„Schnittblumen sind camp“
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Lange vor Erfindung der Popliteratur sorgte Max Goldt, Jahrgang 1958, für Glamour im Literaturbetrieb und volle Hallen bei Lesungen. Seinen Agenten bittet er, ihm nicht mehr als sechzig Auftritte im Jahr zu buchen. Nachgezählt hat er aber noch nie. Nach der fast schon üblichen Doppellesung im Wuk wird Goldt im oberösterreichischen Steyr Station machen, im August im Rahmen der Salzburger Festspiele lesen und ein Monat später gar Feldkirch besuchen. Goldts Klage, „Österreich läuft, Wien vorsichtig ausgenommen, überhaupt nicht“ (siehe Interview in Falter 11/04: „Es wird zu viel geduzt“), scheint also revisionsbedürftig. Im Vorjahr erschien Goldts Szene- und Prosasammelband „Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens“, vor kurzem kam das jüngste Buch von Katz+Goldt („the duo who does what duos should do“), der Kooperation Goldts mit dem Zeichner Stephan Katz, auf den Markt: „Das Malträtieren unvollkommener Automaten“. Die folgende Konversation mit dem interviewabholden Max Goldt wurde zwischen 1. April und 6. Mai per E-Mail geführt und beginnt wie immer mit dem Wetter:
Falter: Herr Goldt, ich bin ein großer Freund Ihrer Wetterbenörgelungskritik, muss aber zugeben, dass meine Laune sich nach diesem Winter stark verbessert hat, seitdem wir Tage mit zehn Grad plus und mehr haben. Heute scheint in Wien die Sonne, es herrscht Aussicht auf 18 Grad. Ich weiß noch nicht, ob ich in die Natur laufen oder bloß durch die Stadt flanieren soll, die Bügelwäsche muss wohl warten. Wie geht’s denn Ihnen zurzeit?
Max Goldt: Das Wort „Wetterbenörgelungskritik“ könnte man auch Wetterben-Örgelungskritik lesen – ich muss daher eingangs bemerken, dass ich mich nicht kritisch über das Örgeln von Menschen geäußert habe, die Wettgewinne geerbt haben, sondern über diejenigen, die so tun, als hätten sie das ganze Jahr Anspruch auf mediterranes Urlaubswetter. Wussten Sie übrigens, dass es neben dem kalendarischen und dem meteorologischen Frühling auch noch einen biologischen gibt? Der dauert exakt vom Laubausbruch der Rosskastanie bis zum Stäuben des Roggens. Bei meiner Hofkastanie regt sich noch gar nichts, in meiner direkten Umgebung ist also erst Vorfrühling, der vom Stäuben des Hasels bis zum Laubaufbruch der Rosskastanie dauert. Meine Laune ist auf mäßiger Höhe, was aber nichts mit dem verspäteten Erwachen der Natur zu tun hat, sondern mit dem Umstand, dass in meinem Wohnhaus die Warmwasser-Steigleitungen erneuert werden, was mit viel Schmutz und Lärm einhergeht. Während der Hochphase muss ich gar ins Hotel ziehen. Haben Sie schon einmal in Ihrer eigenen Stadt im Hotel gelebt? Und warum bügeln Sie? Hemden kann man doch in die Wäscherei geben, das kostet hier nur 1,65 Euro pro Stück. Bügeln Sie etwa Socken?
Nie. Unterhosen eventuell, Unterleibchen auf jeden Fall – ebenso Hemden und Hosen. Aber damit ist wenigstens schon meine nächste Frage beantwortet: Ich hätte darauf gewettet, dass Sie bügeln lassen. Ich finde das ja noch eine der angenehmeren Tätigkeiten im Haushalt – es hat etwas Meditatives, und man kann nebenher gut Musik hören. Welche Arbeiten im Haushalt mögen bzw. verabscheuen Sie denn?
Vom Bügeln abgesehen sind mir das Bettenbeziehen und das Fensterputzen verhasst. Gern und häufig befasse ich mich hingegen mit dem feuchten Durchwischen von Küche und Bad. Es gibt für Reinigungstätigkeiten allerhand neue, hilfreiche Werkzeuge, zum Beispiel Trockenwischsysteme mit fusselmagnetischen Einwegtüchern und sogenannte „Küchenwunder“, also Tücher aus Raumfahrtmaterialien, mit denen man ohne den Einsatz von „Chemie“ auch bleibemächtigste Flecken wegbekommt. Für so etwas braucht man heutzutage wirklich keine Haushaltshilfe mehr. Musik höre ich bei der Hausarbeit jedoch keine, wohl aber – im Bad – den BBC World Service und Hörbücher in der Küche. Klassiker, zum Beispiel gesprochen von Maria Becker, Ernst Deutsch, Paula Wessely oder Maria Wimmer. Letztere konnte übrigens unglaublich brüllen. Diese Hörbücher sind ja häufig zu wenig komprimiert, und es ist nicht ohne Reiz, im Bad wischenderweise Reportagen aus aller Welt zu hören, während in der benachbarten Küche das wehrlose Geschirr von der unkomprimierten Maria Wimmer zur Schnecke gemacht wird. Nun habe ich Ihnen eine schöne Brücke gebaut, über die Sie von den Gebieten der Wetterbeurteilung und der Haushaltsführung, so halbwegs interessant diese auch zu sein scheinen, ins Reich der Künste überlaufen können.
Die Brücke will ich gewiss demnächst beschreiten, aber weil sich gerade vor meinem Fenster die Amsel wegtiriliert, würde ich noch kurz beim Frühling bleiben und Sie fragen, wie Sie denn zum Thema Blumenschmuck stehen? Heutzutage läuft man ja nicht mehr Gefahr, als Floraltunte zu gelten, wenn man auch mal bloß so für sich Schnittblumen erwirbt.
Unsere Schnittblumen, lieber Herr Nüchtern, werden in Afrika von Blumenarbeiterinnen geerntet und verpackt, die neben wenig Geld viele Hautausschläge dafür bekommen. Davon abgesehen mag ich klassische Nelken, insbesondere rote und weiße gemischt, in größeren Sträußen ab neun Stängeln und mit Asparagus, also Spargelgrün. Das ist ungemein elegant. Wird leider kaum mehr angeboten, weil Filmschauspielerinnen über Jahrzehnte in Interviews bekundet haben, sie würden keine Nelken mögen. Schauspielerinnen machen so viel kaputt! Nein, ich kaufe mir keine Schnittblumen, dafür bin ich zu sehr Naturliebhaber. Ich habe vor Jahren einmal auf dem damals kurzen Weg von meiner Wohnung zur U-Bahn 36 Wildpflanzenarten gezählt. Also, um es kurz zu machen, ich empfinde Schnittblumen als auf eine ungute Weise „camp“. In dem Fall jedoch, dass mir jemand welche anlässlich eines Besuches mitbringt, freue ich mich über die Geste und halte Vasen in allerlei Größen bereit.
Ja, das mit Afrika habe ich auch in einem Wo-kommen-eigentlich-unsere-Schnittblumen-her?-Beitrag im TV gesehen. Es gibt auch ein Fair-Trade-Gütesiegel, das ich aber noch nie gesehen habe. Ich würde Ihnen jedenfalls Tulpen mitbringen, und für die sind zwanzig Zentimeter hohe Vasen am besten, die nach oben etwas weiter werden. Sie müssen nur darauf achten, dass Sie immer nur zwei, drei Finger hoch Wasser geben. Aber das wissen Sie wohl ohnedies, Ihr Distinktionsvermögen in Sachen Botanik ist ja stupende – haben Sie das mal studiert oder wie kommt es, dass Sie 36 Wildpflanzen unterscheiden können?
Was glauben Sie, woher ich das mit der Ausbeutung der Blumenarbeiterinnen weiß? Natürlich – genau wie Sie – aus einem Fernsehbeitrag. Meinen Sie, ich läse Bücher über Schnittblumen? Nein, an Floristik hatte ich nie Interesse, umso mehr an Botanik. Botaniker war ein jugendlicher Berufswunsch von mir, genauer gesagt: Taxonom, also Artenbestimmer. Aber das war vor dreißig Jahren, mein herbarisches Wissen hat seitdem sehr gelitten. Zwar könnte ich noch die zwei oder drei gängigsten Hahnenfußarten auseinander halten, aber erkenne ich eine Ulme? Leider nicht. Ich weiß fast gar nichts mehr, bleibe aber bei Spaziergängen auch heute noch häufig stehen, um mir ein Gewächs genauer anzusehen. Ich gehöre also sicherlich nicht zu denen, die jede gelb blühende Pflanze als „Butterblume“ bezeichnen. Es wundert mich im Übrigen immer wieder, wenn ich Leute treffe, die mit reichlichem historischem und literarischem Wissen ausgestattet sind, gleichwohl aber geradezu stolz darauf zu sein scheinen, in naturwissenschaftlichen Dingen völlig ignorant zu sein. Mit Menschen, die Politik für wichtiger halten als Biologie, müsste man streng besehen Mitleid haben.
Zumindest im deutschsprachigen Raum – vielleicht war es in der DDR anders, das weiß ich nicht – hat sich die Schöngeistigkeit gegenüber der Natur- und Formalwissenschaften prestigemäßig durchgesetzt. Andererseits ist das vielleicht auch im Wandel begriffen: Wenn ich mir so die Bahnhofszeitschriftenläden ansehe, scheinen mir populärwissenschaftliche Magazine stark auf dem Vormarsch. Die liegen dann wohl auch in Ihrem Zeitschriftenständer?
Nein, nur gelegentlich mal eine Ausgabe von Gehirn und Geist, dem Heidelberger Gehirnmagazin. Momentan liegen auf meiner Zeitschriftenablage neben Ihrem geschätzten Blatt AD (Architektural Digest), Q, eine allerdings mehrere Monate alte Ausgabe von de.bug, Cicero und komischerweise das Gästemagazin Bad Kreuznach. Sie vermissen jetzt bestimmt den Trash. Ich bin aber wirklich aus dem Trash-Alter raus, also Bunte, Gala und Ähnliches lese ich nicht einmal im Flugzeug, mich stößt schon die Sprache solcher Blätter ab. Etwa zweimal im Jahr eine Frau im Spiegel reicht mir, um über diese Welt ausreichend informiert zu sein. Neulich bekam ich mal eine inTouch in die Finger. Da sind nur Fotos mir meist unbekannter Hollywoodstars drin, die ausrutschen, ungeschminkt irgendwas essen oder zu enge Schuhe tragen. Das Blatt macht einen Kreis um den zu engen Schuh, malt einen Pfeil dazu und schreibt daneben: „Zu eng!“
Mich wundert Ihre „Trash“-Abstinenz überhaupt nicht, schon mehr die schiere Menge an Zeitschriften, die bei Ihnen rumliegt. Ich muss aus Berufsgründen ziemlich viel lesen, darunter viele unerquickliche 320-Seiten-Romane, sodass interessante Sachbücher und Zeitschriften auf der Strecke bleiben. Wie halten Sie’s denn mit der Belletristik?
Ich nannte Ihnen eben fünf Titel von Zeitschriften, das ist doch nichts Schieres. Roman-Neuerscheinungen muss ich glücklicherweise keine beurteilen, manchmal lese ich ein, zwei Seiten im Stehen in einer unserer nach Espresso duftenden Rolltreppen-Buchhandlungen, das reicht im Allgemeinen auch. Was einem da selbst aus umjubelten Romanen an Illustrierten- und Fernsehsprache entgegentritt, ist durchaus runterziehend. Teilen Sie im Übrigen meine Meinung, dass zu viel erzählende und zu wenig essayistische Literatur geschrieben und gelesen wird? Der Grund ist klar: Von Erzählungen und Romanen lassen sich leichter Inhaltsangaben schreiben, und Buchrezensionen bestehen heute überwiegend aus Inhaltsangaben. Elke Heidenreich bringt in ihrer Sendung ausschließlich Inhaltszusammenfassungen, oder? Aber da sie sich ja nicht als Kritikerin, sondern als eine Art Verbraucherberaterin sieht, soll das in ihrem Fall okay sein. Ich jedoch halte es lieber mit Péter Esterházy, der in seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sagte, er misstraue jeder Form von Literatur, die sich nacherzählen lässt. Das tue ich auch! Werden Sie mich gleich fragen, ob ich mich als Essayist sehe? Ich würde antworten: Keine Ahnung! Da allerdings die Hauptaufgabe essayistischer Literatur in der Begriffserörterung liegt, die ich nicht selten betreibe, könnte es sein, dass ich einer bin oder gerade einer werde.
Generell würde ich natürlich meinen, dass überhaupt zu viel geschrieben wird, allerdings auch, dass Literaturjournalisten die Letzten sein sollten, sich darüber zu beklagen. Aber um wenigstens eine Frage zu retournieren: Finden Sie nicht auch, dass im deutschen Sprachraum zu viele Romane publiziert und Erzählungen bzw. Kurzgeschichten viel zu wenig wertgeschätzt werden? Immer müssen die Verlage „Roman“ draufschreiben! Also ob nicht sieben Seiten Raymond Carver ganze Jahrgänge von Romanen aufwiegen würden!
Ob die Verlage „Roman“ oder „Erzählung“ auf ihre zuweilen monotonen Hervorbringungen schreiben, ist mir gleichgültig. Zu beanstanden wäre vielmehr die fehlende authentische Sprachgestaltung.
Zurzeit versuchen mir viele Leute einzureden, dass Moritz von Uslar den „state of the art“ des deutschen Erzählens repräsentiert; ich werde da gleich misstrauisch – womöglich aber zu Unrecht. Können Sie mir da vielleicht etwas Orientierung geben?
Kann ich leider nicht. Als Autor ist man ja dazu aufgerufen und auserlesen, den Stand der Kunst selbst zu bestimmen. Man steht inmitten von Leben, im Zentrum der Gegenwart und macht sich zur Aufgabe, diese so kunstreich wie möglich in Worte zu setzen. Ich hatte gerade drei Wochen lang Rohrleger in der Wohnung, und ich glaube, es ist besser, selbst mit Rohrlegern zu reden als zu lesen, was ein Zeitgenosse über Rohrleger schreibt. Ich neige der Auffassung zu, dass ein Schriftsteller keine lebenden Kollegen braucht, außer zum Plaudern am Biertisch natürlich, das ist ja immer nett, ein wenig zu tratschen. Viel mehr lernen aber kann man von den Alten, es muss ja nicht unbedingt Goethe sein, aber wenn man vorm Frühstück zwei, drei Seiten Adalbert Stifter oder Arno Schmidt liest, lernt man nicht nur viel über Sprache, sondern auch etwas über eine fremde Zeit, und lernen muss man immerzu. Reine Unterhaltung braucht ein Dichter nicht, er hat ja die Welt, seine Sinne und sein Gehirn, und mit einem solchen Requisitorium kann es ihm nie langweilig werden.
Lassen wir Ihre Kollegenschaft aus und kommen zur Musik. In den Submilieus, zwischen denen ich mich bewege, tobt gerade eine Debatte, ob die Hamburger V-Pulli-Band Blumfeld präsenil-privatistischen Pfadfinderpop produziert oder nach wie vor das Beste ist, was die deutschsprachige Jugendmusik im letzten Dezennium hervorgebracht hat. Haben Sie eventuell dazu eine Meinung?
Nein, die neue Platte habe ich noch nicht gehört. Bei der letzten hatte ich den Eindruck, dass die Musiker unfrei sind, sehr eingeengt, verzagt und ängstlich, dass sie sich darauf angewiesen fühlten, durch Reduktionismus beeindrucken zu müssen, obwohl sie möglicherweise mehr könnten. Verängstigte Künstler sind aber nichts, was mich beeindruckt.
Und wie steht’s mit Morrissey? Er war ja in den letzten Wochen auf dem Cover von jedem zweiten Popmagazin. Ich habe manches davon gelesen, unter anderem, dass Morrissey jetzt in Rom lebt, einen Penis hat und nicht mehr ganz so böse aufs Leben ist. Eines habe ich allerdings nicht kapiert: Woran genau er die letzten Jahrzehnte hat leiden müssen und was daran interessant ist. Wissen Sie’s?
Nein. Litt er mehr als üblich? Ich habe in seinen Texten nur angemessene Mengen menschlich verständlichen Leides vorgefunden und durchaus sowohl Komik als auch Humor. Er schreibt gute Texte. Aber diese ärmliche Musik! Ein Beispiel: In dem einen Smiths-Stück singt doch ein Kinderchor „Hang the DJ“. Nun ja, Kinder, die was Grausames singen: ein sehr simpler satirischer Effekt. Genauer gesagt, ein Effekt, der dem „Schwarzen Humor“ zuzurechnen ist, einem extrem verstaubten Kulturphänomen der Sechzigerjahre. Und diesen Kinderchoreffekt setzt er auf seiner neuen Platte bei drei Stücken ein. Da kann sich Tony Visconti noch so sehr Mühe geben mit der Produktion, die Grundlage ist einfach zu dürftig.
Kinder sollen lieber nette Gedichte aufsagen! Herr Goldt, nächsten Sonntag ist ja Muttertag: Wissen Sie schon, wie Sie ihn zubringen werden?
Nicht am Grab meiner Mutter.
Max Goldt liest am 18. und 19.5., 20 Uhr, im Wuk (9., Währinger Straße 59).
Karten: Jugendinfo (Tel. 1799) oder www.austriaticket.at
Falter: Herr Goldt, ich bin ein großer Freund Ihrer Wetterbenörgelungskritik, muss aber zugeben, dass meine Laune sich nach diesem Winter stark verbessert hat, seitdem wir Tage mit zehn Grad plus und mehr haben. Heute scheint in Wien die Sonne, es herrscht Aussicht auf 18 Grad. Ich weiß noch nicht, ob ich in die Natur laufen oder bloß durch die Stadt flanieren soll, die Bügelwäsche muss wohl warten. Wie geht’s denn Ihnen zurzeit?
Max Goldt: Das Wort „Wetterbenörgelungskritik“ könnte man auch Wetterben-Örgelungskritik lesen – ich muss daher eingangs bemerken, dass ich mich nicht kritisch über das Örgeln von Menschen geäußert habe, die Wettgewinne geerbt haben, sondern über diejenigen, die so tun, als hätten sie das ganze Jahr Anspruch auf mediterranes Urlaubswetter. Wussten Sie übrigens, dass es neben dem kalendarischen und dem meteorologischen Frühling auch noch einen biologischen gibt? Der dauert exakt vom Laubausbruch der Rosskastanie bis zum Stäuben des Roggens. Bei meiner Hofkastanie regt sich noch gar nichts, in meiner direkten Umgebung ist also erst Vorfrühling, der vom Stäuben des Hasels bis zum Laubaufbruch der Rosskastanie dauert. Meine Laune ist auf mäßiger Höhe, was aber nichts mit dem verspäteten Erwachen der Natur zu tun hat, sondern mit dem Umstand, dass in meinem Wohnhaus die Warmwasser-Steigleitungen erneuert werden, was mit viel Schmutz und Lärm einhergeht. Während der Hochphase muss ich gar ins Hotel ziehen. Haben Sie schon einmal in Ihrer eigenen Stadt im Hotel gelebt? Und warum bügeln Sie? Hemden kann man doch in die Wäscherei geben, das kostet hier nur 1,65 Euro pro Stück. Bügeln Sie etwa Socken?
Nie. Unterhosen eventuell, Unterleibchen auf jeden Fall – ebenso Hemden und Hosen. Aber damit ist wenigstens schon meine nächste Frage beantwortet: Ich hätte darauf gewettet, dass Sie bügeln lassen. Ich finde das ja noch eine der angenehmeren Tätigkeiten im Haushalt – es hat etwas Meditatives, und man kann nebenher gut Musik hören. Welche Arbeiten im Haushalt mögen bzw. verabscheuen Sie denn?
Vom Bügeln abgesehen sind mir das Bettenbeziehen und das Fensterputzen verhasst. Gern und häufig befasse ich mich hingegen mit dem feuchten Durchwischen von Küche und Bad. Es gibt für Reinigungstätigkeiten allerhand neue, hilfreiche Werkzeuge, zum Beispiel Trockenwischsysteme mit fusselmagnetischen Einwegtüchern und sogenannte „Küchenwunder“, also Tücher aus Raumfahrtmaterialien, mit denen man ohne den Einsatz von „Chemie“ auch bleibemächtigste Flecken wegbekommt. Für so etwas braucht man heutzutage wirklich keine Haushaltshilfe mehr. Musik höre ich bei der Hausarbeit jedoch keine, wohl aber – im Bad – den BBC World Service und Hörbücher in der Küche. Klassiker, zum Beispiel gesprochen von Maria Becker, Ernst Deutsch, Paula Wessely oder Maria Wimmer. Letztere konnte übrigens unglaublich brüllen. Diese Hörbücher sind ja häufig zu wenig komprimiert, und es ist nicht ohne Reiz, im Bad wischenderweise Reportagen aus aller Welt zu hören, während in der benachbarten Küche das wehrlose Geschirr von der unkomprimierten Maria Wimmer zur Schnecke gemacht wird. Nun habe ich Ihnen eine schöne Brücke gebaut, über die Sie von den Gebieten der Wetterbeurteilung und der Haushaltsführung, so halbwegs interessant diese auch zu sein scheinen, ins Reich der Künste überlaufen können.
Die Brücke will ich gewiss demnächst beschreiten, aber weil sich gerade vor meinem Fenster die Amsel wegtiriliert, würde ich noch kurz beim Frühling bleiben und Sie fragen, wie Sie denn zum Thema Blumenschmuck stehen? Heutzutage läuft man ja nicht mehr Gefahr, als Floraltunte zu gelten, wenn man auch mal bloß so für sich Schnittblumen erwirbt.
Unsere Schnittblumen, lieber Herr Nüchtern, werden in Afrika von Blumenarbeiterinnen geerntet und verpackt, die neben wenig Geld viele Hautausschläge dafür bekommen. Davon abgesehen mag ich klassische Nelken, insbesondere rote und weiße gemischt, in größeren Sträußen ab neun Stängeln und mit Asparagus, also Spargelgrün. Das ist ungemein elegant. Wird leider kaum mehr angeboten, weil Filmschauspielerinnen über Jahrzehnte in Interviews bekundet haben, sie würden keine Nelken mögen. Schauspielerinnen machen so viel kaputt! Nein, ich kaufe mir keine Schnittblumen, dafür bin ich zu sehr Naturliebhaber. Ich habe vor Jahren einmal auf dem damals kurzen Weg von meiner Wohnung zur U-Bahn 36 Wildpflanzenarten gezählt. Also, um es kurz zu machen, ich empfinde Schnittblumen als auf eine ungute Weise „camp“. In dem Fall jedoch, dass mir jemand welche anlässlich eines Besuches mitbringt, freue ich mich über die Geste und halte Vasen in allerlei Größen bereit.
Ja, das mit Afrika habe ich auch in einem Wo-kommen-eigentlich-unsere-Schnittblumen-her?-Beitrag im TV gesehen. Es gibt auch ein Fair-Trade-Gütesiegel, das ich aber noch nie gesehen habe. Ich würde Ihnen jedenfalls Tulpen mitbringen, und für die sind zwanzig Zentimeter hohe Vasen am besten, die nach oben etwas weiter werden. Sie müssen nur darauf achten, dass Sie immer nur zwei, drei Finger hoch Wasser geben. Aber das wissen Sie wohl ohnedies, Ihr Distinktionsvermögen in Sachen Botanik ist ja stupende – haben Sie das mal studiert oder wie kommt es, dass Sie 36 Wildpflanzen unterscheiden können?
Was glauben Sie, woher ich das mit der Ausbeutung der Blumenarbeiterinnen weiß? Natürlich – genau wie Sie – aus einem Fernsehbeitrag. Meinen Sie, ich läse Bücher über Schnittblumen? Nein, an Floristik hatte ich nie Interesse, umso mehr an Botanik. Botaniker war ein jugendlicher Berufswunsch von mir, genauer gesagt: Taxonom, also Artenbestimmer. Aber das war vor dreißig Jahren, mein herbarisches Wissen hat seitdem sehr gelitten. Zwar könnte ich noch die zwei oder drei gängigsten Hahnenfußarten auseinander halten, aber erkenne ich eine Ulme? Leider nicht. Ich weiß fast gar nichts mehr, bleibe aber bei Spaziergängen auch heute noch häufig stehen, um mir ein Gewächs genauer anzusehen. Ich gehöre also sicherlich nicht zu denen, die jede gelb blühende Pflanze als „Butterblume“ bezeichnen. Es wundert mich im Übrigen immer wieder, wenn ich Leute treffe, die mit reichlichem historischem und literarischem Wissen ausgestattet sind, gleichwohl aber geradezu stolz darauf zu sein scheinen, in naturwissenschaftlichen Dingen völlig ignorant zu sein. Mit Menschen, die Politik für wichtiger halten als Biologie, müsste man streng besehen Mitleid haben.
Zumindest im deutschsprachigen Raum – vielleicht war es in der DDR anders, das weiß ich nicht – hat sich die Schöngeistigkeit gegenüber der Natur- und Formalwissenschaften prestigemäßig durchgesetzt. Andererseits ist das vielleicht auch im Wandel begriffen: Wenn ich mir so die Bahnhofszeitschriftenläden ansehe, scheinen mir populärwissenschaftliche Magazine stark auf dem Vormarsch. Die liegen dann wohl auch in Ihrem Zeitschriftenständer?
Nein, nur gelegentlich mal eine Ausgabe von Gehirn und Geist, dem Heidelberger Gehirnmagazin. Momentan liegen auf meiner Zeitschriftenablage neben Ihrem geschätzten Blatt AD (Architektural Digest), Q, eine allerdings mehrere Monate alte Ausgabe von de.bug, Cicero und komischerweise das Gästemagazin Bad Kreuznach. Sie vermissen jetzt bestimmt den Trash. Ich bin aber wirklich aus dem Trash-Alter raus, also Bunte, Gala und Ähnliches lese ich nicht einmal im Flugzeug, mich stößt schon die Sprache solcher Blätter ab. Etwa zweimal im Jahr eine Frau im Spiegel reicht mir, um über diese Welt ausreichend informiert zu sein. Neulich bekam ich mal eine inTouch in die Finger. Da sind nur Fotos mir meist unbekannter Hollywoodstars drin, die ausrutschen, ungeschminkt irgendwas essen oder zu enge Schuhe tragen. Das Blatt macht einen Kreis um den zu engen Schuh, malt einen Pfeil dazu und schreibt daneben: „Zu eng!“
Mich wundert Ihre „Trash“-Abstinenz überhaupt nicht, schon mehr die schiere Menge an Zeitschriften, die bei Ihnen rumliegt. Ich muss aus Berufsgründen ziemlich viel lesen, darunter viele unerquickliche 320-Seiten-Romane, sodass interessante Sachbücher und Zeitschriften auf der Strecke bleiben. Wie halten Sie’s denn mit der Belletristik?
Ich nannte Ihnen eben fünf Titel von Zeitschriften, das ist doch nichts Schieres. Roman-Neuerscheinungen muss ich glücklicherweise keine beurteilen, manchmal lese ich ein, zwei Seiten im Stehen in einer unserer nach Espresso duftenden Rolltreppen-Buchhandlungen, das reicht im Allgemeinen auch. Was einem da selbst aus umjubelten Romanen an Illustrierten- und Fernsehsprache entgegentritt, ist durchaus runterziehend. Teilen Sie im Übrigen meine Meinung, dass zu viel erzählende und zu wenig essayistische Literatur geschrieben und gelesen wird? Der Grund ist klar: Von Erzählungen und Romanen lassen sich leichter Inhaltsangaben schreiben, und Buchrezensionen bestehen heute überwiegend aus Inhaltsangaben. Elke Heidenreich bringt in ihrer Sendung ausschließlich Inhaltszusammenfassungen, oder? Aber da sie sich ja nicht als Kritikerin, sondern als eine Art Verbraucherberaterin sieht, soll das in ihrem Fall okay sein. Ich jedoch halte es lieber mit Péter Esterházy, der in seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sagte, er misstraue jeder Form von Literatur, die sich nacherzählen lässt. Das tue ich auch! Werden Sie mich gleich fragen, ob ich mich als Essayist sehe? Ich würde antworten: Keine Ahnung! Da allerdings die Hauptaufgabe essayistischer Literatur in der Begriffserörterung liegt, die ich nicht selten betreibe, könnte es sein, dass ich einer bin oder gerade einer werde.
Generell würde ich natürlich meinen, dass überhaupt zu viel geschrieben wird, allerdings auch, dass Literaturjournalisten die Letzten sein sollten, sich darüber zu beklagen. Aber um wenigstens eine Frage zu retournieren: Finden Sie nicht auch, dass im deutschen Sprachraum zu viele Romane publiziert und Erzählungen bzw. Kurzgeschichten viel zu wenig wertgeschätzt werden? Immer müssen die Verlage „Roman“ draufschreiben! Also ob nicht sieben Seiten Raymond Carver ganze Jahrgänge von Romanen aufwiegen würden!
Ob die Verlage „Roman“ oder „Erzählung“ auf ihre zuweilen monotonen Hervorbringungen schreiben, ist mir gleichgültig. Zu beanstanden wäre vielmehr die fehlende authentische Sprachgestaltung.
Zurzeit versuchen mir viele Leute einzureden, dass Moritz von Uslar den „state of the art“ des deutschen Erzählens repräsentiert; ich werde da gleich misstrauisch – womöglich aber zu Unrecht. Können Sie mir da vielleicht etwas Orientierung geben?
Kann ich leider nicht. Als Autor ist man ja dazu aufgerufen und auserlesen, den Stand der Kunst selbst zu bestimmen. Man steht inmitten von Leben, im Zentrum der Gegenwart und macht sich zur Aufgabe, diese so kunstreich wie möglich in Worte zu setzen. Ich hatte gerade drei Wochen lang Rohrleger in der Wohnung, und ich glaube, es ist besser, selbst mit Rohrlegern zu reden als zu lesen, was ein Zeitgenosse über Rohrleger schreibt. Ich neige der Auffassung zu, dass ein Schriftsteller keine lebenden Kollegen braucht, außer zum Plaudern am Biertisch natürlich, das ist ja immer nett, ein wenig zu tratschen. Viel mehr lernen aber kann man von den Alten, es muss ja nicht unbedingt Goethe sein, aber wenn man vorm Frühstück zwei, drei Seiten Adalbert Stifter oder Arno Schmidt liest, lernt man nicht nur viel über Sprache, sondern auch etwas über eine fremde Zeit, und lernen muss man immerzu. Reine Unterhaltung braucht ein Dichter nicht, er hat ja die Welt, seine Sinne und sein Gehirn, und mit einem solchen Requisitorium kann es ihm nie langweilig werden.
Lassen wir Ihre Kollegenschaft aus und kommen zur Musik. In den Submilieus, zwischen denen ich mich bewege, tobt gerade eine Debatte, ob die Hamburger V-Pulli-Band Blumfeld präsenil-privatistischen Pfadfinderpop produziert oder nach wie vor das Beste ist, was die deutschsprachige Jugendmusik im letzten Dezennium hervorgebracht hat. Haben Sie eventuell dazu eine Meinung?
Nein, die neue Platte habe ich noch nicht gehört. Bei der letzten hatte ich den Eindruck, dass die Musiker unfrei sind, sehr eingeengt, verzagt und ängstlich, dass sie sich darauf angewiesen fühlten, durch Reduktionismus beeindrucken zu müssen, obwohl sie möglicherweise mehr könnten. Verängstigte Künstler sind aber nichts, was mich beeindruckt.
Und wie steht’s mit Morrissey? Er war ja in den letzten Wochen auf dem Cover von jedem zweiten Popmagazin. Ich habe manches davon gelesen, unter anderem, dass Morrissey jetzt in Rom lebt, einen Penis hat und nicht mehr ganz so böse aufs Leben ist. Eines habe ich allerdings nicht kapiert: Woran genau er die letzten Jahrzehnte hat leiden müssen und was daran interessant ist. Wissen Sie’s?
Nein. Litt er mehr als üblich? Ich habe in seinen Texten nur angemessene Mengen menschlich verständlichen Leides vorgefunden und durchaus sowohl Komik als auch Humor. Er schreibt gute Texte. Aber diese ärmliche Musik! Ein Beispiel: In dem einen Smiths-Stück singt doch ein Kinderchor „Hang the DJ“. Nun ja, Kinder, die was Grausames singen: ein sehr simpler satirischer Effekt. Genauer gesagt, ein Effekt, der dem „Schwarzen Humor“ zuzurechnen ist, einem extrem verstaubten Kulturphänomen der Sechzigerjahre. Und diesen Kinderchoreffekt setzt er auf seiner neuen Platte bei drei Stücken ein. Da kann sich Tony Visconti noch so sehr Mühe geben mit der Produktion, die Grundlage ist einfach zu dürftig.
Kinder sollen lieber nette Gedichte aufsagen! Herr Goldt, nächsten Sonntag ist ja Muttertag: Wissen Sie schon, wie Sie ihn zubringen werden?
Nicht am Grab meiner Mutter.
Max Goldt liest am 18. und 19.5., 20 Uhr, im Wuk (9., Währinger Straße 59).
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nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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