, weil sie mit ihrem Kopftuch unterrichten und dieses Recht vor Gericht einklagen wollte. Nachdem sie ihre Klage zurückgezogen hatte, ging auch sie nach Wien und unterrichtet heute an der IRPA. Für Rüdiger Lohlker, Islamwissenschaftler an der Uni Wien, ist der österreichische Umgang mit der muslimischen Gemeinde ein „Erfolgsmodell“. Neben dem regen Engagement der Muslime betont Lohlker den „Mut der Politik. Man lässt sich auf das Risiko ein, mit den verschiedensten Vereinen und Personen in Kontakt zu treten.“ In Deutschland herrsche für Muslime hingegen ein ständiger Druck, sich in der Öffentlichkeit rechtfertigen und etablieren zu müssen, sagt Lohlker, „während man sich in Österreich frei bewegen kann“.
Islamwissenschaftlerin Dantschke kritisiert Österreich genau dafür. „Bisweilen werden Islamisten als Vertreter der Muslime vorgeführt und salonfähig gemacht. Damit tut man den Tausenden Muslimen, die sich nicht für Islamismus interessieren, nichts Gutes.“ Das Wort Islamismus weckt spätestens seit dem 11. September 2001 ungute Assoziationen, hat aber per definitionem nichts mit Terrorismus zu tun. Es ist die politische Komponente, die den Islam vom Islamismus unterscheidet. Islamisten streben – ob gewalttätig oder friedlich – einen islamischen Staat an. Und nicht nur der Journalist Ulfkotte bezeichnet Amir Zaidan als „islamistisch“. Die Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann nannte ihn auf einem Symposium des Verfassungsschutzes Thüringen einen „syrischen Muslimbruder“ – ein Vorwurf, der noch schwerer wiegt. Die Muslimbruderschaft gilt als weltweit einflussreichste islamistische Bewegung. Zaidan wird bei diesem Vorwurf emotional: „Das stimmt überhaupt nicht. Eine Lüge!“
Auch seine veröffentlichten Werke erregen seit Jahren harsche Kritik. Kommt man auf eines seiner Bücher zu sprechen, holt er wie zum Gegenbeweis gleich ein paar Exemplare aus dem Regal. In „Al-’Aqida“ definiert er jede Religion, „die man nicht unter der Definition ,Islam in Bezug auf Allah‘ und ,Islam im islamischen Kontext’ einordnen kann“, als „Kufr“. Das nannte die deutsche Verfassungsschutzexpertin Rita Breuer im Oktober 2005 „bedenklich“. Denn: „Kufr bedeutet ewige Verdammnis im Jenseits, kann aber auch das Lebensrecht der betreffenden Personen im Diesseits infrage stellen.“ Auch die deutsche Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann hält solche Passagen für „eindeutig antijüdisch und antichristlich“. Zaidan sagt, Worte wie Kufr seien eben Begriffe des Korans und müssten nicht zwangsläufig negativ besetzt sein. „Manche Leute interpretieren meine Schriften absichtlich so, wie sie wollen.“ Er könne nur darüber staunen, dass ihn „diese Menschen einfach nicht verstehen wollen.“ Es bleibt eine Glaubensfrage. Was kann man Amir Zaidan glauben? Und was den Verfassungsschutzberichten Deutschlands? Wer sich nicht eingehend mit dem Koran beschäftigt hat, kann dieser Diskussion nur staunend folgen und sich für eine der beiden Seiten entscheiden. In Deutschland werden diese Fragen immerhin öffentlich gestellt und diskutiert, was die einen „Debatte“ und die anderen „Druck und Bevormundung“ nennen. In Österreich redet man weniger über und mehr mit den Muslimen und jenen, die anderswo für Islamisten gehalten werden. Das ist für die einen dann ein „Dialog“ und für die anderen „gefährlich“.
Der Frankfurter Kulturanthropologe Werner Schiffauer warnt vor einer anderen Gefahr: „Wenn wir alles, was von unserer Vorstellung von moderaten, europäischen Muslimen abweicht, kritisch beäugen, tun wir uns selbst und den Muslimen nichts Gutes.“ Man gebe Muslimen dadurch das Gefühl, für Strenggläubige gäbe es in unserer Gesellschaft keinen Platz, meint Schiffauer. „Und das können wir uns nicht leisten.“ Orthodoxe Muslime sehen – nicht anders als strenggläubige Christen oder Juden – die Inhalte ihrer Offenbarungsschriften als die höchste Wahrheit an. Manche der Inhalte scheinen mit dem heutigen System kaum vereinbar. Doch sind die Orthodoxen deshalb gefährlich? Wo hört die kritische Beobachtung auf, und wo beginnen Alarmismus und antiislamisches Denken? Es gibt auf diese Fragen keine eindeutigen Antworten, bloß unterschiedliche Meinungen.
Amir Zaidan ist der Meinung, für die Muslime in Europa brauche es auch einen europäischen Islam. Sein Buch „Al-’Aqida“ ist zu einem Standardwerk geworden, seine Koranübersetzung „At-tafsir“ zeichnet sich durch einen besonderen Zugang zum Ursprungstext aus. Er übersetzt verschiedene Begriffe nicht ins Deutsche, lieber erläutert er sie ausführlich.
Ein Beispiel für die von ihm gepredigte Erneuerung: Es gibt im Koran eine Aya (einzelner Abschnitt einer Sure), die das Verhalten eines Mannes regelt, dessen Frau widerspenstig ist, Abneigung zeigt oder sich auflehnt. „Ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!“, heißt es in einer gängigen Koranübersetzung. In Zaidans „At-tafsir“ liest sie sich so: Man solle die Frauen „(zunächst) ermahnen, dann in den Ehebetten meiden und (erst danach) einen (leichten) Klaps geben“. Zur Erläuterung schreibt Zaidan in einer Fußnote: „Die letzte Stufe (vor der Scheidung) sollte nur dann eingeleitet werden, wenn es unbedingt notwendig ist und wenn Erfolgsaussicht (zur Rettung der Ehe) besteht und wenn die sich zu Unrecht auflehnende Ehefrau von den bis dahin erfolgten Schritten unbeeindruckt blieb.“ Wenn man ihn auf diese Stelle anspricht, legt er eine „ausführliche Begründung“ von neun Seiten Länge vor, in der er jedes einzelne Wort analysiert. „Für das Verständnis ist es entscheidend“, so Zaidan, „den Hintergrund und den Kontext jeder Stelle im Koran zu berücksichtigen.“
Der heilige Text ist für ihn die absolute Wahrheit. So steht Zaidan auch heute noch zu einer schon früher geäußerten Ansicht, dass es „kein islamischer Lebensstil“ sei, wenn eine Ehefrau arbeiten geht, während ihr Mann zu Hause bleibt. „Die Eignung, außerhalb des Hauses zu arbeiten, ist für den Mann mehr gegeben als für die Frau.“ Auch die umstrittene Kamel-Fatwa würde er heute unter denselben Umständen übrigens wieder unterschreiben.
© Nachdruck bzw. Textübernahme - auch auszugsweise -
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.


