„Die Ehe ist mir heilig“
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Nach der Schweinsbratlaffäre lässt sich Andrea Kdolsky lieber während des Gemüseverzehrs beim Innenstadt-Vegetarier Wrenkh befragen. Als die 43-jährige Anästhesistin und Spitalsmanagerin der Niederösterreichischen Landeskliniken Holding von der ÖVP zur Gesundheits- und Familienministerin berufen wurde, tappte sie gleich in mehrere journalistische Fallen: Sie gab vor Medienleuten nicht nur zu, sich gelegentlich eine Zigarette anzurauchen, nein, sie outete sich auch noch als \"leidenschaftliche Schweinsbratenesserin\" - und sorgte damit für blankes Entsetzen, obwohl sich das halbe Land gern von geschmortem Tier ernährt. Trotzdem halten der schwarze Vizekanzler und ihre Parteikollegen zu Kdolsky, verkörpert die resolute Wienerin doch jenen neuen Frauentypus, für den die Volkspartei künftig attraktiver werden will: berufstätig, urban, mit unkonventionellen Ideen. Im Gespräch erzählt die Ministerin nicht nur von ihrem 16-Stunden-Tag und ihrem Hausmann, sondern auch von ihrem plätschernden Feng-Shui-Brunnen.
Falter: Frau Minister, Ihr Kollege Erwin Buchinger hat für sein Amt schon Haare gelassen, Sie haben dafür Ihre letzte Zigarette ausgedämpft. Was kommt als Nächstes - Vorturnen frei nach Ilse Puck?
Andrea Kdolsky: Sicher nicht! Ich sehe einen klaren Unterschied zwischen einem Friseurbesuch und dem Ausüben einer Vorbildfunktion. Weil ich ein grundehrlicher Mensch bin, habe ich zum Amtsantritt auf eine Journalistenfrage geantwortet, dass ich eine Gelegenheitsraucherin bin, obwohl ich weiß, dass das nicht gesund ist. Um als Gesundheitsministerin mit gutem Beispiel voranzugehen, habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Einen öffentlichen Friseurbesuch dagegen finde ich für einen Minister unangebracht. Da frage ich mich: Sind das die Inhalte?
Nachdem aufgekommen war, dass Sie die \"politische Verklärung der Mutterschaft\" angeprangert haben, herzten Sie aber auch bei einem Krankenhaustermin ostentativ Kinder. Laut Apa beruhigten Sie ein schreiendes Baby sogar mit ihrem \"berüchtigten Griff\". Würden Sie uns den demonstrieren?
Meine Bekannten waren ganz hingerissen davon, als ich ihnen den beigebracht habe. Es ist ganz einfach: Wenn Babys am Rücken liegen müssen, fühlen sie sich nicht wohl und schreien, weil ihr Blickfeld sehr eingeschränkt ist - leicht verständlich, denn wer bestaunt denn schon gerne länger den Plafond? Daher nehme ich Kinder stets so auf meinen Unterarm, Bauch nach unten, Kopf nach vorne, damit sie alles sehen können, was rund um sie geschieht ...
Arme und Beine baumeln nach unten?
Genau. Die Aussagen in dem Buch, die für Wirbel sorgten, stammten übrigens aus einem Interview, das ich einer lieben Freundin vor drei Jahren gegeben habe. Es ging dabei um die Höhen und Tiefen, die man als Frau durchmacht, wenn man keine Kinder bekommen kann. Wenn man die Sätze aus dem Zusammenhang reißt, kann man leicht missverstanden werden. Daher noch einmal: Ich selbst konnte und kann mit Kindern immer sehr gut.
Ihre Partei lamentiert seit Jahren, dass sich die Österreicher zu wenig fortpflanzen. Ex-Ministerin Elisabeth Gehrer war für \"Kinder statt Partys\". Ihr Rezept?
Das wäre wieder so ein Sager, den man dann schnell umgehängt bekommen kann. Daher sage ich, dass das Problem nicht so einfach zu lösen ist. Laut einer aktuellen Studie ist der Wunsch nach eigenen Kindern bei 58 Prozent der Jugendlichen \"sehr groß\", 12 Prozent der Burschen und 13 Prozent der Mädchen wollen Kinder \"eher wenig\" oder \"gar nicht\". Wir wissen auch, dass Kinderkriegen bei vielen jungen Menschen mit finanziellen Ängsten verbunden ist und als Karrierehindernis gesehen wird. Wir müssen daran arbeiten, dass Familie wieder als Bereicherung empfunden wird. Dafür möchte ich mir Modelle einfallen lassen, wonach junge Familien mit mehreren Kindern besonders gefördert werden. Siehe Frankreich: Dort gibt es unter anderem genügend Betreuungsplätze und man sieht, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein Problem sein muss.
Und was ist mit dem Konzept Zuwanderung?
Das empfinde ich als hässlichen Begriff. Freilich gibt es in Europa einen Austausch von Fach- und Arbeitskräften und daraus resultiert, dass wir auch zusätzliche junge Menschen im Land haben ...
Wir haben damit nicht die EU-Kräfte gemeint, sondern die klassische Gastarbeiterfamilie aus der Türkei, der der Familiennachzug oft unnötig erschwert wird.
Wie Sie aus meinen Aussagen wissen, will ich niemanden diskriminieren. Aber sind\'S mir nicht bös\': Zuwanderer als eine Art Gebärmaschine zu begreifen, finde ich nicht sehr passend. Für das Problem der Kinderlosigkeit braucht es ein Gesamtkonzept.
Mittlerweile wird jede zweite Ehe in Wien geschieden. Woran liegt das - weil die Frauen immer renitenter werden?
Wieder so ein schönes Wort! Nein, ich schätze gebildete, starke Frauen, aber natürlich birgt ihr Selbstbewusstsein auch Gefahren in sich - nämlich, dass sie jederzeit gehen können, weil sie nicht mehr wie früher wegen ökonomischer oder gesellschaftlicher Abhängigkeiten bei ihren Männern bleiben müssen, wenn sie leiden. Aber es gibt in unserer schnellen Zeit auch eine Tendenz zu raschen Problemlösungen. Deswegen muss man den Menschen auch wieder einen Begriff, der aus der Psychologie stammt, in Erinnerung rufen - die \"Beziehungsarbeit\". Stattdessen lassen sich viele nach einem harten Tag lieber vom Fernseher berieseln.
Laut Untersuchungen sprechen Eheleute am Abend oft nur ein paar Minuten miteinander.
Und da liegt das Problem! Das Wichtigste ist die Kommunikation. Eine Ehe ist ja nicht eine bloße Wirtschaftsgemeinschaft, sie muss auch Krisen aushalten können und Halt geben. Sonst wär\'s ja nicht mehr spannend. Das gilt im Übrigen für jede Partnerschaft.
Warum ist der ÖVP dann die Ehe immer noch so heilig?
Ich gebe zu: Bei aller Modernität ist auch mir die Ehe heilig. Als christlich-sozialer Mensch ist das Ja zueinander ein ganz besonderer Moment. Es ist für mich eine sehr atmosphärische Sache, ich kann das nicht sachlich argumentieren.
Wer wäscht eigentlich bei Ihnen zu Hause das Geschirr ab?
Da kann ich ganz locker sagen: Der Geschirrspüler. Und den räumt mein Ehemann aus und ein.
Gratuliere, wie haben Sie das geschafft?
Entschuldigung, bitte: Wann soll ich\'s tun? Derzeit stehe ich jeden Tag um fünf Uhr dreißig auf und heute geht das mit den Terminen bis etwa 21.30 Uhr. Deswegen bin ich dagegen, gesetzliche Vorgaben für etwas zu schaffen, dass sich in den eigenen vier Wänden abspielt.
Sie meinen Halbe-Halbe?
Natürlich. Im Moment wäre ich diejenige, die zur Zwangsarbeit herangezogen werden könnte, wenn wir 50-50 machen müssten. Denn mein Mann managt den Haushalt zu hundert Prozent. Es hat in unserer Ehe aber auch andere Phasen gegeben, wo er bis in die Nacht hinein gearbeitet hat und ich diese Dinge machte.
Die ÖVP will flotter werden, der schwarze Chefideologe Josef Pröll hat aber zu Beginn des Reformprozesses gleich betont: \"Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren.\" Warum darf man darüber nicht einmal diskutieren?
Diese Diskussion läuft ohnehin schon die ganze Zeit über. Zu dem Thema habe ich eine sehr stark von Kinder- und Entwicklungspsychologen geprägte Ansicht. Experten sagen mir, dass es für die Entwicklung eines Kindes positiv ist, wenn es mit einem männlichen und einem weiblichen Part aufwächst. Ist ein Teil nicht vorhanden, kommt es zu Problemen, wie man etwa an Kindern von Alleinerzieherinnen sieht ...
... und auch am Nachwuchs von Familienvätern, die nie daheim sind.
Stimmt. Ich selbst komme aus einem geschiedenen Elternhaus und habe besonders mit 15, 16 meinen Vater als sicheren Hafen und Anker vermisst. Vielleicht braucht es aber alles, damit man sich als 18-Jährige nicht einen 54-Jährigen als Freund nimmt.
Experten sagen aber auch, es sei für die Entwicklung eines Kindes unerheblich, ob es zwei Väter hat, wenn der weibliche Part von jemand anderem übernommen wird, wie etwa der Oma oder einer Freundin.
Ich habe viele gleichgeschlechtlich liebende Freunde - ich hab da keine Berührungsängste - nur sehe ich auch, dass da nicht immer gleich starke Familienstrukturen vorhanden sind.
Gemeinsam mit Frauenministerin Doris Bures wollen Sie Alleinerzieherinnen beim Bezug des Kindergeldes besser stellen. Werden da nicht wieder die konservativen Familienverbände aufmucken?
Ich habe schon ein Treffen mit allen organisiert, weil ich mir gesagt habe: Bevor von hinten geschossen wird, steige ich von vorne in den Ring. Deswegen habe ich mich vergangene Woche in Niederösterreich mit den Vertretern der Familienverbände beraten. Auf das haben wir uns geeinigt: Bei allen Idealvorstellungen von Familie gibt es andere Realitäten, wie etwa Patchworkfamilien. Als Politikerin bin nicht dazu da, meinen Ideologien zu frönen, sondern Rahmenbedingungen für alle zu schaffen. Ich möchte Frauen das schlechte Gewissen nehmen. Derzeit können Mütter es niemandem recht machen. Bleiben sie bei den Kindern zu Hause, heißt es, sie seien faul und hätten nichts anderes gelernt. Gehen sie arbeiten, bezeichnet man sie als Rabenmütter.
Männerminister Buchinger möchte mit Ihnen Projekte zur \"Förderung der Männergesundheit\" angehen. Wie krank ist das starke Geschlecht wirklich?
Ich orte schon bei den Burschen eine gewisse Orientierungslosigkeit. Heutzutage verlangt man von einem jungen Mann, eine eierlegende Wollmilchsau zu sein. Er soll liebevoller Vater, Metromann, duftender Beautyfarmbesuchender sein - und bei all dem seine männliche Dominanz bewahren. Das Jahrmillionen geprägte Bild des Mannes funktioniert nicht mehr: der Ernährer, der das Sagen hat, der Jäger, der der Antilope nachrennt - und das ist es. Die Frauen haben ja damals schon darauf geschaut, dass das Feuer nicht ausgeht, die Kinder und die Kleintiere nicht weglaufen, die Alten nicht in die Bärenfalle tappen, Multitasking quasi. Wie auch heute, wenn sie am Herd stehen, ein Kind am Arm, den Telefonhörer unterm Kinn. Das können die meisten Männer nicht. Doch sie haben Frauen, die nun auch jagen gehen, sprich Karriere machen. Wie viele Männer verkraften das? Neben dem emotionalen Umdenken brauchen wir aber auch eine Neuorientierung im Gesundheitsbereich. Männer kümmern sich ja kaum um Prävention. Als ersten Schwerpunkt wollen wir die Prostatavorsorgeuntersuchungen forcieren. Und eines möchte ich schon klarstellen: Die Gesundheitsthemen - auch beim Mann - fallen auch weiterhin ausschließlich in mein Ressort.
Der EU-Gesundheitskommissar will nun ein unionweites Rauchverbot, Justizministerin Maria Berger hat bereits klargestellt, dass sie für derartige Restriktionen \"keine Rechtsgrundlage\" sieht. Und Sie?
Berger liegt völlig richtig, die EU hat hier auf die Ländergesetzgebung keinen Einfluss. In Österreich gibt es schon klare Regeln und Verbote in Lokalen und öffentlichen Gebäuden, mit denen man zeigt, dass Rauchen schädlich ist. Aber ich werde sicher nicht zulassen, dass man Raucher diskriminiert. Vor kurzem habe ich in der \"Zeit im Bild 1\" gesehen, dass in Brüssel die Jugendlichen am Schulhof einen Sticker mit schwarzen Lungen tragen müssen, wenn sie dort rauchen wollen. Da ist mir die Ganslhaut runtergelaufen. Das erinnert mich frappant an die Stigmatisierung von Menschen mit Zeichen. Das hat es schon einmal gegeben und das möchte ich unter gar keinen Umständen mehr haben.
Sie sind mit einem Unfallchirurgen verheiratet. Hand aufs Herz: Ist der Alkohol nicht viel gefährlicher als Zigaretten?
Ich möchte festhalten, dass der Alkohol sozial zerstört. Ich kenne keinen schweren Raucher, der seinen Job verloren hat, aber genug Alkoholkranke, denen das passiert ist. Ich kenne auch keinen schweren Raucher, dessen Familie dadurch zerrüttet wurde, wohl aber furchtbare Familiengeschichten rund um alkoholkranke Menschen. Ihre Krankheit hat einen direkten Einfluss auf das Umfeld. Das heißt jetzt allerdings nicht, dass ich bei den beiden Süchten eine Unterscheidung in der gesundheitlichen Gefährdung mache.
Frage an die Medizinerin: Ab wann ist man Alkoholiker?
Ich definiere es so: Wenn es jemand braucht, nicht ohne sein kann, beginnt, danach zu suchen, sobald es nicht da ist. Wenn man in Problemsituationen automatisch danach greift oder es aber gar keinen direkten Anlass mehr dafür gibt, wenn man nur mehr mit diesem Suchtmittel aufstehen, arbeiten, leben kann. Und sobald man es einmal weglässt, körperliche Symptome hat.
Ist das Glasl Rotwein am Abend tatsächlich so gesund, wie viele Ärzte ständig behaupten?
An sich ist gegen österreichischen Wein nichts zu sagen. Meine Großmutter zum Beispiel hat jeden Tag zu Mittag ein Achtel Rot getrunken. Mit Leidenschaft, das hat sie mit Lebenslust genossen, sie ist dann leider mit 96 gestorben. Es ist so wie mit dem Schweinsbraten oder der Zigarette - es geht immer um das richtige Maß.
Angeblich haben Sie Ihre Büromöbel nach Fengh-Shui-Regeln arrangiert ...
Richtig. Ich habe sehr schöne Pflanzen, die für den freien Fluss von Energien empfohlen werden. Und bei mir dominiert Rot, weil diese Farbe nicht nur Dynamik, sondern auch Zufriedenheit und Ruhe birgt. In meinem Büro in St. Pölten hatte ich auch einen plätschernden Brunnen, aber der hat dort einige meiner Kollegen eher nervös gemacht.
Sind Sie dann auch ein Fan von chinesischer Medizin?
Die chinesische Medizin hat eine Tradition, die ich mir auch für unser Gesundheitssystem wünschen würde. Im alten China wurden die Ärzte nicht dafür bezahlt, einen Patienten zu heilen, sondern dafür, ihn gesund zu erhalten. Wenn dieser krank wurde, hat der Mediziner nichts mehr gekriegt. Wenn ich das aber jetzt für unsere Ärzte empfehlen würde, gäbe es Proteste. Daher appelliere ich an die Ärzteschaft, bei ihren Diagnosen auch den ganzheitlichen Gedanken miteinzubeziehen.
Werden in Österreich zu schnell zu viele Medikamente verschrieben?
Ich glaube schon. Auch, weil die Ärzte oft dem Anspruch der Patienten Rechnung tragen, die sich gut betreut fühlen, sobald sie genügend Medikamente bekommen. Dazu kommt eine gewisse Abhängigkeit gegenüber der Pharmaindustrie, die einem oft ein spezielles Medikament als das Heilmittel präsentiert, von dem sich ein halbes Jahr später herausstellt, dass es das gar nicht ist. Deswegen brauchen wir mehr Langzeitstudien, an denen sich die Ärzte und Ärztinnen orientieren können.
Mit seiner zögerlichen Abgrenzung zum rechten Rand sorgte FPÖ-Chef HC Strache wieder einmal für Aufregung. Zu Ihrer Exschwiegerfamilie zählten auch schlagende Burschenschafter. Gab\'s deswegen bei Familienfeiern deftige Debatten?
Durchaus, das ist nicht meine Welt. Es hat immer wieder Diskussionen gegeben - und letztendlich ist das Ergebnis ja bekannt.
Auch wenn Sie nun im Wrenkh sitzen: Wer macht für Sie den feinsten Schweinsbraten?
Meine beste Freundin Martina, eine Krankenschwester.
Falter: Frau Minister, Ihr Kollege Erwin Buchinger hat für sein Amt schon Haare gelassen, Sie haben dafür Ihre letzte Zigarette ausgedämpft. Was kommt als Nächstes - Vorturnen frei nach Ilse Puck?
Andrea Kdolsky: Sicher nicht! Ich sehe einen klaren Unterschied zwischen einem Friseurbesuch und dem Ausüben einer Vorbildfunktion. Weil ich ein grundehrlicher Mensch bin, habe ich zum Amtsantritt auf eine Journalistenfrage geantwortet, dass ich eine Gelegenheitsraucherin bin, obwohl ich weiß, dass das nicht gesund ist. Um als Gesundheitsministerin mit gutem Beispiel voranzugehen, habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Einen öffentlichen Friseurbesuch dagegen finde ich für einen Minister unangebracht. Da frage ich mich: Sind das die Inhalte?
Nachdem aufgekommen war, dass Sie die \"politische Verklärung der Mutterschaft\" angeprangert haben, herzten Sie aber auch bei einem Krankenhaustermin ostentativ Kinder. Laut Apa beruhigten Sie ein schreiendes Baby sogar mit ihrem \"berüchtigten Griff\". Würden Sie uns den demonstrieren?
Meine Bekannten waren ganz hingerissen davon, als ich ihnen den beigebracht habe. Es ist ganz einfach: Wenn Babys am Rücken liegen müssen, fühlen sie sich nicht wohl und schreien, weil ihr Blickfeld sehr eingeschränkt ist - leicht verständlich, denn wer bestaunt denn schon gerne länger den Plafond? Daher nehme ich Kinder stets so auf meinen Unterarm, Bauch nach unten, Kopf nach vorne, damit sie alles sehen können, was rund um sie geschieht ...
Arme und Beine baumeln nach unten?
Genau. Die Aussagen in dem Buch, die für Wirbel sorgten, stammten übrigens aus einem Interview, das ich einer lieben Freundin vor drei Jahren gegeben habe. Es ging dabei um die Höhen und Tiefen, die man als Frau durchmacht, wenn man keine Kinder bekommen kann. Wenn man die Sätze aus dem Zusammenhang reißt, kann man leicht missverstanden werden. Daher noch einmal: Ich selbst konnte und kann mit Kindern immer sehr gut.
Ihre Partei lamentiert seit Jahren, dass sich die Österreicher zu wenig fortpflanzen. Ex-Ministerin Elisabeth Gehrer war für \"Kinder statt Partys\". Ihr Rezept?
Das wäre wieder so ein Sager, den man dann schnell umgehängt bekommen kann. Daher sage ich, dass das Problem nicht so einfach zu lösen ist. Laut einer aktuellen Studie ist der Wunsch nach eigenen Kindern bei 58 Prozent der Jugendlichen \"sehr groß\", 12 Prozent der Burschen und 13 Prozent der Mädchen wollen Kinder \"eher wenig\" oder \"gar nicht\". Wir wissen auch, dass Kinderkriegen bei vielen jungen Menschen mit finanziellen Ängsten verbunden ist und als Karrierehindernis gesehen wird. Wir müssen daran arbeiten, dass Familie wieder als Bereicherung empfunden wird. Dafür möchte ich mir Modelle einfallen lassen, wonach junge Familien mit mehreren Kindern besonders gefördert werden. Siehe Frankreich: Dort gibt es unter anderem genügend Betreuungsplätze und man sieht, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein Problem sein muss.
Und was ist mit dem Konzept Zuwanderung?
Das empfinde ich als hässlichen Begriff. Freilich gibt es in Europa einen Austausch von Fach- und Arbeitskräften und daraus resultiert, dass wir auch zusätzliche junge Menschen im Land haben ...
Wir haben damit nicht die EU-Kräfte gemeint, sondern die klassische Gastarbeiterfamilie aus der Türkei, der der Familiennachzug oft unnötig erschwert wird.
Wie Sie aus meinen Aussagen wissen, will ich niemanden diskriminieren. Aber sind\'S mir nicht bös\': Zuwanderer als eine Art Gebärmaschine zu begreifen, finde ich nicht sehr passend. Für das Problem der Kinderlosigkeit braucht es ein Gesamtkonzept.
Mittlerweile wird jede zweite Ehe in Wien geschieden. Woran liegt das - weil die Frauen immer renitenter werden?
Wieder so ein schönes Wort! Nein, ich schätze gebildete, starke Frauen, aber natürlich birgt ihr Selbstbewusstsein auch Gefahren in sich - nämlich, dass sie jederzeit gehen können, weil sie nicht mehr wie früher wegen ökonomischer oder gesellschaftlicher Abhängigkeiten bei ihren Männern bleiben müssen, wenn sie leiden. Aber es gibt in unserer schnellen Zeit auch eine Tendenz zu raschen Problemlösungen. Deswegen muss man den Menschen auch wieder einen Begriff, der aus der Psychologie stammt, in Erinnerung rufen - die \"Beziehungsarbeit\". Stattdessen lassen sich viele nach einem harten Tag lieber vom Fernseher berieseln.
Laut Untersuchungen sprechen Eheleute am Abend oft nur ein paar Minuten miteinander.
Und da liegt das Problem! Das Wichtigste ist die Kommunikation. Eine Ehe ist ja nicht eine bloße Wirtschaftsgemeinschaft, sie muss auch Krisen aushalten können und Halt geben. Sonst wär\'s ja nicht mehr spannend. Das gilt im Übrigen für jede Partnerschaft.
Warum ist der ÖVP dann die Ehe immer noch so heilig?
Ich gebe zu: Bei aller Modernität ist auch mir die Ehe heilig. Als christlich-sozialer Mensch ist das Ja zueinander ein ganz besonderer Moment. Es ist für mich eine sehr atmosphärische Sache, ich kann das nicht sachlich argumentieren.
Wer wäscht eigentlich bei Ihnen zu Hause das Geschirr ab?
Da kann ich ganz locker sagen: Der Geschirrspüler. Und den räumt mein Ehemann aus und ein.
Gratuliere, wie haben Sie das geschafft?
Entschuldigung, bitte: Wann soll ich\'s tun? Derzeit stehe ich jeden Tag um fünf Uhr dreißig auf und heute geht das mit den Terminen bis etwa 21.30 Uhr. Deswegen bin ich dagegen, gesetzliche Vorgaben für etwas zu schaffen, dass sich in den eigenen vier Wänden abspielt.
Sie meinen Halbe-Halbe?
Natürlich. Im Moment wäre ich diejenige, die zur Zwangsarbeit herangezogen werden könnte, wenn wir 50-50 machen müssten. Denn mein Mann managt den Haushalt zu hundert Prozent. Es hat in unserer Ehe aber auch andere Phasen gegeben, wo er bis in die Nacht hinein gearbeitet hat und ich diese Dinge machte.
Die ÖVP will flotter werden, der schwarze Chefideologe Josef Pröll hat aber zu Beginn des Reformprozesses gleich betont: \"Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren.\" Warum darf man darüber nicht einmal diskutieren?
Diese Diskussion läuft ohnehin schon die ganze Zeit über. Zu dem Thema habe ich eine sehr stark von Kinder- und Entwicklungspsychologen geprägte Ansicht. Experten sagen mir, dass es für die Entwicklung eines Kindes positiv ist, wenn es mit einem männlichen und einem weiblichen Part aufwächst. Ist ein Teil nicht vorhanden, kommt es zu Problemen, wie man etwa an Kindern von Alleinerzieherinnen sieht ...
... und auch am Nachwuchs von Familienvätern, die nie daheim sind.
Stimmt. Ich selbst komme aus einem geschiedenen Elternhaus und habe besonders mit 15, 16 meinen Vater als sicheren Hafen und Anker vermisst. Vielleicht braucht es aber alles, damit man sich als 18-Jährige nicht einen 54-Jährigen als Freund nimmt.
Experten sagen aber auch, es sei für die Entwicklung eines Kindes unerheblich, ob es zwei Väter hat, wenn der weibliche Part von jemand anderem übernommen wird, wie etwa der Oma oder einer Freundin.
Ich habe viele gleichgeschlechtlich liebende Freunde - ich hab da keine Berührungsängste - nur sehe ich auch, dass da nicht immer gleich starke Familienstrukturen vorhanden sind.
Gemeinsam mit Frauenministerin Doris Bures wollen Sie Alleinerzieherinnen beim Bezug des Kindergeldes besser stellen. Werden da nicht wieder die konservativen Familienverbände aufmucken?
Ich habe schon ein Treffen mit allen organisiert, weil ich mir gesagt habe: Bevor von hinten geschossen wird, steige ich von vorne in den Ring. Deswegen habe ich mich vergangene Woche in Niederösterreich mit den Vertretern der Familienverbände beraten. Auf das haben wir uns geeinigt: Bei allen Idealvorstellungen von Familie gibt es andere Realitäten, wie etwa Patchworkfamilien. Als Politikerin bin nicht dazu da, meinen Ideologien zu frönen, sondern Rahmenbedingungen für alle zu schaffen. Ich möchte Frauen das schlechte Gewissen nehmen. Derzeit können Mütter es niemandem recht machen. Bleiben sie bei den Kindern zu Hause, heißt es, sie seien faul und hätten nichts anderes gelernt. Gehen sie arbeiten, bezeichnet man sie als Rabenmütter.
Männerminister Buchinger möchte mit Ihnen Projekte zur \"Förderung der Männergesundheit\" angehen. Wie krank ist das starke Geschlecht wirklich?
Ich orte schon bei den Burschen eine gewisse Orientierungslosigkeit. Heutzutage verlangt man von einem jungen Mann, eine eierlegende Wollmilchsau zu sein. Er soll liebevoller Vater, Metromann, duftender Beautyfarmbesuchender sein - und bei all dem seine männliche Dominanz bewahren. Das Jahrmillionen geprägte Bild des Mannes funktioniert nicht mehr: der Ernährer, der das Sagen hat, der Jäger, der der Antilope nachrennt - und das ist es. Die Frauen haben ja damals schon darauf geschaut, dass das Feuer nicht ausgeht, die Kinder und die Kleintiere nicht weglaufen, die Alten nicht in die Bärenfalle tappen, Multitasking quasi. Wie auch heute, wenn sie am Herd stehen, ein Kind am Arm, den Telefonhörer unterm Kinn. Das können die meisten Männer nicht. Doch sie haben Frauen, die nun auch jagen gehen, sprich Karriere machen. Wie viele Männer verkraften das? Neben dem emotionalen Umdenken brauchen wir aber auch eine Neuorientierung im Gesundheitsbereich. Männer kümmern sich ja kaum um Prävention. Als ersten Schwerpunkt wollen wir die Prostatavorsorgeuntersuchungen forcieren. Und eines möchte ich schon klarstellen: Die Gesundheitsthemen - auch beim Mann - fallen auch weiterhin ausschließlich in mein Ressort.
Der EU-Gesundheitskommissar will nun ein unionweites Rauchverbot, Justizministerin Maria Berger hat bereits klargestellt, dass sie für derartige Restriktionen \"keine Rechtsgrundlage\" sieht. Und Sie?
Berger liegt völlig richtig, die EU hat hier auf die Ländergesetzgebung keinen Einfluss. In Österreich gibt es schon klare Regeln und Verbote in Lokalen und öffentlichen Gebäuden, mit denen man zeigt, dass Rauchen schädlich ist. Aber ich werde sicher nicht zulassen, dass man Raucher diskriminiert. Vor kurzem habe ich in der \"Zeit im Bild 1\" gesehen, dass in Brüssel die Jugendlichen am Schulhof einen Sticker mit schwarzen Lungen tragen müssen, wenn sie dort rauchen wollen. Da ist mir die Ganslhaut runtergelaufen. Das erinnert mich frappant an die Stigmatisierung von Menschen mit Zeichen. Das hat es schon einmal gegeben und das möchte ich unter gar keinen Umständen mehr haben.
Sie sind mit einem Unfallchirurgen verheiratet. Hand aufs Herz: Ist der Alkohol nicht viel gefährlicher als Zigaretten?
Ich möchte festhalten, dass der Alkohol sozial zerstört. Ich kenne keinen schweren Raucher, der seinen Job verloren hat, aber genug Alkoholkranke, denen das passiert ist. Ich kenne auch keinen schweren Raucher, dessen Familie dadurch zerrüttet wurde, wohl aber furchtbare Familiengeschichten rund um alkoholkranke Menschen. Ihre Krankheit hat einen direkten Einfluss auf das Umfeld. Das heißt jetzt allerdings nicht, dass ich bei den beiden Süchten eine Unterscheidung in der gesundheitlichen Gefährdung mache.
Frage an die Medizinerin: Ab wann ist man Alkoholiker?
Ich definiere es so: Wenn es jemand braucht, nicht ohne sein kann, beginnt, danach zu suchen, sobald es nicht da ist. Wenn man in Problemsituationen automatisch danach greift oder es aber gar keinen direkten Anlass mehr dafür gibt, wenn man nur mehr mit diesem Suchtmittel aufstehen, arbeiten, leben kann. Und sobald man es einmal weglässt, körperliche Symptome hat.
Ist das Glasl Rotwein am Abend tatsächlich so gesund, wie viele Ärzte ständig behaupten?
An sich ist gegen österreichischen Wein nichts zu sagen. Meine Großmutter zum Beispiel hat jeden Tag zu Mittag ein Achtel Rot getrunken. Mit Leidenschaft, das hat sie mit Lebenslust genossen, sie ist dann leider mit 96 gestorben. Es ist so wie mit dem Schweinsbraten oder der Zigarette - es geht immer um das richtige Maß.
Angeblich haben Sie Ihre Büromöbel nach Fengh-Shui-Regeln arrangiert ...
Richtig. Ich habe sehr schöne Pflanzen, die für den freien Fluss von Energien empfohlen werden. Und bei mir dominiert Rot, weil diese Farbe nicht nur Dynamik, sondern auch Zufriedenheit und Ruhe birgt. In meinem Büro in St. Pölten hatte ich auch einen plätschernden Brunnen, aber der hat dort einige meiner Kollegen eher nervös gemacht.
Sind Sie dann auch ein Fan von chinesischer Medizin?
Die chinesische Medizin hat eine Tradition, die ich mir auch für unser Gesundheitssystem wünschen würde. Im alten China wurden die Ärzte nicht dafür bezahlt, einen Patienten zu heilen, sondern dafür, ihn gesund zu erhalten. Wenn dieser krank wurde, hat der Mediziner nichts mehr gekriegt. Wenn ich das aber jetzt für unsere Ärzte empfehlen würde, gäbe es Proteste. Daher appelliere ich an die Ärzteschaft, bei ihren Diagnosen auch den ganzheitlichen Gedanken miteinzubeziehen.
Werden in Österreich zu schnell zu viele Medikamente verschrieben?
Ich glaube schon. Auch, weil die Ärzte oft dem Anspruch der Patienten Rechnung tragen, die sich gut betreut fühlen, sobald sie genügend Medikamente bekommen. Dazu kommt eine gewisse Abhängigkeit gegenüber der Pharmaindustrie, die einem oft ein spezielles Medikament als das Heilmittel präsentiert, von dem sich ein halbes Jahr später herausstellt, dass es das gar nicht ist. Deswegen brauchen wir mehr Langzeitstudien, an denen sich die Ärzte und Ärztinnen orientieren können.
Mit seiner zögerlichen Abgrenzung zum rechten Rand sorgte FPÖ-Chef HC Strache wieder einmal für Aufregung. Zu Ihrer Exschwiegerfamilie zählten auch schlagende Burschenschafter. Gab\'s deswegen bei Familienfeiern deftige Debatten?
Durchaus, das ist nicht meine Welt. Es hat immer wieder Diskussionen gegeben - und letztendlich ist das Ergebnis ja bekannt.
Auch wenn Sie nun im Wrenkh sitzen: Wer macht für Sie den feinsten Schweinsbraten?
Meine beste Freundin Martina, eine Krankenschwester.
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nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.
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