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Nordkorea am Plabutsch

Die Künstlergruppe G.R.A.M. kann sich im Moment vor Ausstellungen kaum retten. Ein Porträt.
 
Falter 25/2006 vom 21.6.2006
Ressort Feuilleton > Kunst
Autor Franz Niegelhell


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Kim Jong Il ist wie so oft von blühenden Bäumen und Blumen umgeben. Und wie so oft wird „Genosse General“ von einem heldenhaft in die Zukunft blickenden Menschen begleitet. Und auch sonst ist auf dem Foto alles, wie es immer ist. Das Pathos seiner Körpersprache und die Art der Aufstellung der Personen rund um den nordkoreanischen Diktator kommen dem Betrachter vertraut vor. Schaut man genauer hin, so wird ersichtlich, dass nichts davon wahr ist. Aufgenommen wurde das Bild westlich von Graz, am Plabutsch. Dort wurden einige der spärlichen, in den Westen freigegebenen Selbstdarstellungen des „geliebten Leiters“ von der Künstlergruppe G.R.A.M. nachgestellt. Der Falter traf G.R.A.M. in einem Grazer Café, um sie nach ihren künstlerischen Prinzipien zu befragen. Dabei stellt der G.R.A.M.-Künstler Günther Holler-Schuster gleich die rhetorische Frage: „Ist es ein Hochzeitsfoto von Homosexuellen oder das Foto einer Erstkommunion von viel zu alten Männern, ein Diktatorenfoto oder das Foto einer Reisegruppe?“ – „Dasselbe Bild kann von verschiedenen Personen völlig unterschiedlich wahrgenommen werden“, ergänzt sein Kollege Martin Behr. Dieses Spiel mit der Vieldeutigkeit treiben G.R.A.M., seit es sie gibt.
Seit fast zwanzig Jahren spielen G.R.A.M. in ihrer Kunst auf unterschiedliche Weise mit den Funktionen medialer Bilder. Gegründet wurde die Künstlergruppe 1987 in Graz von Günther Holler-Schuster, Ronald Walter, Armin Ranner und Martin Behr. Durch diverse berufliche und private Entwicklungen ist das Kollektiv seit etwa zehn Jahren auf Martin Behr und Günther Holler-Schuster geschrumpft. Beide haben „bürgerliche“ Berufe, Holler-Schuster ist Kurator in der Grazer Neuen Galerie, Behr ist Journalist bei den Salzburger Nachrichten und managt die Grazer Redaktion des Blattes.
Die Kunst des Duos besteht oft aus einem persiflierenden Wiederholen von in unsere Wahrnehmung eingebrannten Sujets, mit denen die beiden gängige Produktionsmechanismen von medialer Wirklichkeit thematisieren. G.R.A.M. haben etwa auch den im Mausoleum aufgebahrten einbalsamierten toten Lenin nachgestellt. Oder die Las-Vegas-Showstars Siegfried und Roy mit ihrem weißen Tiger. Mittlerweile tun G.R.A.M. das so erfolgreich, dass Arbeiten der Gruppe zurzeit gleich in mehreren europäischen Städten zu sehen sind. So sind sie etwa bei der Art Basel vertreten. Und im Genfer Centre de la Photographie ist ihr Film- und Fotoprojekt „Allhamduleilah“ – nachgestellte Terrorvideos – zu sehen. Anfang Juli werden zwei weitere Ausstellungen eröffnet: „Fußballfreie Zone“, ab 4. Juli in der Galerie der Stadt Wels. Und in einer Einzelausstellung in der Wiener Galerie Christine König ist die Gruppe ab 7. Juli mit „Global Player“ vertreten. In diesem Rahmen werden nicht nur die Fotos von Kim Jong Il zu sehen sein, sondern auch eine Reihe von Bildern, die Parallelen zwischen Politik, Wirtschaft, aber auch Kunst zeigen sollen. Für die Gruppe liegen dem, wie sich der nordkoreanische Diktator präsentiert, und dem, wie sich die Bosse multinationaler Konzerne gebärden, dieselben Mechanismen zugrunde, es seien ähnliche Pathosformeln.
In ihrem umfangreichen Œuvre hat sich die Gruppe bisher auch vielschichtiger Ausdrucksmittel und Medien bedient. So haben sie etwa 1994 Hermes Phettberg nach Graz eingeladen. „Hermes Phettberg am Klo“ verkündete damals ein Plakat in leuchtenden Lettern, um auf eine Art öffentliche Großveranstaltung am Autobahnstumpf Graz-West hinzuweisen, damals einem Park-and-ride-Gelände, wo sich Phettberg in einem öffentlichen Pissoir zum Anuriniertwerden verfügbar machte.

Bei der letzten Diagonale in Graz waren sie mit dem Kurzfilm „Schaumkonzert“ vertreten, wo sie mit Champagner herumgespritzt haben. Dieser Film ist momentan in Eupen in Belgien im Rahmen der Ausstellung „Österreichische Kunst am oberen Tassenrand“ zu sehen. Er zeigt Szenen, wie sie im TV nach einem Formel-1-Sieg zu sehen sind, wenn sich die Preisträger mit Champagner bespritzen. Die Handlung wird aber in den Bereich der bildenden Kunst übertragen – in die Blütezeit der Performance-Art der Fünfziger- und Sechzigerjahre: Behr und Holler-Schuster tragen klassische weiße Hemden und schwarze Hosen. Und die Aufnahmen sind in Schwarz-Weiß gehalten. „Die Bilder sind also je nach inhaltlichem Background, den man hat, verschieden lesbar. Wenn man solche Dinge wie in den Sechzigerjahren aufführt, dann bekommen die so etwas Tantztheater-Slapstickartiges“, beschreibt Holler-Schuster ihren Ansatz.
„Wir gehen davon aus, dass das Performancekunst ist“, sagt Behr auf die Frage nach der Gemeinsamkeit ihrer unterschiedlichen Arbeiten. Und er ergänzt: „Die alte Gleichung ‚Kunst ist Leben, Leben ist Kunst‘ ist hier auf ironische Art erfüllt.“ Vor einigen Jahren haben sie das berühmte Foto der Erschießung eines Soldaten im Vietnamkrieg nachgestellt. „Da wurde darüber diskutiert, ob man das nachstellen darf. Aber genau wenn man sich solche Fragen stellt, dann ist unsere Kunst relevant“, sagt Behr und erklärt: „Uns geht es um den Schein, um das Als-ob. Wir stellen das Foto einer Aktion in einem Fotostudio nach, sind geschminkt und wollen an der Oberfläche etwas auslösen. Es geht nicht darum, dass wir gramgeschüttelt sind ob der Repressalien unserer Gesellschaft.“
„Von der Motivinteressenlage stehen wir außerhalb der Kunst“, sagt Holler-Schuster und meint: „Die Arbeit der Aktionisten war noch eine deutliche Referenz auf die Kunst und Kunstgeschichte. Gegenwärtig geht es aber mehr um die profane Bildwelt, um Pressefotos und Medienbilder.“ Dieses Spiel mit den Medienbildern nimmt vielfältige Formen an. Eine ganz konzise ist etwa ihre derzeitige Ausstellung von Pressefotos „Abdruck honorarfrei“ in Linz in der Galerie der Künstlervereinigung MAERZ. Dort zeigen sie Relikte aus ihrer Pressefotosammlung – einige Tausend Stück. „Die haben wir zu Gruppen zusammengefügt, wo man diese Lächerlichkeit der Selbstdarstellung deutlich sieht“, sagt Behr.

Im Prinzip sind dabei alle bilderzeugenden Medien, Mittel und Verbreitungssysteme interessant. „Es ist nicht unser Hauptanliegen, Medien gegeneinander in Position zu bringen. Wir sind in keiner Spartenszene verhaftet. Wir machen Filme, sind aber nicht in der Filmszene. Wir machen Fotos, die offizielle Fotoszene akzeptiert uns nicht. Im Ausland werden wir in fotorelevanten Museen ausgestellt. Wir bedienen uns der Medien, aber sind nirgendwo fix verhaftet“, erzählt er weiter.
G.R.A.M. beherrschen dagegen das ironische Spiel mit den Medien. Alle Elemente der Arbeiten entstammen aus der Medienrealität. So entstammt auch das Cover dieser Nummer einer Nachstellung – wie eine Woche zuvor das berühmte Künstlerpaar Gilbert & George stellten sich die beiden vor das Grazer Kunsthaus (zu sehen im Falter 24/06). Ein wichtiger Entwicklungsschritt für G.R.A.M.s diesbezügliche Arbeit war ein Stipendienaufenthalt in Los Angeles 1997. Dort begannen sie Nachbarn so zu fotografieren, als ob sie Stars wären. Daraus ging ein mittlerweile ziemlich berühmter Werkblock hervor, die sogenannten „Paparazzi“-Fotos. Da ist nirgends ganz klar, ob es sich um die Dokumentation eines Drogendeals handelt oder nur ein Nachbar, der in der Früh die Fahrt zur Arbeit antritt, zu sehen ist. Ergänzt wurden die Aufnahmen durch Fotos wirklicher Stars, wie etwa Johnny Depp, der ihnen einmal auf einer Party vor die Linse kam.
2002 befassten sie sich in der Wiener Galerie Christine König mit einem Höhepunkt der historischen Aktionskunst, wo Holler-Schuster und Behr unter dem Titel „Wiener Blut“ berühmte Szenen aus dem Fundus des Wiener Aktionismus nachgestellt haben. Logischerweise gingen sie dabei nicht von der Aktion selbst aus, sondern von fotografischen Dokumentation von Aktionen. Wütende Leserbriefe von Günher Brus und Hermann Nitsch waren damals die Folge. Da passt es ganz gut, dass sie vor kurzem im burgenländischen Museum Friedrichshof, einem früheren Epizentrum der Aktionisten, eine Ausstellung eröffnet haben. Heute gibt es dort ein Seminarhotel, ein paar der früheren Kommunarden leben noch dort. Ihm Rahmen der Eröffnung wurden Behr und Holler-Schuster gefragt, wie denn das zu verstehen sei, dass sie selber keine Aktionen machen. „Uns geht es nicht darum, dass wir dieses Leid der Repressalien durch Kirche und Staat erleiden. Das haben wir 2006 nicht“, erklärt Behr. Holler-Schuster ergänzt: „Es ist schon witzig, wenn man diese Errungenschaften der Avantgarde anwendet. Wenn man sie wörtlich nimmt. Wir haben gelernt, man muss nicht Kunst ausüben, um Künstler zu sein, dann machen wir es auch nicht selber. Dann kommt von vielen Seiten der Vorwurf, es ist halt doch ein Manko, dass ihr es nicht selber macht.“ G.R.A.M. nehmen diese kunsthistorischen Errungenschaften ernst. Es gibt wenig, das selbst gemacht ist. Wenn es ins Konzept passt, werden auch andere Künstler eingeladen, so etwa für ein Projekt im steirischen herbst. Da wird ein Künstler für die Gruppe Zeichnungen anfertigen.
Eines ihrer nächsten Projekte veranschaulicht das auch. Bevor sie von Oktober bis Dezember nach China gehen, werden sie einen Film von Charlie Chaplin nachdrehen. Und zwar seinen ersten Film. Im Kurzfilm „Kid Auto races at Venice“, den er 1914 gedreht hat, tut Chaplin nichts anderes, als sich bei einer Sportveranstaltung in die Kamera zu drängen. „Chaplin hat schon früh erkannt, worauf es ankommt, und hat seinen wichtigsten Film schon ganz am Anfang gemacht“, erklärt Holler-Schuster. Der Film sei „ein geniales Statement, das weithin unbekannt ist und ganz in unserem Sinn ist, nämlich mit einer Geste des Humors eine ernsthafte Problematik aufzuzeigen.“ Als Plattform für ihren Film wird das Grazer Altstadtkriterium dienen.
Ihr jetziger Erfolg habe auch damit zu tun, dass es so etwas gäbe wie eine Konsolidierung des Spaßes. „Wir hatten früher den Ruf, Teil einer Spaßkultur zu sein“, meint Holler-Schuster. Ihnen gehe es vielmehr um eine Ernsthaftigkeit, die im Humor liegt. „Jetzt wird es positiv bewertet, dass wir in die Ernsthaftigkeit der Kunst auch Humor einbringen“. Beide schmunzeln.
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